Die Ansprüche an die Schweizer Bundesbahnen sind hoch, besonders wenn es um die Pünktlichkeit geht. Während Passagiere der Deutschen Bahn über eine Verspätung von unter 10 Minuten nur müde lächeln, ist das hierzulande anders. Sobald das Zugpersonal in entschuldigendem Tonfall eine Verzögerung durchgibt, spielt sich ein eingeübtes Ritual ab: Die eingefleischte Pendlerschaft drischt verbal auf die SBB ein. Nicht selten ist dann zu hören: «Das hätte es früher nicht gegeben!»
Doch der subjektive Eindruck täuscht. Im europäischen Vergleich gibt es keine Fernverkehrszüge, die pünktlicher verkehren als jene der SBB. Insgesamt meldet die Bahn für letztes Jahr eine Pünktlichkeit von 92,5 Prozent. Hierzulande gilt ein Zug als pünktlich, wenn er weniger als drei Minuten verspätet eintrifft. Zum Vergleich: Bei der Deutschen Bahn sind es sechs Minuten.
Die SBB wissen, welch hohen Stellenwert die Pünktlichkeit hat. Dabei kämpft sie um Sekunden und setzt auch auf technische Hilfe. Seit einem Jahr sieht der Lokführer im Führerstand eine sogenannte Pünktlichkeitsanzeige. Sie zeigt ihm den sekundengenauen Rückstand an, den es aufzuholen gilt. Bisher musste er diese Angabe selber berechnen.
Um Zeit zu gewinnen, kann der Lokführer seither auf den kommenden Streckenabschnitten etwas schneller fahren – und sich dann wieder in das von einem Algorithmus errechnete Geschwindigkeitsprofil einfügen. Das verbessert nicht nur die Pünktlichkeit, sondern spart auch Energie, weil sich der Zug pünktlicher und sich damit wieder im «optimalen Fluss» befindet. Wenn alle Züge in dieser idealen Geschwindigkeit fahren, müssen die SBB weniger Strom ins Bahnnetz einspeisen – und sparen Geld.
Was hat die neue Anzeige gebracht? Auf Anfrage sagt SBB-Sprecher Martin Meier, eine Auswertung seit der Einführung der Anzeige zeige ein positives Bild. «Nachdem sich die Streuung der Ankunftszeiten nach der Einführung des optimierten Geschwindigkeitsprofils von über 80 Sekunden um rund 10 Sekunden verbessert hat, können seit Einführung der Pünktlichkeitsanzeige an einzelnen Tagen sogar Werte unter 60 Sekunden gemessen werden.» Das bedeutet, dass die Züge mutmasslich dank der neuen Anzeige 10 Sekunden punktgenauer ankommen. Als «Streuung der Ankunftszeit» bezeichnen die SBB die Spannweite, bei der Züge entweder zu früh oder zu spät an der Haltestelle ankommen. Wie viel Energie durch die Anzeige nun gespart wird, können die SBB nicht sagen.
Während sich die SBB im Personenverkehr insgesamt zufrieden zeigen, stösst sie im Güterverkehr an Grenzen. Die Sendungspünktlichkeit von SBB Cargo fiel zwischen Januar und Juli deutlich schlechter aus als im Vorjahr: Sie stürzte um 4,5 Prozentpunkte auf 87,5 Prozent ab. Das heisst, so viele Güterzüge kommen am Zielort mit weniger als 10 Minuten (Cargo Express) beziehungsweise 20 Minuten (Cargo Rail) an. Seit Jahren hapert es beim Güterverkehr. Als 2022 die Pünktlichkeit bei 91,5 Prozent lag, bezeichneten die SBB diesen Wert als «nicht zufriedenstellend».
Dass sich der Wert verschlechtert hat, dafür gibt es laut SBB-Sprecher Martin Meier eine «Kumulation von Ursachen»: Dazu gehörten die Einschränkungen durch die Zugentgleisung im Gotthard-Basistunnel sowie die teilweise knappe Personalverfügbarkeit. Weitere Faktoren sind viele Baustellen, Störungen im Netz sowie «Qualitätsprobleme bei anderen europäischen Bahnen», wie die SBB in ihrem Geschäftsbericht 2023 festhielten.
Bin sehr viel mit dem ÖV in der Schweiz unterwegs, privat und geschäftlich, da ich kein Auto habe und auch keines will. Die Tage, an denen es zu relevanten Problemen kommt, kann ich an einer Hand abzählen (5min zu spät ist für mich nicht relevant so lange ich den Anschluss erwische). Das funktioniert hier alles wirklich sehr gut, gerade wenn man es mit dem Ausland vergleicht!