Cyberbetrug in der Schweiz: Ermittler klagen über mangelnde Kooperation der Banken
Seit 2020 hat sich die Zahl der Cyberbetrug-Anzeigen in der Schweiz auf über 42’000 Fälle mehr als verdoppelt. Anders sieht es in Grossbritannien aus: Dort sind Banken verpflichtet, Opfer von Betrugsfällen zu entschädigen. Seit der Einführung dieser Regelung ist die Zahl der Betrugsfälle deutlich zurückgegangen.
Der Kassensturz geht der Frage nach, ob die Schweizer Banken ihre Kundinnen und Kunden genügend vor Cyberbetrug schützen.
Die Sendung zeigt den Fall von Cloe, einer jungen Frau, die über Marketplace eine Jacke verkaufen wollte. Nachdem sich eine Interessentin gemeldet hatte, rief später ein angeblicher Mitarbeiter einer Kreditkartengesellschaft an und erkundigte sich nach ihrer Bankvertragsnummer. Anschliessend erhielt sie einen QR-Code mit der Aufforderung, ihre Bank-App zu öffnen und den Code zu scannen. Unglücklicherweise übermittelte Cloe den QR-Code – und damit den Zugang zu ihrem Bankkonto.
Kein Alarm bei 12 Transaktionen auf ein fremdes Konto
Danach stellt sie fest, dass ihr Konto geplündert wurde: zwölf Transaktionen im Wert von 25’000 Franken.
Sofort rief sie die Hotline ihrer Bank an, hing aber zunächst lange in der Warteschleife. Nachdem sie alles geschildert hatte, fragte sie schliesslich, ob die Zahlungen noch gestoppt werden könnten. Der Mitarbeiter antwortete: «Geht nicht. Dafür müssen Sie zur Polizei.»
Cloe erstattete sofort Anzeige. Die Polizei versuche, die Konten zu ermitteln, auf die das Geld weitergeleitet wurde. Die Betrügerinnen und Betrüger nutzen oft Konten von fiktiven Firmen oder kleinen Dienstleisterinnen und Dienstleistern, die als Geldesel dienen. Die Ermittlungen sind schwierig, da Geld über mehrere Konten und Länder geleitet wird. Die Ermittler müssen dafür internationale Banken und Behörden einbeziehen.
Mangelnde Koorperation der Banken
Doch die Herausforderungen beginnen nicht erst im Ausland: Die Polizei kritisiert die mangelnde Kooperation der Schweizer Banken bei der Bekämpfung von Cyberbetrug. «Wenn wir die Banken kontaktieren, weigern sie sich oft, mit uns zu kooperieren. Wir seien nicht die richtige Stelle, um eine Kontosperrung zu beantragen. Dabei zählt jede Minute», sagt Steven Bill, Leiter der Abteilung Cyberkriminalität bei der Kantonspolizei Neuenburg. Es gibt einige Banken, die besser kooperieren – vor allem regionale. Bei den grösseren Banken sei die Zusammenarbeit oft schwieriger.
Cloe verlor ihr Geld, das auf ihrem Konto bei der Migros Bank lag. Die Bank lehnte jede Haftung ab und verwies auf ihren ursprünglichen Fehler. Damit ist sie jedoch nicht einverstanden. Sie erkennt zwar ihren eigenen Fehler an, ist aber der Meinung, dass sie nicht zu 100 Prozent schuld sei. «Das System der Bank hat die ungewöhnlichen Transaktionen nicht erkannt, obwohl es auf der Webseite genau das verspricht», sagt Cloe.
Die Migros Bank bedauert die Unannehmlichkeiten und teilte gegenüber dem «Kassensturz» mit, dass die Transaktionen korrekt und legitim durchgeführt worden seien.
Betrugsopfer werden in der Schweiz von Banken sehr selten entschädigt, stattdessen schieben diese die Schuld oft auf die Kundinnen und Kunden ab. Olivier Beaudet-Labrecque, Experte Cyberkriminalität der Fachhochschule Westschweiz, fordert deshalb, dass die Schweiz Mechanismen einführt, die Banken dazu bringen, ihre Kundschaft besser zu schützen. Betrug gehe schliesslich auch zulasten des Staates.
Viele Betrugsfälle auf dem Facebook Marketplace
Nur 14 Prozent der Fälle werden aufgeklärt. Aufgedeckt bedeutet dabei jedoch nicht, dass das Geld zurückerstattet oder eine Festnahme erfolgt ist, es heisst lediglich, dass die Täterin oder der Täter identifiziert wurde. Das Problem: Die Täterinnen und Täter befinden sich meist im Ausland, sodass es schwierig ist, juristische Mittel gegen sie einzusetzen.
Häufig komme es zu Cyberbetrug über die Facebook-Plattform Marketplace, so wie auch bei Cloe. «Die Plattform ist ein grosses Problem, da sie enorme Sicherheitslücken aufweist. Dort herrscht ein ziemlich wilder Westen», sagt der Ermittler Steven Bill. «Wer nicht Opfer eines Betrugs werden möchte, sollte diese Webseite lieber meiden.»
Cloe erhielt von der Bank keine Rückerstattung. Von den verlorenen 25’000 Franken konnte die Polizei 10’000 sicherstellen. (cst)
