Kokain auf Rezept soll Crack-Elend in der Schweiz lindern – doch der Platzspitz-Arzt warnt
Mit den steigenden Temperaturen wird der Drogenkonsum wieder sichtbarer. Verwahrloste Gestalten auf dem Bahnhofsplatz. Dealer im Park. Und vor allem: Crack-Abhängige in offenen Szenen. Von Chur über Zürich und Brugg bis Genf sind Städte aller Grössen betroffen. Der Kokainkonsum boomt.
Das zeigen auch Abwasseruntersuchungen. In einer Studie der europäischen Drogenbehörde für das Jahr 2025 landeten Zürich (Platz 8) und Genf (Platz 7) unter den 10 Städten mit den höchsten Kokainrückständen Europas. In Genf sind die Werte in den letzten vier Jahren um rund 40 Prozent angestiegen. Auch in Bern nahmen sie markant zu.
Grund ist die hohe Verfügbarkeit von Kokain, die historisch tiefe Preise zur Folge hat. Hinzu kommt die «Attraktivität» von Crack – also rauchbares, mit Backpulver versetztes Kokain. Die Wirkung setzt schnell ein, hält aber nur kurz an. Das Verlangen nach neuem Stoff kehrt rasch zurück. Ein Teufelskreis, der bewährte Drogenstrategien an den Anschlag bringt.
Kokain hat den Status als Arzneimittel
Nun geht Genf neue Wege: Schwerstabhängige sollen Kokain unter ärztlicher Aufsicht erhalten. Das Projekt wird in anderen Städten wie Basel und Bern aufmerksam verfolgt. Zürich prüft derzeit eine eigene Studie, wie die Stadt bestätigt. Doch wie soll der Versuch genau funktionieren?
Es geht nicht um einen regulierten Verkauf, wie dies derzeit mit Cannabis getestet wird. Dafür fehlt beim Kokain die gesetzliche Grundlage. Politische Vorstösse – wie sie 2023 in der Stadt Bern überwiesen wurden – verschwanden noch vor der Umsetzung wieder in der Schublade.
Die Verabreichung von Kokain im therapeutischen Rahmen ist dagegen bereits heute möglich – die illegale Droge hat in der Schweiz den Arzneimittelstatus.
«Eine Legalisierung steht nicht zur Diskussion. Wir wollen suchtkranke Menschen von der Strasse holen und sie therapeutisch begleiten, um die offene Szene auszudünnen», sagt Daniele Zullino, Leiter der Suchtpsychiatrie am Genfer Universitätsspital. Er will Crack-Abhängigen in denselben Räumlichkeiten, in denen das Spital heroingestützte Behandlungen durchführt, Kokain verabreichen. Als Vorbild dient denn auch die ärztlich kontrollierte Heroinabgabe, die in der Schweiz seit den 1990er-Jahren etabliert ist.
Das Kokain wird von einem kleinen Schweizer Pharmaunternehmen bezogen – zu einem Preis unter jenem auf dem Schwarzmarkt. Ein Apotheker wird den Stoff verflüssigen, damit er sich mit einem Inhalationsgerät aufnehmen lässt, etwa mit einer E-Zigarette. «So setzen sich keine Schadstoffpartikel in der Lunge der Patienten fest», erklärt Zullino. Die Technologie sei startklar. Die Herstellung des Produkts nehme jedoch einige Wochen in Anspruch.
Ein ADHS-Medikament als Ersatzmittel
Neben Kokain will der Genfer auch Ersatzmittel einsetzen – analog zum Methadon bei Heroinabhängigkeit. Er denkt an Listexamfetamin: Ein Stimulans, das zur Behandlung von ADHS eingesetzt wird. Starten will Zullino mit sechs Probanden, danach soll die Zahl verdoppelt werden. Noch wartet er auf das grüne Licht des Kantons. Die Zustimmung des Kantonsarztes sollte keine Hürde darstellen. Dieser hat das Vorhaben bereits eng begleitet. Anfang Sommer könnte der Startschuss fallen, sobald auch die Genfer Regierung ihren Segen gegeben hat.
André Seidenberg will das verhindern. Der Zürcher Platzspitz-Arzt gilt als einer der «Väter» der Heroinabgabe. Er warnt: «Es dürfen keine Menschenversuche gemacht werden, nur weil man sich für die Gesamtgesellschaft einen Nutzen erhofft.» Beim Setting in Genf würden die medizinischen Risiken für die Suchtabhängigen vernachlässigt, sagt der 75-Jährige. Er hat während Jahrzehnten Kokainsüchtige betreut: «Ich sah Leute sterben, das sind keine Bagatelleffekte.»
Seidenberg hat letzte Woche eine Strafanzeige gegen Zullino eingereicht. Sie liegt dieser Zeitung vor. Darin bezeichnet er die Genfer Versuche als unethisch. Die Inhalation von heissen Kokaingasen verursache Durchblutungsstörungen in den Atemwegen, so seine Argumentation. Eiterbildung, Entzündungen und innere Verletzungen seien die Folge; langfristig auch «lebensbedrohliche Zustände».
Suchtpsychiater weist Kritik zurück
Der pensionierte Arzt ist nicht grundsätzlich gegen die ärztliche Abgabe von Kokain. Er war in den 1990er-Jahren selbst an Tests beteiligt und schlägt ein eigenes Modell vor: Kokain soll in Liposomen verpackt werden. Diese Fettbläschen dienen als Wirkstofftransporter. Sie sollen mittels eines Sprays inhaliert werden, um die Kokaindosen in den untersten Bereich der Lunge zu transportieren. Dadurch würden die Atemwege verschont und gesundheitliche Risiken reduziert, so Seidenberg. Die Technologie müsste jedoch erst noch entwickelt werden.
Suchtpsychiater Zullino hält den Vorschlag Seidenbergs für prüfenswert. Die Kritik an seinem Projekt weist er dagegen als unbegründet zurück. Die Gefahren für die Patienten würden im Genfer Setting sehr wohl reduziert. «Schon allein deshalb, weil sie medizinisch betreut werden und die hygienischen Bedingungen viel besser sind als auf der Strasse», sagt Zullino.
Zudem werde das aufbereitete Kokain beim Inhalieren «nicht stark» erhitzt. Es gebe also keine heissen Gase. Ähnlich wie bei einer E-Zigarette, die das Verbrennen von Tabak ersetzt, werde Kokain nur als Dampf inhaliert. «Das ist zwar nicht risikolos. Aber ebenso klar ist: Die Betroffenen rauchen Crack ohnehin, und auf der Strasse sind die Risiken deutlich grösser.»
Viele in der Fachwelt sehen das gleich. «Eine Mehrheit der Suchtexperten befürwortet den Genfer Versuch», sagt Frank Zobel, Vizedirektor der Stiftung Sucht Schweiz. Auch das Bundesamt für Gesundheit begrüsst Forschungsbestrebungen zur ärztlichen Verschreibung von Kokain grundsätzlich. Zum Thema Crack fanden bereits mehrere runde Tische statt.
Deutschschweizer Städte könnten schnell nachziehen
Zobel ist sich des ethischen Spannungsfelds bewusst. Kokain sei schädlicher als Heroin. Ein fortwährender Konsum führe zu Schäden an Herz und Nervensystem sowie psychischen Problemen. «In einer idealen Welt würde man sich gegen eine Verschreibung von Kokain entscheiden», sagt Zobel. «Doch die Folgen des Schwarzmarkts sind offensichtlich. Der Versuch in Genf ist die derzeit beste Option, um die Probleme in den Griff zu bekommen.» Und jenen Menschen zu helfen, die einen höchst problematischen Konsum aufwiesen und den Dealern ausgesetzt seien. Zobel geht davon aus, dass andere Städte schnell nachziehen, falls sich in Genf positive Resultate zeigen.
Nebst der ethischen gibt es indes auch praktische Fragen. Zobel hat Bedenken, ob das Angebot für manche Betroffene niederschwellig genug ist, da das Kokain im medizinischen Umfeld und nicht in einem «Fixerstübli» oder Konsumraum verabreicht wird.
Zudem sind in Genf drei Zeitfenster geplant, in denen die Probanden jeweils höchstens zwei Dosen erhalten. Dazwischen ist eine Pause von zwei Stunden einzulegen. Konsumieren die Probanden einfach auf der Strasse weiter, da ihnen die Slots nicht ausreichen?
Zullino betont, dass der Versuch nicht von heute auf morgen alles ändern könne. Langfristig werde sich der Konsum dank der stabilen Rahmenbedingungen reduzieren. «Anders als auf dem volatilen Schwarzmarkt entfällt der Druck, impulsiv zu handeln.» Gleichzeitig räumt er ein, dass längere Öffnungszeiten zwar wünschenswert wären, aber letztlich auch eine Kostenfrage seien.
Gutes Gesundheitspersonal ist teuer. Nicht so wie Kokain. (aargauerzeitung.ch)

