Ein Blackout wie in Berlin – darauf sollte sich auch die Schweiz vorbereiten
Etwa 100'000 Menschen hatten in Berlin über fünf Tage keinen Strom. Bei minus 7 Grad Celsius funktionierte die Heizung nicht mehr und alles blieb dunkel. Eine Sprecherin des deutschen Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sprach vom Blackout als «Mutter aller Katastrophen», weil unser komplettes Leben mittlerweile von elektrischen Geräten abhänge.
Diese Katastrophe hat am 3. Januar die «Vulkangruppe» verursacht. Sie legte einen Brand an der Kabelbrücke über den Teltowkanal, der mehrere Hoch- und Mittelspannungsleitungen zerstörte. Damit fiel die Verbindung zwischen einem Kraftwerk und dem städtischen Stromnetz aus. Es kam zum längsten Stromausfall seit Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 in Deutschland.
Blackouts sind auch in der Schweiz immer wieder ein Thema, allerdings weniger wegen Sabotage, sondern wegen mangelnder Stromproduktion im Winter. Eine Sabotage ist aber auch bei uns nicht per se auszuschliessen. «Erfolgt ein gezielter Angriff auf mehrere, kritische Netzpunkte gleichzeitig, sind auch in der Schweiz grossflächige Versorgungsunterbrüche möglich», sagt Silvia Brönnimann von der St.Gallisch-Appenzellische Kraftwerke AG (SAK).
Irit Mandel vom Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) sagt, ein Stromausfall sei überall möglich. Allerdings: «In der Regel dauert die Wiederherstellung in der Schweiz nicht sehr lange. Das Stromnetz hier ist redundant gebaut, im Gegensatz zu Deutschland», sagt Mandel.
Schnell wieder Strom dank Reserveleitungen
Wenn ein Netzelement ausfällt, gibt es Reserveleitungen, auf welche nach kurzer Zeit umgestellt werden kann. Der Stromausfall ist gemäss den Stromproduzenten dann für den Verbraucher relativ schnell behoben, auch wenn die eigentliche Reparatur viel länger dauert.
Auch Unterhaltsarbeiten können die Stromversorger dank dieser Redundanzen ohne Unterbruch für die Verbraucher erledigen, indem die Stromlieferanten auf diese Reserveleitungen umstellen. So gibt es auch auf kantonaler Ebene genügend Redundanz. «Das heisst, auch wenn ein kritisches Netzelement ausfällt, ist die Versorgung weiterhin sichergestellt», sagt Brönnimann vom SAK.
«Die Auswirkungen im Falle eines Anschlags können wir aber nicht genau abschätzen», sagt Mandel. Die Schweiz gehöre aber weltweit zu den Ländern mit den wenigsten Stromausfällen.
Die Knotenpunkte von Swissgrid
Der Anschlag in Berlin war auf das Stromverteilnetz gerichtet. Swissgrid betreibt das Übertragungsnetz, welches den Strom von den grossen Kraftwerken in die Verteilzentren bringt und den internationalen Stromaustausch sicherstellt. Auch auf die Strom-Knotenpunkte von Swissgrid in Mettlen, Laufenburg oder Bickigen wäre ein Anschlag möglich. «Unser Übertragungsnetz hat eine hohe betriebliche Resilienz. Wir können zwar nicht die gesamte Infrastruktur physisch schützen. Aber dank der hohen Resilienz sind beim Ausfall eines Netzelements die anderen nicht überlastet und das Netz bleibt stabil», sagt Noël Graber von Swissgrid.
Swissgrid sei vorbereitet und könne Störungen schnell beheben. «Hier helfen uns die Freileitungen, die Leitungen am Mast, aus denen unser Netz zum allergrössten Teil besteht. Denn eine Freileitung ist schneller repariert als ein Erdkabel», sagt Graber.
Swissgrid bereite sich auf vielfältige Bedrohungsszenarien vor, beispielsweise in den Bereichen Vandalismus, Kriminalität und begrenzt auch im Bereich Sabotage. Gehe es in Richtung Terrorismus, oder Aktionen von staatlichen Akteuren wie zum Beispiel Cyberangriffe Russlands, seien die Möglichkeiten von Swissgrid begrenzt. Nicht zuletzt von Gesetzes wegen, sagt Graber.
Ein Notvorrat für einen Blackout macht Sinn
Weil ein regionaler oder europaweiter Stromausfall nie zu 100 Prozent ausgeschlossen werden könne, sei es auf jeden Fall sinnvoll, gewisse Vorräte anzulegen, sagt Mandel.
In Deutschland ist die Blackout-Vorsorge nun ein grosses Thema. Auf Anfrage sagt Galaxus, noch sei keine Vorsorgewelle von Deutschland in die Schweiz übergeschwappt. Der Verkauf von Taschenlampen sei aber vielleicht ein Hinweis. «Seit dem Beginn des Blackouts in Berlin ging der Taschenlampenverkauf im Vorjahresvergleich um 38 Prozent nach oben. Das Stückzahlniveau war bereits 2025 hoch, hat nun nochmals spürbar angezogen.»
«Stromgeneratoren verkauften wir in diesem Zeitraum tatsächlich drei Mal mehr als im Vorjahreszeitraum, aber in Summe auf einem sehr niedrigen Niveau.» Ein Trend sei das nicht, aber Einzelne könnten sich tatsächlich auf einen Stromausfall vorbereiten. Schweizerinnen und Schweizer sind somit noch nicht in Blackout-Panik.
Beleuchtung
Philippe Boeglin vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) verweist auf den Notfallplan, der in der Alertswiss-App und deren Website zu finden ist. Wichtig sei es, eine Taschenlampe vorrätig zu haben. Besonders gut sind Lampen mit Kurbel- oder Solarfunktion. Sonst ist unbedingt daran zu denken, genügend Ersatzbatterien bereitzuhalten. Um nicht im Dunkeln zu bleiben, sollten Teelichter und Kerzen im Vorrat sein.
Information
Zur Gewährleistung der Information in der Not sollte ein batteriebetriebenes Radio im Haushalt stehen, das DAB+ und UKW empfangen kann. «In der Schweiz können alle zum Verkauf zugelassenen DAB+-Radios auch UKW empfangen», sagt Boeglin.
Kühl- und Gefrierschrank
Gibt es keinen Strom, arbeitet auch der Kühl- und Gefrierschrank nicht mehr. Zuerst müssen die gekühlten und gefrorenen Esswaren verzehrt werden. Diese Lebensmittel halten zwischen 10 Stunden und drei Tagen. Wenn der Strom länger ausfällt, tauen gefrorene Lebensmittel auf und werden schnell ungeniessbar. Sofort gegessen werden müssen bei einem Blackout Babynahrung, Glacé, Fleischprodukte und Lebensmittel mit rohen Eiern, wie das Bundesamt für Lebensmittel in seinem Notfallplan schreibt.
Gefrorene Beeren und Früchte können zu Konfitüre gemacht werden, die bekanntlich lange hält, wohl länger als der Blackout. Gemüse in Öl oder Essig einzulegen, ist eine weitere Empfehlung. Auf jeden Fall dürften aufgetaute Lebensmittel nicht wieder eingefroren werden.
Kochen
Fällt der Strom aus, funktioniert auch der Herd nicht mehr. Auch da gibt es mehrere Tipps vom Bund: Im Freien können Sie grillen oder ein offenes Feuer machen. Verwenden Sie einen Holzgrill, Gasgrill oder Kohlegrill. Kochen Sie in Töpfen über dem Feuer. Nützlich ist auch ein Fondue-Rechaud, und sogar Kerzen im Ofen können in der Not helfen.
Wasser
Wichtig sei auch, genügend Trinkwasser zu Hause zu haben. Denn bei Stromausfall kann auch das Wasser knapp werden, wenn Pumpwerke über längere Zeit ausfallen. Das Bundesamt für Landesversorgung (BWL) empfiehlt als Notvorrat mindestens 9 Liter Wasser pro Person – ein Sixpack mit 1,5-Liter-Flaschen.
Essen
Weil bei einem Blackout unter Umständen auch das Einkaufen erschwert ist, weil die elektrischen Türen nicht mehr öffnen und die Kassen ohne Strom nicht mehr funktionieren, sollte auch ein Essensvorrat zu Hause sein. Am besten Nahrungsmittel, die ohne Strom zubereitet werden können: Haferflocken, Dörrfrüchte, Zwieback, Schokolade und UHT-Milch zum Beispiel.
Heizen
Bei einem Stromausfall funktionieren in der Regel alle Heizsysteme nicht mehr, da auch die Umwälzpumpen, Steuerungen, etc. Strom benötigen. Alternativen sind Cheminée und Kachelofen. Wer das nicht hat, kann eine mobile Gasheizung, einen Petroleumofen oder einen Ethanol-Kamin kaufen.
Smartphones und Stromgeneratoren
Smartphone-Akkus halten bekanntlich kaum länger als einen Tag, auch mit den Warnapps ist es dann vorbei. Da können aufgeladene Powerbanks oder solarbetriebene Aufladegeräte eine gewisse Zeit überbrücken. Wer einen Stromgenerator hat, der mit Benzin am Laufen gehalten wird, kann selbst kurzfristig Strom produzieren.
Solaranlage
Die Solaranlage auf dem Dach wird in den meisten Fällen nicht mehr funktionieren, da sich diese bei Stromausfällen selbst ausschaltet. Es gibt aber eine Notfalleinrichtung: Spezielle Wechselrichter mit Notstromfunktion können es der Solaranlage ermöglichen, im Krisenfall weiter Strom zu erzeugen. «Falls man eine Fotovoltaik-Anlage mit Batteriespeicher baut, sollte darauf geachtet werden, dass diese sogenannt ‹inselfähig› realisiert wird», sagt Brönnimann. Das heisst, dass der Strom der Fotovoltaik-Anlage auch bei einem Netzausfall zur Verfügung steht.
Unternehmen
«Wichtig ist, dass sich nicht nur Haushalte, sondern auch Unternehmen überlegen, welche kritischen Prozesse bei einem Stromausfall gefährdet sind», sagt Brönnimann vom SAK. In einer Arztpraxis beispielsweise der Kühlschrank mit teuren Medikamenten. Für diese Prozesse sollten Massnahmen vorgesehen werden, wie der Betrieb bei einem Stromausfall gewährleistet werden kann. (aargauerzeitung.ch)
