Das 600-Millionen-Debakel: Die Migros zieht sich aus Deutschland zurück
Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Das hat sich wohl auch Patrik Pörtig gesagt, der vor knapp zwei Jahren den Chefposten bei der Zürcher Migros-Regionalgenossenschaft übernommen hatte. Sein grösstes Sorgenkind: die hochdefizitäre deutsche Bio-Supermarktkette Tegut.
Nun wird er sie los. Der deutsche Detailhändler Edeka übernimmt einen «grossen Teil des Filialportfolios mitsamt den Verkaufs-Mitarbeitenden», sagt Pörtig. Wie viele der insgesamt 338 Tegut-Läden und der dazugehörenden 40 unbedienten Teo-Boxen letztlich bei Edeka landen werden, will er mit Verweis auf die noch ausstehende Zustimmung der Bundeskartellbehörde nicht verraten.
Edeka übernimmt zudem das Logistikzentrum in Michelsrombach im osthessischen Landkreis Fulda sowie die Herzberger-Biobäckerei und die Smart Retail Solutions, Betreiberin der Teo-Standorte in Deutschland.
Pörtig hofft, dass die Edeka-Konkurrenten die restlichen Filialen mitsamt den Mitarbeitenden – einzeln oder auch in Paketen – übernehmen werden. Dabei dürfte es sich vor allem um die grossen Mitbewerber wie Rewe, Aldi und Lidl handeln.
Die Migros spricht hier von «fortgeschrittenen Verhandlungen». Er zeigt sich aufgrund der aktuellen Gespräche zuversichtlich, dass es für nahezu alle Filialen Nachfolgelösungen geben wird. Und trotzdem: Jene Filialen, für die er keinen Käufer findet, werden dann geschlossen und die Mitarbeitenden entlassen werden. Das Unternehmen Tegut, das derzeit rund 7400 Angestellte zählt, ist Geschichte. Die Marke wird verschwinden.
«Es war eine teure Übung»
Der Vertrag mit Edeka ist bereits unterzeichnet, zum «angemessenen» Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Dieser vermag aber den Schaden bei weitem nicht zu decken, den das Migros-Abenteuer in Deutschland verursacht hat. Nach allen Abschreibern und den noch zu erwartenden Abwicklungskosten bleibt unter dem Strich ein Verlust von bis zu 600 Millionen Euro. Allein für 2025 muss die Migros Zürich Forderungsverzichte und Wertberichtigungen von insgesamt 270 Millionen Euro abschreiben. «Es war eine teure Übung», räumt Pörtig ein. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als die Ende 2024 eingeleiteten Sanierungsarbeiten abzubrechen.
Ursprünglich hatte er Tegut ein Ultimatum bis Ende 2026 gesetzt. So lange mochte er aber nicht mehr warten. Immerhin hat sich dank des Sparprogramms das Defizit beim Betriebsergebnis (Ebit) von 55 Millionen auf 26 Millionen Euro innerhalb eines Jahres halbiert. Doch gleichzeitig ist auch der Umsatz gesunken. «Die Wettbewerbssituation in Deutschland hat sich nochmals verschärft», sagt Pörtig. Eine neue Analyse der Situation habe ergeben, dass Tegut mit seiner teuren Bio-Positionierung und seiner vergleichsweise kleinen Unternehmensgrösse «langfristig wirtschaftlich nicht zukunftsfähig ist».
Doch letztlich war die Situation im hyperpreissensiblen Deutschland, wo die Harddiscounter den Takt angeben, nie wirklich vielversprechend. Auch Anfang 2013 nicht, als die Migros Zürich die damals schon defizitäre Tegut-Kette von der Familie Gutberlet übernahm. Doch solche Widrigkeiten konnten Pörtigs Vorgänger Jörg Blunschi nicht abhalten. Er verstand das Auslandsgeschäft weniger als Risiko denn als Chance und erntete für den Tegut-Kauf auch viel Beifall, die NZZ etwa sprach von einem «wahren Coup».
In den 13 Jahren, in denen Tegut zur Migros-Familie gehörte, hat die deutsche Biokette nur gerade dreimal einen Gewinn verbuchen können, wie Pörtig ausführt. Davon zweimal während der Corona-Pandemie, als die Restaurants geschlossen waren und in der Folge der Detailhandel massiv profitieren konnte.
Tegut war dem umtriebigen Blunschi mit seiner Affinität fürs Ausland nicht genug. Er stieg später auch bei Fitnessstudios in Deutschland, Österreich und Belgien ein und holte die deutsche Biokette Alnatura in die Schweiz. All diese Geschäfte hat die Migros bereits abgestossen.
Blunschi, der mit seinem Ausland-Abenteuer Millionen verspielt hatte, übernahm nach seinem Abgang als Chef der Zürich im Sommer 2024 das Präsidium der Regionalgenossenschaft Migros Aare, die sich über die Kantone Aargau, Solothurn und Bern erstreckt. Das Signal war verheerend: Während die Migros wegen des aufgrund von Managementfehlern nötig gewordenen Radikalumbaus Hunderte von Mitarbeitenden auf die Strasse stellte, werden die erfolglosen Manager selbst «befördert». Das Unverständnis war gross, die Negativschlagzeilen rissen nicht ab – bis Blunschi im Frühjahr 2025 zur Einsicht kam, dass er zurücktreten muss. Mit dem Tegut-Verkauf wird nun auch der Rest seines teuren Erbes entsorgt.
Der nun besiegelte Tegut-Ausstieg passt auch zur neuen Migros-Strategie, mit der sich der Detailhändler wieder voll aufs Kerngeschäft und die Schweiz fokussiert. (aargauerzeitung.ch)
