Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

«Ich will mich sterilisieren lassen» – warum Norah (25) keine Kinder möchte

Wenn Frauen keine Kinder wollen, irritiert das – auch heute noch. Mit 19 Jahren hat Norah Steiner ihrer Frauenärztin zum ersten Mal gesagt, dass sie sich sterilisieren lassen will. Diese war schockiert und blockte ab.



Die 25-jährige Norah Steiner setzt sich auf den Bistro-Stuhl in einem französischen Café in Luzern. Sie bestellt einen Verveine-Tee, «ich ernähre mich jetzt vegan», und zieht ihre Multifunktions-Jacke aus. Dann sagt sie das, was die Gynäkologen schockiert, das Umfeld irritiert und die Gesellschaft nicht akzeptiert: «Ich möchte keine Kinder, deshalb will ich mich sterilisieren lassen.»

Diesen Wunsch hegt sie schon lange. Mit 19 Jahren hat sie zum ersten Mal ihre Frauenärztin gefragt, ob das möglich sei. «Sie war schockiert, dass ich dieses Wort überhaupt in den Mund nehme», sagt Norah. Die Ärztin habe sofort abgeblockt und gesagt, dass diesen Eingriff niemand durchführe. Zumindest nicht bei einer Frau, die noch kein Kind geboren habe.

«Die Frauenärztin war schockiert, dass ich dieses Wort überhaupt in den Mund nehme.»

Bild

Norah Steiner ist überzeugt, dass sie keine Kinder will, und würde sich deshalb auch sterilisieren lassen. bild: watson

Jetzt, mit 25 Jahren, hat sie es noch einmal gewagt und ihre neue Frauenärztin darauf angesprochen. Wieder passiert dasselbe: Auch diese tat sich schwer, mit ihr über ihren Wunsch zu reden. «Ich konnte nicht einmal meine Fragen stellen. Offenbar sind die Ärzte gehemmt, darüber zu sprechen.» Erst als die Luzernerin der Gynäkologin vermittelte, dass sie alles nur «rein theoretisch» wissen wolle, habe sie einige Antworten bekommen.

Sibil Tschudin ist leitende Ärztin der Abteilung für Gynäkologische Sozialmedizin und Psychosomatik am Universitätsspital Basel. Sie sagt: «Die Sterilisation ist eine Entscheidung fürs Leben.» Gelange eine Frau mit diesem Wunsch zu ihr, nehme sie sich Zeit, in Gesprächen herauszufinden, warum die Frau den Eingriff will und nicht eine andere Verhütungsmethode. «Mit dem sorgfältigen Abwägen und Überprüfen bewahren wir Frauen auch davor, dass sie den Schritt Jahre später bereuen.» Dies komme nämlich nicht selten vor. «Wir hatten schon zahlreiche Fälle, in denen eine Frau die Unterbindung wieder rückgängig machen wollte», sagt Tschudin.

Sterilisation bei der Frau

Beim Eingriff werden die Eileiter entweder durchtrennt oder verschlossen. So gelangen die Spermien nicht mehr zu den Eizellen. Theoretisch kann dieser Vorgang durch die sogenannte Refertilisierung rückgängig gemacht werden. Mit zunehmendem Alter sinkt jedoch die Chance, dass die Frau wieder fruchtbar wird.

Norah ist es sich gewohnt, anzuecken. Mit ihrem Lebensentwurf sorgt sie immer wieder für Unverständnis und Irritation. Gerade ist sie dabei, ihr ganzes Hab und Gut zu verschenken. Denn bald wandert sie von Luzern bis an den Atlantik. Mit dem Segelboot will sie nach Südamerika übersetzen. Wenn möglich, geht es dort weiter über den Pazifik und dann von Asien mit dem Zug zurück nach Europa. Für diese Reise lässt sie sich mehrere Jahre Zeit. Es ist nicht das erste Mal, dass sie für eine längere Zeit verreist. Ihr halbes Leben war sie unterwegs, erkundet ständig die Welt.

«Ich verhüte und wenn ich trotzdem schwanger werde, treibe ich ab.»

Das Thema Sterilisation lässt ihr auch in Übersee keine Ruhe. Denn für sie ist klar: «Ich verhüte und wenn ich trotzdem schwanger werde, treibe ich ab.» Jedoch ist das nicht in allen Ländern möglich. Deshalb hat sie sich bereits im Voraus überlegt, wo sie von so einem Ort aus hinfliegen müsste, um abzutreiben.

Bild

Bald bricht Norah von Luzern zu Fuss zum Atlantik auf. Auch auf Reisen beschäftigt sie das ungewollte Kinderkriegen. bild: zvg

Warum will die junge Frau denn partout kein Kind? «Es gibt bereits genug Menschen auf dieser Welt», sagt Norah. Es sei nicht nötig, ein leibliches Kind zu haben, besonders, wenn der Kinderwunsch nicht vorhanden sei. Sie könne sich vorstellen, irgendwann ein Pflegekind aufzunehmen oder sich als «Gotti» um ein Kind zu kümmern. Aber selber schwanger werden will sie nicht. «Das stelle ich mir schlimm vor.»

Doch nicht nur die Ärzte weisen ihren Wunsch zurück: «Ich fühle mich von der ganzen Gesellschaft nicht ernst genommen.» Auch ihr Umfeld witzelt darüber, dass sie keine Kinder kriegen will. «Das kommt dann noch», «du hast nur noch nicht den richtigen Mann kennengelernt» oder «du hast dann bestimmt noch vor mir Kinder», sind Dinge, die sie zu hören bekommt.

Dieser Erwartungsdruck regt die 25-Jährige auf. «Es ist so stark in den Köpfen verankert, dass frau einfach ein Kind will, und wird gar nicht hinterfragt.»

Eine, die es hinterfragt hat, ist die deutsche Autorin und Gender-Studies-Wissenschaftlerin Sarah Diehl. In ihrem Buch «Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich» befasst sie sich mit freiwillig kinderlosen Frauen.

«Die Möglichkeit, dass sich Frauen bewusst gegen Kinder entscheiden oder nie einen Kinderwunsch verspürt haben, ist nicht akzeptabel. Ein Kind gehört zum Leben einer Frau einfach dazu, es ist ein wesentlicher Faktor für ein erfülltes und glückliches Leben. [...] Es ist eine sehr private Entscheidung, die dennoch öffentlich verhandelt wird.»

Sarah Diehl in «Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich»

In einem Interview mit «SRF Kulturplatz» führt sie aus: «Aus dem Kinderkriegen wird ein natürliches Bedürfnis gemacht – das finde ich unmöglich. Damit wird der Frau im Grunde ihre Entscheidungsfreiheit und -fähigkeit abgesprochen.» Eigentlich wollte sie für ihr Buch auch Männer befragen, doch sie bemerkte schnell, dass sie nicht über die Kinderlosigkeit nachdenken.

«[Sie] müssen ihre Entscheidung weder rechtfertigen noch sich selbst in ihrer Rolle als Nichtvater neu erfinden. Die Männer, mit denen ich sprach, hatten kein Legitimationsproblem. Kinderlose Männer stehen kaum in der öffentlichen Kritik, es gibt für sie wenig Anlass, ihre Haltung zu formulieren. Sie werden mit ihrer Entscheidung schlicht in Frieden gelassen.»

Sarah Diehl in «Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich»

Bild

Die Autorin und Feministin Sarah Diehl sieht die Entscheidungsfreiheit für Frauen bezüglich Kinderkriegen eingeschränkt. bild: flickr.com

In Deutschland sieht die Situation ähnlich aus wie in der Schweiz: Auch dort weigern sich die Ärzte, die Sterilisation bei jungen Frauen durchzuführen. Eine Gruppe Frauen hat deshalb den Verein «Selbstbestimmt steril» gegründet. Ihr Ziel ist es auf einer Plattform, eine interaktive Karte mit Gynäkologinnen und Gynäkologen zu gestalten, die die Sterilisation bei jungen Frauen durchführen. Ausserdem können sie sich dort austauschen und von ihren Abweisungen berichten.

Für die Schweiz existiert bisher keine solche Liste. Norah fände dies jedoch wünschenswert. Aber viel wichtiger wäre, dass die Frauen mit ihren Gynäkologinnen über den Sterilisationswunsch sprechen könnten und ernst genommen würden, wenn sie keinen Kinderwunsch haben. Denn sie weiss: «Ich werde meine Meinung nicht ändern. Auch in zehn Jahren nicht.»

Korrektur

In einer früheren Version des Artikel hiess es, dass die Plattform «Selbstbestimmt steril» von einer «Gruppe von kinderlosen Frauen» gegründet wurde. Dies ist nicht richtig und wurde angepasst. Es sind nicht ausschliesslich kinderlose Frauen.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Kinder hören das erstmals, wie Kinder gemacht werden

Jeden Tag eine Hormon-Pille schlucken? Nein, danke!

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Vergiftete Böden und Kinderarbeit – was sich Schweizer Firmen im Ausland alles erlauben

Am 29. November stimmt die Schweiz über die Konzern-Initiative ab. Sie soll Schweizer Unternehmen bei Rechtsverstössen im Ausland stärker haftbar machen. Höchste Zeit also, um sich ein paar Beispiele von bis jetzt ungeahndeten Menschenrechts- und Umweltvergehen anzusehen.

Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung: Bereits am 29. November kann das Schweizer Stimmvolk erneut wählen gehen. Zum Beispiel über die Konzernverantwortungsintiative. Diese fordert, dass globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz einem zwingenden Regelwerk unterstellt sind, wenn es um die Beachtung von Menschenrechten und Umweltschutz bei ihren weltweiten Tätigkeiten geht.

Oder einfach gesagt: Schweizer Unternehmen und ihre Tochterfirmen könnten für ihre Tätigkeiten im Ausland rechtlich …

Artikel lesen
Link zum Artikel