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Florian Burkhardt heute: Der Glamour-Boy von einst sucht seine Freiheit in der Beschränkung. Bild: Vinca Film

Neuer Schweizer Dokfilm

Er war Supermodel, Nerd und Gott der Zürcher Clubszene. Er stürzte tief. Das verrückte Leben von Electroboy



Das Ego des Florian Burkhardt ist riesig. Und monumental gefährdet. Und ein Flickwerk aus Abheben und Abstürzen. Die Biographie eines Ungeduldigen und Unbelehrbaren. Obwohl er zuerst ganz brav ein Lehrerseminar besuchte und abschloss. Seinen Eltern zuliebe.

Doch dahinter lauerte immer schon der Grössenwahn und der wollte nur eines: nach Hollywood! Und weil Florian Burkhardt aus Luzern besonders schön war und sich einen besonders ergebenen Financier und Chauffeur angelte, schaffte er es 1996 in Hollywood bis zum Kumpel von Leonardo Di Caprio und beinahe bis zum TV-Serien-Partner von Neve Campbell in «Party of Five». Das war’s mit der Schauspielkarriere. Florian hatte keine Geduld. 

Dann wurde er Model. Ein Männermodel mit Weltruhm, Gucci, Prada, der Fotograf David La Chapelle rissen sich um ihn, mehr Glamour war gar nicht vorstellbar, der Florian war sehr begabt, doch dann hatte er plötzlich genug von Mailand, New York, Paris, verliebte sich in einen einfachen Bauernbub namens Matthias, zog zu ihm auf den Hof, und machte so lange gar nichts, bis Matthias ihm davonlief.

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1996, L.A. Bild:  Florian Burkhardt (Electroboy)

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Ein prototypischer Beau. Bild: florian burkhardt (electroboy)

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Florian, eingesperrt von David La Chapelle für Alexander McQueen. Bild: florian burkhardt (electroboy)

Er wurde Nerd. Designte Webseiten für die Migros und die Swisscom, gehörte zur Zürcher Internet-Avantgarde, machte Dinge, die man nur als Videokunst bezeichnen kann und drehte durch. Konnte nicht mehr Tram und Zug und Taxi fahren, weil er Panikattacken bekam. Konnte nur noch zuhause sitzen. Monatelang. Er liess sich in die psychiatrische Klinik Burghölzli einweisen. Zeitgleich mit seinen übersteuerten Träumen platzt die Dotcom-Blase. Die virtuell dominierte Welt des Florian Burkhardt ist radikal erschüttert.

Florian, der Freund

An dieser Stelle, es ist inzwischen 2001, verlassen wir Zürich und gehen dorthin, wo «Electroboy», der erste Dokumentarfilm von Marcel Gisler («F. est un salaud», «Rosie») beginnt, nämlich nach Bochum. Wo Florian nach einem Umweg über Berlin seit einigen Jahren lebt, als IV-Bezüger in einer kleinen kahlen Wohnung in einem seltsam ungemütlichen Quartier.

Aber er hat sich dieses Quartier so ausgesucht, er hat ganz exakt rekognosziert, dass alles, was er zum Leben braucht, Läden, die Apotheke, ein Kiosk, so liegt, dass er es zu Fuss erreichen kann. Ein enger Zirkel, in dem er seinem Geist und seinem Herz eine entspannte Weite gewähren kann. Es herrscht hier die totale Reizarmut. Es ist klösterlich, und Florians tägliche Kommunion besteht aus seinen Medikamenten.

Trailer zu «Electroboy»

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video: Youtube/Olivier Zobrist

Seit der Film «Electroboy» abgedreht ist, verbindet Florian Burkhardt und Marcel Gisler eine Freundschaft, sie mailen einander bis zu vier Mal die Woche, das gegenseitige Wohl liegt ihnen am Herzen. «Nur Telefongespräche muss man vorher vereinbaren, punktgenau.» Florian Burkhardt und Marcel Gisler stehen auf der einen Seite dieses Dokumentarfilms. Auf der andern befinden sich Florians Eltern Hildegard und Peter und Marcel Gisler.

Opfer der eigenen Reizüberflutung

Florian wollte schon lange, dass über ihn ein Film gedreht würde. Allerdings lieber ein Spielfilm. Und wenn schon ein Dokfilm, dann einer, in dem er selbst gar nicht vorkommt. Auch die Eltern waren zuerst skeptisch. Doch erstens ist Marcel Gisler nicht erst seit «Rosie», dem berührenden Film über eine zunehmend demente Mutter und ihren schwulen Sohn, der Mann, dem Mütter vertrauen, er hätte schon «früher einen Stein im Brett gehabt bei den Müttern».

Die misstrauische Hildegard war beeindruckt, dass er sich nicht den Mund verbieten liess. Zweitens beurteilten Hildegard und Peter Marcel Gisler physiognomisch und befanden, er sei «der harmonische Typ». Zudem im Sternzeichen Fisch wie Florian. Die Eltern, besonders der Vater, sind strenge Katholiken. Daneben interessieren sie sich für Astrologie, Physiognomie und Graphologie. Haben Hildegard und Peter je versucht, Marcel und Florian zu verkuppeln? «Nein», sagt Gisler, «ich habe ihnen nicht gesagt, dass ich schwul bin.»

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Mutter Hildegard Burkhardt erschien mit einer Perücke zu den Dreharbeiten. Bild: Vinca Film

Über Florians Homosexualität reden die Eltern im Film so, wie es Eltern ihrer Generation, die damit nicht zurecht kommen, eben tun: Sie behaupten, es hätte sie nie auch nur im geringsten interessiert. Es stimmt nicht ganz. Es gibt Briefe, sagt Marcel Gisler, in denen der Vater den Sohn beschwört, sich doch bitte von seiner Homosexualität heilen zu lassen.

Die Welt von Florian besteht aus Flucht. Die seiner Eltern aus Verdrängung. Aus einer Schuld, die aus einer schweren, schwarzen, tief traumatischen Katastrophe, wenige Jahre vor Florians Geburt, erwuchs, und aus der manipulativen Kraft, mit der man mit dieser Schuld umgehen kann. Ein Höllenkreis, dem Florian nur durch radikale geografische und lebensweltliche Distanz entkommen kann.

Zum Ende des Films begegnen er und seine Mutter einander in einem Hotelzimmer in Luzern, die Mutter hat – was für alle Beteiligten nicht vorauszusehen war – die Umstände zu ihren Gunsten geändert, und es zeigt sich da, dass Florian und sie einander eben doch sehr nah und ähnlich sind. «Meine Eltern und ich sind inkompatibel», sagt er etwa in der Mitte des Films. Es stimmt nicht so ganz.

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Vater Peter plagen bis heute die grössten Schuldgefühle. Bild:  Vinca Film

Das Ende ist so wendig und überraschend wie der ganze Film. Immer, wenn man denkt, jetzt sei der Trip des Florian Burkhardts ein für allemal klar, jetzt könne man doch eine narrative Gerade durch das chemisch befriedete Chaos des heute 40-Jährigen legen, nimmt dieses eine neue Kurve und hält einen neuen Schlüssel bereit. Mit Florians Leben konnte Marcel Gisler rechnen, das ist – gerade in Zürich – auch streckenweise wohl bekannt, der komplexe Abgrund des Familiendramas dahinter, der öffnet sich ganz von selbst. Und der ist wirklich zum Irrwerden.

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Regisseur Marcel Gisler. Bild: Vinca Film/marvin zilm

Zwischen dem Burghölzli und Deutschland liegt Florians grösste Zeit. Jene wenigen Jahre, in denen er in Zürich als Electroboy Partys veranstaltete. Kultpartys mit traumschönen Visuals über den Dancefloors, er wollte damals «die totale Reizüberflutung». Zürich verehrte ihn als Gott der Clubszene, doch das Opfer der Reizüberflutung wurde er selbst. Florian Burkhardt, dieser Phänotyp der Neunziger, dieser Posterboy des postmodernen Anything Goes, schaffte es nicht, sich im 21. Jahrhundert zurecht zu finden. Seine Geschichte, die als einziger Glam-Bang begann, mündet vorläufig in ein bescheidenes, aber recht zufrieden selbstbestimmtes Nichts.

Der Riss in Hildegards Ärmel

Als «Electroboy» am Filmfestival Locarno gezeigt wurde, da zog er all seinen Phobien zum Trotz wieder nach Berlin. Der Premierentag des Films war sein Zügeltag. Eine aufwändige Art, die Reise nach Locarno zu vermeiden. Jetzt, zum Kinostart von «Electroboy», will er in die Schweiz kommen. Und seine Eltern? Peter findet den Film «tiptop».

Und Hildegard, die mit einer selbstgewählten Perücke zum ersten Drehtag erschien und sich im Finale des Films geradezu entfesselt gibt, hat zum Glück während des Drehs nicht bemerkt, dass sie einen Riss im linken Ärmel ihrer türkisfarbigen Bluse trägt. Marcel Gisler hat es übrigens auch nicht bemerkt. Es macht sie enorm verletzlich. Oder ist es gar kein Riss, sondern ein von Hildegard bewusst gewählter Blick auf ihren nackten Arm? Wenn ja, ist Hildegard die abgebrühteste Selbstdarstellerin der Schweizer Filmszene. Oder um es in Marcel Gislers Worten zu sagen: «Das Leben schreibt das Drehbuch. Nicht meine Fantasie.»

«Electroboy» ist mehrfach für den Schweizer Filmpreis am 13. März  nominiert.

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