Schweiz
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Eine Studentin nimmt Nahrungsmittel aus einem oeffentlichen Kuehlschrank im Hinterhof des Lola-Ladens, am Mittwoch, 8. April 2015 in Bern. Im Berner Lorraine Quartier stehen zwei Gemeinschaftskuehlschraenke fuer die Bevoelkerung bereit, in dem Produkte fuer den Austausch gelagert werden koennen. Drei Berner Studentinnen sagen mit Gemeinschaftskuehlschraenken dem Foodwaste den Kampf an. Mit Flyern und auf Facebook wurde auf das Projekt aufmerksam gemacht. Ein weiterer Kuehler wird in den kommenden Tagen beim Tramdepot im Ostring in Betrieb genommen. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Eine Studentin bedient sich bei einem öffentlichen Kühlschrank in Bern.
Bild: KEYSTONE

«Innert zwei Stunden leer»: Schweizer stehen Schlange für Essen aus öffentlichen Kühlschränken



Gemeinschaftskühlschränke werden in der Schweiz immer populärer. Eine erste Bilanz zeigt: Das Konzept, Lebensmittel zur Verfügung zu stellen, die ansonsten im Abfall gelandet wären, funktioniert. Die Kühlschränke sind jedoch keine 24-Stunden-Tankstelle.

In einem Innenhof in der Altstadt in Winterthur stehen die Menschen Schlange. Die Attraktion ist Essen vom Vortag, das eigentlich im Abfall gelandet wäre und nun in zwei Kühlschränken für die Gemeinschaft bereitsteht. «Innerhalb von zwei Stunden ist der Kühlschrank normalerweise leer», sagt Sarah Weibel von der RestEssBar Winterthur der Nachrichtenagentur SDA.

Gemeinsam mit 35 freiwilligen Helferinnen und Helfern sammelt sie Gemüse, Früchte und Brot von verschiedenen Lebensmittelläden und füllt damit die Kühlschränke bis zu zwei Mal täglich nach. Rund 80 Touren macht das Team im Monat – selbstverständlich ganz umweltbewusst mit dem Velo.

Ein Drittel aller Lebensmittel landen im Abfall

Ziel des Projekts ist die möglichst vollständige Verwertung der produzierten Lebensmittel. «Wir wollen den Menschen vor Augen führen, wie viel Essen täglich weggeworfen wird», sagt Weibel. Ein Drittel aller Lebensmittel in der Schweiz gehen gemäss foodwaste.ch verloren. Das entspricht mehr als zwei Millionen Tonnen Esswaren pro Jahr.

Fast die Hälfte wird dabei in den privaten Haushalten verschwendet. Ein grosser Teil landet auch auf Kosten der Landwirtschaft und der Verarbeitung im Abfall. Detailhandel und Gastronomie machen gemeinsam nur einen Anteil von rund zehn Prozent aus.

Um die Schweizer Bevölkerung auf das Problem der Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen, wollte der Bund 2016 eine Kampagne zur Bekämpfung von Food Waste lancieren. Aus Spargründen musste das Vorhaben jedoch auf Eis gelegt werden.

Rund 1500 Winterthurer nutzen Kühlschrank

Gestartet hat Weibel die Aktion Anfang 2014 mit dem ersten Kühlschrank in der Schweiz. Unterdessen hat das Projekt zahlreiche Nachahmer gefunden. Öffentliche Kühlschränke gibt es auch in Bern, Luzern, Frauenfeld, Schaffhausen, Kreuzlingen und Olten. Projekte in St.Gallen und Wädenswil ZH sind in Planung.

Das Projekt RestEssBar Winterthur läuft gut. Rund 1300 Leute haben schon per Mail den Code für den Kühlschrank angefordert. Weibel geht von 200 weiteren Nutzern aus, die durch Mundpropaganda davon erfahren haben. «Ein schöner Nebeneffekt ist, dass ärmere Menschen vom Projekt profitieren», sagt Weibel. Der Kühlschrank steht aber allen offen und wird von allen Altersgruppen und sozialen Schichten genutzt.

Sehr viele sind dankbar und schätzen das Essen. «Es gibt aber vereinzelt Menschen, die vergessen haben, um was es beim Projekt geht», sagt Weibel. Gewisse sind unfreundlich, nehmen dem anderen den Kohl aus der Hand oder lassen das herausgefallene Gemüse liegen, wie der Verein auf restessbar.ch schreibt. Lösen soll das Problem nun ein Quiz, in welchem einfache Fragen zum Thema Food Waste beantwortet werden müssen. Erst dann erhält die Person Zugang zum Kühlschrank.

Keine 24-Stunden-Tankstelle

Der Verein sei zudem keine 24-Stunden-Tankstelle, betont RestEssBar Winterthur. Auch «Food Save Luzern» meldet, dass es ein Problem sei, dass viele Konsumenten stets einen vollen Kühlschrank erwarten. Teilweise würden sich sogar Lieferanten entschuldigen, wenn sie keine Lebensmittel zur Verfügung stellen können. «Wir hingegen freuen uns, wenn sie keinen Abfall haben und die Kühlschränke leer sind», sagt Nadine Schweiger vom Projekt «Food Save Luzern».

Seit April dieses Jahres stehen im Luzerner Kulturbetrieb Neubad ein öffentlicher Kühlschrank und ein Regal. Diese unterstehen strengen Lebensmittelvorschriften. «Unser Kühlschrank musste beim kantonalen Amt für Lebensmittelkontrolle als Detailhandel gemeldet werden», sagte Schweiger. Verarbeitete Lebensmittel sowie abgelaufene Produkte dürften nicht angenommen werden. «Das schränkt uns bei der Lebensmittelrettung stark ein», bedauert Schweiger.

Viele sind zu faul zum Vorausplanen

In Bern sind die Behörden liberaler. Beim Projekt «Bern isst Bern», das von vier Studentinnen lanciert wurde, können nebst lokalen Läden auch Private ihr Essen in den Kühlschrank legen. «Ein Grossteil des Abfalls wird zu Hause weggeworfen», sagt Kathrin Michel, eine der vier Initiantinnen. Viele seien nämlich zu faul, sich über die Haltbarkeit Gedanken zu machen und vorauszuplanen.

In Bern soll neben den vier bestehenden Kühlschränken bald ein weiterer in der Länggasse dazukommen. «Schön wäre es, wenn es in jedem Quartier einen öffentlichen Kühlschrank geben würde», sagte Michel.

Das eigentliche Ziel der Lebensmittelretter ist jedoch, dass gar kein Essen mehr verschwendet wird, und dass es die Gemeinschaftskühlschränke langfristig gar nicht mehr braucht. (sda)

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bot_ZH_FS 26.12.2015 20:40
    Highlight Highlight Die Infos zu Foodwaste gibt es auf Foodwaste.ch.
    Zudem ist der Artikel nicht ganz korrekt: In Zürich gibt es bereits zwei Kühlschränke und vermutlich bald einen dritten. Infos dazu auf foodsharing.de
  • Propellerli 24.12.2015 09:20
    Highlight Highlight Es ist eigentlich ziemlich einfach. Klar, wir sind ein relativ grosser Haushalt, 2 Erwachsene, 3 Teenager.Meine Partnerin macht über mind. 2 Wochen einen Menuplan, anhand dieser Planung wird eingekauft, präzise.Wir haben 2 grosse TK und 2 Kühlschränke.Da ich auch jage und wir auch einen grossen Garten haben macht das Sinn.Wir haben praktisch keinen Lebensmittelabfall, und wenn doch gibts noch den Kompost.
    und wir haben auch schon öfter essen verschenkt an Kollegen, Freunde etc.
  • pinex 23.12.2015 18:30
    Highlight Highlight @karl_e einfrieren!
  • giguu 23.12.2015 15:55
    Highlight Highlight warum abholen? ich bin auch ein foodwaster und schmeisse viel zu viel weg. jeweils mit schlechtem gewissen. ich würde auch 5km fahren, um das essen in einen kühlschrank zu bringen, anstatt es weg zu werfen!
  • karl_e 23.12.2015 15:32
    Highlight Highlight Viel Food Waste (neudeutsch) würde vermieden, wenn Lebensmittel auch in Packunggrössen angeboten würden, welche den zahlreichen Single-Haushalten angepasst wären. Was soll ich zB mit zwei Paar Wienerli oder zwei Cervelats? Oder mit 200 Gramm Käse?
    • MyAnusIsBleeding 24.12.2015 03:12
      Highlight Highlight @karl_e: "Was soll ich zB mit zwei Paar Wienerli oder zwei Cervelats? Oder mit 200 Gramm Käse?"
      WTF? Ganz einfach: Verputze die einte Cervelat heute und die andere morgen. Oder mache ein Cervelatsalat draus. Kannst Du auch wieder aufteilen. Das gleiche mit Wienerli. Für etwas ist der Kühlschrank ja da.
      Ich verstehe jetzt nicht was hier das Problem sein soll. O_o
      Das ganze Lebensmittel noch weiter zu portionieren erzeugt nur wieder mehr unnötigen Abfall.
    • karl_e 24.12.2015 16:16
      Highlight Highlight @anus: Danke für deine wertvollen Ratschläge. Ich habe aber nunmal keine Lust, zwei Tage nacheinander Cervelats zu essen oder an immer denselben Käse. Mag sein, dass bei angemessenen Portionen etwas mehr Verpackungsabfall entstünde, aber dafür würden weniger Esswaren im Kühlschrank vergammeln.
      Deinem Rektum wünsche ich übrigens gute Besserung!
    • MyAnusIsBleeding 24.12.2015 17:34
      Highlight Highlight @karl_e: Ach, das mit dem Rektum ist ne alte Geschichte. Will einfach nicht aufhören. Spendiere ihm heute ein scharfes Weihnachts-Chilli. Damit's richtig hässig wird ;-)

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