Um 13 Uhr ging die Vermisstenmeldung raus – das Protokoll zum Brand in Kerzers
Die Rekonstruktion der Tragödie von Kerzers beginnt am Dienstag, 10. März. In einem Berner Spital weilt ein 65-jähriger, psychisch instabiler Schweizer. Den Grund für seinen Aufenthalt teilte das Spital am Donnerstag mit: ein körperliches Gebrechen, keine fürsorgerische Unterbringung. Doch dann verschwindet der Mann, der mutmasslich zum Brandstifter wurde.
Um 13 Uhr gibt das Spital eine Vermisstenmeldung auf. In der Folge begab sich eine Polizeipatrouille auf die Suche. Die Kantonspolizei Bern meldet den Vermissten ausserdem im internen und dem nationalen Fahndungssystem. Sie kennt den Mann bereits wegen Betäubungsmittelmissbrauchs und geht nicht von einer Gefahr für die Öffentlichkeit aus.
Wo sich der mutmassliche Täter in den knapp vier Stunden nach der Vermisstmeldung aufhielt, ist aktuell unklar.
Um 17.45 Uhr betritt er ersten Ermittlungsergebnissen zufolge das Postauto in Düdingen. Mit sich trägt er Säcke. Das habe ein Zeuge berichtet, sagte der Freiburger Generalstaatsanwalt Raphaël Bourquin am Mittwochnachmittag.
Der mutmassliche Täter habe nervös gewirkt, sagen verschiedene Quellen. In Kerzers traf watson eine Frau, deren Bekannte im Unglücksbus gewesen ist. Sie sagt: Ihre Bekannte habe beobachtet, wie der Täter ständig um sich sah. Gegenüber «20 Minuten» berichtet auch eine 16-jährige Passagierin von einem «nervösen» und «leicht aggressiven Mann».
Bus begann in der Mitte zu brennen
Um 17.51 Uhr fährt das Postauto gemäss SBB-Fahrplan jeweils ab. Das Dieselfahrzeug begibt sich auf die 33-minütige Fahrt zum Bahnhof Kerzers. Doch diesen wird es nie erreichen.
Kurz vor der Ankunft am Zielort geschieht, was für viele immer noch unbegreiflich ist: Der mutmassliche Täter übergiesst sich mit einer Flüssigkeit und zündet sich an. Wahrscheinlich zwischen dem Bahnübergang und der Migros in Kerzers. Hinweise dafür liefern sich ähnelnde Aussagen von Arbi Berisha und der Frau, deren Bekannte im Bus sass.
Beide sagen auch: Der Täter habe sich in der Mitte des Busses aufgehalten. Verschiedene Videoaufnahmen von Augenzeugen zeigen, dass der Brand von der Mitte des Fahrzeugs ausging.
Der Ausgangspunkt des Feuers ist für die Ermittlungen zum Tathergang relevant. Und er entschied in der Situation wohl über Leben und Tod. Denn das Fahrzeugmodell im Einsatz, ein Setra S 415NF, hat nur zwei Türen: eine in der Fahrzeugmitte, eine zweite bei der Fahrerkabine.
Wie gefährlich das in dem Moment ist, zeigen die Schilderungen von Arbi Berisha. Sein Cousin habe zunächst im hinteren Teil des Busses nach einem Ausgang gesucht, dann aber in die andere Richtung rennen müssen. Er sei schliesslich entkommen, wisse aber nicht mehr wie.
Innert Kürze brennt das Postauto aus
Die Momente nach der Selbstentzündung sind Gegenstand von behördlichen Untersuchungen. Noch offen ist etwa, wie sich die Bustüren geöffnet haben.
Klar ist hingegen, dass das Feuer innert Kürze ein unkontrollierbares Ausmass annahm. Das zeigen Videoaufnahmen und deckt sich mit der Wahrnehmung von Augenzeugen.
«Es war chancenlos, man konnte nicht helfen» – grosse Betroffenheit in Kerzers
Teke Zeynel, der Betreiber eines Imbissstands, erzählte gegenüber watson, dass er zwar einer Frau beim Löschen der Flammen an ihrem Körper habe helfen können, doch vergeblich zum Feuerlöscher in seinem Lager geeilt sei – zu mächtig seien die Flammen gewesen.
Um 18.24 Uhr hätte der Bus gemäss Fahrplan am Bahnhof Kerzers ankommen sollen. Um 18.25 Uhr geht in der Notrufzentrale die erste Meldung ein. Polizei und Feuerwehr reagierten umgehend. Zehn Ambulanzen rücken aus, dazu ein Helikopter und Rettungspersonal. Ein Sanitäter wird sich beim Einsatz verletzen.
Trotz dieses Aufgebots steht am Dienstagabend eine traurige Bilanz. Um 18.49 Uhr ist der erste Todesfall bestätigt. Im Feuer sterben eine 25- und eine 39-Jährige, dazu zwei junge Männer im Alter von 16 und 29 Jahren. Auch der 63-jährige Busfahrer verliert sein Leben. Der mutmassliche Brandstifter stirbt ebenfalls.
Weitere Personen erleiden Verletzungen, zum Teil schwere. Zu ihnen gehören drei Männer, sie sind 32-, 34- und 61-jährig sowie eine 27-jährige und eine 56-jährige Frau.
Alle Opfer sind aus der Region. Nicht einmal 24 Stunden später, am Mittwoch um 16.45 Uhr, kommen Bundespräsident Guy Parmelin, Vertreter des Fribourger Staatsrats. Sie müssen einer Dorfgemeinschaft kondolieren, die untröstlich ist.
