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Kerzers: Busfahrer erweisen getötetem Kollegen die letzte Ehre

Ein Postauto in Murten mit Trauerflor – in Gedenken an Albino R. (Kerzers, 2026)
Ein Postauto in Murten mit Trauerflor - in Gedenken an Albino R.Bild: CH Media / zvg

«Er wollte den Menschen helfen»: Busfahrer erweisen ihrem Kollegen die letzte Ehre

In Kerzers kam auch der 63-jährige Postauto-Chauffeur ums Leben. Er war auf der zweitletzten Fahrt seiner Schicht und freute sich auf seine Pensionierung. Eine Hommage.
14.03.2026, 11:3014.03.2026, 11:30
Andreas Maurer / ch media

Albino R. hatte am Dienstag Spätdienst. Der 63-jährige Bus-Chauffeur startete am Mittag und hätte um 20.30 Uhr Feierabend gehabt. Auf seiner zweitletzten Fahrt lenkte er ein Postauto der Linie 122 von Düdingen nach Kerzers.

Zu Beginn der Strecke ist der Bus jeweils voll, weil viele vom Zug zusteigen. Gegen Kerzers leert er sich. Zwischen der zweitletzten und letzten Station passierte es. Ein Mann stand auf und zündete sich und den Bus an. Planmässig wäre das Postauto um 18.24 Uhr in Kerzers angekommen. Eine Minute später ging der Notruf ein: Das Fahrzeug stand in Vollbrand.

«Wir haben zusammen gehofft und geweint.»

Die Familie verfolgte die Liveticker und hoffte

Albino R. arbeitete seit zwei Jahren und fünf Monaten für die Firma Wielandbus, welche die Linie im Auftrag von Postauto bedient. Inhaber Philipp Wieland fuhr sofort zu seinem brennenden Fahrzeug. Noch am gleichen Abend versammelte er sein Kader auf dem Betriebshof. «Für schwierige Unfälle sind wir vorbereitet, aber nicht für so einen Fall», sagt er.

Mit einem Care Team fuhr er zur Familie des Chauffeurs, der um diese Zeit eigentlich von der Arbeit hätte heimkehren sollen. Zusammen verfolgten sie die Liveticker der Medien. «Wir haben zusammen gehofft und geweint», sagt Wieland. Um Mitternacht gingen sie auseinander. Noch bestand Hoffnung, dass Albino überlebt haben könnte.

Am nächsten Morgen informierte Wieland die Belegschaft in der Garage. 70 Mitarbeiter erschienen. Er bot Ersatzfahrer auf, falls nicht alle ihren Dienst antreten wollten. Doch alle Chauffeure erklärten sich bereit. Sie waren sicher, dass Albino R. sich auch so entschieden hätte. Seine Hilfsbereitschaft war legendär. «Er arbeitete immer mit einem Lächeln und begrüsste alle mit einem freundlichen Spruch», erzählt Wieland.

Ein Chauffeur brach den Dienst am Vormittag ab. Er konnte nicht mehr. «Es hätte auch mich treffen können.» Dieser Gedanke begleitete die Kollegen, die an diesem Tag dieselben Fahrzeuge und Linien wie Albino R. bedienten.

Am Mittwochabend erhielt die Familie die traurige Gewissheit. Albino R. war unter den sechs Toten, nicht unter den fünf Verletzten.

Der portugiesische Staatspräsident kondolierte

Albino R. kam im Jahr 1990 mit 27 Jahren in die Schweiz. Vier Jahre später folgte ihm seine Familie. Sein Sohn Leandro erzählt: «Er kam hierher, um uns ein besseres Leben zu ermöglichen.»

Albino hatte viele Jobs: Er war Karosserielackierer, Fahrer, Festzelt-Monteur und Lastwagenfahrer. Wegen Knieproblemen wurde er Busfahrer: «Es war schon immer sein Traum, Busse zu fahren. Das lag ihm sehr am Herzen. Er liebte den Kontakt zu den Fahrgästen», erzählt Leandro. «Mein Gefühl sagt mir, dass er auch an jenem Abend zuerst seinen Fahrgästen helfen wollte.»

Obwohl Albino R. den grössten Teil seines Lebens in der Schweiz verbracht hatte und integriert war, wollte er sich nicht einbürgern lassen: «In seinem Herzen blieb er Portugiese.» Nach der Trauerfeier in Murten wird die Familie seinen Sarg nach Portugal überführen, um ihn dort zu beerdigen.

Am Freitag rief der portugiesische Staatspräsident António José Seguro die Familie an, um ihr persönlich zu kondolieren. «Diese Geste schätze ich sehr», sagt Leandro.

Albino R. wäre im Dezember 2027 pensioniert worden. «Er wollte mehr reisen und Zeit mit seinen fünf Enkelkindern in Portugal und in der Schweiz verbringen», berichtet sein Sohn.

Albino R. engagierte sich, wo immer er konnte: In der Schule war er Mitglied des Elternrats, als seine Kinder klein waren. Er trainierte die Junioren des örtlichen Fussballvereins und war Schiedsrichter beim Freiburger Fussballverband. Er pfiff Spiele der zweiten Liga.

Zusammen mit seinem Sohn schaute er sich fast alle Spiele von Benfica Lissabon an: «Er lebte das Spiel intensiv vor dem Fernseher mit. Es war dann sehr laut bei uns.» Vor dem Fernseher war Albino nicht Schiedsrichter, sondern Fan und kritisierte manchmal den Unparteiischen, wenn er Lissabon ungerecht behandelte. In diesem Moment des Gesprächs hat Leandro Tränen in den Augen – und gleichzeitig muss er lachen. Leise fügt er hinzu: «Ich weiss nicht, wie ich die Stille vor dem Fernseher künftig ertragen soll.»

Eine weitere Erinnerung: In Portugal gingen Vater und Sohn zusammen angeln. «Wir redeten nicht viel, aber gerade das machte diese Momente besonders.»

Albino war die Stütze der portugiesischen Gemeinschaft

Albino R. war auch in der portugiesischen Gemeinschaft der katholischen Kirche aktiv. Er arbeitete als Sakristan in der katholischen Kirche von Murten. In portugiesischen Gottesdiensten war er die rechte Hand des Priesters und reichte Wein und Brot. «Er war immer im Dienst der Leute», sagt Pfarreiverwalterin Zita Schroeter. Als der Präsident der portugiesischen Gemeinschaft zurücktrat, übernahm Albino R. das Amt ad interim. «Er war die Stütze der Gemeinschaft. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ohne ihn weitergehen soll», sagt Schroeter.

Am Freitag fuhren 14 Busse mit Trauerflor durch den Seebezirk – auf allen Linien, auf denen Albino R. arbeitete. In Murten steigt ein Chauffeur aus einem der geschmückten Postautos und sagt: «Albino war ein echter Kapitän, der sein Schiff nicht verlassen wollte. Er ging seinen Weg bis zum letzten Atemzug.»

Die Solidarität ist gross. Viele Fahrer erhalten Blumen und Briefe von ihren Fahrgästen. Derzeit überlegen die Kollegen, wie sie Albino die letzte Ehre erweisen wollen. Wenn möglich so: Sie möchten mit einem Postauto zur Kirche fahren und in Uniformen die Trauerfeier besuchen.

(aargauerzeitung.ch)

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