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«Wir bedauern die Verfehlungen der Schweizer Behörden»: Justizministerin Karin Keller-Sutter. bild: youtube/screenshot

Schweiz anerkennt als erstes Land illegale Adoptionen aus Sri Lanka und bedauert Fehler

Im Februar zeigte ein Bericht der ZHAW, dass die Schweizer Behörden jahrelang illegale Adoptionen aus Sri Lanka gewähren liessen. Justizministerin Karin Keller-Sutter bedauert am Montag die Verfehlungen der Behörden – und verspricht den Herkunftssuchenden Unterstützung.



950 Kinder aus Sri Lanka wurden zwischen 1973 bis 1997 in die Schweiz adoptiert. Bei der Mehrheit dieser Adoptionen waren die offiziellen Dokumente unvollständig und fehlerhaft – fast überall fehlte die Zustimmungserklärung der biologischen Eltern. Das deckte ein Forschungsbericht der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) auf. Die Schweizer Behörden «hätten auf allen Ebenen versagt» und trotz massiver Unregelmässigkeiten die Einreisebewilligungen für die Kinder ausgestellt, schrieben die Autorinnen des Berichts.

Zehn Monate später ist die Affäre auf höchster Ebene angekommen: Am Montag trat Justizministerin Karin Keller-Sutter vor die Medien und bedauerte das damalige Vorgehen. «Der Bundesrat anerkennt und bedauert, dass die schweizerischen Behörden Adoptionen aus Sri Lanka bis in die 1990er-Jahren trotz schwerer Unregelmässigkeiten nicht verhindert haben», so Keller-Sutter.

«Versäumnisse prägen das Leben der Adoptierten»

Trotz früher und eindeutiger Hinweise auf illegale Adoptionsvermittlungen hätten es Bund und Kantone zu lange unterlassen, die Missstände zu verhindern, so die Justizministerin weiter. «Die Versäumnisse der Behörden prägen das Leben der damals adoptierten Personen bis heute.»

Aufgrund der Erkenntnisse des Berichts hat der Bundesrat mehrere Massnahmen beschlossen. So sollen etwa die Betroffenen bei ihrer Herkunftssuche stärker unterstützt werden. Eine Arbeitsgruppe mit Vertreterinnen und Vertretern von Bund, Kantonen, Betroffenen und privaten Organisationen soll prüfen, welche Massnahmen dafür notwendig sind.

Der Bundesrat appelliert in seiner Mitteilung auch an die Adoptiveltern, «ihr Mögliches zu tun, um ihre Adoptivkinder bei der Suche zu unterstützen». Zudem will der Bundesart die historische Aufarbeitung der illegalen Adoptionen in der Schweiz ausweiten. Eine ergänzende Forschungsarbeit der ZHAW soll untersuchen, ob es weitere Hinweise auf systematische Unregelmässigkeiten bei Adoptionen gibt. In den 1980er-Jahren wurden auch viele Kinder aus Indien, Brasilien, Chile, Kolumbien und Peru adoptiert.

«Fehler der Vergangenheit dürfen sich nicht wiederholen»

Und schliesslich soll eine Expertengruppe die heutige Organisation, die Zuständigkeiten und die Verfahren bei Adoptionen überprüfen. «Die Fehler der Vergangenheit sollen sich nicht wiederholen und das Kindeswohl soll immer im Zentrum stehen», sagte Keller-Sutter an der Medienkonferenz. Sollte die Analyse der heutigen Adoptionsverfahren Mängel aufzeigen, werde der Bundesrat Gesetzesänderungen vorschlagen, so die Justizministerin weiter. Damit solle sichergestellt werden, dass das Wohl des Kindes im Mittelpunkt der internationalen Adoptionsverfahren stehe.

Der Bericht des Bundesrats geht zurück auf ein Postulat der Waadtländer alt Nationalrätin Rebecca Ana Ruiz (SP). 2017 wurde der Bundesrat beauftragt, zusammen mit den Kantonen die Praxis der privaten Vermittlungsstellen und der Behörden auf Kantons- und Bundesebene bezüglich der Adoptionen aus Sri Lanka in den 1980er-Jahren zu untersuchen.

Adoptionsskandal in Sri Lanka im Detail

In den 1980er Jahren wurden bis zu 11'000 Kinder aus Sri Lanka in europäische Länder adoptiert. 981 davon kamen in die Schweiz. Viele der Adoptionen wiesen Unregelmässigkeiten auf. Im September 2017 hat die sri-lankische Regierung gegenüber einer niederländischen Doku-Sendung offiziell die Existenz von sogenannten «Babyfarmen» bestätigt. Auf diesen Farmen sollen Mütter und Kleinkinder unter prekären Bedingungen bis zur Adoption gehalten worden sein.

1987 verbot Sri Lanka vorübergehend internationale Adoptionen, nachdem die Polizei auf eine Babyfarm gestossen war. Der Adoptionsskandal ging danach in Vergessenheit. Heute sind viele der damals adoptierten Kinder erwachsen und auf der Suche nach ihren Wurzeln – auch in der Schweiz. Bei ihrer Suche entdecken viele Betroffene Unregelmässigkeiten. So verunmöglichten gefälschte Geburtsurkunden und ungenaue Angaben die Suche nach den biologischen Eltern.

Im März 2018 nahm der Bundesrat ein Postulat der SP-Nationalrätin Rebecca Ana Ruiz an, das Aufklärung im Adoptionsskandal fordert. Das Bundesamt für Justiz beauftragte darauf die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, einen Forschungsbericht dazu zu verfassen. Dieser wurde am 27. Februar 2020 publiziert und ist brisant: In vielen der untersuchten Adoptionsfällen kam es zu Unregelmässigkeiten. Die Schweizer Behörden wussten von Kinderhandel und illegalen Machenschaften. Dennoch wurden weiterhin Kinder aus Sri Lanka adoptiert.

Mit Material der sda

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