Schweiz
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Büros des Nachrichtendienst des Bundes (NDB) in Bern. (Archivbild)

Das Hauptquartier des Nachrichtendienstes des Bundes. Liegen hier die Antworten im Fall Crypto AG? Bild: KEYSTONE

Wie der Vizedirektor des Nachrichtendienstes von der Vergangenheit eingeholt wird

Jürg Bühler, Vizedirektor des Nachrichtendienstes, wird in der Affäre um die Zuger Firma Crypto AG von der Vergangenheit eingeholt.

Lorenz Honegger / ch media



Jürg Siegfried Bühler ist Anfang 30, als er die Gelegenheit erhält, die mutmasslich grösste Spionageoperation des 20. Jahrhunderts zu stoppen. Der damalige Chef der Bundespolizei, Urs von Daeniken, hat den jungen Juristen wenige Monate davor, im Dezember 1993, zu seinem Stellvertreter ernannt. Der Fall Crypto ist eine von Bühlers ersten Untersuchungen.

Er soll dem ungeheuren Verdacht nachgehen, dass die Zuger Firma Crypto AG in Kooperation mit amerikanischen und deutschen Geheimdiensten «gezinkte» Chiffriergeräte an Staaten in aller Welt verkauft. Aber die von ihm geleitete Voruntersuchung endet ergebnislos. Was übrig bleibt, ist eine Kartonschachtel mit Akten.

Was wusste Jürg Bühler in den 90er-Jahren?

26 Jahre später wird Bühler von der Vergangenheit eingeholt. Journalisten der SRF-Sendung «Rundschau», des deutschen ZDF und der amerikanischen «Washington Post» können am 11. Februar anhand eines von CIA und BND verfassten Dokuments erstmals belegen, dass die Crypto AG nicht nur mit ausländischen Geheimdiensten kooperiert, sondern sich sogar in deren Besitz befunden hat.

Für die Schweizer Politik und Öffentlichkeit stellt sich nach der Enthüllung die Frage, wer von den damaligen Entscheidungsträgern in Bern die heikle Operation auf helvetischem Boden gedeckt und womöglich vertuscht hat.

Jürg Bühler ist in dem Fall Crypto in doppelter Hinsicht eine Schlüsselfigur: Er hat als junger Mann die aus heutiger Perspektive gescheiterte Voruntersuchung in den 90er-Jahren verantwortet. Und er steht als jahrzehntelanger Kadermitarbeiter der Schweizer Geheimdienste mit im Verdacht, von den neutralitätspolitisch heiklen Aktivitäten der Crypto AG gewusst zu haben.

2001 ist er von der Bundespolizei zu dem Dienst für Analyse und Prävention gewechselt, 2010 dann als Vizedirektor zum neu geschaffenen Nachrichtendienst des Bundes.

In dem am Mittwochabend ausgestrahlten Enthüllungsfilm der «Rundschau» kommt Bühler nicht gut weg. Der frühere Crypto-Entwicklungsingenieur Bruno von Ah erzählt darin, er habe die Bundespolizei in den 90er-Jahren über eine «mögliche Hintertür» in den Chiffriergeräten informiert, doch diese habe die Information nicht weiterverfolgen wollen.

Weitere ehemalige, nicht namentlich genannte Mitarbeiter geben zu Protokoll, sie hätten bei der von Bühler geleiteten Untersuchung den Eindruck erhalten, die Bundespolizisten seien nicht wirklich an der Wahrheit interessiert.

Die gemachten Schilderungen decken sich mit einem «Facts»-Artikel aus dem Jahr 1995, in dem es heisst, die Ermittler hätten einzelne Angestellte der Firma bei den Befragungen «ausdrücklich auf die Wahrung des Geschäftsgeheimnisses hingewiesen». Laut der «Rundschau» ist auch im CIA-Dokument die Rede davon, dass die Bundespolizei einen Vor-Ort-Besuch bei der Crypto AG in Zug nur «pro forma» durchgeführt habe.

«Niemand konnte oder wollte Auskunft geben»

NDB-Vizedirektor Bühler bestreitet die Vorwürfe. Im Film sagt er, sein Team habe nur mit Personen gesprochen, die von Hintertürchen «gehört» hätten, aber diese nicht beschreiben konnten. «Niemand konnte oder wollte uns Auskunft geben.» Nur gestützt auf Gerüchte und Hörensagen habe man nicht aktiv werden können. «Ich wüsste nicht, wie man noch besser hätte hinschauen können.»

«Ich wüsste nicht, wie man noch besser hätte hinschauen können.»

Aber auch Bühler hält es für möglich, dass das Kryptologenteam des Schweizer Nachrichtendienstes die damalige Voruntersuchung möglicherweise gezielt sabotiert hat. Beim Interview hat er den Karton mit den Untersuchungsakten demonstrativ vor sich auf den Tisch gelegt.

Der Inhalt müsse jedoch unter Verschluss bleiben, so Bühler, weil sich darin zahlreiche Meldungen von Partnerdiensten sowie «viele schützenswerte Personendaten» befänden.

Untersuchung wurde eröffnet

Der Entscheid für eine formelle Inspektion sei völlig unbestritten gewesen, sagte Alfred Heer (SVP/ZH), Präsident der Geschäftsprüfungsdelegation des Parlaments (GPDel), am Donnerstag vor den Medien in Bern. Die GPDel werde bereits nächste Woche ihre Arbeit aufnehmen. Laut Heer sollen auch ehemalige Bundesräte und Mitarbeiter des Nachrichtendienstes vorgeladen werden. Zur vom Bundesrat beschlossenen Untersuchung durch alt Bundesrichter Niklaus Oberholzer sagte Heer, es gehe nicht um ein Kompetenzgerangel. «Die GPDel hat stärkere Mittel zur Verfügung als Herr Oberholzer.» Als GPDel wolle man Herrn Oberholzer stärken. Transparenz ist gefordert Der Bundesrat soll nach Ansicht der GPDel sein Mandat ausdehnen, was das Akteneinsichtsrecht betrifft. «Es geht uns um vollumfängliche Transparenz», sagte Heer weiter. Die Arbeiten der GPDel sollen mit Oberholzer koordiniert werden. Laut Heer sind Personen verpflichtet, der GPDel wahrheitsgemäss Auskunft zu geben. Theoretisch könnte sie Personen auch von der Polizei vorführen lassen. Die GPDel will insbesondere die Berührungspunkte von Bundesstellen mit den ausländischen Nachrichtendiensten untersuchen. Ebenfalls geklärt werden soll, ob und inwieweit der Bundesrat über die Sachlage informiert war. Die ersten Anhörungen sollen bereits diesen Monat beginnen. Wann erste Resultate vorliegen, lässt die GPDel offen.

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29Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Lowend 14.02.2020 12:54
    Highlight Highlight Was auffällt, wenn man sich die Dok der Rundschau ansieht ist die kollektive Amnesie aller politisch Verantwortlichen und der staatlichen Untersuchungsbehörden, während alle Beteiligten der Crypto AG selber sehr froh zu sein scheinen, endlich über ihre Erlebnisse sprechen zu können.?

    Man muss kein Schelm sein, um sich da so seine Gedanken zu machen.
  • Arneis 14.02.2020 12:27
    Highlight Highlight Jetzt muss man nur noch wissen das sämtliche Glasfaserleitungen der Six und der CS ebenfalls mit der Crypto-Technologie gelegt wurden.
    Tschau zämme
  • äti 14.02.2020 11:30
    Highlight Highlight Man findet bestimmt einen Schuldigen, der heute noch nichts von seinem Glück weiss.
  • joerckel 14.02.2020 10:59
    Highlight Highlight vor mehr als 50 Jahren wurde die Crypto AG an den CIA und den BND verschachert und von diesen anschließend in >Lichtenstein in eine Stiftung überführt ohne dass, den Lichtensteiner sei Dank, jemand Kenntnis vom Namen und Zweck der Stiftung je erfahren hätte.Und nun wird eine derart große Seifenblase aufgepustet wohl im Wissen, dass von den Deutschen und den Amis auch die Schweiz"ausspioniert" wird und wurde.
  • Babuschka11 14.02.2020 10:42
    Highlight Highlight Die Bildschirmzeit von J. B. war kaum auszuhalten - ständig hatte ich das Gefühl aus seinem Mund kommen nur Lügen.
    Die Lügen werden wenn überhaupt, erst nach der Verjährung, der Wahrheit weichen. Schande. Schande. Schande.
  • Lumpirr01 14.02.2020 09:54
    Highlight Highlight Mich und viele andere würden sich dafür interessieren, wie in erster Linie die ersten rein mechanischen Geräte in technischer Hinsicht manipuliert wurden..........
    • Auric 14.02.2020 10:10
      Highlight Highlight Die haben schon auch elektrische und elektronische Geräte gebaut, die mechanischen à la der Wehrmachts-ENIGMA waren wohl in den 50er Jahren nicht mehr gefragt.
  • Pafeld 14.02.2020 09:48
    Highlight Highlight Ich hoffe doch schwer, Bühler ist per sofort beurlaubt?
  • So en Ueli 14.02.2020 09:23
    Highlight Highlight Die Idee an sich ist fabelhaft. Die Ethik ist hier eventuell etwas zu kurz gekommen, aber wenn es um Sicherheit geht, kann man gerne ein Auge zudrücken.
    • Ichiban 14.02.2020 11:03
      Highlight Highlight Sag das den opfern der diktatoren, die durch die so von der cia gewonnenen Informationen an die macht gekommen sind.
    • äti 14.02.2020 11:26
      Highlight Highlight Wessen Sicherheit?
  • PC Principal 14.02.2020 09:05
    Highlight Highlight Ein Super Erfolg, wie man es damals geschafft hat die Kommies auszuspionieren. Bravo Crypto AG!
    • Liselote Meier 14.02.2020 10:03
      Highlight Highlight Da muss ich dich enttäuschen, der Warschauer Pakt und deren Verbündete hatten eigene Chiffriersysteme.

      Mit dem Crypto-Maschinen wurden die Blockfreien Staaten ausspioniert die Neutral im Ost-West Konflikt waren und dachten die Schweiz wäre auch Neutral.

    • Astrogator 14.02.2020 10:13
      Highlight Highlight Ja klar, man hat nur Kommunisten ausgespäht, sicher keine befreundeten Staaten...

    • Neruda 14.02.2020 17:09
      Highlight Highlight Allende war Sozialist und kein Kommi. Er war demokratisch gewählt. Wir haben und hatten nicht das Recht, andern Ländern vorzuschreiben, wie sie regiert werden sollen! Oder fändest du das auch toll, wenn die USA in der Schweiz ein rechts-konservatives Folterregim à la Pinochet installieren würde?
  • Astrogator 14.02.2020 09:02
    Highlight Highlight "viele schützenswerte Personendaten"

    Ja genau, die Schweizer Bürokratie wird sicher akribisch erfasst haben wer das ganze vertuscht hat und die Namen wüssten wir gerne.
  • Spooky 14.02.2020 08:53
    Highlight Highlight Und falls die PUK ihm beweisen kann, dass er lügt, kriegt er eine astronomische Abgangsentschädigung und hat für den Rest seines Lebens ausgesorgt.
    • nimmersatt 14.02.2020 12:02
      Highlight Highlight das läuft nir in der ach so produktiven Privatwirtschaft so
  • Don Alejandro 14.02.2020 08:39
    Highlight Highlight Selbstverständlich wusste niemand nichts, wie sonst könnten aus dem Bundesarchiv geheime Akten dazu auch nur verschwinden? Bei der P-26 haben sich Akten ja auch in Rauch aufgelöst. Nur bei der Fichenaffäre konnte man die zehntausenden Dossiers nicht noch rechtzeitig verlegen.
  • laska 14.02.2020 08:35
    Highlight Highlight Sollte das Unwahrscheinliche Tatsache sein und Bühler hatte wirklich keine Kenntnisse über die wirklichen Vorgänge bei der Crypto, dann war und ist er eine Fehlbesetzung auf der ganzen Linie
  • Auric 14.02.2020 08:17
    Highlight Highlight Das ist eine private Firma!

    die muss politisch neutral sein?

    der Nachrichtendienst muss das überwachen??
    • Don Alejandro 14.02.2020 10:28
      Highlight Highlight Gosh! Dies war eben nicht eine private Firma, sondern nur eine private Scheinfirma. Die Inhaber waren der amerikanische und deutsche Nachrichtendienst.
    • Neruda 14.02.2020 10:30
      Highlight Highlight Hast du's immer noch nicht begriffen? Es geht darum, dass der Bund neutral sein muss und dann darf man, wenn man diese Sache mitbekommt, nicht einfach zusehen!
    • nimmersatt 14.02.2020 12:04
      Highlight Highlight als ob Privatunternehmen sich politisch neutral verhalten würden - selten so gelacht.

      Die sind es ja gerade, die durch finazielle Einflussnahme demokratische Prozesse unterwandern (Lobbing, Korruption etc)
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