Schweiz
Gesellschaft & Politik

Musst das Schweizer IKRK-Museum nach Abu Dhabi verlegt werden?

Muss das Schweizer IKRK-Museum nach Abu Dhabi verlegt werden – weil der Bundesrat spart?

2028 feiert das IKRK-Museum in Genf sein 40-Jahr-Jubiläum. Es zeigt der Öffentlichkeit die Schweizer Wurzeln des humanitären Völkerrechts. Doch nun ist das Museum ernsthaft bedroht.
04.01.2025, 12:31
Othmar von Matt / ch media
Mehr «Schweiz»

Der Standort des IKRK-Museums hat eine doppelte Symbolik. Erstens befindet es sich in Genf an der Avenue de la Paix, der Friedensallee. Zweitens liegt es mitten im internationalen Spannungsfeld: Hundert Meter Richtung Zentrum steht die Ständige Mission Russlands, 500 Meter Richtung Lausanne die Mission der USA. Gleich neben dem Museum liegt der Hauptsitz des IKRK – und auf der gegenüberliegenden Strassenseite das Hauptquartier der UNO.

IKRK-Museum in Genf.
IKRK-Museum in Genf.bild: wikipedia/CC BY-SA 3.0

Das internationale Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum, wie es offiziell heisst, entstand in einem internationalen Kontext. Am 22. November 1985 kam es in Genf zum historischen Treffen zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow, den Präsidenten der USA und der Sowjetunion. Deren Gattinnen Nancy und Raissa legten den Grundstein zum Museum. Eingeweiht wurde es drei Jahre später.

Doch nun droht dem Museum die Schliessung. Das hängt mit dem Bundesrat zusammen. Er hat den Massnahmen der externen Arbeitsgruppe um Serge Gaillard zugestimmt, die nach Vorschlägen suchte, wie der Bund sein strukturelles Defizit beseitigen kann. Dabei geriet das IKRK-Museum ins Visier.

Der Knackpunkt: Massnahme 4.3 der Beilage 2

Mit der Massnahme 4.3 der Beilage 2 empfiehlt die Gruppe, die jährliche Subvention von 1,1 Millionen Franken für das IKRK-Museum beim Aussendepartement (EDA) zu streichen.

«Diese Nachricht war ein Schock für uns, umso mehr, als wir nicht konsultiert worden waren», sagt Pascal Hufschmid, der Museumsdirektor. Neu soll das Bundesamt für Kultur (BAK) zuständig sein für Subventionen. Dieses könne aber maximal 300'000 Franken an sein Museum sprechen, sagt Hufschmid. «Damit bleibt uns ein strukturelles und nicht reduzierbares Defizit von 800'000 Franken.» Das Museum hat ein Jahresbudget von 4,5 Millionen.

Wenn es keine Lösung gebe, führe das zur Schliessung des Museums, sagt er. Oder dazu, dass es ins Ausland verlegt werden müsse. Es gebe bereits Stimmen, die das Museum in eine Stadt wie Abu Dhabi verschieben wollten, die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Diese Idee sei ihm gegenüber informell geäussert worden. «Das hat mich überrascht.»

Peter Maurer, Praesident des Internationalen Roten Kruezes IKRK, links, und Bundesrat Ignazio Cassis, Eidgenoessisches Departement fuer auswaertige Angelegenheiten EDA, bei der Unterzeichnung des Prot ...
Der ehemalige Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz Peter Maurer mit Bundesrat Ignazio Cassis.Bild: keystone

Abu Dhabi sei genannt worden, da es Franchisen von Museen wie dem Louvre beherberge. Für die internationale Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung wäre eine solche Verschiebung kein Problem, da sie überall auf der Welt zu Hause sei, sagt Hufschmid. Doch das ist wenig realistisch. «Das wäre absurd», sagt er selbst. Es handle sich ja um ein Museum zur Schweiz. «Und es würde die Position der Schweiz schwächen.»

Das Museum zeigt das Erbe von Henry Dunant und General Henri Dufour als Begründer des Roten Kreuzes und der Genfer Konventionen – und damit des humanitären Völkerrechts. «Das alles ist Teil der Schweizer DNA», sagt Hufschmid. Das Museum verkörpere die Gründungsprinzipien der Schweiz: Frieden, Solidarität und die Einhaltung der Menschenrechte.

Humanitäres Völkerrecht und IKRK sind unter Druck

Der Bundesrat setzt das Museum in einer Zeit aufs Spiel, in der es um Europa herum «einen ‹ring of fire›» gebe, wie Aussenminister Ignazio Cassis im «Tages-Anzeiger» sagte. «Im Osten tobt der Krieg gegen die Ukraine, im Südkaukasus herrscht Unruhe, der Konflikt in Israel hat sich auf die ganze Region ausgeweitet, aus dem instabilen Nordafrika kommen Migrationsströme, in Subsahara-Afrika drohen Putschs.» Das humanitäre Völkerrecht und die Rolle des IKRK geraten immer stärker unter Druck.

Wer das Museum besucht, muss zunächst einen bunkerähnlichen, engen und düsteren Gang mit Rohbeton passieren. Improvisierte Wasserleitungen hängen an den Wänden. Die Szenerie symbolisiert die tragischen Schicksale, die IKRK-Delegierte antreffen, wenn sie Kriegsgefangene besuchen. Die Besuchenden sollen, so die Idee aus den Gründerjahren, diese einschüchternde Atmosphäre spüren.

Im Innern treffen die Besuchenden auf ein Objekt, das die Aufmerksamkeit sofort auf sich zieht: die Skulptur eines Kinderdreirads. Museumsdirektor Hufschmid sagt: «Wir sind sehr stolz auf diese Skulptur.» Er ist Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Fotografie, der zuvor für die UNO, das Musée de l'Elysée in Lausanne und die Art Basel gearbeitet hat.

Die Skulptur ist eine Kopie des Dreirads, das der dreijährige Shinichi Tetsutani fuhr, als die USA am 6. August 1945 eine Atombombe über Hiroshima abwarfen. Der Junge verstarb noch in derselben Nacht. Sein Vater schenkte das Rad dem Friedensmuseum Hiroshima.

Vor kurzem liess die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) von zwei Künstlern eine Kopie erstellen und schenkte sie im September der Stadt Genf. Diese übergab sie dem Museum, denn das IKRK war nach dem Bombenabwurf eine der ersten Organisationen vor Ort. Das Kunstwerk ist eine Mahnung an jene schrecklichen Ereignisse.

Eine Kartei mit fünf Millionen Kriegsgefangenen

Kern des Museums ist die Dauerausstellung, die sich mit den drei grossen Herausforderungen humanitärer Aktionen befasst: Menschenwürde verteidigen, Familienbande wiederherstellen und Risiken von Naturgefahren begrenzen.

Aussergewöhnlicher Bestandteil der Dauerausstellung sind die Karteikarten von fünf Millionen Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg. Das IKRK gründete am 21. August 1914 die Internationale Zentralstelle für Kriegsgefangene. Sie erstellte die Karteikarten und 2413 Register mit Informationen der kriegführenden Parteien mit Gefangenen- und Totenlisten – auf 600'000 Seiten.

Die Unesco nahm das IKRK-Archiv aus dem Ersten Weltkrieg in das Weltdokumentenerbe auf. Und obwohl die Dokumente weit über 100 Jahre alt sind, erhält das Museum noch heute viele Mails mit Fragen zu Kriegsgefangenen, wie Museumsdirektor Hufschmid sagt.

2028 feiert das IKRK-Museum sein 40-Jahr-Jubiläum. Hufschmid will es bis dann umgestalten und eine «neue Willkommenskultur» schaffen. «Die Besuchenden sollen das Museum ohne Schuldgefühle betreten können», sagt er. Die Menschen sähen heute auf ihren Handys genug schlechte Nachrichten. «Ich will für sie Momente schaffen, in denen sie sich gut fühlen – denn es geht um die Werte des täglichen Lebens.»

Wie das Museum in die Zukunft geführt werden soll

Um die Interaktivität mit den 120'000 Besuchenden pro Jahr zu verstärken, wird 2025 eine Künstlerin der Genfer Haute école d'art et de design ein halbes Jahr im Museum verbringen und mit den Besuchenden ein Kunstwerk entwickeln.

Nur: Erlebt das Museum das Jubiläum tatsächlich? Pascal Hufschmid ist wieder zuversichtlich. Das hat mit seinem Besuch im Parlament während der Wintersession zu tun. «Das war unglaublich», sagt er. «Ich bekam viel Wohlwollen zu spüren gegenüber dem Museum. Das gibt mir Mut.»

Neu will Hufschmid im Zentrum des Museums ein Amphitheater schaffen. Zudem möchte er in einer neuen allgemeinen Ausstellung drei Fragen beantworten: Wie wurde das humanitäre Völkerrecht geboren? Was bedeutet es im täglichen Leben? Wohin entwickelt es sich?

Er hat auch bei Aussenministerium und Bundesamt für Kultur vorgesprochen – mit eigenen Lösungsansätzen: «Kann man das Museum verstaatlichen? Können mehrere Bundesämter das Patronat übernehmen?»

Ebenfalls in der Dezembersession hat SP-Nationalrätin Estelle Revaz eine Motion eingereicht, in der sie fordert, der Bund müsse das Museum finanziell ausreichend unterstützen: «Es bewahrt ein einzigartiges Kulturerbe und macht es der Öffentlichkeit zugänglich.»

Direktor Hufschmid sagt, man müsse «gemeinsam eine Lösung» finden. Seine Nachricht an den Bundesrat sei: «Lasst uns darüber reden.» Er glaubt an seine Chance: «Ich bin von Natur aus Optimist.» (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Waffenschmied Reto Zürcher baut ein Schwert aus dem 13. Jahrhundert nach
Video: extern / rest
Das könnte dich auch noch interessieren:
65 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Lowend
04.01.2025 12:49registriert Februar 2014
Wenn der Bundesrat so weitermacht, haben unsere Nachfahren zwar eine hochgerüstete Schweiz ohne Staatsschulden, aber auch ohne intakte Natur oder eine Geschichte, auf die sich's zurückzublicken lohnt.
9627
Melden
Zum Kommentar
avatar
Joe Smith
04.01.2025 13:49registriert November 2017
1.1 Millionen pro Jahr. Zum Vergleich: Basel wirft für den ESC 34.5 Millionen auf, damit liesse sich das Museum 34 Jahre lang subventionieren. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, einfach so zu Illustration der Verhältnismässigkeit.
597
Melden
Zum Kommentar
avatar
Kei Luscht
04.01.2025 14:13registriert Dezember 2015
Verstehe ich das richtig? Über 5 Mrd für die Armee sind kein Problem, aber 1.1 Mio für die humanitäre Tradition der Schweiz sind zu viel?
6020
Melden
Zum Kommentar
65
    «Zölle machen Menschen ärmer» – so reagiert die Schweizer Politik auf Trumps Strafzölle

    Es war mal wieder typisch Trump: Am «Liberation Day» verkündet der US-Präsident Strafzölle in Höhe von 31 Prozent auf Schweizer Produkte. Die Begründung? Die Schweiz verlange 61 Prozent auf US-Waren. Nur: Diese Zahl scheint frei erfunden – oder wie es SVP-Nationalrat Thomas Matter gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA diplomatisch formuliert: «Ein Rechenfehler.»

    Zur Story