Alkohol, Drogen, Social Media – so süchtig ist die Schweiz
Welches sind die aktuellen Konsumtrends bei Alkohol, Tabak- und Nikotinprodukten, illegalen Drogen und psychoaktiven Medikamenten? Welche Probleme manifestieren sich beim Gebrauch digitaler Medien oder beim Glücks- und Geldspiel?
Das alljährliche Schweizer Suchtpanorama von Sucht Schweiz gibt einen umfassenden Überblick über die aktuellen Konsumtrends und Herausforderungen im Bereich der Suchtproblematik in der Schweiz. Es beleuchtet den Konsum von Alkohol, Tabak- und Nikotinprodukten, illegalen Drogen sowie psychoaktiven Medikamenten und betrachtet auch die wachsenden Probleme im Bereich der Glücks- und Geldspiele sowie der Online-Aktivitäten.
Trotz einer Reihe positiver Entwicklungen, wie dem Rückgang beim täglichen Alkoholkonsum und dem Rückgang des Passivrauchens, bleiben viele Suchtprobleme weiterhin bestehen und betreffen weite Teile der Bevölkerung.
Wir blicken auf sechs Suchtbereiche und darauf, wie sich die Lage dort präsentiert.
Alkohol
Der Alkoholkonsum zeigt in der Schweiz aktuell rückläufige Tendenzen, insbesondere bei Jugendlichen. Der tägliche Konsum hat sich in den letzten Jahrzehnten verringert, jedoch trinken immer noch 16 Prozent der Bevölkerung alkoholische Getränke in riskanten Mengen.
Besonders besorgniserregend ist das zunehmende Rauschtrinken, vor allem unter jungen Erwachsenen. Trotz der Rückgänge bei den Verkaufszahlen gibt es weiterhin Herausforderungen, insbesondere bei der illegalen Abgabe von Alkohol an Jugendliche und den alkoholbedingten gesundheitlichen Schäden, die jährlich auftreten.
Noch immer wird bei einem Viertel aller Alkoholtestkäufe in Läden oder Restaurants Jugendlichen widerrechtlich Alkohol verkauft. Und jedes Jahr kommen über 1700 Kinder mit alkoholbedingten Beeinträchtigungen zur Welt.
Tabak- und Nikotinprodukte
Obwohl die Zahl der Zigarettenverkäufe sinkt, bleibt der Nikotinkonsum in der Schweiz auf einem hohen Niveau. Etwa 27 Prozent der Bevölkerung konsumieren weiterhin Tabakprodukte oder Nikotin in anderer Form, einschliesslich neuerer Produkte wie E-Zigaretten und Tabakprodukte zum Erhitzen.
Die Zunahme des Konsums von neuen Nikotinprodukten, insbesondere unter Jugendlichen, stellt eine wachsende Herausforderung für die öffentliche Gesundheit dar. Der Konsum von E-Zigaretten und anderen neuen Nikotinprodukten ist besonders bei jungen Menschen weit verbreitet und könnte langfristig gesundheitliche Risiken mit sich bringen. Wie gross diese tatsächlich sind, ist derzeit allerdings noch unklar.
Illegale Drogen
Cannabis
Cannabis ist in der Schweiz verboten, wird aber weiterhin von über 200'000 Personen konsumiert. Zudem entgehen jedes Jahr mindestens 50 Tonnen Cannabis jeglicher Reglementierung und Besteuerung.
Während in anderen Ländern, wie Nordamerika, eine Legalisierungswelle stattfindet, verfolgt die Schweiz einen eigenständigen Weg, indem sie wissenschaftliche Pilotversuche durchführt, um die Auswirkungen einer möglichen Legalisierung zu untersuchen.
Kokain, Heroin, Ecstasy und Co.
Seit vier Jahren wird in vielen Schweizer Städten von einer «Crack-Krise» gesprochen, mit einem sehr grossen Kokain-Angebot, verbreitetem Crack-Konsum sowie der verschlechterten sozialen und gesundheitlichen Situation der Konsumierenden. Viele Städte und Kantone suchen lokale Antworten und könnten dabei von zusätzlicher Unterstützung durch den Bund profitieren.
Sorgen bereitet auch die mögliche Verbreitung von synthetischen Opioiden (Fentanyl), die in Nordamerika in den letzten Jahren unzählige Todesfälle verursacht haben. Bislang scheinen diese Substanzen in der Schweiz allerdings keine Verbreitung zu finden. Auch ein Heroinmangel wurde bislang nicht festgestellt, wie er nach dem Anbauverbot der afghanischen Taliban erwartet wurde.
Psychoaktive Medikamente
Der Konsum von psychoaktiven Medikamenten, insbesondere von Schmerzmitteln und Beruhigungsmitteln, bleibt ein anhaltendes Problem. Besonders bei Jugendlichen ist der Mischkonsum von Medikamenten mit anderen Substanzen weit verbreitet, was zu gesundheitlichen Risiken führt. Obwohl in den letzten Jahren Sensibilisierungsmassnahmen eingeleitet wurden, bleibt der Konsum von Medikamenten wie Benzodiazepinen und Codein eine Herausforderung.
In Pflegeheimen und unter älteren Menschen ist der Konsum von Beruhigungsmitteln und Schlafmitteln weiterhin verbreitet, was zu langfristigen gesundheitlichen Problemen führen kann.
Glücks- und Geldspiel
Die Probleme im Bereich des Glücks- und Geldspiels haben in den letzten Jahren zugenommen. Rund 7 Prozent der jungen Erwachsenen in der Schweiz zeigen problematisches Spielverhalten, und die Zahl der Spielsperren ist mit 18'000 neu ausgesprochenen deutlich angestiegen. Besonders betroffen sind junge Erwachsene, die besonders anfällig für Online-Gambling sind.
Diese Entwicklung wird durch die Verfügbarkeit von Online-Casinos und den Zugang zu Glücksspiel über digitale Plattformen verstärkt. Trotz der Einführung von Schutzmassnahmen bleibt der Zugang zu illegalen Glücksspielen eine Herausforderung, und die Effektivität der Spielsperren wird immer wieder hinterfragt.
Online-Aktivitäten
Die Nutzung digitaler Medien und sozialer Netzwerke hat sich in den letzten Jahren stark ausgeweitet und ist besonders unter Jugendlichen weit verbreitet. Etwa 7 Prozent der 15-Jährigen zeigen problematische Nutzungsgewohnheiten, die mit einer Vernachlässigung anderer wichtiger Lebensbereiche einhergehen.
Digitale Angebote, insbesondere soziale Medien und Videospiele, sind oft so gestaltet, dass sie das Nutzerverhalten beeinflussen und die Zeit der Nutzer verlängern. Diese sogenannten «Dark Patterns» und manipulativen Mechanismen tragen zur Entstehung von Abhängigkeiten bei und können insbesondere bei jungen Menschen langfristige Folgen für die kognitive und soziale Entwicklung haben.
Die Politik debattiert deshalb über ein mögliches Verbot von Social Media für Jugendliche und der Handy-Nutzung an Schulen, zieht aber derzeit keine wirksamen Regulierungsmassnahmen gegen manipulative Mechanismen in Betracht.
Vorschläge für Problemlösung
Die Studie fordert einen umfassenden Kurswechsel in der Suchtpolitik, insbesondere durch eine verstärkte Prävention und mehr Investitionen in präventive Massnahmen. Suchtprobleme verursachen jährlich geschätzte Kosten von rund 8 Milliarden Franken, wobei der Grossteil der finanziellen Last von den Prämienzahlenden getragen wird.
Um diese Kosten langfristig zu senken und die gesellschaftlichen Folgen der Sucht zu verringern, wird eine stärkere Fokussierung auf präventive Massnahmen und frühzeitige Interventionen gefordert. Es wird betont, dass Prävention nicht nur eine ethische Verpflichtung ist, sondern auch eine ökonomisch sinnvolle Massnahme, da sie helfen kann, die Folgekosten der Sucht zu reduzieren.
