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Gesundheit

Dubiose Spitex-Firmen und Abzocker nutzen Pflegeboom als Goldgrube

Pflegeboom als Goldgrube: Dubiose Firmen drängen in den Spitex-Markt

Wo Krankenkassen und Gemeinden zahlen, sind Abzocker nicht weit. Im boomenden Markt der Angehörigenpflege tauchen immer fragwürdigere Anbieter auf.
27.05.2026, 21:4727.05.2026, 21:47
Henry Habegger
Henry Habegger
Parallel zur Alterung der Bevölkerung wächst die Zahl der pflegenden Angehörigen in der Schweiz stark.
Parallel zur Alterung der Bevölkerung wächst die Zahl der pflegenden Angehörigen in der Schweiz stark.Bild: Getty

Die Webseite ist das Werk eines KI-Schwurblers. Hohle Phrasen, in Unmengen angehäuft. Seitenlang, endlos, rosa unterlegt, mit Pflegebildern, irgendwo aus dem Internet heruntergeladen und mit künstlicher Intelligenz frisiert. Sätze im Stil von: «Viele Angehörige kommen an einen Punkt, an dem sie spüren: So kann es nicht weitergehen». Auf der Webseite geht es sofort weiter, zur Rubrik: Eine «erste Orientierung», und die hat es in sich. Bis 10'584 Franken pro Monat kann verdienen, wer einen Angehörigen pflegt. So verspricht es der aufgeschaltete «Lohnrechner». Es folgt die Aufforderung, Name, Adresse und Telefonnummer einzugeben.

Der genannte «Lohn» ist reiner Nepp, um ein Vielfaches zu hoch gegriffen. Die Seite gehört dem Betreiber einer vor zwei Monaten im Handelsregister eingetragenen GmbH, die laut Statuten unter anderem die «Erbringung von ambulanten, spitalexternen Pflege-, Betreuungs- und Behandlungsleistungen» erbringt. Doch: Im unten auf der Seite versteckten Impressum steht das genaue Gegenteil: Die Firma «ist kein Pflege- oder Betreuungsanbieter und erbringt selbst keine Pflege- oder Betreuungsleistungen».

Der Inhaber der GmbH, auf deren Webseite man vergeblich nach Namen von real existierenden Personen sucht, fischt offensichtlich nach Adressen, die er weiterverkaufen oder sonst wie verwenden kann. Er fiel bisher vor allem durch den Betrieb von Umzugsfirmen auf.

Ein Kontaktformular auf der dubiosen Schwurbel-Seite reicht, und schon ist man eine Spitex. Die Firma ist ein Beleg dafür, wie schamlos sich dubiose Geschäftemacher mit Angehörigenpflege bereichern. Hochburg dieses Treibens scheinen Zürich und angrenzende Kantone zu sein. Aber wo bleiben die Behörden, die solche Akteure stoppen?

Die grosse Mehrheit der Firmen im Bereich Spitex und Angehörigenpflege arbeitet seriös, bietet wichtige Leistungen zugunsten der Pflegebedürftigen und der Gesamtgesellschaft an. Aber es gibt auch andere. Und diese werden mehr.

Schamlose Abzocker am Werk

Da ist etwa eine Firma, die ausschliesslich Angehörigenpflege anbietet. Einziger Gesellschafter war 2024 ein deutscher Staatsangehöriger, der auch als Vorsitzender der Geschäftsleitung amtete. Die Firma erzielte 2024 mit 70 Klienten einen Betriebsgewinn von gut 600'000 Franken, 150'000 Franken mehr als im Vorjahr – bei gleicher Kundenzahl. Ältere Zahlen zeigen, wie der Gewinn stieg: Zwei neue Geschäftsführer erhöhten nacheinander die verrechnete Stundenzahl pro Langzeitpflegefall massiv. 2020 lag sie bei etwa 230 Stunden pro Klient, 2024 bereits bei 640 Stunden. Auffällig ist auch die Zusammensetzung des Klientenstamms: Die grösste Gruppe ist unter 20 Jahre alt.

Angehörigenpflege
Es gibt immer mehr Spitex-Firmen, die sich auf Angehörigenpflege spezialisieren.Bild: Getty

Einer der Geschäftsführer, unter dem der Gewinn stark anstieg, übernahm später mit einem bosnischen Partner eine Spitex, die zuvor jahrelang defizitär war. Zuletzt hatte sie nur etwa zehn Klienten, verrechnete wenig Pflegestunden, was auf korrektes Geschäftsgebaren hindeutet. Aber unter den neuen Inhabern stiegen die Umsätze plötzlich stark an, wie Zahlen aus dem Jahr 2025 zeigen. Stutzig macht dabei unter anderem, dass der Präsident der Firma erst 2024 mit einem CBD-Handelsgeschäft in Konkurs ging. Kürzlich gründete er selbst ein Reinigungs- und Hauswirtschaftsunternehmen. Das deutet darauf hin, dass er Synergien zwischen verschiedenen Geschäftsfeldern nutzt. Was problematisch sein kann, weil Interessenkonflikte möglich sind.

Dazu kommt, dass der Mann schon früher in weiteren Spitex-Gesellschaften sass. Unter anderem in einer Einrichtung, die in einem halben Dutzend Kantonen aktiv war. Der aus dem Westbalkan stammende Geschäftsmann, der möglicherweise bloss ein Strohmann ist, verkaufte seine Anteile an eine Gruppe, die einem Schweizer Unternehmer und einem deutschen Investor gehört. Irritierend auch hier: Der Deutsche war 2021 in seiner Heimat mit einer Beteiligungsgesellschaft konkursgegangen.

Nach dem Einstieg der neuen Eigentümer verdoppelte sich 2024 in Zürich der durchschnittliche Personalaufwand pro Vollzeitstelle auf 155'000 Franken. Das deutet darauf hin, dass sich die neue Führungscrew sehr hohe Gehälter auszahlte. Ein ähnliches Muster zeigte sich in Basel-Landschaft und Basel-Stadt: Dort zahlte die Firma trotz teilweise hoher Betriebsverluste umgerechnet bis zu 170'000 Franken pro Vollzeitstelle aus. Gleichzeitig stieg die Zahl der verrechneten Langzeitpflegestunden pro Fall innert eines Jahres von 370 auf 500.

Kleine Imperien, grosse Gewinne

Einige Akteure haben sich kleine Imperien aufgebaut, in denen Angehörigenpflege oder klassische Spitex die tragende Säule bilden. So wurde ein gelernter Pflegefachmann aus dem Kosovo innert etwa sechs Jahren Inhaber oder zentraler Akteur in rund 20 Unternehmen. Kern sind ein halbes Dutzend Spitex-Firmen, deren Abrechnungen keine besonderen Auffälligkeiten zeigen. Auffällig ist aber die parallele Expansion in andere Sektoren: Garagen, Autovermietung, Reisen, Immobilien, Treuhand, Finanzen, Handel, Beratung, Wäscherei.

Der Grossteil dieser Firmen kam in den letzten zwei Jahren dazu. Zuletzt begann auch eine Expansion in den Kosovo. Dort soll der Schweizer Spitex-Standard angeboten werden. Zielgruppe sind vor allem albanische Patientinnen und Patienten in der Schweiz. Auf kosovarischer Seite wirken lokale Partner mit, die unter anderem im Tourismus tätig sind.

Auch junge Unternehmer entdecken den Markt. Eine Firma, erst 2024 ins Handelsregister eingetragen, generierte innert kurzer Zeit mit Angehörigenpflege mehrere hunderttausend Franken Umsatz pro Monat. Gesellschafter sind mehrere junge Schweizer, noch keine 30 Jahre alt. Sie betreiben auch eine Personalvermittlung im Gesundheitswesen sowie Firmen in der Bau- und Immobilienbranche. In ihrem Umfeld beschreiben sich einige als revolutionäre Geschäftsleute.

Auch Grossinvestoren steigen ein

Neben kleinen und neu gegründeten Firmen tauchen auch grosse Player auf. Sichtbar wird das bei Pflegewegweiser, deren deutsche Muttergesellschaft Entyre den weltgrössten Vermögensverwalter BlackRock als Investor gewann. Der US-Riese will Rendite sehen. Entyre mit Hauptsitz in Berlin ist auch auf dem US-Markt tätig.

Der Schriftzug der Krankenkasse Helsana, aufgenommen am Mittwoch, 5. Februar 2014, am Hauptsitz in Duebendorf. Heute hat Helsana im Rahmen einer Pressekonferenz die Zahlen fuer das Jahr 2013 bekannt g ...
Will an ihren Anteilen an Entyre festhalten – die Schweizer Krankenkasse Helsana.Bild: KEYSTONE

Pikant: Zu den Investoren bei Entyre gehörten auch die Schweizer Krankenkassen Helsana und CSS. CSS kündigte kürzlich an, das umstrittene Engagement aufzugeben. Helsana will daran festhalten.

«Das System wird missbraucht. Es ist ein Bruch der gesellschaftlichen Konventionen», sagt ein Bürger, der sich bei dieser Zeitung meldete, nachdem er selbst auf offensichtliche Missstände stiess. Er empfindet diese Entwicklung als «unschweizerisch». Die Leidtragenden seien unter anderem die Gemeinden, die immer mehr für Pflege aufwenden müssten und sich nicht dagegen wehren könnten.

Der Entscheid des Bundesgerichts 2019 öffnete die Büchse der Pandora auf dem Markt für Angehörigenpflege. Die träge Schweizer Politik schaffte es bisher nicht, die Büchse wieder zu verschliessen, Schlupflöcher zu stopfen und Missbräuche zu verhindern. Das soll sich jetzt ändern, Vorstösse sind unterwegs. Was daraus wird, muss sich erst noch zeigen. (aargauerzeitung.ch)

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