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Im Kanton Glarus darf erstmals ein Wolf geschossen werden

Im Kanton Glarus darf erstmals ein Wolf geschossen werden – so hadert das Sernftal

Im Glarner Sernftal rissen Wölfe dieses Jahr schon so viele Tiere wie seit mehr als 150 Jahren nicht mehr. Jetzt hat das Umweltamt den Abschuss eines Problemwolfs bewilligt. Ein Besuch zeigt Dörfer, die mit dem Wolf leben und wo Kinder jetzt nicht mehr allein zur Schule laufen.
29.07.2022, 18:0823.01.2023, 13:46
Simon Maurer / ch media
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Morgen früh auf dem Gemeindegebiet von Matt im Kanton Glarus. Die Luft ist trotz Hitze im Unterland 15 Grad kühl. Von der Hütte auf der unteren Berglialp geht Sentenbauer Heiri Marti hoch hinauf zu seinen Kühen, wie er es seit diesem Frühling jeden Tag tut. Der Glarner kennt jeden Stock und Stein auf dem Weg, doch er ist angespannt, wie wenn er das erste Mal hochlaufen würde. «Der Wolf ist seit ein paar Monaten wieder da», erklärt Marti. Er kontrolliert seine Kühe und Kälber jetzt oft. Die Meldungen von gerissenen Tieren bereiten ihm Sorgen.

«Besonders die zehn gerissenen Schafe auf der Wiese neben dem Dorf haben mich wütend gemacht», berichtet Marti in melodischem Glarner Dialekt. Der Angriff sei gleich neben der Talstation der Seilbahn im Dorf passiert. «Seitdem schicke ich kleine Kinder nicht mehr allein zur Alp hoch», sagt der Landwirt, dessen Familie hier schon seit Generationen den «Berglialpchäs» herstellt.

In den drei Dörfern im Tal hat sich die Stimmung seit Anfang Jahr verändert. In Engi steht ein zwei Meter hoher Zaun mit Stacheln um eine Pferdekoppel am Mülibach.

Fast schon wie im Militär: Die Engeler müssen ihre Tiere mit noch höheren Zäunen schützen als bisher.
Fast schon wie im Militär: Die Engeler müssen ihre Tiere mit noch höheren Zäunen schützen als bisher.bild: smr

Oben im Mühlebachtal ist ein Wanderweg gesperrt: Die Mutterkühe seien wegen der Anwesenheit des Wolfs zu nervös, steht auf einer Tafel. Und die Nachtspaziergänge der Dorfjugend zum Stein auf der anderen Seite des Sernf, dem Fluss in Matt, sind streng verboten worden.

Glarner Wolf jetzt doch zum Abschuss freigegeben

Seit Anfang Mai haben Wölfe im Glarnerland 33 Nutztiere gerissen, 17 weitere werden vermisst und 11 Tiere ­wurden verletzt. Der letzte Überfall erfolgte vorletzten Sonntag auf der Alp Wichlen ob Elm. Heiri Marti hat eine klare Haltung zum Wolf: «Man muss jetzt ein Tier schiessen, sonst ist als Nächstes bald ein Mensch das Opfer.» Eine Regulation nehme man bei Wildsäuen, Gämsen und Hirschen schliesslich auch vor.

Der Kanton kommt den Bauern jetzt tatsächlich entgegen: Gestern ­verfügte das Umweltdepartement den ­Abschuss des Problemwolfs, der in den letzten vier Monaten mehr als zehn Nutztiere getötet hat. Auch in der Waadt wurde gestern der Abschuss eines Wolfs beschlossen. Und im Wallis wurde am Samstag ein Wolf erlegt. «Diese Strategie ist die richtige», ist Hans Rudolf Forrer, Gemeindepräsident von Glarus Süd, überzeugt. Mit dem gestrigen Entscheid hatte er nichts zu tun, hält die aktuelle Situation aber für untragbar. Forrer sagt:

«Wir sehen einfach, dass das Zusammenleben von Wolf und Mensch in der Schweiz nicht klappt, wir haben nicht genügend Platz für solche Raubtiere.»
Gemeindepräsident von Glarus Süd: Hans Rudolf Forrer
Gemeindepräsident von Glarus Süd: Hans Rudolf Forrerbild: smr

Ausrotten solle man den Wolf nicht, aber es müsse jetzt etwas passieren. Forrer selbst gehört der SP an, welche das Referendum gegen die Revision des Jagdgesetzes vor drei Jahren unterstützte und den Wolf damit schützen wollte. Doch an der Basis in den Bergkantonen sehen es die Menschen anders als in der nationalen Partei, zumindest die Mehrheit. Am Tag der Abstimmung war das Resultat mit nur 52.7% knapp.

Der Wolf ist hier oben nicht nur ein Tier aus dem Märchen, sondern Realität und wird sehr emotional diskutiert. Die Frage um seine Jagdbarkeit hat das Potenzial, Familien zu spalten. Ein Bauer, der nicht genannt werden will, hat sich mit dem Wolf abgefunden, wenn er auch anfangs gegen das Tier gewesen sei. Eine Anwohnerin in Matt will ebenfalls nicht, dass man die Tiere abschiesst. Sie erzählt, dass sie Diskussionen über das Thema neuerdings meidet, weil da schon viel Streit entstanden ist - auch mit den eigenen Verwandten.

Jungwölfe zwischen Engi und Schwanden Ende 2021.
Jungwölfe zwischen Engi und Schwanden Ende 2021.bild: zvg

Städter haben laut vielen Berglern keine Ahnung vom Raubtier

Die Mehrheit der im Dorf Befragten spricht sich für einen Abschuss aus. So auch Christoph Marti (nicht verwandt mit Heiri Marti), dessen zehn Schafe im Mai auf der Wiese neben Matt getötet wurden.

«Jedes meiner Tiere hatte einen Namen, es hat mich wahnsinnig geschmerzt, als ich sie zerfleischt und voller Blut auf der Wiese gefunden habe.»

Man könne sich das nur vorstellen, wenn man selbst Tiere halte. «Klar sind es Tiere, die wir für Milch und Fleisch halten, aber als Bauer hat man eine besondere Beziehung zu ihnen.»

Christoph Marti zeigt die Stelle, wo zehn seiner Schafe in einer Nacht gerissen wurden.
Christoph Marti zeigt die Stelle, wo zehn seiner Schafe in einer Nacht gerissen wurden.bild: smr

Christoph Marti ist von der Debatte um den Wolf ebenfalls genervt. Er findet es unehrlich, dass die Städter ständig neue Auflagen für die Bauern und die Freilandhaltung fordern. Dann aber bei Angriffen durch den Wolf nichts tun wollen. «Das passt einfach nicht zusammen, und am Schluss stehen wir Bauern mit abgesägten Hosen da und sind die Bösen.»

Das Argument, man müsse die Tiere nur besser schützen, lässt er nicht gelten. Denn der Schutzzaun mit Hochspannung habe seine Schafe auch nicht retten können. Die Wölfe hätten die Tiere von der einen Seite des Zauns zur anderen getrieben, bis die Schafe schliesslich selbst in den Zaun und dann darüber gesprungen seien. Marti sagt: «Diese Attacke ist in Dorfnähe geschehen, wo am Tag 30 Meter weiter Kinder spielen.» Der Landwirt ist deshalb für eine Anpassung des Jagdgesetzes, damit der Wolf zumindest in der Zahl reguliert werden kann.

Ein Wolfswinter könnte der Schweiz bevorstehen

Momentan breiten sich die Wölfe noch exponentiell aus.

Entwicklung des Wolfbestandes in der Schweiz.
Entwicklung des Wolfbestandes in der Schweiz.quelle: kora; grafik: let

Vor 25 Jahren gab es hierzulande laut der Stiftung Kora für Raubtiermonitoring dagegen noch kein einziges Exemplar. Heute sind es etwa 150 Tiere in 16 Rudeln. Zwei der Wolfsfamilien leben im Kanton Glarus, das Mürtschen-Schilt-Rudel und das sesshaftere Kärpf-Rudel. Es wird erwartet, dass sich mindestens eines auch dieses Jahr fortpflanzt. Zur Anzahl der Jungwölfe lässt sich aber noch nichts sagen, weil diese den Sommer nach der Geburt in einer Höhle verbringen und erst im Herbst ins Freie kommen.

«Mir macht vor allem der nächste Winter Sorgen», erklärt Gemeindepräsident Hans Rudolf Forrer. Dann verweilen die Wölfe vermehrt im Tal in Dorfnähe, wo Futter zu finden ist und wo sich auch die Menschen aufhalten. Letzten Winter gab es bereits auffällig viele Begegnungen mit dem Wolf auf Wiesen oder auf der lokalen Langlaufloipe, wo drei Risse aufgefunden wurden, wie Gemeindeschreiberin Heidi Seibert anmerkt.

Arbeiter haben Jungwölfe auf dem Heimweg auch immer wieder an der gleichen Stelle in der Nähe von Luchsingen gesehen. Das bereitet der Bevölkerung Sorgen. Auch weil die Kinder hier lange Schulwege haben und oft allein mit dem Velo oder zu Fuss unterwegs sind.

Weniger Mühe haben Touristen mit dem Wolf. Wegen seines hundeähn­lichen Aussehens sind sich viele nicht bewusst, dass vom Wolf wirklich eine Gefahr ausgehen könnte. Manche Besucher kommen sogar extra wegen der Sichtungsmeldungen hierher und suchen die Tiere. Davon raten Wildhüter und Gemeinden aber vehement ab (siehe Interview rechts). Das sei gefährlich, gerade im nächsten Winter gelte für Touristen ausserdem, dass man beim Schneesport besser auf den Pisten bleiben soll. Das Zusammenleben von Raubtier und Mensch ist noch nicht ausdiskutiert, das Patent noch nicht gefunden.

Szenenwechsel: wieder zurück zu Landwirt Heiri Marti auf die Berglialp. «Das Vieh ist unruhig, es merkt auch, dass Raubtiere in der Umgebung sind.» Martis Kontrollgänge können einen Angriff auf seine Tiere nicht verhindern. Trotzdem geht er jeden Tag hoch und schaut nach ihnen. Bisher blieb er von einer Attacke verschont. Wie lange das noch so bleibt, ist angesichts der zunehmenden Anzahl hungriger Jungwölfe unklar. Der Matter sagt: «Vielleicht muss das Tier wirklich einen Menschen anfallen, bis alle merken, dass unsere Leben nicht im Märchen stattfinden.» Denn eins ist im Dorf klar: Niemand will das nächste Rotkäppchen sein.

Besser Abstand nehmen: Begegnungen mit dem Menschen sind auch für das Tier ein Stress.
Besser Abstand nehmen: Begegnungen mit dem Menschen sind auch für das Tier ein Stress.bild: getty

Nachgefragt beim Wildhüter: «Ein Drittel der getöteten Nutztiere wurde von Einzelwölfen gerissen»

Wie funktioniert das Nebeneinander von Wolf und Mensch, Kühen und Schafen im Kanton Glarus derzeit? Antworten von Wildhüter Fridolin Luchsinger vom Umweltdepartement Kanton Glarus.

Wie viele Wölfe und Rudel leben derzeit im Kanton Glarus?
Wildhüter Fridolin Luchsinger: Derzeit lebt ein Rudel im Gebiet Kärpf. Letztes Jahr hatte das Rudel junge Wölfe. Einzelne wenige Jungtiere vom Vorjahr halten sich noch bei der Familie auf. Wie viele Jungtiere dieses Jahr geboren wurden, konnte noch nicht nachgewiesen werden. Weiter streifen einige Einzelwölfe durch den Kanton. Eine genauere Angabe kann hier nicht gemacht werden.

Wie viele Tiere haben diese Wölfe bisher gerissen?
Es hat in den letzten Monaten einige Risse in den Sömmerungsgebieten, aber auch in Talregionen gegeben. Die Nutztiere befanden sich sowohl in geschützten als auch in ungeschützten oder nicht zumutbar schützbaren Situationen. In den letzten drei Monaten wurden rund 40 Nutztiere gerissen, davon rund ein Drittel von einzelnen Wölfen, das heisst nicht vom Wolfsrudel.

Melden sich oft Leute aus der Bevölkerung, die Angst haben vor dem Wolf?
Derzeit findet ein intensiver Dialog mit der Landwirtschaft aufgrund der entstandenen Schäden statt. Die Meldungen aus der Bevölkerung sind vielfältig, von Wolfsbefürwortern, aber auch von Wolfsgegnern.

Welche zusätzlichen Massnahmen unternimmt die Wildhut, seitdem der Wolf wieder ein so grosses Thema ist?
Das Wolfsmanagement ist eine vielschichtige Aufgabe, die sich nicht nur aus Aufgaben der Wildhut, sondern auch aus Pflichten der Landwirtschaft ergibt. Der Landwirtschaft obliegt der Herdenschutz. Die Wildhut untersucht die Risse, nimmt DNA-Proben, und bei Bedarf nimmt sie schlussendlich auch Vergrämungsmassnahmen oder Abschüsse vor. Die professionellen Wildhüter überwachen systematisch und sorgfältig das Verhalten und den Aufenthalt der Wölfe. Bei Fragen aus der Bevölkerung gibt der Wildhüter Auskunft.

Wie werden die Nutztierherden geschützt?
Die Massnahmen, die Bauern treffen können, sind vielfältig und von der Gebirgsbeschaffenheit abhängig. Zäune wirken nicht immer, auch wenn sie unter Starkstrom stehen. Herdenschutzhunde sind eine gute Massnahme, obwohl sie auch nicht jeden Angriff verhindern können. Gerade werden mehr Hirtinnen und Hirten eingesetzt, doch das ist sehr personalintensiv und nicht überall möglich.

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33 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Fabi:)
29.07.2022 20:36registriert August 2021
Ich verstehe die Glarner Tierhalter schon. Auch meine Pferde in Graubünden sind unruhig wenn Grossraubtiere in der Gegend sind oder sie an toten Tieren vorbeigehen müssen. Ich finds dann schon unangenehm. Der Wolf ist eine Tatsache, spürbar für Weidetierhalter. Kein Stammtischgepolter. Doch, dass sie jetzt die Jugendlichen nicht mehr rauslassen find ich übertrieben. Einen Wolf schiessen kann sicher helfen, dass die Tiere wieder mehr Abstand nehmen. Aber die Wildhut kann das sicher besser einschätzen als ich.
Im Winter hats doch mehr geschwächtes Wild? Genug Futter.
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Meister Lampe
29.07.2022 20:38registriert Juli 2021
Muss man die Tiere zwingend abschiessen. Es gibt auch die Möglichkeit diese Konsequent zu verängstigten. In Vancouver werden Bären, die sich zu weit in die Vororte der Mullionenstadt wagen mit Gummischrott beschossen. Im Endeffekt müssen die Wölfe lernen das die alpweiden kein Buffet sind, sondern ihnen dort der Mensch und Gefahr droht
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Bärner728
29.07.2022 19:21registriert Juni 2020
Vielleicht sollte man das Geld der Städter mehr in die Bildung statt in Subventionen investieren. Dann könnten die Bauern vielleicht Märchen wie Rotkäppchen von der Realität unterscheiden. Nein, der Wolf frisst keine kleinen Kinder! (Ausser vielleicht wenn diese alleine im Wald ausgesetzt werden) Jetzt können Wetten abgeschlossen werden, wer schiesst mehr Wölfe bis sie den "Richtigen" haben? Das Wallis (aktuell in Führung), Graubünden oder Glarus?
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