5 Fragen an BAK-Chefökonom zu den angedrohten «Grönland-Zölle»
Die angedrohten «Grönland-Zölle» sind nicht nur für die betroffenen EU-Länder, sondern auch für die Schweizer Wirtschaft eine schlechte Nachricht, meint BAK-Economics-Chefökonom Claude Maurer. Er hofft, dass sie ein Weckruf sind.
AWP: Die Grönland-Frage eskaliert und neue Zolldrohungen stehen im Raum. Was bedeutet das für die Weltwirtschaft?
Claude Maurer: Bereits mit den aktuellen Zollsätzen dürfte sich der Welthandel 2026 rückläufig entwickeln. Kommen nun die «Grönland-Zölle» obendrauf, würden sich diese Effekte verstärken. Der unmittelbare Schaden kommt dabei nicht nur von den Zöllen selbst. Der Zick-Zack-Kurs von Donald Trump sorgt für enorme Unsicherheit, und Unsicherheit ist Gift für die Investitionstätigkeit der Unternehmen. Die Investitionen dürften 2026 in Europa vielerorts rückläufig sein, auch in der Schweiz.
Gegen die Schweiz hat Trump aber keine neuerlichen Zoll-Drohungen ausgesprochen. Ist das nicht ein Vorteil?
Europa ist der wichtigste Handelspartner der Schweiz, rund die Hälfte der Exporterlöse werden auf dem Kontinent erwirtschaftet. Jede Abschwächung der EU-Konjunktur bekommt die Schweizer Exportwirtschaft somit direkt zu spüren. Zudem wertete sich der Franken auf, was die preisliche Wettbewerbsfähigkeit mindert. Diese Nachteile wiegen den Vorteil der Schweizer Firmen, dass sie tiefere Zölle gegenüber den USA hätten als ihre EU-Konkurrenten, also mehr als auf. Besonders schlimm ist die Situation für die Maschinen- und Elektroindustrie.
Die Gefahr steht im Raum, dass die EU im Rahmen der Gegenmassnahmen eine Zoll-Mauer für alle Länder errichtet – auch für die Schweiz. Was würde dies bedeuten?
Dies wäre das Worst-Case-Szenario: Konjunkturell wäre es eine Kombination aus negativem Angebotsschock (Handelsfriktionen) plus Nachfrageschock (schwächer EU-Konjunktur). Zudem wäre ein solches Vorgehen ein Bruch mit den im Grossen und Ganzen einvernehmlichen bilateralen Beziehungen mit Europa und dem Festhalten an globalen Handelsleitplanken durch die WTO auf dem europäischen Kontinent. Die wirtschaftlichen und politischen Folgen wären entsprechend hoch.
Trump ist nun seit einem Jahr im Amt und hat – je nach Sichtweise – viel bewegt oder viel kaputtgemacht. Warum hält sich die Weltwirtschaft gleichwohl relativ gut?
Wir müssen Geduld haben... Investitions- und Konsumpläne laufen träge, Politikwechsel fressen sich nicht in Wochen oder Monaten durch die Realwirtschaft. Zudem gehen viele Unternehmen und die Finanzmärkte davon aus, dass viel Bluff ist und die Umsetzung viel wirtschaftsfreundlicher ist als angedroht. Das reduziert kurzfristig den realen Schaden. Hinzu kommt: KI treibt die Konjunktur an, auch werden in vielen Ländern Gelder in die Wirtschaft gepumpt oder die Steuern gesenkt. Beides erhöht die Nachfrage – aber auch die Schulden. Gleichzeitig werden die Zentralbanken – namentlich die US-Notenbank Fed – expansiver in ihrer Politik, was die Märkte stützt.
Wird dies auch längerfristig der Fall sein?
Die Unsicherheit und die Fragmentierung der Weltwirtschaft senken das Wachstumspotenzial, das ist klar. Die Innovationskraft durch KI sowie die Stimulation durch Fiskal- und Geldpolitik vermögen das zu kompensieren, zumindest bis der Schuldenberg die Zinsen in die Höhe treibt. Wann das genau geschehen wird, ist nicht prognostizierbar. Sicher ist, dass die Zeit der Globalisierungsdividende vorbei ist. Positiv ist, dass die sichtbar handelsfeindliche, dirigistische und unsolidarische Politik der Regierung Trump ein Weckruf ist, sich in der Schweiz auf die eigenen Stärken zu besinnen. Als kleines Land zwischen den Blöcken sind gute Standortbedingungen für Unternehmen die einzige Trumpfkarte, die wir selber in den Händen haben. (sda/awp)
