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«Die meisten verschwinden wieder»: Minderjährige Afghanen wollen nicht bleiben

Wegen Gerüchten verlassen sie Österreich. Doch auch hier wollen sie nicht bleiben.
10.11.2021, 09:52
Pascal Ritter / ch media

Manchmal sind es einzelne, manchmal mehrere Dutzend. Täglich werden minderjährige Migranten aus Afghanistan an der Schweizer Grenze zu Österreich vom Zoll aufgegriffen und der St. Galler Kantonspolizei übergeben. Gemäss deren Sprecher, Hanspeter Krüsi, ist der personelle Aufwand dafür so gross, dass andere Arbeiten im Bereich des Ausländerrechts liegenblieben.

Bis Ende August wurden dieses Jahr 915 Afghanen aufgegriffen. Zwei Drittel davon waren noch minderjährig. Dies geht aus der Antwort des Bundesrates auf eine Interpellation des St. Galler Nationalrates Mike Egger (SVP) hervor. Darin schreibt die Regierung von einer «markanten Zunahme» in diesem Jahr. Waren die Zahlen in den Monaten Januar bis Juni noch zweistellig, kamen im August schon 446 Personen.

«Warum die jungen Afghanen jetzt die Schweizer Grenze überqueren, ist nicht klar»

Egger hatte Auskünfte über die Zusammenarbeit mit Österreich beim Dublin-Abkommen verlangt. Es besagt, dass Asylsuchende in das Land überstellt werden, wo sie zuerst einen Asylantrag gestellt haben. Der Bundesrat beschrieb die Zusammenarbeit mit Österreich als «sehr gut und konstruktiv».

Allerdings kommen die wenigsten der afghanischen Einreisenden überhaupt ins Dublinverfahren. Die meisten stellen in der Schweiz gar keinen Asylantrag. Von den 915 Einreisenden baten nur 114 um Asyl. Da zwischen Österreich und der Schweiz ein Rückübernahmeabkommen besteht, ist vorgesehen, dass die einreisenden Afghanen wieder zurück nach Österreich müssen. Um den Status der minderjährigen Migranten zu überprüfen und sie später allenfalls nach Österreich auszuschaffen, werden sie in Notunterkünften untergebracht. Dort steht Verpflegung und für die Befragung ein Dolmetscher zur Verfügung. Allerdings komme es in den wenigsten Fällen zu einer Befragung, die in der Regel rund drei Tage nach Ankunft stattfindet. Polizeisprecher Krüsi sagt: «Die allermeisten verschwinden am nächsten Morgen und setzen ihre Reise fort.»

Das Ziel der Flüchtlinge könnte Frankreich sein, vermutet Klaus Hof­stätter von der Asylkoordination Österreich, einer Organisation, die Unterstützung für Migranten koordiniert. Das Land habe unter Afghanen einen guten Ruf, weil es bei Abschiebungen nach Afghanistan in der Vergangenheit zurückhaltender war als andere europäische Länder. Dies sagten Migranten, die sich an die Asylkoordination wandten. Die Schweiz werde hingegen kaum je als Wunschziel genannt.

Ein Angehöriger des Grenzwachtkorps durchsucht am Zoll einen Migranten (Foto von 2015).
Ein Angehöriger des Grenzwachtkorps durchsucht am Zoll einen Migranten (Foto von 2015).Bild: keystone

Warum die jungen Afghanen jetzt die Schweizer Grenze überqueren, ist nicht klar. Mitte August übernahmen die radikalislamischen Taliban das Land. Diese Machtübernahme hatte sich schon früher abgezeichnet, was die Flucht aus dem Land befeuerte. Allerdings dauert die Flucht bis nach Europa einige Zeit. Flüchtlingshelfer Hof­stätter geht davon aus, dass auch die österreichische Asylpolitik bei der Weiterreise eine Rolle spielt. Flüchtlinge blieben teilweise lange in Erstaufnahmeunterkünften und würden nicht auf die Bundesländer verteilt. Dadurch entstünde der Eindruck, es gebe in Österreich keine Chance auf Asyl.

Angst vor Abschiebung, die wohl gar nicht droht

Gemäss Hofstätter kursiert insbesondere unter jungen Migranten das Gerücht, Österreich nehme überhaupt keine Afghanen mehr auf. Hofstätter sagt: «In der ersten Phase des Asylverfahrens ist die Obhutssituation der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge ungeklärt und diese sind oft auf sich allein gestellt. Da entsteht leider schnell der Eindruck, dass sie keine Chance auf Asyl hätten.» Diesen Eindruck befeuert hätten Aussagen des Innenministers Karl Nehammer (ÖVP), der sich gegen die direkte Aufnahme von Flüchtlingen ausgesprochen hat. «Da ziehen die Jugendlichen lieber weiter, um Abschiebungen zuvorzukommen, die es aber so gar nicht gibt», sagt Hofstätter.

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