Deshalb kommt Medikamentenmissbrauch bei Ärzten häufiger vor
Es ist eine Besonderheit des Arztberufs: Ärztinnen und Ärzte mit einer Berufsausübungsbewilligung dürfen Medikamente zum eigenen Gebrauch beziehen – grundsätzlich alles, vom harmlosen Aspirin bis zum schnell süchtig machenden Opioid. Was als Ausdruck professioneller Autonomie gedacht ist, kann gefährlich werden.
So mutmasslich beim Neurologen Urs Schwarz, der am Unispital Zürich tätig war und über dessen Fall der «Tagesanzeiger» berichtet hat. Schwarz verschrieb sich zunehmend starke Schmerzmittel und ein Cortisonpräparat mit erheblichen Nebenwirkungen: Wassereinlagerungen, erhöhter Blutzucker, gesteigertes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stimmungsschwankungen, Depressionen. Er nahm die Medikamente, um weiterarbeiten zu können. Am Ende wird ihm genau dieser Wille zum Verhängnis. Urs Schwarz starb 2021 an den Folgen eines Hirnschlags.
Studien zeigen, dass medizinisches Personal überdurchschnittlich häufig bestimmte Medikamente missbraucht. Besonders betroffen sind Ärztinnen und Ärzte aus Anästhesie, Notfallmedizin und Psychiatrie: Fachgebiete mit hoher Belastung und leichtem Zugang zu wirksamen Substanzen. Eine Befragung aus den 1990er-Jahren unter rund 500 Schweizer Ärztinnen und Ärzten ergab, dass mehr als ein Drittel von ihnen Schlaf- und Beruhigungsmittel im vergangenen Jahr eingenommen hat – fast doppelt so viele wie in der Allgemeinbevölkerung.
Berufsverband will Selbstverschreibungspraxis nicht ändern
Eine Auswertung rechtsmedizinischer Institute in Deutschland, Österreich und der Schweiz belegt ausserdem, dass Medikamentenmissbrauch unter der Ärzteschaft tödlich enden kann: Zwischen 2002 und 2012 wurden 39 Todesfälle unter medizinischem Personal mit Verdacht auf Medikamentenmissbrauch registriert. In 85 Prozent der Fälle spielte das Narkosemittel Propofol eine zentrale Rolle. Die Mehrheit der Todesfälle wurde als Suizid eingestuft, einige als unbeabsichtigte Überdosierungen. Die Fallzahl ist klein, erfasst sind jedoch auch nur die extremsten Verläufe.
Was sagt der Berufsverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) zur Praxis der Selbstverschreibung? Auf Anfrage antwortet eine Kommunikationsverantwortliche und schreibt, für die FMH sei es «grundsätzlich unbestritten», dass Ärztinnen und Ärzte sich selbst Medikamente verschreiben dürften. Die Krankenkassen sind in diesem Fall aber nicht verpflichtet, die Kosten zu übernehmen.
Am Prinzip der Selbstverschreibung will man bei der FMH jedenfalls nicht rütteln. Zugleich betont sie, die eigene Gesundheit müsse für Ärztinnen und Ärzte ebenso zentral sein wie die ihrer Patientinnen und Patienten. Für Krisensituationen verweist sie auf das Unterstützungsnetzwerk ReMed. Es richtet sich an Medizinerinnen und Mediziner, die beruflich und privat derart unter Druck geraten sind, dass ihre Lebenssituation ausweglos erscheint. Innerhalb von 72 Stunden bietet ReMed eine erste Beratung und Unterstützung von qualifizierten Fachpersonen an. (aargauerzeitung.ch)

