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Auf den Sozialen Medien brechen viele Weisse ihr Schweigen und hinterfragen ihre Privilegien.
Auf den Sozialen Medien brechen viele Weisse ihr Schweigen und hinterfragen ihre Privilegien.Bild: keystone

Was ist White Privilege? 4 Punkte zur Bevorzugung der Weissen

In Interviews und in den Sozialen Medien rufen schwarze Personen dazu auf, dass sich Weisse ihren Privilegien bewusst werden. Dabei ist oft die Rede von White Privilege oder Critical Whiteness. Was bedeutet das? Eine Erklärungsauswahl in vier Punkten.
18.06.2020, 09:0018.06.2020, 20:17

Was bedeutet die eigene Hautfarbe im politischen Alltag? Solche Fragen wurden bislang hauptsächlich im wissenschaftlichen Alltag diskutiert. Im Nachgang zu den «Black Lives Matter»-Debatten erreicht diese Frage auch die breiten Massen. Unter dem Hashtag #kritischesweisssein berichteten in den letzten Tagen Hunderte, welche Privilegien weisse Personen im Alltag haben.

Dabei kamen immer wieder die Begriffe «White Privilege» oder «Critical Whiteness» auf. Was bedeuten diese Worte? Ein Blick in die akademische Auseinandersetzung dazu.

Was heisst «White Privilege» und «Critical Whiteness»?

Die Überlegung hinter diesen Begriffen ist, den Fokus auf ein bestimmtes Thema zu werfen. Die Erforschung des Rassismus stellte traditionell «Betroffenen» ins Zentrum: Wie werden sie unterdrückt? Warum werden sie ausgegrenzt? Die Forschungsrichtung Critical Whiteness untersucht hingegen die Verantwortung von Weissen. Die Debatte wird dominiert durch englische Begriffe, die im deutschsprachigen Raum oft mit «weissen Privilegien» und «kritischer Weissheit» übersetzt werden.

Weisse Privilegien

Die heute 85-jährige Aktivistin und Wissenschaftlerin Peggy McIntosh befasst sich seit Jahrzehnten mit weissen Privilegien. In ihrem Essay «White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack» schreibt sie:

«Das weisse Privileg ist wie ein unsichtbarer, schwereloser Rucksack.»
Peggy McIntosh (1989)

Es sind (systematische und rechtliche) Vorteile, Ansprüche oder Wahlmöglichkeiten, die Menschen allein deshalb haben, weil sie weiss sind. Im Allgemeinen sind sie sich diesen nicht bewusst – deshalb auch das Bild vom «unsichtbaren, schwerelosen Rucksack».

Diese Privilegien werden oft auch als «Vermächtnis» und eine «Ursache» von Rassismus genannt. So schrieb die Autorin Francis E. Kendall, dass weisse Privilegien auch bedeuten würden, dass Weisse einen besseren Zugang zu Macht und Ressourcen haben als schwarze Menschen.

Kritisches Weisssein

Aus diesem Konzept ist auch eine eigene Forschungsrichtung entstanden. Critical Whiteness (kritische Weissseinsforschung) versucht, den Rassismus und die Diskriminierung zu erforschen, indem Perspektiven gewechselt werden. Während zuvor bei der Rassismusforschung der Fokus auf die «Betroffenen» gelegt wurde, stehen bei der kritischen Weissseinsforschung die gewollt oder ungewollt Rassismus-Ausübenden im Zentrum. Untersucht werden dabei Strukturen und Mechanismen, die zu den Privilegien geführt haben.

Bei Critical Whiteness geht es auch um die Annahme von weissen Personen, dass ihr «Weisssein» Norm und Massstab ist. Nicht-Weisssein sei hingegen eine «Abweichung» oder «Abstufung» dieser Norm.

Wo zeigen sich die Weissen Privilegien?

Die Forschung geht davon aus, dass weisse Personen bewusst oder unbewusst in allen gesellschaftlichen Bereichen gewisse Privilegien haben. So etwa im Bildungswesen, in der Politik und Rechtsprechung oder im Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Das würde sich auch darauf auswirken, wie weisse oder schwarze Personen in Medien, in der Werbung oder im Film und Theater dargestellt werden.

So fühlen sich Rassismus-Betroffene in der Schweiz

Video: watson/lea bloch, lino haltinner

Was kann ich tun, um meinen Privilegien bewusst zu werden?

Im Rahmen der weltweiten «Black Lives Matter»-Demonstrationen wurden verschiedene Vorschläge geteilt, wie sich weisse Personen ihrer Privilegien bewusst werden können. Peggy McIntosh veröffentlichte mit ihrer «White Privilege Checklist» 50 Punkte, die als «Behauptungen» gelesen werden können, um sich den eigenen Privilegien bewusst zu werden. Eine Auswahl auf Deutsch übersetzt:

  • Ich kann den Fernseher einschalten oder die Titelseite der Zeitung anschauen und Menschen repräsentiert sehen, die wie ich weiss sind.
  • Ich werde nie gebeten, für alle Weissen zu sprechen.
  • Wenn ich erkläre, dass ein rassistisches Problem vorliegt oder dass kein rassistisches Problem vorliegt, wird mein Weisssein mir mehr Glaubwürdigkeit für beide Positionen verleihen als eine Person of Color sie haben wird.
  • Mir wird nicht akut bewusst gemacht, dass meine Form, mein Verhalten oder mein Körpergeruch auf alle Menschen zurückfallen wird, die, wie ich, weiss sind.
  • Ich muss meine Kinder nicht dazu erziehen, sich zu ihrem eigenen täglichen physischen Schutz über Rassismus bewusst zu sein.
  • Wenn mir über unser nationales Erbe oder unsere «Zivilisation» erzählt wird, wird mir gezeigt, dass Menschen, die wie ich weiss sind, sie zu dem gemacht haben, was sie ist.

Derzeit befassen sich auch auf den Social-Media-Plattformen Menschen mit ihren weissen Privilegien. Die Debatte im deutschsprachigen Raum wurde Anfang Juni vom deutschen Journalisten Malcolm Ohanwe auf Twitter initiiert. Er rief unter dem Hashtag #KritischesWeisssein dazu auf, das eigene Weisssein kritisch zu reflektieren.

Zahlreiche Personen berichteten daraufhin von Erfahrungen im Alltag. Eine Auswahl:

Auch auf Instagram hinterfragen Weisse ihre Privilegien. Die Autorin und Mitgründerin des Instituts für diskriminierungsfreie Bildung hat eine Instagram-Challenge gestartet. Sie postet jeden Tag eine neue Frage, die andere Userinnen und User in einem Bild zur Selbstreflexion beantworten sollen.

Was bedeutet das in der Rassismus-Debatte?

Die deutsche Journalistin und Autorin Alice Hasters sagt zu «Deutschlandfunk Nova», dass bei der Diskussion mit solchen Begriffen weisse Menschen Zusammenhänge des rassistischen Systems verstehen und damit erkennen würden, dass sie «eindeutige Privilegien» hätten. Denn: «Das Privileg von weissen Menschen ist: Sie können Rassismus einfach ignorieren, wenn es ihnen zu anstrengend wird.» Dabei müssten sie aktiv dranbleiben.

Ähnlich formuliert es die Autorin Millary Hyatt: Durch die kritische Weissseinsforschung würde man weisse Menschen darauf aufmerksam machen, dass sie nicht «einfach Menschen» sind, sondern «weisse Menschen». Sie seien nicht ausgenommen von der gesellschaftlichen Bestimmung durch ethnische Merkmale. Diese Bestimmung verschaffe ihnen eine Sonderrolle. Es gehe darum, sich dessen bewusst zu werden, was man vorher gar nicht als Struktur des Denkens wahrgenommen hat.

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