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Wohnungsnot Kanton Zug Selbstversuch: Der lange Weg bis zur Besichtigung

Eine Ansicht ueber die Stadt Zug am Mittwoch, 25. Mai 2022. (KESTONE/Urs Flueeler)
Blick über den Zugersee und die Stadt Zug. Hier würden viele gerne leben.Bild: KEYSTONE
Wohnen ist Luxus

In diesem Kanton ist die Wohnungssuche besonders schlimm – ein Selbstversuch

Es hätte eine einmalige Reportage werden sollen über die Herausforderungen beim Finden einer günstigen Mietwohnung im Kanton Zug. Die Recherche zeigte aber: Das muss eine ganze Serie werden, weil Wohnraum nirgends so knapp ist, wie hier. Teil eins: der lange Weg zum Besichtigungstermin.
28.02.2024, 05:0428.02.2024, 17:48
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Jackpot! 3,5-Zimmer mit Balkon, einer Bushaltestelle direkt vor der Haustür, zehn Gehminuten vom Bahnhof Zug entfernt und das alles für «nur» 2'100 Franken Miete inklusive Nebenkosten. Das Beste daran: Ich habe tatsächlich einen Besichtigungstermin ergattert.

Der Weg hierhin war lang und steinig. Denn Zug ist wohl der letzte Kanton, in dem man auf Wohnungssuche sein möchte: Nirgends ist die Wohnungsknappheit in der Schweiz so akut wie hier.

Wohnungsnot verschärft sich im ganzen Land

Gemäss Auswertungen des Bundesamts für Statistik (BFS) hat der Wohnungsnotstand von 2022 und 2023 schweizweit zugenommen. Insgesamt standen im Vergleich zum Vorjahr 6'731 Wohnungen weniger leer, was einer Abnahme von 10,9 Prozent entspricht.

Laut denselben Zahlen ist die Wohnungsnot in der Schweiz nirgends so schlimm, wie in den Kantonen Zug und Genf. Ihre Leerwohnungsziffer beträgt 0,42 Prozent. Dieser Wert berechnet sich aus dem Verhältnis der leerstehenden Wohnungen zum Gesamtwohnungsbestand des Kantons. Je tiefer die Zahl, desto weniger leerstehende Wohnungen gibt es.

Am BFS-Stichtag für diese Statistik, am 1. Juni 2023, standen in Zug gerade einmal 254 Wohnungen leer. In Genf waren es 1'041.

Wohnen ist Luxus, Teil 1
Wer im Kanton Zug eine Wohnung finden muss, hat es schwer. Ausser, er oder sie kann tief in die Tasche greifen und auch mal 7'000 Franken monatlich für Miete ausgeben, wie ein Selbstversuch zeigt. Eine Serie über den Luxus Wohnen, den sich nicht mehr alle Zugerinnen und Zuger leisten können.

Trieben Expats Preise in die Höhe?

Ein Blick in die gängigen Immobilienplattformen online zeigt für den Kanton Zug ein deprimierendes Bild: Eine 2,5-Zimmerwohnung für 5'000 Franken, eine 3,5-Zimmerwohnung für 7'700 Franken, eine 3,5-Zimmer-Attikawohnung für 10'400 Franken. Bei den wenigen leerstehenden Wohnungen, die es überhaupt gibt, verlangen die Vermietenden selten weniger als 4'000 Franken im Monat.

Wohnungsnot in Zug Serie, Beispiel für eine teure 3,5-Zimmer-Wohnung
So sieht eine Wohnung direkt am Zugersee aus, für die man 10'400 Franken Miete bezahlen kann.Bild: screenshot newhome

Casha Frigo ist Maklerin bei Engel und Völkers in Zug und sagt:

«Wenn man den Markt im Kanton Zug anschaut, kann man schon zum Schluss kommen: Wohnen mutiert zum Luxus.»
Casha Frigo, Maklerin

Frigo kann einige Gründe für diese Ausgangslage nennen. Da wäre einerseits das Offensichtliche: «Wegen seiner tiefen Steuern ist Zug als Wohnort, aber auch als Firmensitz sehr attraktiv.»

Womit wir gleich beim nächsten Grund wären: In Zug befinden sich die Hauptsitze zahlreicher Firmen, deren gutverdienende Mitarbeiter gerne einen kurzen Arbeitsweg haben. Und für deren Wohnungen in der Vergangenheit auch mal die Firma aufkam, wenn sie eine Arbeitskraft direkt aus dem Ausland einfliegen liess: die sogenannten «Expats».

ARCHIVBILD ZUR MELDUNG, DASS ETHOS DIE VERNICHTUNG DER STIMMRECHTSAKTIEN IM RAHMEN DES RUECKZUGS VON NOVARTIS AUS ROCHE ABLEHNT, AM MONTAG, 15. NOVEMBER 2021 - Der Sitz von Roche Diagnostics Internati ...
Roche, Glencore, Siemens, Johnson & Johnson, das sind nur einige Unternehmen, die im Kanton Zug einen Standort betreiben.Bild: keystone

Wie viele ausländische Angestellte im Kanton Zug wohnen, lässt etwa die neuste Strukturerhebung des BFS aus dem Jahr 2022 erahnen: 14,1 Prozent der Zuger Bevölkerung sprechen hauptsächlich Englisch. Das ist jede siebte Person. «Kein anderer Kanton hat einen so hohen Anteil an hauptsächlich Englisch sprechender Bevölkerung», schrieb im Januar 2024 darum sogar der Kanton Zug in einer Medienmitteilung.

Gleichzeitig sei der Anteil der Deutsch- und Schweizerdeutsch-sprechenden Bevölkerung rückläufig: «Zu Hause sprechen sieben von zehn Zugerinnen und Zugern Schweizerdeutsch (70,2 %). 2012 lag dieser Anteil noch bei 77,9 Prozent.»

Haben die Expats die Mietpreise in Zug in die Höhe getrieben? Maklerin Casha Frigo sagt dazu nur so viel:

«Früher gab es unter Maklern das Sprichwort: ‹Expats bezahlen alles›.»
Casha Frigo, Maklerin

Das stimme heute aber nicht mehr. Denn Firmen würden die Wohnkosten für ihre Mitarbeitenden aus dem Ausland kaum noch decken. Und leere Wohnungen seien inzwischen so rar, dass auch Zuzüger aus dem In- und Ausland Mühe bekundeten, eine Mietwohnung zu finden.

Casha Frigo, Maklerin bei Engel & Völkers in Zug
Casha Frigo, Maklerin bei Engel und Völkers in Zug.Bild: zvg

Ein weiterer Grund für die Wohnungsnot: Das Potenzial für den Bau von neuen Wohnungen ist langsam aber sicher ausgeschöpft. «Der Kanton Zug ist relativ klein und hat viele Grünflächen, auf denen nicht gebaut werden darf oder kann», sagt Frigo.

Beginn der Suche: Herbst 2023

Die Idee, eine Reportage über die Wohnungsnot im Kanton Zug zu machen, hatte ich schon im Herbst. Also richtete ich mir auf allerlei Immobilienplattformen ein Suchabo ein. Mindestens 3,5-Zimmer zu höchstens 2'400 Franken im Monat inklusive Nebenkosten sollten es sein.

Wo genau? Egal, Hauptsache im Kanton Zug. Neu- oder Altbau? Egal. Anzahl Quadratmeter? Egal. Autoparkplatz vorhanden? Egal. Waschmaschine, Geschirrspüler, Balkon? Egal.

Es waren keine hohen Anforderungen. Absichtlich nicht. Trotzdem dauerte es satte vier Monate, bis ich an eine Besichtigung gehen konnte.

Einerseits, weil ich teilweise weniger als ein Mal in der Woche eine Benachrichtigung erhielt, dass ein entsprechendes Inserat online gegangen ist. Andererseits, weil ich feststellen musste, dass man jederzeit alles stehen und liegen lassen können muss, sobald eine Anzeige aufgeschaltet wird. Rund um die Uhr. An jedem Wochentag. Und damit übertreibe ich nicht.

Chatbot spricht mit Chatbot

Die Bilder von über hundert Menschen, die bis in die Nebenstrasse vor der Eingangstür eines Häuserblocks anstehen, gehören grösstenteils der Vergangenheit an. Auf solche Horror-Massenbesichtigungen haben weder Mieterinnen noch Vermieter noch Lust. Darum setzen letztere zunehmend auf Onlineformulare.

Gigantische Schlange von Wohnungssuchenden bei der Besichtigung einer Musterwohnung der Wohnungssiedlung Kronenwiese im Zuercher Quartier Unterstrass am Freitag, 3. Juni 2016. Auf der Kronenwiese erst ...
Ein Bild aus der Vergangenheit: Eine gigantische Schlange von Wohnungssuchenden bei der Besichtigung einer Musterwohnung der Wohnungssiedlung Kronenwiese in Zürich 2016.Bild: KEYSTONE

Grundsätzlich nichts Verwerfliches. Doch es gibt einen unschönen Nebeneffekt: Die Wohnungssuche verkommt zu einem frustrierend anonymen Geschäft. Es sitzen sich nicht mehr zwei Menschen gegenüber, der Vermieter auf der einen Seite des Computers, die potenzielle neue Mieterin auf der anderen. Eigentlich kommunizieren da gar keine Menschen mehr miteinander. Sondern zwei Chatbots.

Typischerweise läuft die Suche so ab: Erhalte ich eine Benachrichtigung von einem Inserat, schicke ich so schnell wie möglich meine «Bewerbung» für eine Besichtigung. Dabei nutze ich den vorgenerierten Text der Immobilienplattformen: «Guten Tag, ich interessiere mich für das Objekt …». Darauf folgt nach wenigen Sekunden eine ebenso automatisierte Antwort:

Wohnungsbesichtigungen - Onlineformular
Bild: screenshot flatfox

Ich klicke umgehend auf den Link und … kann nur noch eine Option auswählen: «Kann nicht teilnehmen.»

Wohnungsbesichtigung Keine Termine mehr frei Zug Wohnungsnot
Bild: screenshot flatfox

Alle Besichtigungstermine sind schon «vergriffen». Dabei ist das Inserat vor weniger als einer Stunde online gegangen.

Neue Strategie, fortwährendes Scheitern

Nach einigen Wochen ändere ich meine Strategie. Ich muss aktiver werden. Also aktiviere ich den Klingelton für Mailbenachrichtigungen, lege mein Smartphone bei der Arbeit in mein Sichtfeld, Display nach oben.

Smartphone / Handy neben dem Laptop
Ausnahmsweise soll mein Handy mich bei der Arbeit ablenken.Bild: Shutterstock

Kein Inserat will ich verpassen. Und tue es dann natürlich trotzdem.

Weil ich gerade auf Reportage bin. Weil ich ein Interview führe. Weil ich auf einem Spaziergang das Handy zu Hause liegen lasse. Weil ich über die Feiertage mit anderen, schöneren Dingen beschäftigt bin.

Diese Nachlässigkeit kann ich mir leisten. Ich bin ja nicht wirklich verzweifelt auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung. Ich kann auch darauf verzichten, in meiner Freizeit Treffen mit Freunden und Familie abzusagen, um den letzten noch freien Besichtigungstermin wahrzunehmen. Doch auch so steigt mein Frustrationslevel mit jedem Besichtigungstermin, der mir entgeht.

Und ich frage mich, wie unter diesen Umständen eine Pflegefachkraft im Spital, ein Buschauffeur oder eine Verkäuferin einen Besichtigungstermin ergattern sollten?

Interessenten waehrend einer Wohnungsbesichtigung in einer Wohnung der Liegenschaften Stadt Zuerich (LSZ) am Dienstag, 28. Maerz 2023 in Zuerich. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
Wohnungsbesichtigungen sind für viele der Horror. Ausser, man hat nur schon Mühe, einen Termin zu ergattern. So wie im Kanton Zug.symbolBild: KEYSTONE

Endlich: Ein Erfolg!

Anfang Februar klappt es endlich. Auf meine standardisierte Anfrage folgt keine automatisierte Antwort von einem Chatbot, sondern eine Mail. Geschrieben von einem echten Menschen. Einem Immobilienmakler, der für eine Stiftung arbeitet, deren erklärtes Ziel es ist, in Zug für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen.

Der Makler bedankt sich für mein Interesse und sagt, ich könne die Wohnung gerne besichtigen kommen. Worte, die nach dieser frustrierenden Suche guttun. Doch dann lese ich die nächsten Zeilen:

«Da wir sehr viele Anfragen erhalten haben, werden wir die Wohnungsbesichtigung gestaffelt im 15-Minutentakt durchführen.»

Der Makler hat eine Liste mit Besichtigungsterminen angehängt. Insgesamt gibt es 21 Slots an zwei Tagen. Pro Termin können sich maximal fünf Interessenten anmelden.

Günstige Wohnung Zug - Inserat
Die E-Mail des Maklers.Bild: screenshot watson

Mein Kopf beginnt sofort zu rechnen. 105 Interessenten könnten maximal vorbeikommen. 105! Ich versuche mir 105 Menschen vorzustellen und scheitere. Aber natürlich melde ich mich an.

Schon am nächsten Tag kann ich von 15.45 Uhr bis 16 Uhr die eingangs erwähnte 3,5-Zimmerwohnung für 2'100 Franken Miete im Monat besichtigen. Zusammen mit vielen weiteren Interessenten. Wie es diesen Menschen geht, wie lange sie schon suchen, wie verzweifelt sie sind, könnt ihr im zweiten Teil dieser Serie lesen.

Und übrigens: In derselben Strasse und zu demselben Zeitpunkt wie diese günstige Wohnung war auch eine 3,5-Zimmerwohnung für 7'700 Franken ausgeschrieben. Wie läuft eine Besichtigung in diesem Hochpreissegment ab? Wer bewirbt sich auf solche Wohnungen? Und was rechtfertigt diesen Preis? Die Antwort darauf gibt es im dritten Teil dieser Serie.

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326 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Denverclan
28.02.2024 06:33registriert September 2016
Es ist die toxische Mischung, teurer Wohnraum, Ansprüche an die Wohnung, Distanz zum Arbeitsplatz, mehr Bewerber, Migration usw. Wir können es drehen und wenden wie wir wollen, in der Schweiz wird es eng, sehr eng…und einige wenige verdienen sich eine goldene Nase dabei. Für die Politik ist das ein gefundenes Fressen, von links bis rechts…nur Lösungen sind keine in Sicht. Jeder ist sich selbst der Nächste, dadurch ergibt sich mehr Egoismus und am Ende zählt das Gesetz des Stärkeren oder Reicheren. Ein Scheissspiel…🤮
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Jep.
28.02.2024 06:36registriert Januar 2022
Ich war 3 Jahre lang auf der Suche nach einer grösseren Wohnung in und um meinem Wohnort, an dem ich 20 Jahre gewohnt habe und mein Umfeld habe, keine Chance. Bin jetzt 30km und 1h ÖV Weg weiter.

Wird es besser, wenn wir 10 oder 11 Mio. Einwohner sind? Aber sicher.
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Mia Mey
28.02.2024 06:09registriert Januar 2016
In Obwalden werden zwar neue Wohnungen gebaut, doch sind die für den unteren Mittelstand viel zu teuer. Es ist zwar toll wenn saniert wird und alles besser isoliert ist, doch danach ist auch alles teurer. Ich schaue mir die Inserate immer an. Ich hoffe ein weiteres Jahr in meiner Wohnung bleiben zu können und dass irgendwo ein Türchen aufgeht.
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