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So hilft die Schweiz in der Ukraine

Bald drei Monate ist es her, seit die Russen in die Ukraine einmarschiert sind. Infrastruktur wurde zerstört, Menschen wurden getötet und Familien auseinandergerissen. Die humanitäre Hilfe der Schweiz versucht seit Wochen, das grosse Leid der Bevölkerung zu lindern. Ein Augenschein vor Ort.
16.05.2022, 07:2016.05.2022, 13:38
Chiara Stäheli, Lwiw / ch media

Mit wässrigen Augen und zittriger Stimme erzählt Natalia von ihrer Flucht aus Mariupol, einer Stadt, die seit Anfang März weder Zugang zu Wasser noch Strom hat und sich inmitten der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine befindet. Nachdem ihr Auto von einer Rakete zerstört wurde und auch sie «jede Minute hätten getroffen werden können», floh Natalia mit ihrem zehnjährigen Sohn am 5. März aus der Stadt im Südosten der Ukraine. Natalia musste ihren Mann zurücklassen, der Sohn seinen Vater. Ohne zu wissen, ob sich die Familie jemals wieder sehen wird.

Natalia aus Mariupol im Gespräch mit Manuel Bessler, dem Delegierten für humanitäre Hilfe der Schweiz.
Natalia aus Mariupol im Gespräch mit Manuel Bessler, dem Delegierten für humanitäre Hilfe der Schweiz.Bild: Chiara Stäheli (Drohobych, 13. Mai 2022)

Nun leben Natalia und ihr Sohn in einer für Binnenvertriebene errichteten Kollektivunterkunft in Drohobych, einer Stadt in der Westukraine. Hier fühlt sie sich «wie im Himmel», sie sei extrem dankbar für die Unterstützung, die sie sowohl auf der Flucht als auch in ihrem temporären Zuhause erhalten habe. Wie es für sie und ihren Sohn weitergeht, weiss Natalia nicht. Klar ist schon jetzt: Zurück nach Mariupol können sie nicht. Ihre Wohnung wurde komplett zerstört.

Den Erzählungen von Natalia lauscht Manuel Bessler gebannt. Der Delegierte für humanitäre Hilfe und stellvertretender Direktor der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) will auf seiner viertägigen Mission in der Westukraine herausfinden, wie die von der Schweiz finanzierten und lancierten Unterstützungsmassnahmen vor Ort umgesetzt werden – und wo angesichts des anhaltenden Krieges Anpassungen vorgenommen werden müssen.

Schweiz arbeitet mit Partnerorganisationen zusammen

Der erste Besuch gilt eben jener Unterkunft, in der Natalia, ihr Sohn und rund 80 weitere Binnenvertriebene Zuflucht gefunden haben. Die Gebäude wurden mit finanzieller Beteiligung der Schweiz durch die ukrainische Caritas eingerichtet und für die Aufnahme der Binnenvertriebenen vorbereitet.

Unverkennbar sind denn auch die Schweizer Kreuze auf den grossen Zelten, die auf der angrenzenden Wiese stehen. Nachdem diese in den ersten Wochen des Krieges an der polnisch-ukrainischen Grenze im Einsatz standen, werden sie nun an diversen Orten im Westen der Ukraine als temporäre Unterkünfte, Lagerräume oder Büros genutzt. Der Chef der ukrainischen Caritas ist zufrieden mit den Zelten und schwärmt von der «good quality».

Die Schweizer Zelte bilden Unterkünfte für Binnenvertriebene.
Die Schweizer Zelte bilden Unterkünfte für Binnenvertriebene.Bild: Chiara Stäheli (Drohobych, 13. Mai 2022)

Die Unterstützung von Partnerorganisationen als Geldgeberin bildet eine der drei Rollen der Humanitären Hilfe der Schweiz. Weiter setzt sie sich als Anwältin für das humanitäre Völkerrecht ein und leistet zudem als Akteurin selbst Soforthilfe. In dieser Funktion hat die Schweiz seit Kriegsbeginn zahlreiche Hilfsgütertransporte organisiert. Über ein Dutzend Lieferungen brachten via Bahn, Lastwagen oder Flugzeug unter anderem Lebensmittel, medizinisches Material, Zelte, Heizungen und Decken in die Ukraine sowie in die benachbarten Staaten (siehe Grafik).

Schweizer Hilfsgelder für die Ukraine

Finanziert werden alle Tätigkeiten aktuell noch «auf Pump», wie Manuel Bessler sagt. Zwar hat der Bundesrat für die Humanitäre Hilfe in der Ukraine 80 Millionen Franken gesprochen, in der Sommersession muss dieser Betrag allerdings noch offiziell vom Parlament bestätigt werden. Auch wenn es eine reine Formsache sein dürfte: «Wir brauchen dieses zusätzliche Geld dringend, damit wir nebst den laufenden humanitären Projekten in der ganzen Welt auch weiterhin die Aktionen in der Ukraine finanzieren können», so Bessler.

Sicherheitsberater begleiten die Missionen

Die Fäden der Humanitären Hilfe der Schweiz laufen aktuell in Lwiw zusammen. Dort befindet sich seit einem Monat ein Büro für das Einsatzteam. Dieses setzt sich zusammen aus Expertinnen und Experten des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe. Es handelt sich hierbei um ein Milizkorps mit diversen Fachgruppen (siehe Box).

Diese Menschen stehen in der Ukraine im Einsatz
Das Schweizerische Korps für humanitäre Hilfe (SKH) ist ein Milizkorps, das sich aus rund 600 Personen zusammensetzt. Die in den Spezialgebieten ausgebildeten Expertinnen und Experten gehören alle einer Fachgruppe an und werden die je nach Art der Projekte der humanitären Hilfe der Schweiz in den Einsatz geschickt. Es gibt insgesamt elf solche Fachgruppen – darunter Bau, Logistik, Wasser, Medizin, Sicherheit und Information. Eingesetzt werden die Mitglieder des SKH in erster Linie während und unmittelbar nach Krisen, Katastrophen und Konflikten im Ausland, so zum Beispiel nach dem Wirbelsturm in Madagaskar anfangs 2022, dem Erdbeben in Haiti 2021 oder der Explosion in Beirut 2020. SKH-Angehörige sind aber auch während lang andauernden Krisen im Einsatz wie beispielsweise in Syrien, Jemen oder Südsudan.

Je nach Bedarf werden die Personen für Missionen von einigen Tagen bis zu mehreren Monaten eingesetzt. Aktuell koordiniert ein Team rund um Silvio Flückiger und Barbara Jäggi die Tätigkeiten in der Ukraine. Eng begleitet wird der Einsatz von mehreren Sicherheitsberatern des Verteidigungsdepartements, die täglich die Lage analysieren, die Trips begleiten und sich um die Sicherheit des Teams kümmern.

Mittlerweile sind die Lebensmitteltransporte aus der Schweiz in die Ukraine abgeschlossen, die unmittelbare, direkte Hilfe wird zurückgefahren. Laut Manuel Bessler liegt der Fokus nun vor allem darauf, «jene lokalen Organisationen finanziell zu unterstützen, die mit ihren Aktionen ein bestimmtes, aktuelles Bedürfnis abdecken».

Ein Beispiel: Das Ukrainische Rote Kreuz half in der Stadt Ivano-Frankivsk, ein Schulhaus in eine Unterkunft für Binnenvertriebene umzufunktionieren und steuerte mitunter Betten, Decken und Waschmaschinen bei. Finanziert wird das Projekt unter anderem mit Schweizer Geldern. In den Schulzimmern sind derzeit über 60 Personen untergebracht.

Geleitet wird die Unterkunft von der Schuldirektorin, die kurzerhand zur Heimleiterin wurde. Sie zeigt sich im Gespräch beeindruckt von der grossen Solidarität in der ukrainischen Bevölkerung: «Seit dem ersten Tag ist die Hilfsbereitschaft riesig, die Leute unterstützen sich gegenseitig und helfen, wo sie können.»

In den Schulzimmern sind Familien untergebracht.
In den Schulzimmern sind Familien untergebracht.Bild: Chiara Stäheli (Drohobych, 13. Mai 2022)

Ukrainer wollen ihren Mitmenschen selbst helfen

Diesen Eindruck teilt Nicole Ruder. Die Schweizerin ist Chefin für internationale Zusammenarbeit auf der Schweizer Botschaft in Kiew, die noch immer physisch geschlossen ist.

Ihr Team ist operativ aber nach wie vor tätig und eng in die aktuelle Hilfe der Schweiz involviert, die von Lwiw aus operiert. «Wir spüren eine sehr grosse Resilienz in der Bevölkerung. Die Ukrainer können und wollen sich selbst helfen. Wir stellen deshalb in erster Linie die finanziellen Mittel zur Verfügung, an denen es ihnen mangelt», so Ruder.

Als Beispiel nennt sie die Tätigkeiten im Gesundheitsbereich. Die Deza finanziert seit Jahren ein Projekt zur psychischen Gesundheit. Aufgrund der akuten Kriegssituation haben die Verantwortlichen ihre Arbeit angepasst. So empfangen derzeit am Hauptbahnhof von Lwiw Freiwillige die Binnenvertriebenen, die mit den Evakuierungszügen aus dem Osten ankommen.

Wie der Projektverantwortliche erzählt, seien in den ersten Wochen nach Kriegsbeginn täglich über 60’000 Binnenvertriebene via Zug nach Lwiw gereist. Mittlerweile kommen täglich noch ein paar Hundert Menschen aus dem Osten. Viele von ihnen konnten nicht früher fliehen, zu gefährlich wäre die Flucht gewesen.

Zu Beginn des Krieges kamen täglich über 60'000 Binnenvertriebene per Zug nach Lwiw.
Zu Beginn des Krieges kamen täglich über 60'000 Binnenvertriebene per Zug nach Lwiw.Bild: Chiara Stäheli (Drohobych, 13. Mai 2022)

Um traumatisierte Personen möglichst früh psychologisch begleiten zu können, haben die «Mental-Health»-Projektverantwortlichen gemeinsam mit vielen Freiwilligen einen Aufenthaltsraum mit Betten sowie ein separates Büro für psychologische Gespräche eingerichtet. Am Empfang sitzt ein junger Mann, knapp dreissig Jahre alt, selbständiger Grafikdesigner aus Lwiw.

Zu Beginn des Krieges habe er gemeinsam mit Freunden Molotow-Cocktails gebastelt. Jetzt helfe er hier jeweils an den Wochenenden bei der Betreuung der ankommenden Flüchtlinge. Der junge Mann ist einer von vielen, die im ganzen Land so mitwirken, wie dies mit den verfügbaren Mitteln möglich ist.

Fokus auf Wasser, Gesundheit und Unterbringung

«Das Team der Humanitären Hilfe sucht gezielt Nischen, in denen die Schweiz einen Mehrwert bringen kann», sagt Manuel Bessler. Dafür wurden für die kommenden Monate drei Aktionslinien definiert: Erstens konzentriert sich die Schweizer Tätigkeit künftig auf den Aufbau von zerstörten Wasserleitungen und sanitären Infrastrukturen. Dafür sind bereits jetzt Fachleute aus der Schweiz in der Ukraine im Einsatz.

Der zweite Schwerpunkt liegt auf der Gesundheit, insbesondere auf der psychischen. Ziel ist es, gemeinsam mit ukrainischen Fachleuten die oft traumatisierten Flüchtlinge psychologisch begleiten und unterstützen zu können. Und drittens will die Humanitäre Hilfe nachhaltige Lösungen zur Unterbringung der Geflüchteten finden. Viele sind aktuell in Schulhäusern untergebracht, weil das Bildungsministerium diese nach Kriegsbeginn geschlossen und zum Fernunterricht verpflichtet hat. Doch die Schulen sollen spätestens im Herbst wieder vor Ort starten.

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Video: watson/Helene Obrist, Emily Engkent

Es gilt also, für all diese temporär beherbergten Personen längerfristige Unterkunftslösungen zu finden. Dafür sollen – wo möglich - die in der Ukraine bereits seit Jahren etablierten Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und der Humanitären Hilfe sich ergänzen. Kein einfaches Unterfangen in einem Land, in dem kein Ende des Krieges absehbar ist. (aargauerzeitung.ch)

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