Schweiz
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Mitglieder der JUSO demonstrieren am Nationalen Aktionstag gegen die Spekulationen mit Nahrungsmitteln, am Samstag, 12. Dezember 2015 in Zuerich. Am 28. Februar 2016 kommt die Initiative gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln zur Abstimmung. (KEYSTONE/Valeriano Di Domenico)

Mitglieder der JUSO demonstrieren gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln.
Bild: KEYSTONE

Warum und wie will die JUSO Spekulation mit Nahrungsmitteln verbieten? – 8 Fragen und Antworten zur Initiative

Die JUSO verlangt per Volksinitiative ein Verbot von Spekulationen mit Nahrungsmitteln. Das müssen Sie vor der Abstimmung am 28. Februar wissen.

Stefan Schmid / Aargauer Zeitung



Am 28. Februar stimmen wir über vier eidgenössische Vorlagen ab. Die Volksinitiative der Jungsozialisten «Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln» steht dabei im Schatten von Durchsetzungsinitiative, zweiter Gotthard-Röhre sowie der Abschaffung der Heiratsstrafe. Doch das Thema Welthunger ist emotional. Und auch für den Handelsplatz Schweiz steht einiges auf dem Spiel. Die «Nordwestschweiz» liefert Antworten zu den wichtigsten Fragen.

1. Was will die Initiative?

Das Begehren verlangt in der Schweiz ein Verbot von spekulativen Termingeschäften, die sich auf Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel beziehen. Zudem soll sich der Bund international dafür einsetzen, dass solche Geschäfte bekämpft werden.

2. Wer sind Befürworter und Gegner?

Der Nationalrat lehnt die Initiative mit 130 zu 58, der Ständerat mit 31 zu 11 Stimmen ab. Die Bruchlinie verläuft dabei genau zwischen links und rechts. Alle bürgerlichen Parteien von der CVP über GLP, BDP und FDP bis zur SVP lehnen das Anliegen ab. SP und Grüne unterstützen es. Die Wirtschaftsverbände und der Bundesrat lehnen die Initiative ebenfalls ab.

Pascale Bruderer Wyss, Staenderaetin SP-AG, rechts, spricht an der Seite von Hanna Bay, Mitte, Vize-Praesidentin JUSO Schweiz, und Marc Jost, rechts, Grossratspraesident Kanton Bern, waehrend einer Medienkonferenz zum Start der Abstimmungskampagne zur Volksinitiative

Das Initiativkomitee (von rechts nach links): Pascale Bruderer Wyss, Ständerätin SP Aargau, Hanna Bay, Vize-Präsidentin JUSO Schweiz, und Marc Jost, Grossratspräsident Kanton Bern.
Bild: KEYSTONE

3. Was ist Nahrungsmittelspekulation überhaupt?

Spekulation bedeutet, dass in Aktien, Devisen und andere Wertpapiere investiert wird in der Erwartung, diese später mit Gewinn wieder zu verkaufen. Von Nahrungsmittelspekulation wird demnach gesprochen, wenn ein Anleger auf dem Rohstoffmarkt auf steigende oder fallende Rohstoffpreise wettet in der Hoffnung, Gewinne zu erzielen.

Erklärungsvideo der JUSO (2012)

abspielen

YouTube/JUSOschweizJSsuisse

4. Wie funktioniert weltweit die Preisbildung?

Die Preise von Weizen, Reis, Soja, Kaffee, Baumwolle und andern Agrarrohstoffen sind starken Schwankungen unterworfen. Diese sind etwa auf Dürre- oder Frostperioden, auf Überproduktionen oder auch auf Handelsbeschränkungen von Ländern mit bedeutender Agrarproduktion zurückzuführen. Zur Absicherung gegen Preisschwankungen gibt es Finanzinstrumente, die sogenannten Agrarderivate. Diese erlauben es Bauern, Händlern und Herstellern, eine bestimmte Menge an Agrarrohstoffen in der Zukunft zu einem festgelegten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Die Agrarderivate können von anderen Marktteilnehmern zum Spekulieren auf zukünftige Preisbewegungen oder zur Absicherung von Risiken ausserhalb des Handels mit Agrarrohstoffen genutzt werden.

5. Wird nun mit Agrarprodukten und Nahrungsmitteln spekuliert?

Ja, diese Agrarderivate sind immer wieder Spekulationsobjekte. Die zentrale Frage aber ist, ob damit die Preisbildung bei Nahrungsmitteln so beeinflusst wird, dass Hungersnöte verschärft werden oder gar erst entstehen können. Selbst Hilfsorganisationen wie «Brot für alle» sagen, dass die Spekulation längst nicht alleinige Ursache von Hungersnöten sei. Weltweit leiden derzeit rund 800 Millionen Menschen an Unterernährung.

6. Was sagt die Wissenschaft?

Es gibt unterschiedliche Sichtweisen, welchen Einfluss die Spekulation mit Nahrungsmitteln auf die realen Preise hat. Eine Mehrheit der Studien kommt wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Internationale Währungsfonds (IWF) zum Schluss, dass spekulative Geschäfte die Preisschwankungen der Agrarrohstoffe nicht zu beeinflussen scheinen.

Einige jüngere Studien bejahen den Zusammenhang stärker. Hilfsorganisationen wie «Brot für alle» oder «Fastenopfer» beziehen sich auf diese Studien. Ihnen zufolge hat die Spekulation mit Nahrungsmitteln seit dem Zusammenbruch der Immobilienspekulation 2003 zugenommen. Laut «Brot für alle» führten nur noch 3 Prozent der Rohstoff-Termingeschäfte zu einer tatsächlichen Warenlieferung, der Rest der Kontrakte würde vorher wieder aufgelöst. Nahrungsmittel seien zu einer spekulativen Geldanlage geworden.

Fakt aber ist auch: Starke Preisschwankungen gab es schon früher, obwohl der Derivatehandel geringer war. Und insbesondere beim Reis, wo es wenig Spekulationsobjekte gibt, sind die Preisschwankungen gross.

7. Welche Folgen hätte ein Spekulationsverbot in der Schweiz?

Der Handel mit Agrarderivaten findet vornehmlich an Börsen und auf anderen Plattformen in den USA, im EU-Raum und in Asien statt. In der Schweiz existiert kein Handelsplatz für diese Finanzinstrumente. Ein Verbot könnte somit die Börsen und Handelsplätze nicht beeinflussen. Die Umsetzung eines Verbots müsste laut Bundesrat direkt bei den Unternehmen und Institutionen erfolgen, die mit Agrarderivaten handeln. Es müsste also kontrolliert werden, ob aus der Schweiz heraus solche Geschäfte getätigt oder in Auftrag gegeben werden.

8. Was bedeutet eine Annahme für Arbeitsplätze und Steuererträge?

Zwar ist die Schweiz kein Handelsplatz für Agrarderivate, sie spielt aber im internationalen Handel mit Agrarrohstoffen eine bedeutende Rolle. Schätzungen zufolge werden etwa 35% des weltweiten Getreidehandels, 50% des Handels mit Zucker und 60% des Handels mit Kaffee über die Schweiz abgewickelt. Viele international tätige Handelsfirmen haben ihren Sitz oder eine Niederlassung in der Schweiz und beschäftigen Personal.

Wird die Initiative angenommen, erhöht sich für sie der Kontrollaufwand, weil sie künftig nachweisen müssten, nicht zu spekulieren. Der Bundesrat befürchtet, dass dies zur Abwanderung von Firmen und damit zum Verlust von Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen führen könnte.

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    Alle Leser-Kommentare
  • _PP_ 18.02.2016 15:38
    Highlight Highlight Die Fachwelt ist sich einig: die Nahrungsmittelspekulation hat einen Einfluss auf die Preisentwicklung. Gestritten wird nur darüber, wie gross dieser Einfluss ist. Die Grösse des Einflusses ist aber völlig egal: denn wenn der Preis nur um 0.5% steigt, stürzen weitere 8 MILLIONEN Menschen in die Hungerarmut. Wir schulden es den Hungernden, dass die Schweizer Finanzinstitute nicht mit deren Essen spielen!
  • _PP_ 18.02.2016 15:14
    Highlight Highlight Warum sollte es in Ordnung sein, dass Finanzinstitute, die nichts mit der Nahrungsmittelproduktion zu tun haben, Milliardengewinne machen, während Millionen Menschen unter dem Hunger, den eben diese Spekulation verursacht hat, leiden??
  • Frau R aus O 29.12.2015 16:09
    Highlight Highlight "Die Bruchlinie verläuft dabei genau zwischen links und rechts."
    Also sind GLP, BDP, CVP und FDP nun alles rechte Parteien? Ich dachte, die gehören zur Mitte...
  • Wilhelm Dingo 29.12.2015 11:50
    Highlight Highlight Wenn Spekulationsverbot für Nahrungsmittel, dann auch für Rohstoffe. Auch daran hängen Schicksale ganzer Nationen. Devisenspekulationen reissen ganze Währungen in den Abgrund. Die Spekulation mit Aktien kann Rentner in Armut stürzen. Warum also nicht gleich ein komplettes Spekulationsverbot? Oder doch nicht? Sachlich betrachtet weiss ich nicht, was besser raus kommt.
  • olga 29.12.2015 10:42
    Highlight Highlight Endlich mal wieder eine sinnvolle Initiative von der JUSO. Mein Ja habt ihr auf jedenfall auf sicher!
  • Hayek1902 29.12.2015 09:44
    Highlight Highlight eine richtig dämliche-linkspopulistische initiative. würde mahrungsmittelspekulation zu höheren preisen führen, hätten produzenten einfach einen höheren anreiz, mehr anzubieten. spätestens in der 2. phase wäre somit der gegenteilige effekt erreicht. preissignale sind wichtig für die wirtschaft und forwards zeigen die trends auf, die man erwartet. diese populistischen massnahmen hatten schon immer katastrophale Auswirkungen, siehe odtblockstaaten, venezuela, kuba, etc.
    • Joey Madulaina 29.12.2015 11:16
      Highlight Highlight Die Produktion von Nahrungsmitteln ist vom Klima etc abhängig und die Preise sind natürlicherweise grossen Schwankungen unterworfen. Deshalb exisitert dieser Anreiz so nicht. Die Spekulation erhöht und verschärft Preishaussen und für Menschen, die 60-80% ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, sind schon kurzfristige starke Preisanstiege genug, damit sie sich nicht mehr genug Lebensmittel leisten können. Die USA hat ihre Agrarbörse wegen dieser negativen Auswirkungen bereits stärker reguliert, sie haben also Lehren aus der kompletten Deregulierung Ende letztes Jahrhundert gezogen...
    • Hayek1902 29.12.2015 13:45
      Highlight Highlight so einfach ist das nicht. in vielen ländern liegt landwirtschaftliche fläche brach oder investitionen werden nicht getätigt (sei es weil das geld nicht da ist oder weil die eigentumsrechte nicht durchgesetzt werden können). höhere preise würden zumindest die investitionsneigung und die bereitschaft, mehr felder zu bestellen, erhöhen. natürlich ist das nur einer von vielen Faktoren, welche die produktion beinflussen.
    • Joey Madulaina 30.12.2015 12:47
      Highlight Highlight Es ist tatsächlich so, dass zu wenig Kapital in die Landwirtschaft fliesst, besonders in Entwicklungsländern. Aber dort braucht es Mikrokredite und mehr (Rechts)Sicherheit für Investoren und LandwirtInnen; Börsenspekulation spielt dabei keine (positive) Rolle. Spekulanten investieren nicht vor Ort und da Spekulation Preissauschläge sowohl nach oben als auch nach unten vergrössert steigt die Investitionsbereitschaft wegen grösserer Unsicherheit nicht.
  • Joey Madulaina 29.12.2015 09:09
    Highlight Highlight Mit Essen spielt man nicht - deshalb am 28. Februar GAME OVER für die Finanzspekulation auf Nahrungsmittel!
    Wir haben so oft gesehen, wie die Börse Preise beeinflusst hat und es Blasen gab, siehe Finanzkrise 07/08. Wenn man mit (viel!) Geld auf reale Preise wettet, hat das einen verstärkenden Einfluss. Die USA haben ihre Agrarmärkte schon wieder stärker reguliert und die EU wird bald nachziehen. Die Schweiz kann ihre Hausaufgaben mal vor den anderen machen mit Annahme dieser Initiative :)
  • Caturix 29.12.2015 08:02
    Highlight Highlight Mit Lebensmittel spielt man nicht.
  • Bullet-Tooth-Joni 29.12.2015 08:00
    Highlight Highlight übrigens haben historische Arbeiten deutlich aufgezeigt, dass diverse Hungersnöte des 20jhd. und 21jhd. durch Spekulationsderivate immens verschärft worden sind!!! (Bsp. Bangladesh =Getreide ; Äthiopien = Kaffee....) Die Schweiz beheimatet im übrigen mit Nestle und der CS zwei Unternehmen welche massgelich mit Spekulationen auf Nahrungsmittel gewinn erwirtschaften!!!
  • Schneider Alex 29.12.2015 06:58
    Highlight Highlight Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln!

    Gleich wie die Spekulation mit Immobilien (Anfang der 90er Jahre in der Schweiz) und Aktien (Dotcom-Blase 1995-März 2000) immer wieder zu überhöhten Preisen führt, ist auch die Spekulation mit Nahrungsmitteln zu beurteilen. Nur trifft diese die Ärmsten der Armen. Seit die Rohstoffbörsen für spekulative Anleger geöffnet worden sind, sind die Preisschwankungen ausser Kontrolle. Nahrungsmittelspekulation kann kurz- und mittelfristig die Preise auf einem Niveau halten, das für die ärmsten Bevölkerungsschichten Hunger und Tod bedeuten kann.
  • kEINKOmmEnTAR 29.12.2015 06:58
    Highlight Highlight Werde ich ablehnen, aber nicht weil einige abhauen könnten sondern weil ich keinen Nutzen darin sehe.
    • Duweisches 29.12.2015 10:05
      Highlight Highlight Die Banken, insbesondere die UBS, dürfte nicht mehr auf Nahrungsmittel spekulieren. Das ist der Nutzen...
      Die Preise von Grundnahrungsmitteln wären nicht mehr von diesen Spekulationen abhängig und für die ärmeren Bevölkerungsschichten besser erhältlich...
      Nur weil man den Sinn nicht sieht muss man nicht ablehnen 😉
  • Damien 29.12.2015 06:53
    Highlight Highlight "Einige jüngere Studien bejahen den Zusammenhang stärker. Hilfsorganisationen wie «Brot für alle» oder «Fastenopfer» beziehen sich auf diese Studien. "

    Wer sich selber ein Bild über diese Studien machen möchte:

    http://www.brotfueralle.ch/fileadmin/deutsch/2_Entwicklungpolitik_allgemein/A_Recht_auf_Nahrung/Nahrungsmittelspekulation/Studie_Nahrungsmittel_DE_2014-02-24_Hyperlinks.pdf

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