Mitten in Zug werden Gasdeals mit Russland gemacht
Die letzte Hürde ist eine weisse Türe. Daneben hängt ein Schild mit der Anschrift: «Novatek Gas & Power». Ein letzter Anruf bleibt unbeantwortet, deshalb wird an der Tür geklingelt. Es öffnet eine Frau und bittet ins Foyer.
Dort springt sofort die riesige braune Marmorwand hinter dem Empfangspult ins Auge, darauf schimmert in silbernen Lettern der Firmenname. Zur Linken finden sich verglaste Büros, zur Rechten das grosse Sitzungszimmer mit Blick auf den Zuger Bundesplatz. Die Einrichtung ist stilvoll, es duftet nach Frühling.
Am Empfang erklärt die Frau, die sich als Office-Managerin vorstellt, dass man keine Auskunft erteile. Der Geschäftsführer sei gerade in Moskau. Ohnehin wolle die Firma nicht öffentlich in Erscheinung treten. Die Telefonnummer im Handelsregister sei schon länger nicht mehr in Betrieb.
Geschäftsführer verweigert Gespräch
Auf die Frage, warum eine Zuger Firma Journalisten abweise, entgegnet sie: «Wir sind keine Monster.» Man pflege sowohl nach Bundesbern als auch mit den Lokalbehörden gute Beziehungen. Erst kürzlich habe man die Zuger Finanzdirektion empfangen. (Eine spätere Nachfrage bei der Finanzdirektion ergibt, dass es sich dabei um einen Routinebesuch der Steuerverwaltung handelte. Finanzdirektor Heinz Tännler betont: «Ich pflege keinen Austausch mit besagter Unternehmung.»)
Zum Schluss händigt die Office-Managerin ihre Visitenkarte aus. Für ein Gespräch mit der Geschäftsführung solle die Zeitung eine schriftliche Anfrage stellen. Die Frau verspricht eine zeitnahe Antwort – doch diese bleibt aus. Trotz Nachfragen kommt kein Gespräch zustande.
Dabei gäbe es durchaus Klärungsbedarf. Denn kürzlich hat der Bundesrat entschieden, dass Schweizer Firmen kein Flüssigerdgas aus Russland mehr einkaufen dürfen. Das Verbot gilt seit Samstag, 25. April. Bei vorbestehenden Langzeitlieferverträgen gilt eine Übergangsfrist bis Ende des Jahres.
Novatek ist davon direkt betroffen – dessen gesamtes Geschäftsmodell basiert auf dem Handel mit russischem Gas. Doch offensichtlich will der Konzern mit der stattlichen Niederlassung in der Zuger Innenstadt nicht über seine Tätigkeit in der Schweiz sprechen.
Ein Gigant seiner Branche
Novatek ist der zweitgrösste Gasexporteur Russlands, hinter Gazprom. Doch während Gazprom den meisten ein Begriff sein dürfte, etwa als ehemaliger Uefa-Sponsor, ist Novatek hierzulande kaum bekannt. Dabei ist das Unternehmen ein Gigant seiner Branche.
2025 hat Novatek umgerechnet rund 15 Milliarden Franken Umsatz gemacht. Unter dem Strich blieb ein Gewinn von knapp 2 Milliarden Franken. Der Konzern verdient sein Geld vor allem mit dem Export von Flüssigerdgas (engl. Liquefied Natural Gas, kurz LNG) aus dem unwirtlichen Norden Russlands.
In Westsibirien betreibt Novatek zwei grosse Anlagen, wo Erdgas gefördert und zur Volumenreduktion verflüssigt wird. Danach wird es mit Spezialschiffen nach Europa transportiert. Auf Webseiten wie Vesselfinder.com kann man die Routen der mit russischem LNG beladenen Schiffe, die meist unter falscher Flagge unterwegs sind, nachvollziehen.
An europäischen Häfen, etwa Zeebrugge in Belgien oder Bilbao in Spanien, wird das Flüssiggas in LNG-Terminals gespeichert. Anschliessend wird es wieder in den gasförmigen Zustand versetzt und via Pipelines ins europäische Gasnetz eingespeist, womit es auch in der Schweiz landet.
Oligarchen-Netz in der Schweiz
Hierzulande ist Novatek mit verschiedenen Ablegern seit 2005 aktiv. 2012 wurden diese in der Novatek Gas & Power GmbH in Zug vereinigt, mit dem Ziel, das Hauptexportprodukt des Mutterhauses an europäische Kunden zu bringen: russisches LNG.
Geschäftsführer der Niederlassung ist Sergey Gzhelyak – also der Mann, der während unseres Besuchs in Moskau weilte. Gzhelyak ist russischer Staatsbürger und seit Jahren treuer Untergebener des hierzulande gut vernetzten Oligarchen Gennadi Timtschenko.
Timtschenko ist ehemaliger Mitbesitzer des Rohstoffkonzerns Gunvor mit Sitz in Genf. Dort hat er den grössten Teil seines Vermögens – laut «Forbes» rund 24 Milliarden US-Dollar – gemacht. Über seine Investmentfirma Volga Group hält er heute rund einen Fünftel an Novatek.
Gzhelyak hat seit 2007 verschiedene Führungspositionen in Timtschenkos Firmenimperium bekleidet, unter anderem war er Geschäftsführer von Gunvors Niederlassung in Moskau. Seit 2019 fungiert er als Geschäftsführer des Zuger Ablegers von Novatek.
Chef und Hauptaktionär des Novatek-Mutterkonzerns in Moskau ist der russische Oligarch Leonid Mikhelson. Mikhelson ist wiederum seit fast zwanzig Jahren geschäftlich mit Timtschenko verbunden. Beide sind enge Vertraute des russischen Präsidenten Wladimir Putin, entsprechend finden sie sich auf Sanktionslisten diverser Länder.
Genauso wie Novatek: In den USA etwa ist der Konzern selbst, sein sibirisches Projekt «Arctic LNG 2» sowie die Geschäftsleitung um Mikhelson sanktioniert. In der EU konnte Novatek einer Sanktionierung bisher entgehen – was vor allem mit den Beteiligungen des französischen Energiekonzerns Total Energies an Novatek und «Arctic LNG 2» zusammenhängen dürfte. Doch allmählich zieht sich die Schlinge auch in Europa zu.
Schlag gegen die Firma
Novatek ist im 19. Sanktionspaket der EU gegen Russland, das die Schweiz übernommen hat, zwar nicht namentlich erwähnt. Das darin festgeschriebene «Kauf- und Importverbot von russischem LNG» ist jedoch ein klarer Schlag gegen den Konzern und seine Tätigkeit in Europa.
Darüber hinaus hat die EU angekündigt, stärker gegen die russischen Schattenflotten und Kryptogeschäfte vorzugehen. Jüngste Aktivitäten hätten gezeigt, dass «Russland zunehmend Kryptoanlagen zur Umgehung von Sanktionen einsetzt», heisst es in der EU-Mitteilung zum 19. Sanktionspaket. Sowohl in der EU als auch in der Schweiz sind daher seit kurzem sämtliche Krypto-Dienstleistungen an russische Firmen sowie Transaktionen mit Rubel-gestützten Kryptowährungen verboten.
All diese Massnahmen dürften es Novatek künftig schwierig machen, die Schweiz weiterhin als europäischen Hub für seine LNG-Exporte zu nutzen. Hiesige Kritiker hatten seit längerem moniert, dass noch immer zahlreiche russische Firmen den Schweizer Standort missbrauchten, um Putins Kriegskasse zu füllen.
In den vier Kriegsjahren haben der Novatek-Konzern und seine sibirischen Anlagen via Gewinnsteuer über 10 Milliarden Franken an den russischen Haushalt abgeliefert. Kommentieren mag das von den Verantwortlichen niemand, weder in Moskau noch in Zug. (bzbasel.ch)

