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Analyse

Warum es für die Mobilitätsbon-Initiative schwierig wird

Menschen warten am Check-In Schalter auf ihren Abflug in die Ferien, aufgenommen am Samstag, 8. Juli 2023 auf dem Flughafen in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Grossandrang auf dem Flughafen Zürich zum Start der Sommerferien 2023.Bild: keystone
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Flug statt Zug: Warum es für Mobilitätsbons schwierig wird

Eine Volksinitiative will mit einer Flugticketabgabe den Umstieg auf den öffentlichen Verkehr erleichtern. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass nur wenige Leute Flugscham empfinden.
09.05.2026, 12:1609.05.2026, 12:16

Während der «Klimawelle» in den 2010er-Jahren war häufig von Flugscham die Rede. Mit der Realität hatte das wenig zu tun. Fliegen war und ist populär. Selbst die Pandemie hat nicht zu dem von manchen erhofften Umdenken geführt. Für Spott und Häme sorgten Klimaaktivisten, die sich auf die Strasse klebten und tags darauf in die Ferien flogen.

Statt Flugscham herrscht Flugstolz. Dies zeigt eine vom Institut Sotomo erhobene Studie im Auftrag des Lobbyverbands Aviationsuisse, die am Montag vorgestellt wurde. Zwei Drittel der Bevölkerung bewerten Flugreisen positiv und sehen die Luftfahrt eher als Chance denn als Belastung. Als grösster Vorteil wird der Zeitgewinn durch eine Flugreise genannt.

Entsprechend hoch ist die Akzeptanz der Landesflughäfen, denn Direktverbindungen vor allem ab Zürich werden von drei Vierteln der Befragten als wichtig eingestuft. Die Bevölkerung sei «pragmatischer und sachlicher, als es manche politische Debatte vermuten lässt», meinte die Zürcher FDP-Nationalrätin Regine Sauter, Präsidentin von Aviationsuisse.

Nachtruhe einhalten

An den im internationalen Vergleich strengen Nachtflugsperren will eine Mehrheit der Befragten festhalten. Für Martin Naville, Präsident des Komitees Weltoffenes Zürich, ist dies ein Fingerzeig an den Kantonsrat. Er solle die Nachtruhe-Initiative, die einen fixen Betriebsschluss um 23 Uhr ohne die heute möglichen Ausnahmen fordert, «nicht mit einem Gegenvorschlag belohnen».

Beim Fluglärm setzt die Bevölkerung auf den Status quo. Beim Klimaschutz hingegen wird die internationale Politik in die Pflicht genommen, was im heutigen Umfeld reichlich absurd wirkt. Sich selbst nehmen die Befragten aus der Verantwortung. Nur Wenig- und Nichtflieger finden, dass auch die Konsumenten ihr Verhalten überdenken sollten.

Airlines sind unglaubwürdig

Die Studie liefert wie so oft bei der Klimathematik ein ambivalentes Bild: 60 Prozent halten das Engagement der Luftfahrtbranche bei der Dekarbonisierung für unglaubwürdig. Die Mehrheit der Befragten findet somit, dass die Airlines Greenwashing betrieben. Dennoch soll der Klimaschutz über technische Innovationen (Flugzeuge, Treibstoffe) erfolgen.

epa08316232 Swiss International Air Lines aircrafts are parked on the tarmac at the airport in Zurich, Switzerland, 23 March 2020. Due to the coronavirus COVID-19 pandemic a large number of flights of ...
Parkierte Flugzeuge während der Pandemie: Zu einem Umdenken führte sie nicht.Bild: EPA

Drei Viertel wären sogar bereit, dafür einen kleinen bis moderaten Aufpreis auf Flugtickets zu bezahlen. Ansonsten aber stösst eine Ticketabgabe auf Ablehnung. Am grössten ist sie ausgerechnet, wenn sie mit einer Rückzahlung an die Bevölkerung verbunden ist. Einmal mehr zeigt sich, dass eine Lenkungsabgabe nur in der Theorie eine gute Sache ist.

Bons für Reisen mit öV

Eine Umlenkung in den öffentlichen Verkehr kommt nur für etwas mehr als ein Drittel der Befragten infrage. Das ist eine schlechte Nachricht für die Mobilitätsbon-Initiative, die letzte Woche von einer breiten Allianz aus Umweltorganisationen und linksgrünen Parteien lanciert wurde. Sie verlangt eine Flugticketabgabe von mindestens 30 bis 500 Franken (für Privatjets).

Zwei Drittel der Einnahmen sollen der Bevölkerung in Form eines Mobilitätsbons von über 100 Franken ausbezahlt werden. Er darf für Reisen mit dem öffentlichen Verkehr verwendet werden. Der Rest – nach Ansicht der Initianten bis 500 Millionen Franken pro Jahr – soll für die Förderung von Zugverbindungen in unsere Nachbarländer eingesetzt werden.

Mühsame Verbindungen

Hier liegt einiges im Argen. Dank der NEAT ist man schnell in Lugano, und ab Mailand gibt es ein Netz an Hochgeschwindigkeitszügen. Das Verbindungsstück aber ist eine mühsame Holperstrecke. Ähnliches gilt für die Linie zwischen Genf und Lyon, und der Zug von München nach Zürich ist berüchtigt für seine notorischen Verspätungen.

Nationalraetin Franziska Ryser, GP-SG, und Co-Praesidentin umverkehR, im Interview nach einer Medienkonferenz zum Sammelstart des Initiativkomitees der eidgenoessischen Volksinitiative "Fuer eine ...
Grünen-Nationalrätin Franziska Ryser bei der Lancierung der Mobilitätsbon-Initiative.Bild: keystone

Für klimafreundliches Reisen bis 2050 in Europa brauche es zudem «eine regelrechte Nachtzugoffensive», sagte Rolf Wüstenhagen von der Universität St.Gallen letzte Woche an der Medienkonferenz. Dennoch wird es die Mobilitätsbon-Initiative schwer haben, und das nicht nur wegen der Vorbehalte gegen die vermeintlich urliberale Lenkungsabgabe.

Die Jungen wollen fliegen

Die Warnung von Aviationsuisse, eine Flugticketabgabe führe zu Ausweichverkehr auf ausländische Flughäfen, ist übertrieben. Auf dem binationalen Euroairport Basel-Mulhouse aber ist das Risiko reell. Die St.Galler Grünen-Nationalrätin Franziska Ryser räumte ein, dass es zu einer «kleinen Verlagerung auf die französische Seite» kommen könnte.

Das Hauptproblem der Initianten aber bleibt die geringe Akzeptanz einer solchen Abgabe, und zwar gerade bei den Jungen. In der Sotomo-Studie ist die relative Skepsis gegenüber Flugreisen bei den Älteren ab 55 am grössten. Die Jüngeren zwischen 18 und 35 Jahren hingegen bewerten das Fliegen zu 61 Prozent als sehr oder eher positiv.

Glaube an technologische Wunder

Zug statt Flug ist offenbar für eine Mehrheit keine Option. Beim Klimaschutz setzt man die Hoffnung deshalb auf den technologischen Fortschritt mit effizienten Flugzeugen und Sustainable Aviation Fuels (SAF). Die nachhaltigen Treibstoffe werden auf der Website von Aviationsuisse als «Königsweg» für die Dekarbonisierung des Luftverkehrs bezeichnet.

Dabei sind sie bislang kaum erhältlich, denn ihre Herstellung ist sehr aufwendig und teuer. Es ist zweifelhaft, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern wird, was selbst Vertreter der Fluglobby am Rande der Medienkonferenz vom Montag einräumten. Ein riesiges Problem bleibt die Skalierbarkeit, also die Produktion in grossen und vor allem günstigen Mengen.

Einmal mehr zeigt sich, dass sich die Menschen lieber an irgendwelche technologischen «Wunder» klammern, statt ihr Verhalten zu überdenken. Deshalb wird es die Mobilitätsbon-Initiative schwer haben, was auch die Initianten anerkennen. Die Idee, den Umstieg auf den Zug zu fördern, ist einleuchtend, der Weg dorthin aber sehr weit.

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