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Synhelion eröffnet 1. industrielle Solartreibstoffanlage der Welt

Schweizer-Firma Synhelion eröffnet 1. industrielle Solartreibstoffanlage der Welt

20.06.2024, 15:3522.06.2024, 17:57
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Das Schweizer Unternehmen Synhelion hat am Donnerstag die weltweit erste industrielle Anlage zur Produktion von Solartreibstoff eingeweiht. Die Anlage in der deutschen Stadt Jülich wird jährlich mehrere Tausend Liter synthetischen Treibstoff herstellen.

Die Produktion werde voraussichtlich noch in diesem Jahr anlaufen, erklärte Synhelion anlässlich der Eröffnung. Zu den Kunden gehören auch die Swiss und ihr Mutterkonzern Lufthansa sowie der Autoimporteur Amag oder der Flugzeugbauer Pilatus. Neben der Swiss und der Amag sind auch die SMS Group, der Zementkonzern Cemex und das Ölunternehmen Eni an der Firma mit Sitz in Lugano beteiligt.

synhelion
Bild: synhelion

Synhelion wurde 2016 als Abspaltung von der ETH Zürich gegründet und hat 2019 erstmals in einer Mini-Raffinerie auf dem Dach der ETH bewiesen, dass sich Treibstoffe unter Einsatz von Solarwärme herstellen lassen.

Treibstoffe für Flugzeuge und Autos

Die Anlage in Deutschland besteht aus einem 20 Meter hohen Solarturm und einem Spiegelfeld. In der Anlage werden Temperaturen von 1500 Grad erreicht, die in einem thermochemischen Reaktor Wasser und eine Kohlenstoffquelle in Synthesegas, ein Gemisch aus H2 und CO, umwandeln. Dank eines thermischen Energiespeichers kann die Produktion rund um die Uhr laufen.

Das Spiegelfeld bündelt die Sonnenstrahlung auf den DLR-Multifokus-Solarturm (rechts), wo der Sonnenempfänger von Synhelion hell erleuchtet ist.
Das Spiegelfeld bündelt die Sonnenstrahlung auf den DLR-Multifokus-Solarturm (rechts), wo der Sonnenempfänger von Synhelion hell erleuchtet ist.Bild: Synhelion

Die Anlage produziert synthetisches Rohöl, genannt Syncrude. Anschliessend wird dieses Zwischenprodukt in einer konventionellen Ölraffinerie zu Treibstoffen verarbeitet.

Synhelion wird so neben solarem Kerosin für die Luftfahrt auch solares Benzin und solaren Diesel für den Strassenverkehr und die Schifffahrt herstellen. «Solartreibstoffe können fossile Treibstoffe direkt ersetzen und sind mit der weltweit bestehenden Treibstoff-Infrastruktur vollständig kompatibel - von der Lagerung über den Transport bis hin zu den Verbrennungsmotoren und Flugzeugtriebwerken», hiess es.

Die Anlage in Jülich habe 20 Millionen Franken gekostet, sagte Synhelion-Co-Geschäftsführer Gianluca Ambrosetti im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP.

Grössere Anlagen geplant

Das Unternehmen denkt aber bereits weiter: In Spanien, wo die Sonne häufiger scheint als in der Schweiz oder Deutschland, soll ab dem nächsten Jahr die weltweit erste kommerzielle Anlage für Solartreibstoffe gebaut werden.

Insgesamt sollen dort rund 1000 Tonnen Treibstoff pro Jahr produziert werden. Das ist markant mehr als in Jülich, wo die Anlage nur mehrere Tausend Liter jährlich herstellt. Erste Lieferungen werden ab 2027 erwartet.

Diese Anlage wird ein Mehrfaches der Anlage in Deutschland kosten. Dafür laufe jetzt die Finanzierungsrunde und die Suche nach Investoren, sagte Ambrosetti. Amag-Chef Helmuth Ruhl sagte, dass die Amag an der Finanzierungsrunde für die Anlage in Spanien teilnehme. Und man habe zugesichert, das dort produzierte Benzin abzunehmen.

Weitere viel grössere Anlagen als Ziel

Anschliessend plant Synhelion weitere Anlagen in Europa, den USA und im Nahen Osten, welche die Grösse der ersten beiden Anlagen noch deutlich übertreffen und damit noch eine sehr viel höhere Produktionskapazität bieten sollen. Diese Anlagen dürften dann über 1 Milliarde kosten, sagte Ambrosetti.

Ab 2033 will Synhelion ein jährliches Produktionsvolumen von rund einer Million Tonnen Solartreibstoff erreichen, erklärte die Firma. Dies entspreche der Hälfte des Schweizer Bedarfs an Kerosin. Mit der zunehmenden Menge wird auch der Treibstoff billiger, der heute noch massiv teurer ist als fossiler Treibstoff. Ab 2033 sollen Produktionskosten von 1 Euro pro Liter Treibstoff erreicht werden.

Derzeit sei nachhaltiger Flugtreibstoff (SAF) noch vier- bis sechsmal teurer als herkömmliches Kerosin, sagte Swiss-Kommerzchefin Heike Birlenbach der AWP. Das sei ein enormer Kostenblock. Die Tankrechnung mache rund 30 Prozent der Betriebskosten der Swiss aus.

«Der grossflächige Einsatz von nachhaltigen Flugkraftstoffen ist einer der wichtigsten Massnahmen, um die CO2-Ziele im Luftverkehr zu erreichen», sagte Birlenbach. Swiss-Chef Dieter Vranckx hatte vor eineinhalb Jahren gesagt, die Airline wolle 11 Prozent des Kerosins bis 2030 aus erneuerbaren Quellen beziehen.

Im vergangenen Jahr deckten sie gemäss dem Luftfahrtverband IATA nur 0,2 Prozent des weltweiten Treibstoffbedarfs ab. «Im Jahr 2050 wollen wir dann ganz klimaneutral sein», hatte Vranckx gesagt.

Die EU schreibt Beimischanteile für nachhaltigen Flugtreibstoff vor. Ab nächstem Jahr müssen 2 Prozent des Verbrauchs aus SAF stammen. Ab 2030 ist eine Beimischquote von 20 Prozent Pflicht. Damit hat Synhelion Planungssicherheit, dass der synthetische Treibstoff auch verkauft werden kann. (saw/sda/awp)

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78 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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kobL
20.06.2024 16:11registriert Januar 2014
Nur wirklich interessant für Bereiche, die sich nicht mit Batterieelektrischen Lösungen abdecken lässt. Z.B. Flugfahrt. Für den Strassenverkehr wären Solarzellen auf der gleichen Fläche in Kombination mit BEV deutlich effizienter und vor allem extrem viel günstiger. Zudem ist diese Verfahren ja auch nur dann Klimaneutral, wenn der Kohlenstoff aus der Luft gewonnen wird. Was auch wieder viel Energie verbraucht.
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