«Auch wenn man weit weg wohnt, kann einem die Politik in der Heimat wichtig sein», sagt John Hader. Der US-Bürger wohnt in Zürich, abgestimmt hat der Demokrat im Swing State North Carolina.
Laut dem Verteidigungsministerium (DoD) der Vereinigten Staaten können rund 3 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner aus dem Ausland abstimmen. Die Schweiz schafft es auf der Länderliste des DoD mit knapp 80'000 Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern sogar auf den 8. Rang weltweit – vor Deutschland. Die meisten Ausland-Amerikaner sind in Kanada (rund 600'000), gefolgt vom Vereinigten Königreich (knapp 300'000) sowie Frankreich und Israel (jeweils etwa 150'000). Wegen der fehlenden Meldepflicht schätzen andere staatliche Quellen die Zahlen jeweils deutlich höher oder tiefer ein.
Die Stimmen aus dem Ausland – vor allem diejenigen, die in Swing States zählen – können bei der Präsidentschaftswahl entscheidend sein, wie die ehemalige US-Botschafterin in der Schweiz Suzi LeVine sagt: «Im Jahr 2020 haben sie sowohl in Georgia als auch in Arizona den Ausschlag für den Sieg von Joe Biden gegeben.» In beiden Staaten gab es 18'000 Stimmen aus dem Ausland. In Georgia gewannen die Demokraten mit 12'000 und in Arizona mit 10'000 Stimmen.
Vielen Trump-Anhängern ist das ein Dorn im Auge. Im wichtigen Swing State Pennsylvania versuchten republikanische Kongressabgeordnete kürzlich erfolglos Stimmen von Militärangehörigen und zivilen Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern aus Übersee zurückzuweisen, die erst am Vorabend des Wahlabends eintreffen. Ähnliches probierten Republikaner auch in Michigan und North Carolina. Wahlbeamte und Experten kritisierten die Vorstösse als geplante Grundlage, um die Wahlergebnisse am 5. November in Frage zu stellen.
«Dass die Republikaner unser Recht auf Beteiligung einschränken wollen, überrascht mich nicht», sagt Darcy Alexandra. Sie wohnt, wie Hader, in Zürich. Ihre Stimme für Kamala Harris hat sie im Swing State Arizona abgegeben. Konsequent wählt Alexandra erst seit 2008. «Als radikale Studentin gab es eine Zeit, in der ich nicht gewählt habe», sagt die Forscherin. Zu frustriert sei sie vom US-Wahlsystem gewesen.
Wählen aus dem Ausland kann in der Tat herausfordernd sein. Es gibt kein zentrales System, das erfasst, wo die Amerikanerinnen und Amerikaner leben, sodass es an ihnen liegt, sich zu registrieren und zu wählen. Vielleicht auch deshalb ist die Wahlbeteiligung bei US-Bürgerinnen und -Bürgern in Übersee sehr tief.
Nicht abzustimmen, weil der Prozess aufwendig oder schwierig ist, kommt für John Hader nicht infrage. «Die USA haben einen grossen Einfluss auf die Welt», sagt er. Jeder, der die Wahlen dort mitbestimmen kann, habe die moralische Pflicht, abzustimmen. Diese Ansicht habe sich bei ihm noch stärker verfestigt, seit er 2019 die USA verlassen und aus erster Hand mitbekommen hat, wie Menschen in anderen Ländern über die USA reden. «Sie wissen Bescheid und sind besorgt, wenn das Land in eine falsche Richtung steuert», sagt er.
Mühsam findet Hader, dass zurzeit Verschwörungstheorien zum politischen Diskurs gehören. Diejenigen mit Bezug auf das Klima interessieren den Umweltforscher besonders. Der Hurrikan, der North Carolina kürzlich traf, schaffte dafür den perfekten Nährboden. So behaupteten viele, die Umweltkatastrophe sei von der aktuellen, demokratischen Regierung kontrolliert worden. «Es ist schon witzig zu sehen, dass diejenigen, die das glauben, dieselben sind, die den seit Jahren bewiesenen Klimawandel als Lüge bezeichnen», sagt er und ergänzt: «Ich wünschte, wir könnten uns wieder auf wichtige Themen konzentrieren.» (aargauerzeitung.ch/nzu)