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Anti-Lockdown-Demos: Warum Rechtsextreme nun die Gunst der Stunde nutzen

Polizisten halten Absperrbaender, um Demonstranten vom Bundesplatz fernzuhalten, bei einer Demonstration gegen den Coronavirus Lockdown, am Samstag, 9. Mai 2020 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Bild: KEYSTONE
Interview

«Rechtsextreme nutzen mit den Anti-Shutdown-Demos die Gunst der Stunde»

Der Historiker und Rechtsextremismusforscher Damir Skenderovic warnt davor, dass die Anti-Lockdown-Demos den Rechtsextremen Aufschwung verleihen. Im Interview erklärt er, wie dies verhindert werden könnte und warum die Proteste unterschätzt werden.
16.05.2020, 13:0216.05.2020, 13:53
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Heute treffen sich in mehreren Schweizer Städten erneut Menschen, um gegen die Shutdown-Massnahmen zu demonstrieren. Lange war es ruhig und nun folgen diese Aufstände. Was ist passiert?
Damir Skenderovic:
Die Leute sind verunsichert, sie empfinden Kontroll- und Vertrauensverlust. In der Krise suchen sie nach Antworten, obwohl es für viele Fragen keine gibt. Sie suchen nach einfachen Erklärungen und klaren Verantwortlichkeiten. Deshalb auch der Boom an Verschwörungstheorien, diese geben simple Antworten auf komplexe Fragen. Auch haben sie die Funktion, Gemeinschaft zu stiften und eine Gruppe zusammenzuschweissen. Gerade jetzt, wo alles durcheinander ist und wir nicht wissen, woran wir uns halten sollen, ist das eine sehr wichtige Funktion.

Sie sprechen die Verschwörungstheoretiker an. Sie sind aber nicht die einzigen, die an den Demonstrationen teilnehmen.
Tatsächlich fällt die Vielfalt der Demonstrierenden auf. Ihre Motive, der politische Hintergrund und ihre Forderungen sind unterschiedlich. Es gibt solche, die kritisch auf die wirtschaftlichen Folgen schauen oder sich in ihren Grundrechten eingeschränkt sehen. Andere sorgen sich um die Rolle der Technologiekonzerne oder um Überwachung.

«Mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus wurden mehr Verschwörungstheorien verbreitet. Diesen Zusammenhang sieht man auch bei den Demonstrationen.»

Ist das die Mehrheit?
Im Moment ist es noch schwierig einzuschätzen. Es scheint aber, dass ein sehr grosser Teil Anhänger von Verschwörungstheorien sind. Dies zeigt sich zumindest in anderen Ländern, vor allem in Deutschland und den USA.

Die Coronakrise hat also einen Verschwörungs-Boom ausgelöst?
Der Aufschwung hat nicht nur mit Covid-19 zu tun. Das ist eine Entwicklung, die wir schon länger beobachten. Mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus wurden mehr Verschwörungstheorien verbreitet. Diesen Zusammenhang sieht man auch bei den Demonstrationen. Für Verschwörungstheorien und Rechtspopulismus ist die Behauptung zentral, dass die politische Elite, die Wissenschaft oder die Intellektuellen korrupt sind und das Volk verraten. Dieses sei Opfer und es müsse sich gegen diese angeblichen Eliten wehren.

Wie ist es dazu gekommen?
In den letzten Jahren war es Ziel der Populisten, das Vertrauen in Wissenschaft, Expertise und Fakten zu untergraben. Doch nun hat die Coronakrise gezeigt, dass die Regierung bei der Entscheidung der Massnahmen auf wissenschaftliche Kenntnisse zurückgreift und eine wissensbasierte Politik betreibt. Das entspricht natürlich nicht dem populistischen Politikverständnis.

Kann diese heterogene Gruppe von Protestierenden überhaupt als eine «Bewegung» bezeichnet werden?
Es sind Strömungen, die nicht neu sind. Neu ist jedoch, dass sie gleichzeitig zusammenkommen. Hier muss man wachsam sein, denn von den Rechtspopulisten wie auch Rechtsextremen wird eine Querfrontstrategie verfolgt: Sie zeigen sich kritisch gegenüber Macht und Elite und gleichzeitig tragen sie Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus mit. Diese Strategie von rechts darf nicht aus den Augen verloren werden.

Historiker und Rechtsextremismusforscher Damir Skenderovic.
Historiker und Rechtsextremismusforscher Damir Skenderovic.bild: zvg

Warum?
Weil diese Demonstrationen der rechtsextremen Szene so Aufschwung verleihen. Rechtsextreme nutzen die Gunst der Stunde. Das hat sich in Deutschland bereits gezeigt. Es ist deshalb wichtig, darauf hinzuweisen, wer zu diesen Demonstrationen aufruft und wer dabei ist. Wer instrumentalisiert das Gefühl der Unsicherheit und Orientierungslosigkeit? Man muss ganz genau hinschauen und herausfinden, wer versucht, seine Interessen zu vertreten oder sich in Szene zu setzen.

Weiss man das nicht bereits?
In der Schweiz gibt es bisher noch zu wenig Informationen, das Bild ist noch nicht klar. Doch auch hier ist wichtig zu wissen, wer die treibenden Kräfte dieser Demonstration sind. So können sich Leute mit einer kritischen Haltung gegenüber gewissen staatlichen Massnahmen oder Technologiekonzernen positionieren und abgrenzen. Sie können dann gefragt werden: Wollen Sie bei dieser Demonstration mitlaufen, wenn Sie wissen, dass neben ihnen ein Rassist und ein Rechtsextremer steht? Denn wenn man kritisch ist gegenüber einer App ist, ist man noch lange kein Rechtsextremer.

Anti-Shutdown-Demo am 9. Mai 2020

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Anti-Lockdown-Demo am 9. Mai 2020
quelle: keystone / peter klaunzer
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Es ist ja grundsätzlich nicht schlecht, staatliche Massnahmen kritisch zu hinterfragen.
In der Tat muss man es kritisch beobachten, vor allem wenn es sich um Notstandsrecht handelt. Doch diese Demonstrationen kritisieren Massnahmen, mit denen man Menschen vor dieser Krankheit geschützt hat. Wissenschaft und Forschung ist sich einig, dass das Virus sehr gefährlich ist. Wenn nun diese Demonstrierenden protestieren, obwohl dies für die Gesellschaft ein gesundheitliches Risiko birgt, ist das unverantwortlich. Und zeigt ein Mangel an Solidarität gegenüber Menschen, die dieser Krankheit ausgesetzt werden können, und auch gegenüber jenen, die im Gesundheitssystem arbeiten und helfen.

Die Demonstrierenden stellen die individuelle Freiheit über die gesellschaftliche Solidarität.
Genau. Das ist ein Gedanke, der im Hintergrund des neoliberalen Wirtschaftssystems in den letzten 20 bis 30 Jahren immer stärker wurde. Und eigentlich glaubte man, dass mit der Coronakrise dieser Gedanke der gesellschaftlichen Solidarität Auftrieb erhalten werde.

«Was jetzt fatal ist: Kritiker behaupten, es wäre alles gar nicht nötig gewesen. Solche Ungewissheiten ebnen den Weg für Verschwörungstheorien.»

Man könnte auch fragen, ob es der Bundesrat verpasst hat, seine Eingriffe in die Freiheitsrechte richtig zu erklären.
Das denke ich nicht. Vor allem in der ersten Phase hat die Kommunikation gut funktioniert – die Entscheidungen wurden basierend auf Expertenwissen klar erklärt. Was jetzt fatal ist: Kritiker behaupten, es wäre alles gar nicht nötig gewesen. Jedoch wissen wir nicht, was geschehen wäre, wenn die Massnahmen nicht ergriffen worden wären. Es sind eben solche Ungewissheiten und Zweifel, die den Weg ebnen für Verschwörungstheorien.

Heute werden erneut hunderte Demonstrierende erwartet. Was denken Sie, wie konsistent ist diese Bewegung?
Es ist entscheidend, was heute ablaufen wird. Werden sich die Leute mit einer anderen Agenda als Verschwörungstheoretiker und Rechtsextreme von ihnen trennen? Eigentlich muss es auf eine Trennung hinauslaufen. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass es weitere Demonstrationen gibt, aber auf getrennten Wegen. Ich hoffe aber vor allem, erst nachdem die gesundheitspolitischen Massnahmen zu Distanz und Versammlungen aufgehoben wurden.

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Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur

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125 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Peter R.
16.05.2020 13:25registriert Februar 2019
In den letzten Tagen und Wochen wurde viel über die Solidarität gesprochen, welche hier herrsche!
Es ist übel, was sich diese Demonstranten leisten, ein Mangel an Solidarität gegenüber Risikopersonen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Die Demonstranten sind richtige Egoisten die sich einen Dreck um ihre Mitmenschen kümmern - das Schlimmste von allem ist, dass die auch noch meinen dies sei der richtige Weg sich zu verhalten. Ich hoffe sehr, dass die Ordnungskräfte einschreiten.
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Randalf
16.05.2020 13:45registriert Dezember 2018
Ich frage mich, ob es für Kuhhornbefürworter auch noch einen Platz hat bei diesen Demos?
Chrut und Rüebli laufen da mit (sogar mit Babykarotten).
Jede Gruppierung für sich kann ich ja verstehen, wenn sie ihren Unmut äussern wollen. Sich deswegen gleich mit allen ins Bett zu legen finde ich jedoch bedenklich und auch ein wenig "grusig".
Wer manipuliert hier wen?
Sie sagen:"täglich werden wir mehr". Doch wer sind diese wir?
Rechte, Linke, Impfgegner oder etc.
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Dave1974
16.05.2020 13:33registriert April 2020
Und fast gleichzeitig ein Artikel der lautete: "Die Schweiz hätte die Kurve auch einfacher gekriegt".

Hier die Antworten darauf, weshalb man nicht jetzt schon über möglich gewesene Szenarien werweisen sollte - jedenfalls nicht in der breiten Öffentlichkeit.

Ich bin auch nicht für die strenge Hand, aber in einer Situation, die uns alle(!) betrifft und die man noch gar nicht im ganzen Ausmass versteht dermassen die Disziplin segeln zu lassen und wider allen im Moment geltenden Regeln zu handeln - das ist purer Egoismus und eben auch gefährlich.
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