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Der Präsident der Eidgenössischen Impfkommission Christoph Berger.
Der Präsident der Eidgenössischen Impfkommission Christoph Berger.Bild: keystone
Interview

Was es jetzt braucht, um aus der Pandemie eine Endemie zu machen

Der Präsident der Eidgenössischen Impfkommission Christoph Berger sagt im Gespräch, warum der Weg aus der Pandemie in die Endemie vorgespurt ist – und was dafür jetzt vor allem nötig ist: genug Grundimmunität.
19.01.2022, 22:03
Bruno Knellwolf / ch media

Alle sprechen über ein Ende der Pandemie und einen Übergang zur Endemie. Was heisst das?
Christoph Berger: Es gibt eine Epidemie, eine Pandemie und einen endemischen Zustand. Eine Epidemie sieht man zum Beispiel bei den Grippewellen, in einer Grippesaison. Die kommt immer wieder und befällt viele Menschen. Die Leute sind nicht total geschützt, deshalb verbreitet sich das Influenzavirus zeitlich und örtlich begrenzt. Bei der Pandemie ist der Verlauf gleich, aber die Bevölkerung hat noch gar keinen Schutz gegenüber dem neuen Erreger, deshalb gibt es nicht nur eine regionale Ausbreitung, sondern es betrifft alle. Bei der Endemie treten die Fälle dann fortwährend in einer Region oder Gruppe auf.

Epidemiologen wie Marcel Tanner sehen einen möglichen Übergang in eine Endemie in zwei Monaten.
Das ist eine realistische Perspektive. So sieht man ein Ende des Tunnels.

Wie wird eine Endemie möglich?
Um aus der Pandemie zu kommen, brauchen wir einen grossen Teil der Bevölkerung, der eine Grundimmunität gegen Sars-CoV-2 hat. Sei das durch Impfungen oder durch Infektionen – oder beides. Die Bevölkerung ist dann nicht mehr naiv gegenüber dem Virus, damit gibt es weniger schwere Verläufe. Das gilt für alle Varianten von Sars-CoV-2. Die Geimpften haben weiterhin einen gewissen Schutz vor schwerer Erkrankung. Dieser Schutz ist allerdings je nach Variante und zeitlichem Abstand zur letzten Impfung unterschiedlich. Aber ganz geht der Schutz nicht mehr weg. Bei den Risikogruppen der Vorerkrankten und der Alten kann es da ehesten wieder zu schweren Erkrankungen kommen, der Schutz reduziert er sich da am schnellsten.

«Jetzt impfen und boostern wir, um die grosse Welle abzuflachen. Das müssen wir aber in Zukunft nicht mehr machen, wenn es keine Welle mehr gibt.»

Was bedeutet das?
Diesen Teil der Bevölkerung muss man wohl in einer endemischen Lage weiterhin schützen. Entweder durch Auffrischimpfungen oder sonst durch den Rückzug der Gefährdeten. Aber wenn eine weit verbreitete Grundimmunität im Lande da ist, gibt es weniger Hospitalisationen. Das sieht man jetzt schon in anderen Ländern und auch der Schweiz. Schon bei Delta sah man die Wirkung der Immunisierung durch die Impfung bei den Todesfällen und den Hospitalisationen. Die Fallzahlen steigen mit Omikron extrem, die Hospitalisationen bleiben trotzdem stabil. Auch weil Omikron mehr in die oberen Teile der Atemwege geht und weniger in die Lunge. Das macht weniger krank.

Hat das Verhalten der Bevölkerung geholfen?
Wir haben in der Schweiz einen immer grösseren Teil, der kürzlich geboostert worden ist. Das kann eine Rolle spielen.

Aber die gesundheitliche Belastung in einer Endemie wird kleiner sein?
In einem endemischen Zustand ist die Belastung der Bevölkerung weniger gross, weil die Hospitalisationen dann deutlich geringer sein müssten. Aber es gibt noch offene Fragen zu Omikron. Zudem besteht auch die Möglichkeit, dass eine neue Variante kommen wird.

Im Frühling sind die ersten an Omikron angepassten Impfungen angesagt. Braucht es die dann?
Erstens müssen wir sehen, wie die Welle verläuft; zweitens, wie gut die Geboosterten gegen Omikron geschützt sind über eine längere Zeit und wie der Schutz der von Omikron Genesenen ist. Zwar sind Menschen mit einer angepassten vierten Impfung wohl besser geschützt, trotzdem reicht es aber vielleicht, nur besonders gefährdete Personen zu impfen. Jetzt impfen und boostern wir, um die grosse Welle abzuflachen. Das müssen wir aber in Zukunft nicht mehr machen, wenn es keine Welle mehr gibt. Aus heutiger Sicht sehe ich eine vierte Impfung primär zum Schutz der Gefährdeten. Der Sommer wird wohl entspannt. Schwierig ist zu sagen, was im Herbst nötig wird. Dort sehe ich aus heutiger Sicht möglicherweise eine Rolle für einen angepassten Impfstoff.

Läuft jetzt eine Durchseuchung unter Kindern?
Es gibt jetzt viele infizierte Kinder. Unter Kindern und jungen Erwachsenen gibt es einen wesentlichen Teil, der noch keinen Kontakt zum Virus hatte und nicht geimpft ist. Diese Menschen werden Omikron-Kontakt haben. Die einen werden deshalb krank, ganz wenige stark, die meisten nicht. Die Eltern können ihre Kinder ab fünf Jahren impfen. Mehr kann man nicht tun. Die Kinder leiden unter Umständen mehr an den Massnahmen als am Virus. Deshalb bin ich der Meinung, Schulen offen zu halten. Kommt es regional zu einem aussergewöhnlichen Ausbruch, kann man im Einzelfall kurzfristig lokal schliessen.

Und die repetitiven Tests?
Wenn die Fallzahlen weiter steigen, wird es mit repetitiven Tests schwierig werden. Zum einen sind zu viele Kinder positiv, und zum zweiten geht es lange, bis die Resultate da sind. Bei der schnellen Übertragung bringt das nicht mehr viel. Ausser an Orten, wo es nur wenige Fälle gibt. Dort kann man so noch einzelne Fälle herausfiltern. (bzbasel.ch)

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quelle: keystone / alessandro della valle
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