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Interview

Weshalb sich Impfchef Christoph Berger gegen Masken im Schulzimmer ausspricht

Kuba impft als erstes Land die Kinder und auch in Europa ist das bald möglich. Impfchef und Kinderarzt Christoph Berger erklärt, warum in der Schweiz dieses Jahr noch nicht damit zu rechnen ist.
12.09.2021, 06:2012.09.2021, 07:16
Bruno Knellwolf / ch media

Die Firma Biontech hat für Mitte Oktober einen Impfstoff für Kinder ab fünf Jahren angesagt. Bis Ende des Jahres werden zudem auch die Studiendaten zu den jüngeren Kindern ab sechs Monaten erwartet, wie Biontech-Chef Uğur Şahin im «Spiegel» sagt.

Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Impfkommission und Leiter Infektiologie am Kinderspital Zürich.
Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Impfkommission und Leiter Infektiologie am Kinderspital Zürich.
Bild: KEYSTONE

In der Schweiz bleiben Kinder bis zwölf Jahre weiterhin nicht mit einer Impfung geschützt. Der Zürcher Kinderarzt und Chef der Impfkommission Christoph Berger sagt, warum er trotzdem keine Masken will im Schulzimmer.

Kuba lässt als erstes Land eine Kinderimpfung zu. Die Pharmafirma Biontech lanciert bald eine für Kinder ab fünf Jahren – Wie lange könnte das in der Schweiz noch dauern?
Christoph Berger: Für eine Zulassung von Impfstoffen für unter Zwölfjährige braucht es entsprechende Studien für Kinder. Wenn diese zur Verfügung stehen, werden wir sehen, wie die Impfstoffe wirken, wovor sie schützen und mit welchen Nebenwirkungen zu rechnen ist. Solche Studiendaten haben wir bis jetzt nicht, also können wir die Kinderimpfung auch nicht planen. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, die Dosis und das Rezept sind anders, deshalb braucht es spezielle Kinderstudien. Wann diese vorliegen, kann ich nicht sagen. Ich gehe nicht davon aus, dass eine solche Impfung noch in diesem Jahr eingesetzt werden kann.

Was wird mit der Kinderimpfung erreicht?
Die Frage ist, will man damit die Multi-Entzündungserkrankung PIMS verhindern, Long-Covid oder die Durchimpfung in der Bevölkerung erhöhen? Das Ziel muss also überlegt und definiert werden. Die Krankheitslast bei Kindern ist kleiner und somit geht man ein kleineres Risiko ein bei einer Infektion. Natürlich wäre es gut, wenn man mit einer Impfung jeden PIMS-Fall verhindern könnte, wie auch Long-Covid. Das alles muss abgewogen werden vor einer Impf-Empfehlung.

Wie viel schwere Fälle bei Kindern gibt es denn?
Wenig. Ich kann nur fürs Kinderspital Zürich sprechen. Seit März 2020 haben wir 143 Kinder hospitalisiert. Von diesen 143 waren 23 vorübergehend auf der Intensivstation und 25 waren PIMS-Fälle. Long-Covid ist belastend und unangenehm, führt in der Regel aber nicht in die Intensivstation und die Prognose ist gut. Man wünscht das keinem Kind. Aber in der Abwägung ist es für mich wichtiger, dass die Schulen offen bleiben, als dass man um jeden Preis einen Long-Covid-Fall verhindert.

Wenn der Impfstoff noch länger nicht kommt, bleiben Kinder somit weiter ungeschützt. Wie kann man sie anderweitig schützen?
Wir müssen erreichen, dass die Kinder in die Schule gehen können. Ein möglicher Weg wären repetitive Tests, einmal pro Woche ein Pool-Test mit Spucken. Damit erkennt man die grossen Ausbrüche und kann dann handeln. Wer nicht betroffen ist, kann in Ruhe zur Schule. Bei einem Pool-Test werden zum Beispiel zehn Kinder getestet – ist eines davon positiv, geht dieses in Isolation, die anderen nicht und auch nicht in Quarantäne. Wer mitmacht bei den repetitiven Tests, kann von der Quarantäne befreit werden. Wenn die Infektionszahlen aber weiter steigen, gibt es auch wieder mehr symptomatische Infektionen. Wenn das ausufert, kann es somit auch wieder mehr Klassen geben, die dann doch schliessen müssen. Das repetitive Pool-Testen ist aber ein guter Weg, um das zu verhindern.

Könnte man somit generell auf die Masken verzichten?
Wenn Kinder jetzt ab einem gewissen Alter in der Schule Masken tragen müssen, besteht die Gefahr, dass sie diese bis nächsten Frühling tun müssen. Kinder sollen Masken tragen, um das Virus nicht zu verbreiten. Von Kind zu Kind ist das aber weniger problematisch, da sie meist einen harmlosen Verlauf haben. Sie übertragen zudem weniger an Erwachsene als umgekehrt. Übertragen Kinder das Virus aber auf Ältere, können wir davon ausgehen, dass die grosse Mehrheit der Erwachsenen geimpft ist und deshalb kaum oder nicht schwer erkrankt.

Viele junge, aktive Leute, fühlen sich trotz Delta sicher und landen immer häufiger ungeimpft im Spital. Ausgerechnet unter jungen Lehrerinnen scheint die Impfquote eher tief zu sein. Die haben somit ein hohes Risiko einer Corona-Infektion.
Das ist genau so. Aber müssen jetzt die Kinder in einer Klasse Masken tragen, weil sich deren Lehrerin nicht impfen lassen will?

Wird man Ihren Vorschlag, die Quarantäne aufzuheben, wenn repetitiv getestet wird, aufnehmen?
Das weiss ich nicht. Es gab aus der Bevölkerung drei verschiedene Reaktionen. Viele Kinderärzte, Eltern und Personen aus dem Schulbereich haben positiv auf den Vorschlag reagiert. Andere halten ihn für total daneben. Das gehe doch nicht, die Kinder trotz hoher Infektionsgefahr ohne Quarantäne und Maske in die Schule gehen zu lassen. Und dann gibt es noch die, die gar nichts mehr wollen, nicht mal repetitive Tests.

Rituale wie Händeschütteln kehren auch in die Schulen zurück. Ist das aus infektiologischer Sicht vertretbar?
Die Schulen sollten die bestehenden Schutzkonzepte aufrechterhalten wie das Hände waschen und gut lüften. Vor allem, wenn es nun wieder kälter wird und die Fenster geschlossen bleiben. Wichtig ist auch, dass die kranken, symptomatischen Kinder zu Hause bleiben.

Zurzeit besteht bezüglich der Massnahmen in der Schule ein kantonaler Flickenteppich. Da ist es schwierig für Eltern, sich zu orientieren.
Grundsätzlich liegt die Schulhoheit bei den Kantonen, wünschenswert wäre aber, wenn sich diese untereinander absprechen. Sonst muss am Schluss der Bund das regeln. (aargauerzeitung.ch)

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