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Interview

«Das Osterwochenende wird ein guter Test sein, wie der Sommer werden könnte»

Nicola Low von der Universität Bern hütet sich, uns einen entspannten Feriensommer zu versprechen. Im Moment steigen die Fallzahlen, wenn sie im April nicht weiter steigen, zeigt das, dass wir es gut gemacht haben. Prävention – das Einhalten der Massnahmen – sei immer noch wichtig. Denn ob die Impfrate im Juni genügend hoch ist, um die Epidemie zu stoppen, ist höchst ungewiss.

Christoph Bopp / ch media



nicola low

Nicola Low, Professorin am Institut für Soziale und Präventiv-Medizin der Universität Bern. Bild: zvg

Frau Professor Low, was dürfen wir vom Sommer erwarten? Wird Reisen und werden Ferien in anderen Ländern möglich sein?
Nicola Low:
Zum Sommer kann man noch nicht viel sagen. Und wenn Sie darauf anspielen, dass wir im Juni mit dem Impfen schon weit sein werden, dann kann man nur sagen, dass die Aussichten natürlich besser sind, je mehr Leute geimpft sind. Auch hier zählt jeder Tag. Aber wie die Situation im Sommer konkret sein wird, ist offen.

Immerhin werden dann auch mehr jüngere Leute geimpft sein.
Ja, schon. Aber im Moment schützt Impfen primär das Individuum. Damit es sich auf das Infektionsgeschehen in der Bevölkerung auswirkt, muss die Impfrate sehr hoch sein, viel höher als jetzt. Und wahrscheinlich reicht es auch im Juni noch nicht, um die Pandemie so stark zu bremsen, dass man die Massnahmen aussetzen kann.

«Damit sich der Schutz auf das Infektionsgeschehen in der Bevölkerung auswirkt, muss die Impfrate sehr hoch sein, viel höher als jetzt.»

Nicola Low

Kann man wenigstens für Ostern eine Prognose abgeben?
Ostern ist nächste Woche, die Ansteckungen, die man über das Osterwochende sehen wird, sind jetzt geschehen. Und im Moment steigen die Ansteckungszahlen exponentiell an. Massnahmen, welche die Epidemie wirklich bremsen könnten, haben wir bisher offensichtlich nicht getroffen. Was wir jetzt sehen, ist der Effekt der Massnahmen von Anfang März. In unseren Nachbarländern mit Ausnahme Deutschlands ist die dritte Welle bereits voll da.

Wir testen häufiger.
Ja, das ist gut. Das hilft, Infektionsketten zu durchbrechen. Ich weiss, es ist mühsam und immer die gleiche Botschaft: Frühzeitig erkennen, testen, positive Fälle isolieren, Kontakte verfolgen und Quarantäne. Je schneller wir damit sind, desto besser.

Welche Rolle spielen die neuen Mutanten?
Wir sehen bei uns den Effekt der Mutation B.1.1.7, die in England entdeckt wurde. Wir hatten das Bild einer Überlagerung von zwei Epidemien, der gewohnten, kontinentalen Virenvariante und B.1.1.7. Diese Mutante hat sich stark verbreitet und das ist wahrscheinlich die Ursache dafür, dass die Zahlen so stark steigen. Sie ist wirklich viel infektiöser.

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Die ganze Welt redet von den brasilianischen Mutationen P1 und P2.
Die sind bei uns noch nicht so bedrohlich. Wie verbreitet sie sind, wissen wir nicht. Wir sollten aber stärker überwachen und besonders an den Grenzen mehr kontrollieren und testen und die Leute konsequent isolieren oder in die Quarantäne schicken.

Sequenzieren wir genug?
Die positiven Proben auf die neuen Varianten zu untersuchen, ist wichtig. Aber das ersetzt die Prävention nicht. Nur die präventiven Massnahmen, die dann getroffen werden, bremsen die Epidemie. Bei Ansteckungen mit Mutanten sollten auch die Kontakte der Kontakte nachverfolgt und getestet werden. Eben, weil die Mutante so viel infektiöser ist.

Wie lange wird das noch gehen mit der Corona-Pandemie?
Die Impfrate wird eine entscheidende Rolle spielen. Wir sehen in Israel, dass eine schnelle Durchimpfung die Zahlen rasch senken kann. Das ist das Licht am Ende des Tunnels. Andererseits müssen wir realistisch sein, wir haben zur Zeit nicht genügend Impfstoff. Auf eine rasche hohe Durchimpfung können wir uns nicht verlassen.

Die Leute haben langsam genug.
Ich verstehe das voll und ganz. Aber Prävention bleibt wichtig. Klar, wer die Massnahmen einhält, fühlt für sich keinen Vorteil, er nimmt nur die Nachteile wahr. 99 Prozent der Bevölkerung sind nicht infiziert, müssen sich aber stark einschränken, um andere zu schützen.

Wie sind wir unterwegs? Auf einem guten oder einem nicht so guten Weg?
Ich würde sagen: Im Moment nicht so gut. Wenn die Zahlen steigen, kann es nicht gut stehen. Wir müssen einfach einsehen, dass es entscheidend ist, die Zahlen niedrig zu halten. Niedrige Zahlen erlauben es, die Epidemie in Schach zu halten und sind gut für das Gesundheitssystem, für die Wirtschaft, die Schulen. Da ist Ostern ein guter Test, wenn die Zahlen im April dann nicht ausschlagen, haben wir es gut gemacht.​

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