Schweiz
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Eastern quoll, pale phase {Dasyurus viverrinus} Tasmania, Australia

Der Tüpfelbeutelmarder gehört zu den Gewinnern: Vor 50 Jahren war er in Australien ausgestorben, im Sommer 2018 wurde er wieder angesiedelt.  Bild: WWF 

Aussterben oder Überleben? Die Verlierer und Gewinner im Tierreich 2018



Der Mensch zerstört Lebensräume, vermüllt die Ozeane, wildert und sorgt für die Erwärmung des Weltklimas: Fast 27'000 Tierarten stehen zum Ende dieses Jahres als bedroht auf der Roten Liste, 10'000 mehr als noch vor rund zehn Jahren.

«Das ist neuer Negativrekord und betrifft fast 30 Prozent aller untersuchten Arten», erklärte die Umweltstiftung WWF am Donnerstag zum Erscheinen ihrer neuen Liste der Gewinner und Verlierer im Tierreich 2018. Auch wenn einige Arten am Rande des Aussterbens stehen, gibt es demnach auch Beispiele, die hoffen lassen.

Verlierer: Schneeeule

Grey whale (Eschrichtius robustus), San Ignacio Lagoon, Baja California, Mexico

Bild: WWF 

Gewinner: Bienenfresser

Grey whale (Eschrichtius robustus), San Ignacio Lagoon, Baja California, Mexico

Bild: WWF 

Wir haben mit dem Artenschutz-Experten des WWF, Philip Gehri, über Ursachen und Folgen des Artensterbens gesprochen. 

2018 war kein gutes Jahr für die Tiere, schreibt der WWF in einer Mitteilung. Warum?
Philip Gehri: Das liegt hauptsächlich an drei Bedrohungen, die wir schon länger beobachten konnten. Erstens an Entwicklungen, die die Artenvielfalt direkt bedrohen, zum Beispiel die Überfischung, die Wilderei oder die Jagd. Zweitens am Verlust von Lebensräumen, der bei der Abholzung von Wäldern stattfindet oder bei der Ausdehnung der Landwirtschaft.

Und drittens?
Der dritte Punkt ist der inzwischen vielleicht wichtigste: die Auswirkungen des Klimawandels. Für die Tierwelt hat die globale Erderwärmung verheerende Folgen. Und da war 2018 kein gutes Jahr: Es dürfte das heisseste je gemessene Jahr sein, und die Klimapolitik in der Schweiz hat Rückschritte gemacht.

Der Klimawandel schadet aber offenbar nicht allen Tierarten. Der Bienenfresser, ein Zugvogel, der seinen Namen seiner kulinarischen Vorliebe für Bienen verdankt, konnte seinen Lebensraum dank der Klimaerwärmung ausdehnen, wie im Communiqué weiter zu lesen ist.
Das ist richtig. Der Bienenfresser ist ein Nutzniesser der wärmeren Weltgegenden. Aber auch seine Perspektive ist düster.

Warum?
Weil sich das Gleichgewicht der Natur aufgrund der Industrialisierung, der Globalisierung und der Klimaveränderung am Verschieben ist. Der Bienenfresser hat zwar neu einen grösseren potentiellen Lebensraum, allerdings nützt ihm dieser wenig. Die primäre Nahrungsmittelquelle Nummer 1, Insekten, stirbt dem Bienenfresser weg.

«Die Schweiz ist überhaupt nicht vorbildhaft, kein anderes Land hat eine so lange rote Liste gefährdeter Tierarten.»

Die Geschichte des Tierreichs zeigt doch andererseits, dass Tiere immer wieder in der Lage waren, sich an neue Gegebenheiten anzupassen.
Tiere sind und waren immer sehr mobil, das stimmt. Aber die Natur ist nun einmal nicht eine Ansammlung von unabhängig voneinander existierenden Individuen, sondern ein extrem komplexes Netz. Und der Klimawandel zerreisst dieses Netz. Wenn etwa eine Tier- oder Insektenart in der Nahrungsmittelkette fehlt, gerät das ganze System durcheinander.

Im Lauf der Erdgeschichte sind Tierarten gekommen und ausgestorben. Ganz wertfrei gefragt: Wieso sollen wir eigentlich Artenschutz betreiben?
Es gibt eine philosophische und eine praktische Antwort. Die philosophische lautet: Die Natur hat einen eigenen, intrinsischen Wert. Wieso glauben wir, ein Recht zu haben, die Natur zu zerstören?

Und die praktische Antwort?
Der Mensch ist eben auch ein Teil der Nahrungsmittelkette, auch wenn er sich ganz oben sieht. Verschwinden etwa die Bienen, werden die Pflanzen nicht mehr bestäubt. Man kann einwenden, dass das auch künstlich geht. Aber das wäre ein unverhältnismässiger Aufwand. Ein anderes Beispiel ist die Überfischung. Weltweit sind Millionen Menschen von einem intakten Lebensraum in den Meeren abhängig. Und das Meer ist nun einmal dort besonders ertragreich, wo die Artenvielfalt hoch ist. Auch indirekte Effekte spielen da eine Rolle: Wenn die Korallen wegen der Klimaerwärmung zugrunde gehen, dann nimmt auch der Tourismus ab.

Das Jahr 2018 hatte einen politischen Rechtsruck zur Folge. Was bedeutet das für die Vielfalt der Tierarten?
Der Zusammenhang ist offensichtlich. Der Klimaschutz und der Schutz der Artenvielfalt ist kaum auf der Agenda von Regierungen weit rechts. Es ist doppelt bedauerlich, dass gerade in Ländern, die relevant sind für die Artenvielfalt, zum Beispiel USA oder Brasilien, rechte Regierungen an der Macht sind. Der neue Präsident von Brasilien, Jair Bolsonaro, hat angekündigt, er werde den Schutz des Amazonas aufheben. Und in den USA ist Trump bereits daran, alle Errungenschaften des Artenschutzes der letzten Jahre rückgängig zu machen. Auch in der Schweiz ist die Situation schwierig. Wir sind da überhaupt nicht vorbildhaft, kein anderes Land hat eine so lange rote Liste gefährdeter Tierarten.

«Für die Äsche als wärmeempfindlichen Fisch war 2018 ein Horrorjahr.»

Woran liegt das?
Wir haben im internationalen Vergleich sehr wenig Schutzgebiete, also Landesflächen, die Naturschutzregeln unterliegen. Das ist auch räumlich bedingt, aber nicht nur. Wir nutzen dieses kleine Land sehr intensiv, sei es mit intensiver Landwirtschaft, Siedlungs- oder Strassenfläche, die stark zunimmt. Dies alles führt dazu, dass wir einen hohen Druck auf die Natur ausüben. Andererseits wollen wir uns gerade beim Konsum nur wenig Einschränkungen auferlegen. Das alles liegt eben oft in Konkurrenz zur Natur.

Japan hat am Mittwoch bekanntgegeben, den kommerziellen Walfang wieder aufzunehmen. Welche Bedeutung hat dieser Entscheid für den Walbestand im Pazifik und für den Artenschutz im Allgemeinen?
Der Entscheid ist ein grosser Rückschlag. Wale pflanzen sich sehr langsam fort. Eine nachhaltige Jagd ist darum nicht möglich, zumal Wale ja auch unter anderen Bedrohungen leiden. Kollisionen mit Schiffen etwa oder der Verschmutzung der Ozeane mit Plastik und Umweltgiften. Dank strengem Schutz haben sich einige Bestände endlich leicht erholt – diese schüchternen Erfolge will Japan nun zunichtemachen.

Wenn Sie je einen Gewinner und einen Verlierer der Tierwelt in der Schweiz nennen müssten, wer wäre es?
Der Biber gehört sicher zu den Gewinnern. Vor einiger Zeit war er mehr oder weniger ausgestorben, aber durch gezielte Ansiedlung und Naturschutzmassnahmen wie etwa der Revitalisierung konnte er auf einen stabilen Bestand vergrössert werden.

«Ich glaube, wir müssen versuchen, weniger mit Ängsten zu arbeiten, sondern die Leute für die Schönheit der Natur zu begeistern und eine innere Motivation zu wecken.»

Und der Verlierer?
Verloren haben in diesem Sommer sicherlich die Wassertiere – Fische und Amphibien. Gerade für die Äsche als wärmeempfindlichen Fisch war 2018 ein Horrorjahr.

Ein «unerfreuliches Jahr», konstatieren Sie für 2018. Was ist der Ausblick für 2019?
Kurz und knapp: Es kann nur besser werden. Ich zähle etwa beim Klimaschutz auf die Gegenkräfte, die sich in letzter Zeit immer stärker regen. Dass Tausende von Schülern streiken, um einen Klimaprotest zu veranstalten, stimmt mich zuversichtlich. Überhaupt müsste man die ganze Debatte vielleicht manchmal etwas emotionaler führen, damit sich die Leute bewusst sind, dass das Thema jeden von uns angeht.

Gerade dem WWF kann man nun nicht vorwerfen, nicht emotional zu argumentieren ...
Ja, der WWF argumentiert auch emotional, aber immer auf Basis wissenschaftlicher Fakten. Die Zeit drängt, das haben wir im jüngsten Klimabericht des IPCC gesehen, schon eine Temperaturzunahme von 1,5 Grad hat schlimme Folgen, zusätzliche bloss 0,5 Grad sind verheerend. Mit emotional meine ich aber etwas anderes. Ich glaube, wir müssen versuchen, weniger mit Ängsten zu arbeiten, sondern die Leute für die Schönheit der Natur zu begeistern und eine innere Motivation zu wecken. Etwas so Faszinierendes und Vielfältiges wie die Natur gibt es kein zweites Mal. Es lohnt sich, sie zu schützen und erhalten.

Das ist ein schönes Plädoyer. Die schwedische Schülerin Greta Thunberg hielt am UN-Gipfel in Polen auch so einen flammenden Appell. Kritiker hingegen sagen, die 15-Jährige werde instrumentalisiert. Glauben Sie, Auftritte wie derjenige von Thunberg haben eine Wirkung?
Ich halte Thunberg für sehr authentisch, und fand ihre Rede durchaus berührend und wirksam. Der Klimawandel ist zwar rational fassbar, emotional aber löst er nicht viel aus, er ist abstrakt und weit weg. Eine Figur wie Thunberg kann das ändern. Und Politiker haben durchaus ein Sensorium dafür, was die Leute beschäftigt. 

Apropos Politik: Nächstes Jahr sind Wahlen in der Schweiz, was erhoffen Sie sich?
Sagen wir's so, am meisten Veränderung im Kampf gegen den Klimawandel bewirkt der Einzelne nicht, indem er die Plastiksäckli weglässt oder auf Avocados verzichtet. Wer den Klimawandel effektiv bekämpfen und damit die Artenvielfalt erhalten will, muss umweltfreundliche Politiker wählen.

Das sind die Verlierer der Tierwelt 2018:

Und das die Gewinner:

Mit Material der sda.

Kinder protestieren gegen den Klimawandel

abspielen

Video: watson

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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Leee 29.12.2018 20:00
    Highlight Highlight Jeder von uns kann etwas dagegen tun. Doch wann fangen wir damit an?
  • Matrixx 29.12.2018 11:11
    Highlight Highlight Vielleicht sollte man den Menschen den Living Planet Index etwas öfters zeigen...

    Aktuell sind wir am 6. Massensterben. Das letzte bekannte Sterben dieses Ausmasses war, als die Dinosaurier ausstarben.
    Benutzer Bild
  • Safado 29.12.2018 10:09
    Highlight Highlight Vorgestern im TV: Alarm!!! Wissenschaftler zeigten und warnten!: in den letzten paar Jahrzehnten ging der Weltbestand von Plankton in den Ozeanen um 50%!!!! zurück. Und die Abwärtsspirale werde sich in Zukunft noch schneller drehen!!! Man stelle sich vor was dies für Konsenquenzen hat!!! Abgesehen (unter anderem😉) von meinem Lieblings-Hai dem Wal-Hai. Habe ich doch Kinder und Enkel! Ich bin sehr besorgt und traurig!!! Manchmal habe ich Angst, dass mich die Hoffnungslosigkeit übermannt.
  • Cadinental 28.12.2018 14:19
    Highlight Highlight Es gibt einfach zuviele Menschen auf der Welt
  • AlteSchachtel 28.12.2018 11:28
    Highlight Highlight Für die Aesche wird es noch schwieriger nachdem Leuthard per Revision der Gewässerschutzverordnung die Grenzwerte für Pestizide und die Wassertemparatur bei AKW-abwässern erhöht hat.

    https://www.srf.ch/news/schweiz/neue-gewaesserschutzverordnung-bund-will-glyphosat-grenzwert-um-das-hundertfache-erhoehen

    https://www.srf.ch/news/schweiz/warme-gewaesser-unternehmen-duerfen-mehr-hitze-ablassen

    Betreffend Umweltschutz scheinen CHer Politiker resistent. Der Bundesbrief müsste angepasst werden: "Im Namen der Göttin Oeconomia...... "
  • AlteSchachtel 28.12.2018 10:43
    Highlight Highlight "Und der Klimawandel zerreisst dieses Netz. ... "

    zu den bekannten Ursachen für den Klimawandel wird sich eines Tages wohl auch zeigen, dass der zunehmende Einsatz von nichtionisierender Strahlung verheerenden Einfluss auf das natürliche Gleichgewicht hat.
    Es gibt Forscher, die jetzt schon warnen, seriöse Studien sind aber teuer und Apple, Google, etc. sind die Gegenpartei......

    "Besonders für Flora und Fauna bestehen beträchtliche Wissenslücken über potenziell
    negative Einwirkungen nichtionisierender und ionisierender Strahlung. " (quelle: awel.zh.ch)
  • Tenno 28.12.2018 10:28
    Highlight Highlight In der Schweiz umweltfreundliche Politiker zu wählen, hat schlussendlich etwa gleich viel Einfluss, wie auf die Plastiksäckli oder Avocado zu verzichten.
    Die Frage mit dem Rechtsrutsch fand ich äusserst interessant. Die Antwort aber irgendwie nur die halbe Wahrheit? Weiter oben wird die Globalisierung als Grund für den heutigen Zustand ausgezählt. Müssten dann Politiker, welche weg von dieser wollen und nur my country first nicht auch einen kleinen positiven Effekt haben? Würde sie trotzdem nie wählen, denke aber man sollte alles betrachten, wie aber am Schluss die Waage steht no idea?
    • westwing 28.12.2018 19:30
      Highlight Highlight Kaum, denn ich kenne keinen mitte bis rechts Politiker, der hinter erneuerbaren Energiequellen steht. Trump zB mag den Handel etwas zu drosseln vermögen, aber dafür stellt er Kohlekraftweke wieder an und setzt voll auf seine Freunde on det Öl-lobby.
    • Benjamin Goodreign 29.12.2018 09:36
      Highlight Highlight Jede Entscheidung, jede Tat hat konsequenzen. Eine einzelne Massnahme erscheint vielleicht nutzlos, fügt sich aber doch zu einer Stossrichtung zusammen, die unsere Zeit auf dem blauen Planeten etwas besser oder länger machen kann - kein Grund also, die fortschritte Politikerin nicht zu wählen oder auf Plastikverpackung nicht zu verzichten.

      Was die Globalisierungsbekämpfung betrifft: es gibt kategorischen Nationalismus und Besinnung auf lokale Produkte und Dienste. Einen klaren, direkten Effekt auf die Ökobilanz hat nur Letzteres.
  • Mnemonic 28.12.2018 10:19
    Highlight Highlight Wie wir Menschen mit den Tieren dieser Welt umgehen, ist bloss noch zum Kotzen...
  • lilie 28.12.2018 09:11
    Highlight Highlight Die Natur zu zerstören ist nicht einfach ignorant, es ist im höchsten Masse dumm. Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen - und wir knallen nicht einfach auf den Boden, wenn er bricht, wir werden ausgelöscht.

    So sehen die Fakten aus.

    Trotz allem dürfen wir aber nicht vergessen, dass die reinen Zahlen bedrohter Tierarten kein vollständig verlässlicher Indikator für die Zerstörung der Umwelt ist. Teilweise wird die Liste auch deshalb immer länger, weil wir immer genauer schauen.

    Das Ausmass der Katastrophe wird so immer deutlicher - gleichzeitig aber auch die Erfolge von Schutzmassnahmen.
  • Grittibenz 28.12.2018 08:49
    Highlight Highlight Das Problem am klimaschutz ist, das jeder gross reden kann. Sobald man sich aber nur ein bisschen einschränken muss, hört man auf und sagt, dass ja andere schlimmer seien.
    • Muselbert Qrate 28.12.2018 09:29
      Highlight Highlight Foie Gras zum Beispiel..
  • Muselbert Qrate 28.12.2018 07:35
    Highlight Highlight Und Stopfgänse?
    • satyros 28.12.2018 08:46
      Highlight Highlight Solange Foie Gras gegessen wird, sind die nicht vom Aussterben bedroht.

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