Hantavirus erreicht die Schweiz – Experte erklärt, wer jetzt wirklich aufpassen muss
Herr Fehr, drei Menschen sind nach einem Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff gestorben, nun gibt es einen bestätigten Fall in der Schweiz. Wie aussergewöhnlich ist dieses Ereignis?
Jan Fehr: Insbesondere im Zusammenhang mit Reisen ist das für uns in der Reisemedizin ein sehr seltenes Ereignis. In Europa kennen wir zwar ebenfalls von Nagetieren übertragene Hantaviren. Bei diesen verlaufen Infektionen aber oft symptomlos oder mild, und eine Übertragung von Mensch zu Mensch findet nach heutigem Wissen nicht statt.
Die Genfer Universitätsspitäler haben den Hantavirus-Stamm identifiziert, der für die Todesfälle verantwortlich sein soll: Es handelt sich um das Andesvirus. Was weiss man darüber?
Das Andesvirus kann in seltenen Fällen von Mensch zu Mensch übertragen werden. Erkrankte können schwere Verläufe mit Lungenbeteiligung entwickeln. Dann ist meist auch das Herz-Kreislauf-System sowie der ganze Körper betroffen.
Wie funktioniert eine solche Übertragung von Mensch zu Mensch?
Bei einer Lungenbeteiligung kann ein erkrankter Mensch das Virus über die Atemwege, über Tröpfchen oder Aerosole weitergeben.
Welche Art von Kontakt braucht es dafür?
Es braucht engen Kontakt – und zwar über eine längere Zeitdauer. Es ist nicht wie bei SARS-CoV-2, wo unter Umständen schon ein kurzer Moment im Tram reichen kann. Beim Andesvirus braucht es deutlich mehr. Die Mensch-zu-Mensch-Übertragung konnte bei einem Ausbruch in Argentinien gut aufgearbeitet werden und wurde 2020 in einer renommierten Fachzeitschrift publiziert. Nach einer Geburtstagsparty mit rund 100 Anwesenden zeigte sich: Angesteckt hatten sich vor allem jene, die über längere Zeit nahe bei der bereits erkrankten Person sassen. Bei flüchtigem Kontakt auf der Strasse oder im Tram geht man nicht von einer Übertragung aus.
Auf einem Flug von St. Helena nach Johannesburg sass eine später positiv getestete Niederländerin. Die WHO sucht nun nach weiteren Passagieren dieses Fluges. Wie schätzen Sie das Übertragungsrisiko in einem Flugzeug ein?
Im Flugzeug könnte die Situation ähnlich sein, wenn man über längere Zeit nahe beieinandersitzt. Deshalb kann es sinnvoll sein, weitere Abklärungen einzuleiten.
Viele hören «von Mensch zu Mensch übertragbar» und denken sofort an Corona. Was sagen Sie zu diesem Vergleich?
Wir sind definitiv nicht in einer Pandemie. Das ist eine fundamental andere Situation. Damals hatten wir es mit einem sehr leicht übertragbaren Virus zu tun, das sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Viele Infektionen blieben unbemerkt oder verliefen bei gesunden Menschen mild. Dies ist beim Andesvirus anders: Viel häufiger zeigen Erkrankte Symptome und sind richtig krank und sind nicht mehr überall im öffentlichen Raum unterwegs.
Das BAG stuft das Risiko für die Schweizer Bevölkerung als gering ein. Gleichzeitig war die Person, die nun behandelt wird, vor Spitaleintritt schon wieder einige Tage in der Schweiz. Kann man davon ausgehen, dass sämtlichen Risikokontakten nachgegangen wird – nicht nur im Flugzeug?
Die kantonalen Behörden klären aktuell ab, ob der Patient während der Reise in der Krankheitsphase Kontakt zu weiteren Personen hatte. Wir kennen das vom Contact Tracing aus der Corona-Zeit. Aus den mir vorliegenden Angaben entnehme ich, dass die Behörden dies sehr ernst nehmen und sorgfältig angehen. Mit auf der Reise war ebenfalls die Ehefrau des Patienten. Sie zeigt gemäss offiziellen Angaben bisher keine Symptome und hat sich sicherheitshalber in Selbstisolation begeben.
Wie lange dauert eine solche Isolation?
Man geht davon aus, dass die Ansteckungsfähigkeit relativ kurz ist: meist ab Beginn der Symptome für ein bis zwei Wochen. Das kann individuell variieren – je nach Virusmenge, Abwehrkraft der exponierten Person und Krankheitsverlauf.
Was sollten Reiserückkehrerinnen und Reiserückkehrer aus Südamerika aktuell beachten? Bei welchen Symptomen sollte man hellhörig werden?
Das ist nun fast die wichtigste Botschaft – neben der, dass es keine Panik braucht: Wenn jemand Fieber und grippeähnliche Symptome hat, also Kopfschmerzen, Übelkeit oder Gliederschmerzen, und zuvor in Tropenregionen unterwegs war, sollte man ärztlichen Rat einholen. Das gilt nicht erst seit den neuesten Hantavirus-Fällen. Es gibt weiterhin viel häufiger andere gefährliche Krankheiten, etwa Malaria oder bakterielle Erkrankungen. Diese muss man schnell diagnostizieren und behandeln.
Gibt es eine spezifische Therapie gegen Hantaviren?
Es handelt sich vor allem um eine symptomatische Therapie. Es gibt nicht wirklich eine kausale Therapie, die direkt auf den Erreger zielt, wie das etwa bei Malaria der Fall ist. Es gibt experimentelle Therapien, die funktionieren können. Grundsätzlich muss man aber sagen: Die Behandlung der Symptome ist sehr wichtig. Wenn jemand schwer erkrankt, braucht er rasch Zugang zu guter stationärer medizinischer Behandlung, mit entsprechender Fachexpertise und auch der Möglichkeit einer Betreuung auf einer Intensivstation, sollte dies nötig werden. Der menschliche Körper kann dann oft selbst wieder den Rank finden – aber man muss ihn dabei unterstützen.
