Schweiz
Interview

Andreas Moser: «Die Bergbevölkerung kennt den Wolf nicht richtig»

Tierexperte Andreas Moser, bekannter Kultmoderator der SRF-Sendung «Netz Natur» auf einer Begehung zum Thema Wolf in Matt, Kanton Glarus.
Biologe, Tierfilmer und Kultmoderator: Andreas Moser.Bild: watson
Interview

Tierexperte Andreas Moser: «Die Bergbevölkerung kennt den Wolf nicht richtig»

Die Wölfe in der Schweiz erhitzen die Gemüter. Die einen wollen sie leben lassen, die anderen töten. Der Ständerat will den Wolf nun härter regulieren. Damit verstosse dieser gegen die Verfassung, findet Andreas Moser, der Kultmoderator von «Netz Natur».
23.10.2022, 11:2023.01.2023, 13:44
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Als ich an diesem Oktobertag den leuchtenden Herbstwald betrachte, fallen mir seine bunten Farben auf. Wie eindrücklich die Blätter der Bäume in ihren letzten Tagen sind, bevor sie abfallen, und im Wind einem neuen Frühling entgegenfliegen.

Dies bemerkt auch Andreas Moser, als er auf dem Parkplatz der Luftseilbahn Weissenberge im Glarnerischen Matt aus seinem Auto aussteigt und sich die Landschaft anschaut. Der Biologe, Tierfilmer und frühere Kultmoderator der SRF-Sendung «Netz Natur» ist zum ersten Mal hier. Erstaunlich, denn Moser hat in 33 Jahren und für 210 Folgen «Netz Natur» beinahe jeden Winkel der Schweiz gesehen.

Der Treffpunkt im Glarnerland ist nicht zufällig gewählt: In diesem 361-Seelendorf bin ich aufgewachsen. Und genau hier, in den Matter Bergen, zieht ein Wolfsrudel umher, das für hitzige Diskussionen im Tal und im ganzen Land sorgt. Das Gezanke um das Wildtier schlägt national immer wieder hohe Wellen – speziell in der Politik.

«Ich erinnere mich an keine Session, in der es nicht um den Wolf ging», zitierte einst die Sendung «Netz Natur» Bundesrätin Doris Leuthard in der Videoaufzeichnung des Parlaments. Der Tierfilmer Moser hat in 30 Jahren insgesamt 6 Dokumentarfilme über Wölfe produziert und recherchiert aktuell zu einem Buch über das Verhältnis der Menschen zu diesem Wildtier. Moser hat sich darum dazu bereit erklärt, im vom Wolf besiedelten Glarnerland über das Thema zu sprechen.

10-köpfige Wolfsfamilie im Wolfental

Dafür geht es in die Höhe. 409 Höhenmeter steigt die Luftseilbahn Matt-Weissenberge, bis die Bergstation auf 1261 Meter über Meer erreicht ist. An der Seite des Basler Wolfskenners hechelt seine Hündin Tuna, die er auf die Begehung mitgenommen hat.

Nach dem ersten Schritt aus der Gondal lässt sich das ganze Dorf überblicken. Matt, ein Ort, an dem sich die Menschen fast nur Horrorgeschichten über den Wolf erzählen.

Matt, Glarus Süd. Aufgenommen von der LuftseilbahnMatt-Weissenberge.
Die Aussicht auf das Dorf Matt, Gemeinde Glarus Süd.Bild: watson

Von hier oben geht auch der Blick auf die andere Bergseite, wo die Alp meiner Eltern liegt. «Bergli» heisst die 333 Hektar grosse Alp, die sich inmitten des Wildschutzgebiets Freiberg-Kärpf befindet, dem ältesten Wildschutzgebiet Europas. Murmeltiere, Gämsen, Hirsche, Steinböcke und auch Rehe gibt es dort zahlreich.

Mein Vater erzählte mir einmal, dass vor dem Lawinenwinter 1999 noch über 700 Gamstiere auf der Alp lebten. Auch durch die Regulation der Wildhüter seien es mittlerweile noch zwischen 120 und 150. Diese hatten den überhöhten Gämsbestand im Jagdbanngebiet auf ein Viertel reguliert. Heute leben dort zudem 50 bis 60 Hirsche sowie ein, zwei Dutzend Steinböcke.

Und seit drei Jahren: eine rund zehnköpfige Wolfsfamilie. Diese hat das Zentrum ihres Reviers im äussersten Gebiet der Alp – zwischen den Orten Steinböden und Schwammwald. Dort gibt es einen Fleck, der schon seit unzähligen Jahren den Namen «Wolfental» trägt. Bereits vor 150 Jahren sollen sich in diesem Gebiet Wölfe aufgehalten haben.

Andreas Moser, ist es Zufall, dass die Wölfe nach 150 Jahren mit dem «Wolfental» wieder denselben Ort im Glarnerland besiedeln?
Andreas Moser:
Überhaupt nicht. Wildtiere nutzen immer ähnliche Orte oder Routen in einer Landschaft, die ihnen seit je zusagen. Das gilt auch für Wölfe oder Bären.

Durch welche Routen kam der Wolf in die Schweiz?
Lange wurde behauptet, dass die Wölfe ausgesetzt worden seien. Aber zahlreiche Genanalysen belegen, dass sie aus Italien über Frankreich natürlich einwanderten. In Italien hatten die Wölfe im Zweiten Weltkrieg nur dank der Abfallhalden hinter den Dörfern überlebt. Natürliche Beutetiere gab es damals so gut wie keine mehr. Weil die Wölfe auszusterben drohten, wurden sie in Italien 1972 unter Schutz gestellt.

Weshalb gab es keine Beutetiere mehr?
Die Menschen im Krieg hungerten und so wurde das Wild massiv überjagt. Nach 1945 wurden im gesamten Alpenraum dann wieder Wildschweine und Hirsche für die Jagd angesiedelt. Somit hatten die Wölfe natürliche Beute und breiteten sich aus. 1992 tauchten sie in den französischen Mittelmeeralpen auf und 1995 – nach 150 Jahren – auch wieder in der Schweiz.

Nach einigen Minuten unterwegs zu Fuss stellt Andreas Moser seinen Rucksack ab. Er kramt seinen Feldstecher hervor, um die Wolfsgebiete aus der Ferne genauer zu betrachten. Die gesamte Bergflanke mit dem Wolfental kann er von diesem Standort überblicken. Mehrmals gleitet er mit dem Feldstecher langsam von links nach rechts und von oben nach unten. Trotz Fernglas sieht Moser kein Wild an diesem Mittag. Auch keine Anzeichen für Aktivität von Wölfen. «Zu warm für die Tiere, die jetzt schon im Winterfell sind – sie ruhen im Schatten», sagt er und lässt den Feldstecher sinken. Wir marschieren weiter.

Tierexperte Andreas Moser, bekannter Kultmoderator der SRF-Sendung «Netz Natur» auf einer Begehung zum Thema Wolf in Matt, Kanton Glarus.
Tier-Experte Andreas Moser sucht mit seinem Feldstecher das Wolfental nach Wild ab. Bild: watson

Wie ging man damals im 19. Jahrhundert mit dem Tier um?
In den meisten Ländern Europas unterstanden die Menschen adligen Herrschern, die Angst hatten, der Bevölkerung Waffen zu geben. Schutzhunde waren die einzige Möglichkeit, Schafherden gegen Wölfe zu schützen. Die freiheitlichen Schweizer hingegen durften im Mittelalter Waffen tragen, und eine Chronik von 1548 beschreibt, wie jeder Wolf, der sich blicken liess, einen Kopf kürzer gemacht wurde.

Warum sind die Schweizer so brutal vorgegangen?
Damals waren die Zeiten anders, die Bergbevölkerung war arm und hungerte oft. Ein Schaf oder eine Ziege an Wölfe zu verlieren, war eine existenzielle Bedrohung. Und gerissene Nutztiere wurden natürlich auch nicht wie heute vom Staat entschädigt.

Was löste das bei den Menschen aus?
Die Wölfe wurden als existenzielle Bedrohung wahrgenommen, weil sie im Chaos von Kriegen und Seuchen vermehrt auftraten. Zudem griffen Wölfe mit Tollwut vereinzelt Menschen an. All das machte diese Tiere zum Inbegriff des Schrecklichen. Und es ist interessant, dass diese massiven, negativen Emotionen vor allem im Berggebiet fortbestehen, obwohl Wölfe 150 Jahre ausgestorben waren und wir heute in ganz anderen Verhältnissen leben.

Hass auf den Wolf als jahrhundertealte Tradition? Mosers Worte geben mir zu denken. Die Ablehnung gegen das Wildtier ist in den Berggebieten, wie hier im hintersten Glarnerland, wirklich gross. Anfangs Monat war ich am regionalen Käsemarkt in Elm. Durch einen Lautsprecher wurden Besucher informiert, dass der Wolf die Alpwirtschaft bedrohe.

Am dazugehörigen Alpabzug trugen die Kühe ein schwarzes Band um den Bauch – «ein Trauerband wegen des Grossraubtiers. Die Kühe sind traurig, weil sie Artgenossen an den Wolf verloren haben», hiess es durch den Lautsprecher. Auch Plakate an den Hauswänden heizten die Stimmung an. «Der Wolf muss weg, damit die Älpler bleiben». Eine Ansage ohne Kompromiss. So politisch motiviert war der Käsemarkt noch nie.

Käsemarkt in Elm mit Alpabzug am Ende des Alpsommers. «Der Wolf muss weg, damit die Älpler bleiben».
Käsemarkt im Glarnerischen Elm: Kühe mit einem schwarzen «Trauerband» laufen vor einem Plakat mit der Aufschrift: «Der Wolf muss weg, damit die Älpler bleiben». Bild: watson

Der Wolf bewegt aber auch die Schweiz, weil Angriffe auf Nutztiere zugenommen haben.
Das stimmt so nicht. Pro Wolf gibt es heute gegenüber 2010 nicht mehr Schafrisse, sondern weniger. Die Schadensbilanz ist deutlich, wie eine Erhebung des Schafzuchtverbandes und der Naturschutzorganisationen zeigt. So starben 2012 in der Schweiz von etwa 200'000 gesömmerten Schafen rund 2 Prozent, also rund 4200, durch Krankheit oder Unfall auf den Alpen. Wolfsrisse machen dabei höchstens 10 bis 20 Prozent dieser Verluste aus. Und dies auch nur, weil vielerorts der Herdenschutz fehlt oder mangelhaft umgesetzt wird.

Das ist ein gutes Stichwort. Der Bund hat dieses Jahr zusätzlich 5,7 Millionen Franken für die Verstärkung des Herdenschutzes gesprochen. Wie wichtig ist das, um gegen den Wolf vorzugehen?
Der Herdenschutz ist absolut zentral. Aber ich habe auch grosses Verständnis für den Unmut der Betroffenen, denn Herdenschutz bedeutet einen grossen Mehraufwand bei der Sömmerung auf den Alpen. Es gibt auch Probleme, weil nicht genügend gutes, fachkundiges Hirtenpersonal zur Verfügung steht. Aber mit guten Hirten, Zäunen und Herdenschutzhunden sowie Freiwilligen als Hilfspersonal lassen sich Angriffe auf Nutztiere weitgehend vermeiden. Einzelne Angriffe auf Rinder durch Wölfe verursachen grossen medialen Wirbel und werden politisch ausgeschlachtet, kommen aber insgesamt nur vereinzelt vor und sind auch international eine seltene Ausnahme.

«Kühe, die Hofhunde gewöhnt sind, lassen sich so von Wölfen auf der Weide kaum aus der Ruhe bringen»

Ein Argument der Wolfs-Gegner lautet, dass diese Massnahmen nicht überall umsetzbar seien. Viele Mutterkühe reagieren beispielsweise aggressiv auf Herdenschutzhunde.
Kühe reagieren naturgemäss mit forschem Abwehrverhalten gegen Hundeartige. Sie bilden eine geschlossene Front gegen eine Bedrohung, sodass die Beutegreifer kaum eine Angriffsfläche finden. Dadurch werden auch Kälber geschützt. Kühe, die Hofhunde gewöhnt sind, lassen sich so von Wölfen auf der Weide kaum aus der Ruhe bringen.

Und Kühe, die Hunde nicht kennen?
Dort kann das anders sein. Wo es kaum Hofhunde gibt und die Kühe keine Hunde-Erfahrung haben, kann es sein, dass sie vor allem nachts beim Auftauchen von Wölfen sehr nervös werden, selbst wenn diese Wölfe keinen Angriff im Sinn haben. Jedoch: Kühe, die allein, ohne Aufsicht, auf der Alp abkalbern, sondern sich dafür von der Herde ab. Der Blutgeruch bei der Geburt und das neugeborene Kalb sind sozusagen eine Einladung an die Wölfe, da anzugreifen.

Just in dem Moment, als wir über Schutzhunde und Kühe sprechen, kommen wir an einer eingezäunten Kuhherde vorbei. Diese rennen am oberen Ende dem Zaun entlang, weil daneben auf dem Weg ein Hund mit seinem Herrchen unterwegs ist. Als die Kühe den Hund von Moser erblicken, machen einige von ihnen kehrt und rennen auf unsere Zaunseite zu. Nur der Elektrozaun verhindert, dass sie auf den Hund an der Leine losgehen.

Tierexperte Andreas Moser, bekannter Kultmoderator der SRF-Sendung «Netz Natur» auf einer Begehung zum Thema Wolf in Matt, Kanton Glarus.
Gut hat es einen Zaun: Ohne diesen wären die Kühne wahrscheinlich auf Andreas Mosers Hund Tuna losgegangen.Bild: watson

Was können Bauern machen, um diese Kühe zu schützen?
Solche hochträchtigen Kühe gehören nahe zu den Alphütten und hinter sichere Zäune. Bei schweren Geburten können die Menschen dort auch sofort helfen.

Wolf als Naturelement

Zusammenfassend: Ein Herdenschutzhund lohnt sich. Warum haben nicht alle Bauern einen?
Es gibt Schafhalter, die damit argumentieren, dass sie es sich nicht leisten können, Herdenschutzhunde zu organisieren oder Hirten anzustellen. Aber schon seit Jahren gibt es für Herdenschutz und Behirtung höhere Sömmerungsbeiträge und soeben hat der Bund dafür noch mehr Mittel gesprochen. Bei anderen Naturgefahren gibt es viel weniger Diskussionen als bei Wölfen. Bei einem Steinschlag etwa wird das Gebiet stabilisiert – auch unter hohen Kosten – damit es nicht nochmals passiert. Dort sagt niemand, es sei zu viel Aufwand. Man setzt die Massnahmen einfach um. Es gibt jedoch einen grossen Unterschied.

Der wäre?
Der Wolf wird anders als ein Steinschlag oder Murgänge nicht als Naturelement wahrgenommen. Ein Grundproblem ist, dass die Bergbevölkerung die Wölfe gar nicht richtig kennt. Wenn man jedoch mit jemandem ohne Konflikte zusammenleben soll, müsste man einander schon kennen. So lassen sich Konflikte viel besser vermeiden und Wölfe auch richtig regulieren.

Was muss man über den Wolf wissen, um mit ihm zusammenzuleben?
Vor dem Menschen waren Wölfe das am weitesten verbreitete Säugetier der nördlichen Hemisphäre. Fast ganz Asien, Nordafrika, Europa und Nord- bis Mittelamerika waren Wolfsgebiete. Tiere und Pflanzen hatten sich an die Wölfe angepasst.

Auf welche Weise?
Wo es keine Wölfe gibt, gehen Gämsen vermehrt in den Wald und verbeissen den Jungwuchs. Grasen sie auf denselben Weiden wie die Schafe, werden sie von Schafskrankheiten angesteckt. Müssen sie vor den Wölfen nicht in die Felsen flüchten, geht ihre Kletterfähigkeit verloren. Dasselbe gilt für Steinböcke. Aber auch Hirsche bleiben wegen der Wölfe in Bewegung. Das verhindert, dass nicht alle jungen Weisstannen und Vogelbeer-Bäume abgefressen werden. Hirsche, Rehe, Gämsen und Steinböcke, jede Art hat im Umgang mit den Wölfen unterschiedliche Strategien entwickelt.

«Prädatoren kann man nicht gleich regulieren wie Huftiere»

Der Wolf als Ordnungshüter für das Wild und die Natur?
Ja, der Wolf ist langfristig für die Stabilität des Lebensraums im Gebirge essenziell. Durch die Wölfe bleibt der Wald – und nicht zuletzt der Schutzwald – im Gleichgewicht und kann sich regenerieren. Damit sind Beutegreifer, vor allem die Wölfe, für die Stabilität der Lebensräume und die Gesundheit und Fitness der Wildtiere im Gebirge wichtig.

Moser ruft seine Hündin, als es zu Fuss wieder zurück Richtung Luftseilbahn geht. Der Tierexperte lässt seinen Blick langsam über die herbstlich goldfarbene Landschaft streifen, bevor er in die Gondelbahn einsteigt. Er räuspert sich. Ein wichtiges Thema möchte Moser noch ansprechen: die Regulierung der Wölfe.

Stichwort Regulation: Der Ständerat hat kürzlich entschieden, Wölfe künftig gleich regulieren zu wollen wie Steinböcke.
Damit beweist das Parlament klar seine Inkompetenz in der Sache. Wer meint, Wölfe müsse man gleich regulieren wie Steinböcke, hat eigenartige wildbiologische Vorstellungen. Prädatoren kann man nicht gleich regulieren wie Huftiere.

Tierexperte Andreas Moser, bekannter Kultmoderator der SRF-Sendung «Netz Natur» auf einer Begehung zum Thema Wolf in Matt, Kanton Glarus.
Wanderung durch den Herbstwald: Andreas Moser.Bild: watson

Der Ständerat möchte jedoch, dass Wölfe präventiv abgeschossen werden können – auch ganze Rudel, wenn die Gefahr besteht, dass sie Schaden anrichten könnten.
Das ist verfassungswidrig: Denn in dieser steht, dass jede einheimische Tierart das Recht hat, dort zu leben, wo das von Natur aus möglich ist. Dazu gehören auch die Wölfe. Und es zeugt von einer eigenartigen Rechtsauffassung: Erstens hat bei der Revision des Jagdgesetzes 2020 die Stimmbevölkerung entschieden, Wölfe nicht präventiv abzuschiessen. Und zweitens müsste man nach dieser Logik auch die Autos verbieten, denn sie könnten ja Schaden stiften.

Aber dadurch würde es doch weniger Wölfe geben, die Nutztiere angreifen?
Das ist die naive Arithmetik der Politiker. Vielleicht tötet man ein paar Wölfe, aber man erwischt nie alle. Durch unbedachte Eingriffe zerstört man die soziale Struktur und ihre eigene, biologische Geburtenkontrolle und hat danach mehr Wölfe und mehr Schäden als vorher.

Wie stellen Sie sich eine Regulierung des Wolfes vor?
Das Verhalten des Elternpaares bestimmt wie bei den Menschen die späteren Gewohnheiten der Jungen. Die alte Mutter des Calanda-Rudels jagte kaum Schafe – also gab es im Gebiet auch während Jahren kaum Angriffe auf Schafherden. Ganz anders beim Ringelspitz-Rudel, das sich später in der Nachbarschaft niederliess. Dieses holte viele Schafe, bevor der Herdenschutz verbessert wurde und man so den Wölfen Grenzen setzte. Wenn man Schäden vermeiden will, muss man gezielt Tiere mit schlechten Gewohnheiten entfernen.

Würden andere Wölfe dadurch abgeschreckt werden?
Nein, ich sehe kaum Chancen, Wölfe mit schlechten Gewohnheiten umzuerziehen. Man muss wirklich die Problemtiere identifizieren und abschiessen – was ja jetzt auch geschieht. Auch bei den Jungtieren könnte eine Regulierung Sinn ergeben.

«Problematisch sind Politiker, die die Wölfe mit Angstmacherei bewirtschaften»

Wie?
Jungwölfe, die ein neues Revier suchen, müssen die Reviere anderer Wölfe durchqueren, was für sie lebensgefährlich ist. Viele Junge kommen so oder durch Unfälle ums Leben. Im Raum Calanda hatte die Wolfsfamilie – das sind im Schnitt zwei bis fünf Erwachsene und die Jungen des laufenden Jahres – ein Revier von etwa 250 Quadratkilometern, wo sich kein fremder Wolf blicken lassen durfte. Wenn aber einmal alle Wolfsreviere in einem Gebiet besetzt sind und zu wenige Jungtiere auf natürliche Art sterben oder verunfallen, streifen viele revierlose Tiere umher. Deshalb kann eine Regulation von Jungtieren sinnvoll sein.

Tierexperte Andreas Moser, bekannter Kultmoderator der SRF-Sendung «Netz Natur» auf einer Begehung zum Thema Wolf in Matt, Kanton Glarus.
Wieder in der Gondelbahn: Andreas Moser spricht über die Regulierung des Wolfes.Bild: watson

Wer soll diese Regulierung vornehmen?
Der Kanton Graubünden macht vor, wie so etwas aussehen könnte: Für Jagdmanagement und Wildhut betreibt der Kanton um die 80 Planstellen. So wird der Wolfsbestand professionell beobachtet und es sind gezielte Eingriffe möglich. Andere Kantone betreiben deutlich weniger Aufwand, und so lassen sich auch die Wölfe kaum präzise regulieren.

Ist das nicht ein riesiger Kostenpunkt, wenn es schweizweit mehr Wildhutstellen braucht?
Ja, aber es ist eine Illusion, dass die Natur nichts kosten darf. Wenn wir da sparen wollen, zahlen wir langfristig mehr, wenn wir die falschen Tiere abschiessen. Damit gefährden wir die Stabilität der Rudel und gleichzeitig des ganzen natürlichen Lebensraums.

Oder indem Wilderer die falschen Wölfe abschiessen …
Wilderei wird es immer geben, klar. Problematischer für die Koexistenz mit den Wölfen sind die zahlreichen Politiker, die die Wölfe mit Angstmacherei bewirtschaften und nach Wählerstimmen fischen. Sie geben vor, die Bergbevölkerung vor dem «bösen Wolf» zu beschützen. Dies, obwohl Wölfe in heutigen Verhältnissen Menschen nicht angreifen und sich auch durch geschicktes Management von Viehherden fernhalten lassen.

Aber was würde passieren, wenn Menschen angegriffen werden?
Ich habe für einen Vortrag Nachrichtenmeldungen zusammengetragen, die zeigen, wie oft Menschen von Wildschweinen oder von Rehböcken angegriffen werden – zum Teil mit schweren Verletzungen. Das gibt es erstaunlich häufig. In solchen Fällen wurden einfach die aggressiven Tiere getötet. Aber man hat danach nicht entschieden, alle Wildschweine oder Rehe präventiv zu regulieren. Das zeigt eindrücklich, wie irrational die Wölfe beurteilt werden.

Die Tür der Seilbahn schliesst sich hinter Andreas Moser. Auf dem Weg zum Auto hebt der Tierexperte nochmals seinen Blick, fixiert die Glarner Berge und den darunterliegenden Herbstwald. Irgendwo da draussen sind sie, die Wölfe, und haben keine Ahnung davon, was die Menschen in dieser Landschaft und darüber hinaus über sie denken.

HANDOUT - Zwei Woelfe des im Augstbordgebiet im Oberwallis ansaessigen Rudel, aufgenommen im November 2016 durch eine Fotofalle der Gruppe Wolf Schweiz. In einem abgelegenen Teil des Augstbordgebietes ...
Zwei Wölfe des im Augstbordgebiet im Oberwallis ansässigen Rudel, aufgenommen im November 2016 durch eine Fotofalle der Gruppe Wolf Schweiz.Bild: GRUPPE WOLF SCHWEIZ GWS
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133 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Sünneli31
23.10.2022 11:47registriert Mai 2018
Habe schon „Netz natur“ immer gern geschaut und auch dieses Interview zeugt von grossem Sachverstand, Realitätssinn und Liebe für die Natur. Danke für die Aufklärung zu diesem emotionalen Thema.
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OrDa84
23.10.2022 12:34registriert August 2021
Als Teil der "Bergbevölkerung" kann ich Herrn Moser nur zustimmen.
Und ja, ich hatte auch schon andere Wildtiere (z.B. einen Luchs) im Garten und trotzdem käme ich nie auf die Idee, diese Tiere zu "regulieren", wie das gewisse National- und insbesondere Ständeräte so gerne ausdrücken.
Ich lebe in der Natur, also muss ich auch lernen, damit umzugehen.
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Daniel Pünter
23.10.2022 12:05registriert April 2021
Sehr guter Bericht, danke.
Ich zweifle aber, dass die "Bergbevölkerung" ihn verstehen wird.
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