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«Ich liebe die Schweiz und ihre Natur»: Erik Fyrwald vor dem Syngenta-Hauptsitz in Basel.
«Ich liebe die Schweiz und ihre Natur»: Erik Fyrwald vor dem Syngenta-Hauptsitz in Basel.
bild: Britta Gut
Interview

Syngenta-Chef: «Ohne Pflanzenschutzmittel gehen die Erträge der Bauern 40 Prozent zurück»

Syngenta-Chef Erik Fyrwald will schnell zurück an die Börse. Die Landwirtschaftsinitiativen hält er für nicht praktikabel.
05.05.2021, 05:43
Roman Schenkel / ch media

Spätestens 2022 soll Syngenta wieder an die Börse, hiess es bei der Übernahme. Nun soll es schon früher so weit sein. Wann?
Erik Fyrwald: Wir haben 2017 bei der Dekotierung von Syngenta nach der Übernahme durch Chem China ins Auge gefasst, innerhalb von fünf Jahren wieder an die Börse zu gehen. Das wäre Juni in einem Jahr. Wir sind auf Kurs und haben die Vorbereitungen dazu jetzt gestartet. Ich hoffe, wir schaffen es sogar vorher.

Weshalb soll Syngenta wieder an die Börse?
Die neue Syngenta Gruppe ist ein globales Unternehmen, das deutlich stärker ist als zum Zeitpunkt der Übernahme. Wir haben ein starkes Wachstum in unseren Stammgeschäften erzielt. Wir haben zahlreiche Akquisitionen getätigt in den Bereichen biologische Pflanzenernährung auf natürlicher Basis, Saatgut für Gemüse, Mais, Weizen und Soja. Ausserdem haben wir das israelische Landwirtschaftsunternehmen Adama und die Agraraktivitäten von Sinochem unter dem Dach der Syngenta Group zusammengeführt. Wir sind das führende Unternehmen für Agrartechnologie und Innovation. Diese Position wollen wir sichern, indem wir ein börsenkotiertes Unternehmen werden, mit globalem Aktionariat.

Welchen Aktienanteil wird Chem China denn veräussern?
Wie viele Aktien über die Börse veräussert werden sollen, ist noch nicht bekannt. Diese Entscheidung liegt beim Eigentümer, der aber die Absicht erklärt hat, mit der Zeit Minderheitseigentümer zu werden.

Wird Syngenta auch in der Schweiz gelistet oder nur in China?
Unser Plan ist es, zuerst in China an die Börse zu gehen. Das liegt auf der Hand, denn es ist die Heimat unseres Eigentümers. Aber wir streben eine Zweitkotierung an. Die Schweiz ist eine naheliegende Option, schliesslich waren wir hier bereits früher erfolgreich gelistet. Die Entscheidung ist aber noch nicht gefallen.

Mit der Dekotierung ist Syngenta etwas vom Radar der Öffentlichkeit verschwunden. Weshalb?
Aus der Kapitalmarktsicht mag das so sein. Aber im Kundenmarkt waren und sind wir weltweit sehr präsent. Wir haben uns auf unseren Job konzentriert. Gerade. Beim Klimawandel spielt die Landwirtschaft eine Schlüsselrolle. Sie verursacht rund zwölf Prozent der Co2-Emmissionen, die ganze Lebensmittelproduktion etwa 25 Prozent. Syngenta will dazu beitragen, diese Werte zu senken. Wir haben etwa neue Produkte auf den Markt gebracht, die den Bauern helfen, trotz Wetterextremen eine gute Ernte einzufahren. Oder neue Technologien, dank der Bauern mehr Co2 im Boden binden können und die Umwelt dadurch weniger belastet wird.

Syngenta von 2017 ist nicht mehr die Ausgabe von 2021. Was sind die wichtigsten Veränderungen?
Das Unternehmen ist heute viel grösser. 2017 hat Syngenta einen Umsatz von 13.5 Milliarden Franken erzielt, heute sind es 23 Milliarden Franken. Früher haben wir uns darauf konzentriert, Landwirten zu helfen, ihre Produktion zu steigern. Jetzt konzentrieren wir uns darauf, Landwirten zu helfen, sich an klimabedingte Wetterextreme anzupassen und weniger Pestizide zu verwenden, indem wir sicherere Produkte mit geringerem Verbrauch entwickeln und Präzisionstechniken wie Sensoren einsetzen, um Schädlinge, die Nutzpflanzen zerstören, gezielt zu bekämpfen. Wir haben massgeblich dazu beigetragen, dass der Pestizideinsatz während der letzten 60 Jahre um 95 Prozent gesunken ist, und wir werden ihn weiter senken. Dieser Fokus auf Nachhaltigkeit hat unser Wachstum stark beschleunigt. Wir verstehen uns aber nach wie vor als globale Firma mit Hauptsitz in Basel.

Ihr Besitzer ist aber chinesisch.
Wir haben in unserem neunköpfigen Verwaltungsrat zwei chinesische Staatsangehörige. Der Rest sind Europäer, Amerikaner und ein Brasilianer. Im zwölfköpfigen Topmanagement ist ebenfalls nur ein Chinese. Wir sind nach wie vor eine globale Firma und sind in über 100 Ländern tätig.

Mischt sich ihr neuer Besitzer ein?
Wir sind eine moderne, internationale Firma. Wir können Syngenta so weiterentwickeln, wie es unser Verwaltungsrat und das Management für das Beste halten. Unser Besitzer hilft uns dabei. Zum Beispiel hat er uns darin unterstützt, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung signifikant zu erhöhen. Wir investieren heute fast eine halbe Milliarde mehr in die Forschung als vor der Übernahme. Das Ziel ist klar, wir wollen mit Innovationen die Landwirtschaft verbessern.

Syngenta ist ein Agrarunternehmen, keine politische Firma.

Nach der Übernahme haben die Medien spekuliert, dass Sie schnell durch einen chinesischen Manager ersetzt würden. Sie sind noch da.
Ja, das bin ich. (lacht). Sehen Sie, die Firmenkultur bei Syngenta hat sich nicht gross verändert in den letzten vier Jahren. Syngenta ist Syngenta geblieben. Im Juni sind es vier Jahre seit der Übernahme. In dieser Zeitspanne haben keine leitenden Mitarbeitenden von Chem China zu uns gewechselt. Sie haben mir bei keiner Personalie reingeredet.

Welches sind die Unterschiede zwischen einem westlichen und einem chinesischen Besitzer?
Der Grund, wieso Chem China uns übernommen hat, ist in China selbst zu suchen. Das Land stellt 20 Prozent der Weltbevölkerung, verfügt aber nur über sieben Prozent der globalen Landwirtschaftsfläche. Ein grosser Anteil dieser Fläche ist überbewirtschaftet und nicht mehr fruchtbar. Im Vergleich zum Westen liegt die Landwirtschaft in China weit zurück. Unsere Eigentümer haben eine langfristige Perspektive. Für uns ist das entscheidend.

Weshalb?
Unsere Produkte brauchen bis zur Marktreife in der Regel fünf bis zehn Jahre. Dass unser Besitzer diese langfristige Perspektive einnimmt, ist für uns ein grosser Vorteil.

Was bedeutet der Handelsstreit zwischen den USA und China für Syngenta. Sind die neuen Eigentümer da ein Nachteil?
Wir haben unser Geschäft in den USA stark ausgebaut. Innovationen kommen oft als erste in den USA auf den Markt. China ist heute noch auf den Import von Landwirtschaftsprodukten angewiesen, auch aus den USA. Wir können die US-Bauern unterstützen, mehr zu produzieren und so mehr nach China zu exportieren. Das ist eine Win-win-Situation für beide Länder.

Auch in Europa und der Schweiz wird der Ton gegenüber China kritischer. Wird das von Ihren Eigentümern thematisiert?
Nein, das ist kein Thema. Syngenta ist ein Agrarunternehmen, keine politische Firma.

Wir – und damit meine ich alle Mitarbeitenden von Syngenta – wollen eine intakte Umwelt. Wir sorgen uns sehr um die Natur, ihr sind wir verpflichtet.

Bleiben wir dennoch bei der Politik: In der Schweiz kommen bald zwei Initiativen zur Abstimmung. Der Einsatz von Pestiziden und Dünger würde bei einem Ja eingeschränkt.
Vorneweg: Wir – und damit meine ich alle Mitarbeitenden von Syngenta – wollen eine intakte Umwelt. Wir sorgen uns sehr um die Natur, ihr sind wir verpflichtet. Ich lebe seit fünf Jahren in der Schweiz und liebe das Land und die Natur. Wir arbeiten eng mit den Schweizer Bauern zusammen und versuchen, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren. Sie sollen nur eingesetzt werden, wenn sie notwendig sind.

Pestizide kontaminieren Boden und Trinkwasser.
Fakt ist: Landwirtschaft ganz ohne Pestizide hat schwerwiegende Konsequenzen. Wer ein Verbot von Pflanzenschutzmitteln verlangt, nimmt in Kauf, dass die Erträge der Landwirtschaft um 40 Prozent zurückgehen würden. Die Welt würde in kürzester Zeit Hunger leiden. Die weltweiten Getreidelager wären binnen drei Monate aufgebraucht. Ohne Pestizide bräuchte man eine massiv grössere Anbaufläche, um den Bedarf an Produkten stillen zu können. Wälder müssten abgeholzt werden und die Biodiversität würde leiden. Diese Initiativen sind deshalb für uns als wissenschaftsorientiertes Unternehmen nicht praktikabel. Ich hoffe, dass die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger das auch so sehen und die beiden Initiativen ablehnen werden. Sie wären schliesslich die Hauptbetroffenen.

Wie meinen Sie?
Die Initiativen würden die Schweizer Landwirtschaft Jahrzehnte zurückwerfen. Wenn sie angenommen würden, müsste die Schweiz viel mehr Lebensmittel importieren. Dabei ist es doch wichtig, dass die Schweizerinnen und Schweizer lokale Lebensmittel von Schweizer Bauern konsumieren können.

Viele sind besorgt über die Rückstände von Pestiziden im Trinkwasser oder im Boden.
Ich verstehe die Ängste. Aber in der Schweiz gelten die strengsten Vorschriften und Grenzwerte. Das Leitungswasser ist von bester Qualität. Wir forschen intensiv an neuen Pestiziden und berücksichtigen dabei auch die veränderte gesellschaftliche Akzeptanz von Pflanzenschutzmitteln. Unsere Leute sorgen sich stark um die Umwelt. In den letzten Jahren haben wir mehrere Fungizide und Pestizide auf den Markt gebracht, von denen die Bauern kleinere Mengen einsetzen müssen. Mit unseren digitalen Geräten können wir den Bauern zudem zeigen, wo die Schädlinge sind, sodass sie gezielt bekämpft werden können.

Trotz ihrer Bemühungen: Syngenta bleibt Feindbild Nr. 1 der Initianten.
Die Herausforderungen in der Landwirtschaft sind enorm. Wir sind überzeugt, dass wir einen grossen Beitrag leisten können, sie erfolgreich zu bewältigen. Wir sind bereit, mit allen zusammenzuarbeiten. Mit den Bauern, den Regierungen – aber auch mit den Konsumenten- und Umweltschutzorganisationen. (aargauerzeitung.ch)

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