Es ist möglich, Chemsex auf eine unproblematische Weise zu praktizieren
Psychoaktive Substanzen zu konsumieren, um sexuelle Kontakte zu erleichtern, zu verlängern oder zu intensivieren – das nennt man «Chemsex», ein Phänomen, das noch wenig dokumentiert ist, aber in der Schweiz offenbar zunimmt. Das Unispital Genf hat ihm kürzlich eine spezialisierte Beratung gewidmet, die Anfang des Jahres eröffnet wurde.
Auch wenn die meisten Nutzer Chemsex auf unproblematische Weise erleben, birgt diese Praxis dennoch zahlreiche Risiken, erklärt Matteo Reymond, der verantwortliche Arzt der Konsultation. Ein Interview.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Woher kommt der Bedarf, diese Beratungsstelle zu eröffnen?
Matteo Reymond: Bisher wurde die einzige Betreuung vom leitenden Pflegefachmann des LGBT-Gesundheitszentrums Checkpoint Genf übernommen. Er ist ein ehemaliger Nutzer und verfügt über enorme Erfahrung, aber dieses Phänomen vereint mehrere unterschiedliche Aspekte und erfordert vielfältige Kompetenzen, darunter Sexualwissenschaft, Suchtmedizin, Psychologie und Infektiologie.
Was unterscheidet diese Spezialberatung eigentlich von einer normalen Suchtberatung?
Chemsex ist ein einzigartiges Phänomen, das in einem komplexen soziologischen Umfeld steckt – inklusive der sozialen Stigmatisierung von Sexualität, die nicht der Norm entspricht. Wer mit Betroffenen sprechen will, muss das verstehen. Ausserdem kommen Substanzen zum Einsatz, die viele Suchtkliniken kaum kennen. Kein Wunder, dass manche Kliniken Chemsex-Patienten ablehnen – einfach weil sie nicht wissen, womit sie es zu tun haben.
Von welchen Substanzen ist die Rede?
Das ist sehr unterschiedlich und variiert stark je nach Land und Region. In der Westschweiz trifft man hauptsächlich auf zwei: Zuerst gibt es GHB/GBL, dessen neurologische Wirkung der von Alkohol ähnelt und Entzugserscheinungen verursachen kann, einschliesslich Abhängigkeiten und in extremen Fällen epileptische Anfälle. Danach folgen die Cathinone, ein Sammelbegriff für Drogen mit Namen wie 2-MMC, 3-MMC, 4-MMC, alpha-PVP, NEP usw.
Was sind die Unterschiede zwischen der neuen und der alten Konsultation?
Sehr wichtig ist, dass die Betreuung weiter auf Community-Care setzt – wie schon beim Checkpoint in Genf. Unser Ziel: das bestehende Angebot um Expertinnen und Experten zu ergänzen, die gezielt für Chemsex geschult sind, und ein starkes, organisiertes Versorgungsnetz aufzubauen.
Wie läuft das konkret ab?
Zuerst schauen wir, dass die Betroffenen überhaupt den Weg zu uns finden. Das Personal in der Grundversorgung ist entsprechend sensibilisiert und erkennt, worum es geht. Sobald jemand zu uns in die Sprechstunde überwiesen wird, setzen wir uns zusammen und klären: Was braucht die Person genau? Geht es um Suchtfragen? Um Sexualmedizin? Oder einfach um Infos und Tipps, wie man Risiken reduzieren kann? Je nach Antwort wird die Person dann gezielt weitervermittelt – an passende Fachstellen innerhalb des Teams, etwa auch an den Checkpoint Genève.
Wann kommen Menschen, die Chemsex praktizieren, in eure Sprechstunde?
Das ist sehr unterschiedlich – jede Person hat ihren eigenen Weg. Manche kommen früh, weil sie Fragen zu den Substanzen oder den damit verbundenen Risiken haben. Andere suchen erst Hilfe, wenn sie negative Folgen spüren. Wichtig ist aber auch: Die meisten erleben Chemsex zunächst als etwas Positives.
Kann man Chemsex auch auf eine «gesunde» oder zumindest unproblematische Weise praktizieren?
Ja – so wie man auch Alkohol konsumieren kann, ohne dass es problematisch wird. Menschen greifen zu Substanzen, weil sie sich positive Effekte erhoffen: Enthemmung, ein Gefühl von Freiheit oder auch ein Ausbrechen aus gesellschaftlichen Normen und Ängsten. Die ursprüngliche Motivation ist also meist positiv. Entscheidend ist vielmehr, was danach passiert: wie man das Ganze ins eigene Leben integriert – und ob man die Kontrolle über den Konsum behält.
Sie haben negative Folgen angesprochen. Welche Risiken sind mit dieser Praxis verbunden?
Ein Risiko ist, sich sexuell übertragbare Infektionen einzufangen. Dazu kommt die Gefahr, abhängig zu werden – von Substanzen, von Sex oder auch von Dating-Apps. Studien zeigen ausserdem: Menschen, die Chemsex praktizieren, haben häufiger psychische Belastungen als die Allgemeinbevölkerung. Und schliesslich gibt es auch Auswirkungen auf die sexuelle Gesundheit – etwa eine sinkende Libido im nüchternen Zustand oder Schwierigkeiten, Sex ohne Substanzen zu haben.
Hat man eine Ahnung, wie verbreitet das Phänomen ist?
Verlässliche Zahlen sind Mangelware. Europäische Studien gehen aber davon aus, dass rund 16 % der Männer, die Sex mit Männern haben, Chemsex praktizieren.
Bisher haben wir vor allem Teilgruppen untersucht, die ohnehin schon im Fokus standen – etwa Menschen mit HIV oder solche, die PrEP nehmen (also eine medikamentöse HIV-Prophylaxe). Bei ihnen kommt Chemsex häufiger vor. Klar ist aber auch: Die Praxis betrifft längst nicht nur homosexuelle Männer – sondern auch andere Gruppen, darunter heterosexuelle Personen und Frauen.
Ist es angesichts der dünnen Datenlage überhaupt sinnvoll, Chemsex primär mit Männern zu verknüpfen, die Sex mit Männern haben?
Ich würde sagen: Ja. Historisch ist diese Praxis in genau dieser Gruppe entstanden – aus Gründen, die eng mit ihrer Lebensrealität zu tun hatten, etwa mit gesellschaftlicher Ausgrenzung. Und auch heute beziehen sich die meisten verfügbaren Zahlen nach wie vor auf diese Gruppe.
Die Sprechstunde beim Checkpoint Genève gibt es seit 2019. Habt ihr eine Veränderung bei der Nachfrage festgestellt?
Unser Eindruck ist: Das Phänomen wird breiter und nimmt zu. Harte Zahlen, die das eindeutig belegen, haben wir allerdings nicht.
Ihre Sprechstunde wurde im Januar eröffnet. Wie fällt die erste Bilanz aus?
Wir stehen noch ganz am Anfang – aber es läuft ziemlich gut. Man merkt, dass in der Szene darüber gesprochen wird und Sensibilisierung sowie Information bei den Gesundheitsfachpersonen langsam Wirkung zeigen. Auch die stärkere mediale Präsenz hat ihren Teil dazu beigetragen.
