Tod beim Trainsurfing: Warum Jugendliche immer grössere Risiken eingehen
Zwei Jugendliche klettern in Lenzburg auf der Jagd nach Abenteuern auf einen Zug. Einen der beiden trifft nach der 25-minütigen Fahrt ein tödlicher Stromschlag, er stürzt vom Zug. Der 18-Jährige ist nicht der Erste, der in den vergangenen Monaten in der Schweiz beim Trainsurfing gestorben ist. Im Januar verunglückten schon ein 14-Jähriger und 17-Jähriger.
Trainsurfing erinnert an Western-Filme oder an den James-Bond-Klassiker Golden Eye, bei dem der Geheimagent auf dem fahrenden Zug um Leben und Tod kämpft. Doch so weit muss man nicht zurückgehen, die sozialen Medien sind voll von Train-Surfing-Videos. Auf TikTok sieht man Jugendliche, die sich an Züge klammern oder obenauf thronen. Trainsurfen ist allerdings nichts Neues, schon in den 90er-Jahren kletterten junge Männer auf Züge. Und Zeitungen in New York berichteten schon vor über 100 Jahren über U-Bahn-Kletterer.
Seetalbahn-Drama
Trainsurfing wird wieder mehr gemacht
Doch nun hat die Häufigkeit von Train-Surfing-Unfällen nach einem Rückgang in den 1990er und 2000er-Jahren wieder zugenommen, wie in einer aktuellen Studie des Universitätsspitals Zürich auf «Science Direct» zu lesen ist. Aktuelle Daten aus der Schweiz und anderen Ländern zeigen die steigenden Fallzahlen. Und die Studienautoren weisen darauf hin, dass die Dunkelziffer aufgrund der Illegalität des Trainsurfings hoch sei.
Die Studie hat unter anderem untersucht, wie gross der Einfluss von TikTok und Instagram auf die Popularität und die Wahrnehmung dieses lebensgefährlichen Verhaltens ist. Junge und abenteuerlustige Menschen fühlen sich von gefährlichen «Challenges» in sozialen Medien besonders angezogen, bei denen die Anzahl der Follower den sozialen Status bestimmt. Likes und Shares fördern die Nachahmung, besonders bei Jugendlichen, wie die Studienautoren des Universitätsspitals Zürich schreiben.
Inhalte auf Plattformen wie TikTok und Instagram stellen den gefährlichen Kick als spannend und heroisch dar. Behördliche als steif angesehene Sicherheitswarnungen werden ignoriert. Diese Dynamik beschleunige die Verbreitung gefährlicher Train-Surfing-Videos.
Angeheizt wurde diese Art von Selbstdarstellung in der Phase der Covid-Pandemie. Der typische Algorithmus von Social-Media-Plattformen sei gefährlich, weil er den Nutzern und Nutzerinnen süchtig machende, gefährliche Inhalte vorsetze, die Jugendliche zusätzlich anrege, die Aktivitäten nachzuahmen.
Jugendliche sind anfällig auf Impulsivität
Die Studienautoren betonen aber auch, dass die Ursachen dieses Phänomens multifaktoriell sind. Soziale Medien wirken als Verstärker, nicht als alleinige Ursache. Dieser wirkt auf Jugendliche, die neurobiologisch anfälliger sind für Impulsivität, Sensationssuche und Belohnungsanreize. Die Risikoabschätzung von Jugendlichen ist noch nicht vollständig ausgereift.
Die Studie des Universitätsspitals zeigt vor allem auch, wie gefährlich das Trainsurfing ist. Am Universitätsspital Zürich sind zwischen 2016 und 2024 zwölf Patienten wegen Train-Surfing-Verletzungen behandelt worden. In der gesamten Schweiz sind es etwa vier Menschen, die pro Jahr verunfallen.
Verletzungen durch Zugsurfen unterscheiden sich deutlich von anderen Hochspannungsunfällen, schreiben die Studienautorinnen. Bei Letzteren handelt es sich meist um Unfälle mit elektrischen Geräten und aufgrund fehlerhafter Infrastruktur. Fliesst dann elektrischer Strom durch den Körper, führt das zu Verbrennungen, Herzrhythmusstörungen, Lähmungen und im schlimmsten Fall zum Tod.
«Unsere Analyse zeigt, dass Verletzungen durch Trainsurfing aber schwerwiegender sind», schreiben die Studienautoren. Neben dem Stromschlag kommt der fatale Sturz vom Bahnwagen dazu. Die untersuchten Patienten hatten zu einem Grossteil Kopf- und Hirnverletzungen. Die Trainsurfing-Patienten liegen generell länger auf der Intensivstation und im Spital, sie brauchen mehr Operationen und Amputationen sowie eine längere Rehabilitation. Zudem gibt es als Folge auch viele lebenslange Behinderungen. Dadurch werden hohe Gesundheitskosten verursacht. Beinahe die Hälfte der Verunfallten bei Trainsurfing sterben daran.
Vergebliche Bemühungen, die Videos zu verhindern
Bemühungen, diese Videos zu stoppen, gibt es schon länger. Die Verbreitung über soziale Medien ist weltweit, auch in der Schweiz, aber eine ernsthafte regulatorische Herausforderung. Schon 2024 trat in der EU der Digital Service Act (DSA) in Kraft. Dieser zielt auf mehr Transparenz bei den Algorithmen, den Schutz Minderjähriger und die Entfernung illegaler Inhalte ab.
Die Schweiz ist nicht dabei, weshalb es bei uns keine spezifischen Gesetze gibt, dank denen illegale Inhalte sofort gelöscht werden müssen. Man setzt auf Freiwilligkeit der Plattformbetreiber. So sei es schwierig, diese riskante Aktivität aus den sozialen Medien zu entfernen, schreiben die Studienautoren.
Allerdings sei das Blockieren gefährlicher Inhalte im Internet leicht auszubremsen, schreiben die Studienautoren. Ihre Analyse zeige, dass diese Massnahme durch alternative Hashtags und versteckte Profile im Internet umgangen werden könnten. Die gefährlichen Videos bleiben bestehen und gewinnen oft noch an Popularität.
Die bestehenden Präventionsmassnahmen mit Warnkampagnen, Verboten oder Schildern könnten mit der schnellen, algorithmischen Verbreitung solcher Inhalte nicht Schritt halten. Jugendliche würden damit kaum erreicht. Aber auch wenn die Wirkung der Massnahmen begrenzt sei, seien diese unerlässlich. Neben der Prävention müssten aber Sicherheitsmassnahmen verschärft werden: zum Beispiel durch Hochspannungszäune, Alarmsysteme und Überwachungskameras.
Eine wirksame Prävention sei aber im digitalen Zeitalter nur durch eine Kombination aus digitalen Gegeninhalten und einer stärkeren Einbeziehung von Influencern und «Peer Education», wenn Gleichaltrige ihr Wissen vermitteln, zu erreichen. Um die lebensbedrohlichen Videos zu stoppen, brauche es auch strengere rechtliche Massnahmen auf Plattformen, die in allen Ländern über die Grenzen weg einheitlich sind. Am besten mit Bildungsinhalten kombiniert.
