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Kriminalstatistik: Junge Frauen zeigen massiv mehr Vergewaltigungen an

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Das neue Sexualstrafrecht verändert die Definition von Vergewaltigung.Bild: shutterstock

Junge Frauen zeigen massiv mehr Vergewaltigungen an – daran liegt es

Ausländerkriminalität, Femizide, Gewalt: Das sind die wichtigsten Erkenntnisse aus der neuen Kriminalstatistik.
23.03.2026, 10:1923.03.2026, 11:32
Andreas Maurer / ch media

Die Kriminalstatistik bringt gute und schlechte Nachrichten. Zuerst die fünf wichtigsten Entwicklungen im Überblick:

  • Die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen steigt um 29 Prozent, von 1086 auf 1402 Fälle. Damit geht in der Schweiz alle sechs Stunden eine Anzeige wegen Vergewaltigung bei der Polizei ein.
  • Die Zahl der vollendeten Tötungsdelikte im häuslichen Bereich steigt auf 34 Fälle – im Schnitt drei pro Monat. Ein Teil davon sind Femizide.
  • Insgesamt sinkt die Zahl der erfassten Strafanzeigen. Auch die Jugendkriminalität geht zurück.
  • Die erfassten Gewaltstraftaten steigen allerdings erneut an, um zwei Prozent.
  • Die Ausländerkriminalität verschiebt sich: In der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung registriert die Statistik drei Prozent mehr Beschuldigte, bei Asylsuchenden zwölf Prozent weniger.

Die Zahlen werden erst durch Einordnungen verständlich. Hier folgen die zehn wichtigsten Fragen und Antworten zur Entwicklung der Schweizer Kriminalität.

Warum steigen die Anzeigen wegen Vergewaltigungen so stark?

Schon zwischen 2015 und 2022 stiegen die Anzeigen wegen Vergewaltigung jährlich um sechs Prozent. «Dies ist hauptsächlich als ein Anstieg der Anzeigebereitschaft zu interpretieren», sagt Kriminologe Dirk Baier von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und der Universität Zürich.

Mitte 2024 trat das neue Sexualstrafrecht in Kraft. Seither ist das Prinzip «Nein heisst Nein» gesetzlich verankert. Dadurch sind die Beweishürden niedriger und mehr Formen sexuellen Missbrauchs gelten als Vergewaltigung. Die gesellschaftliche Debatte zur Revision hat zudem das Bewusstsein für Recht und Unrecht geschärft.

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bild: aargauerzeitung.ch / quelle: stgb

2024 stiegen die Anzeigen um 28 Prozent. Baier führt sechs Prozentpunkte auf die steigende Anzeigebereitschaft zurück, 22 Prozentpunkte auf das verschärfte Sexualstrafrecht. 2024 galt das neue Recht allerdings erst ab Mitte Jahr.

Das Jahr 2025 ist das erste ganze Statistikjahr mit dem neuen Gesetz. Der Effekt hätte dieses Jahr also noch grösser sein können, meint Baier.

Für ihn sind die Zahlen deshalb kein Grund zur Beunruhigung: Sie sprechen nicht für mehr Übergriffe, sondern für weniger Duldung.

Betroffen sind vor allem junge Frauen – warum?

Die stärksten Veränderungen betreffen Minderjährige. Die Zahl der Beschuldigten von Vergewaltigungen unter 18 Jahren steigt um 55 Prozent; jene der Geschädigten um 32 Prozent. Kriminologe Baier vermutet, dass bei jüngeren Menschen eine stärkere Sensibilität vorhanden sei. Sie seien wohl eher bereit, ein Handeln als «klar gegen den erkennbaren Willen» einzustufen. «Und es ist wahrscheinlich auch die jüngere Generation, die grundsätzlich mehr und mehr bereit ist, Vergewaltigungen zur Anzeige zu bringen», sagt er.

Fazit: Unter jungen Menschen nimmt sexuelle Gewalt wohl nicht stark zu. Sie wird aber häufiger angezeigt.

Die meisten mutmasslichen Vergewaltiger sind Ausländer, die meisten Opfer sind Schweizerinnen – warum?

54 Prozent der Beschuldigten sind Ausländer, 57 Prozent der Geschädigten sind Schweizerinnen. Für diesen Unterschied gibt es zwei Gründe.

Erstens ist die Anzeigebereitschaft bei ausländischen Tatverdächtigen höher. Baiers Team stellte in einer schweizweiten Befragung fest, dass ausländische Täter bei sexueller Gewalt zu 16 Prozent angezeigt wurden; Schweizer Täter hingegen nur zu sieben Prozent.

Zweitens könnte der kulturelle Hintergrund eine Rolle spielen. Männer, die aus Gegenden mit veralteten Rollenbildern stammen, könnten eher negativ in Erscheinung treten. Diesen Aspekt betonen Experten wie der forensische Psychiater Frank Urbaniok.

Erstmals gibt es auch eine beträchtliche Anzahl männlicher Vergewaltigungsopfer – warum?

2023 registrierte die Polizei keine männlichen Vergewaltigungsopfer, 2024 waren es 16, 2025 bereits 62. Auch das ist eine Folge des neuen Sexualstrafrechts. Vorher konnten per Definition nur Frauen vergewaltigt werden. Männer konnten höchstens sexuell genötigt werden, was allerdings ebenfalls mit bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden kann.

Baier stuft die neue Gesetzgebung als «vollen Erfolg» ein. Denn sie bringe mehr sexuelle Gewalt ins Hellfeld und mache bisher vernachlässigte Opfergruppen sichtbar. Das Hellfeld umfasst die Delikte, welche die Polizei kennt – die anderen bleiben im Dunkeln.

Ist der Anstieg der Femizide ein Ausreisser oder ein Trend?

Im vergangenen Jahr erfasste die Polizei 34 vollendete Tötungsdelikte im häuslichen Bereich. Wenn Frauen dabei sterben, ist die Rede von Femiziden. Im Vorjahr waren es 26 Fälle. Ob das ein Ausreisser oder der Beginn eines Trends ist, bleibt unklar. «Bei so niedrigen Fallzahlen kann es schnell ein Jahr mit höheren und ein Jahr mit niedrigeren Zahlen geben; Trends sind bei solch schwankenden Zahlen schwierig zu identifizieren», sagt Baier.

Baier rechnet 2026 mit einem Rückgang. Nach der intensiven Debatte seien Bevölkerung und Behörden achtsamer.

Warum nimmt die Kriminalität insgesamt ab?

Die Zahl der angezeigten Straftaten sank 2025 zum ersten Mal seit vier Jahren leicht. Das liegt an einem Rückgang bei den Vermögensdelikten, vor allem bei den Diebstählen. Vor allem Autoeinbrüche und Diebstähle aus Autos nahmen ab. Gründe dafür könnten eine höhere Aufmerksamkeit und technische Möglichkeiten des Diebstahlschutzes sein. Möglicherweise sind auch weniger Kriminaltouristen unterwegs.

Auch die Jugendkriminalität sinkt erneut. «Prävention wirkt», kommentiert Baier.

Ist der Anstieg der Gewalt besorgniserregend?

Zwar steigt die Gesamtzahl der Gewaltdelikte. Doch schwere Körperverletzungen gehen um 11 Prozent zurück, Raubtaten um 13 Prozent. «Das sind die beiden wichtigsten Gewaltdelikte, um die Situation in einer Gesellschaft einschätzen zu können», sagt Baier. Denn beide würden häufig angezeigt, was bei einfachen Körperverletzungen und Tätlichkeiten nicht der Fall sei. Fazit des Kriminologen: «Der Anstieg der Gewaltdelikte beunruhigt mich deshalb nicht.»

Vor allem die schweren Körperverletzungen mit Messern nehmen ab (um 27 Prozent). Die Polizei leistete in den vergangenen zwei Jahren intensive Präventionsarbeit gegen Messergewalt an Schulen. Baier schliesst daraus: «Kriminalität ist kein Naturereignis. Die Gesellschaft hat es in der Hand, etwas dagegen zu tun.»

Warum nehmen Einbrüche zu?

Die Zahl der Einbrüche steigt seit 2021 jedes Jahr. Zuletzt allerdings nur leicht. Die Täter sind häufig Kriminaltouristen. Das erschwert der Polizei die Arbeit. Bei den Diebstählen wurde dagegen ein Rückgang von gut 5 Prozent verzeichnet.

Warum sinkt die Zahl beschuldigter Asylsuchender?

Es kommen weniger Asylsuchende in der Schweiz an. Dadurch gehen auch die Verstösse gegen das Ausländergesetz zurück.

Was ist bei der Analyse der Kriminalitätsstatistik zu beachten?

Die Statistik zeigt nur mutmassliche Delikte, die der Polizei bekannt werden. Ob sie sich beweisen lassen, klärt sich erst später.

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Die beliebtesten Kommentare
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The litterbox incident
23.03.2026 09:10registriert März 2025
Vielen Dank für diese nüchterne Auslegeordnung ohne Hetze und Parteipolitik!
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Labär
23.03.2026 09:26registriert August 2020
Eine sehr unaufgeregte, sachliche und aufschlussreiche Einordnung der Erkenntnisse. Danke dafür.
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Bruno Wüthrich
23.03.2026 10:34registriert August 2014
Eine gute Auslegeordnung, mit welcher oberflächlich Interessierte etwas anfangen können. Gerade die Zielgruppe "oberflächlich interessiert" ist wichtig. Denn wer wenig weiss, kann meistens überhaupt nichts einschätzen.

Ich freue mich ausserdem, dass das neue Sexualstrafrecht und die Präventionsarbeiten an den Schulen etc. wirken. Das sind doch gute Nachrichten.
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