Schweiz
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Blumen bei Arosasteig in Zuerich am Dienstag, 5. Juli 2016. Nach dem Toetungsdelikt vom Donnerstag im Zuercher Seefeld sucht die Kantonspolizei Zuerich mit einem oeffentlichen Fahndungsaufruf nach dem 23-jaehrige Tobias Kuster. Der Gesuchte war bereits am 23. Juni nicht mehr aus seinem unbegleiteten eintaegigen Hafturlaub zurueckgekehrt. Er wird verdaechtigt, an der Toetung eines 42-jaehrigen Schweizers aus Zuerich beteiligt gewesen zu sein. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Blumen am Arosasteig erinnern im Sommer 2016 an das getötete Opfer von Tobias K. Bild: KEYSTONE

Chronologie eines angekündigten Mordes: Die perfide Tat von Tobias K. und seinem Komplizen

Er erstach wahllos einen 41-Jährigen und tauchte dann unter. Der Seefeld-Mörder Tobias K. sorgte vor vier Jahren für nationale Schlagzeilen. Jetzt kommen er und sein litauischer Komplize vor Gericht. Die Anklageschrift zeigt, wie perfid das Duo bei seiner Tat vorging.



Am 29. Juni 2016 stach Tobias K. im Zürcher Seefeld einen ihm völlig unbekannten Mann nieder. Mitten am Tag, auf offener Strasse. Der Mann erlag noch an Ort und Stelle seinen Verletzungen. Tobias K. ergriff die Flucht und wurde sieben Monate später von der Polizei verhaftet.

Am 29. und 30. Januar, fast vier Jahre nach der Tat, muss sich der als Seefeld-Mörder bekannt gewordene Tobias K. nun vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten. Mit ihm angeklagt ist sein litauischer Komplize I. M. Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft zeigt, dass die zwei Männer ihre Tat mutwillig und skrupellos geplant hatten.

Die Vorgeschichte:

Alles beginnt am 21. Oktober 2014. Tobias K. tritt seine Haft in der Strafanstalt Pöschwies an. Wegen mehreren Delikten, darunter Freiheitsberaubung, Erpressung, Diebstahl und Nötigung, wurde er zu einer 5-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Zum Zeitpunkt von Tobias K.s Haftantritt sitzt I. M. bereits seit über einem Jahr im Gefängnis Pöschwies. Der Litauer versuchte, den bekannten Unternehmer und Lafarge-Holcim-Grossaktionär Thomas Schmidheiny zu erpressen. In einem Schreiben drohte er ihm, sämtliche Familienangehörige zu töten, sollte Schmidheiny ihm nicht 50 Millionen Franken übergeben. Dafür und für weitere Delikte wurde M. zu einer 8-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt.

Hinter Gittern lernen sich Tobias K. und I. M. kennen und es entwickelt sich eine enge Freundschaft. Sie verbringen viel Zeit miteinander, begegnen sich in der Schreinerei beim Arbeiten, in den Mittagspausen, beim Abendessen oder in der Freizeit. So schreibt es der Staatsanwalt Adrian Kägi in seiner Anklageschrift.

Der Litauer erzählt seinem Freund, er sei zu Unrecht verurteilt worden. Es sei Schmidheiny, der Dreck am Stecken habe, und er könne das sogar beweisen. Er sei im Besitz von Daten, die den Unternehmer schwer belasten würden, unter anderem gehe es um den Verkauf von Atomwaffen. Schmidheiny habe ihn mehrmals im Gefängnis Pöschwies besucht und ein Tauschgeschäft angeboten: eine Geldsumme in Millionenhöhe gegen die belastenden Daten. Doch er habe abgelehnt. Daraufhin sei der Unternehmer wütend geworden und habe die Entführung seiner in England lebenden Ex-Frau angeordnet. Sie sei aber mithilfe der Polizei befreit worden.

Der Litauer tischt Tobias K. immer weitere Lügen und Halbwahrheiten auf. Nach 20 Monaten gemeinsamer Haft ist K. überzeugt: Sein Freund I. M. muss so schnell wie möglich in Freiheit kommen, um anschliessend gegen Schmidheiny vorgehen zu können.

Die Planung:

Die beiden Inhaftierten wissen, dass Tobias K. bald in einen unbegleiteten Hafturlaub entlassen wird. Also beginnen sie, einen perfiden Plan aufzustellen. Sie haben die Idee, dass sobald K. in Freiheit ist, er einen Erpresserbrief an den Zürcher Kantonsrat schreibt. Darin solle er im Namen einer litauischen Bande verlangen, dass I. M. sofort in Freiheit entlassen werde, ansonsten müsse eine beliebig gewählte Person sterben.

Tobias K. schreibt sich diesen Plan stichwortartig auf ein Stück Papier.

Für den Fall, dass der Kantonsrat nicht die Freilassung von M. in die Wege leitet, solle K. mit der Tötung von weiteren Personen drohen. Sie vereinbaren auch, dass K. am Ort der Tötung einen Zettel mit einer Grussbotschaft hinterlassen würde, damit der Mord in Zusammenhang mit dem Erpresserschreiben gestellt wird.

Tobias K. schreibt sich diesen Plan stichwortartig auf ein Stück Papier.

Die Erpressung:

Der 23. Juni 2016 ist ein Donnerstag. Tobias K. darf das erste Mal seit Haftantritt unbegleitet einen Tag in Freiheit verbringen. Um 9 Uhr morgens tritt er aus dem Pöschwies. Mit seiner Familie fährt er zum Bräteln an die Thur. Um 16.45 Uhr bringt ihn sein Vater mit dem Auto zum Bahnhof Andelfingen, von wo aus er mit dem Zug zurück nach Regensdorf zum Gefängnis fahren soll. Doch Tobias K. kehrt nicht zurück, sondern taucht unter.

Er versteckt sich bei einem Freund in Winterthur. Wie mit seinem litauischen Komplizen abgemacht, schreibt er den Erpresserbrief. Um zusätzlich Druck aufzusetzen, bittet K. seinen Freund, Fotos von ihm zu schiessen, die ihn als geknebelten Gefangenen der angeblich litauischen Bande zeigen sollen. Um glaubwürdig zu wirken, bespritzt sich K. für die Fotos mit seinem eigenen Blut.

Am Samstagmorgen wirft Tobias K. seinen Erpresserbrief eigenhändig in den Briefkasten bei der Zürcher Sihlpost. Am darauffolgenden Dienstag trifft das Couvert beim Kantonsrat ein. Am Mittwoch läuft das von K. auferlegte Ultimatum ab.

Der Mord:

Noch am selben Tag fährt K. mit dem Zug nach Zürich und kauft sich im Coop am Hauptbahnhof ein 18 Zentimeter langes Fleischmesser. Laut dem Staatsanwalt Kägi hält er danach mehrere Stunden Ausschau nach einem geeigneten Opfer, kehrt dann aber am Abend nach Winterthur zurück.

In der Anklageschrift schreibt Kägi von einer Tat, die einer Massakrierung gleichkomme. Unvermittelt und mit grosser Wucht sticht Tobias K. fünfmal auf sein Opfer ein.

Am nächsten Tag begibt sich Tobias K. in den frühen Morgenstunden erneut nach Zürich und marschiert mehrere Stunden zu Fuss durch die Stadt; zur Bahnhofstrasse, auf den Zürichberg und schliesslich ins Seefeld. In einer kleinen Quartierstrasse sitzt ein 41-jähriger Mann neben einer Fussgängerunterführung auf der Mauer und raucht eine E-Zigarette. Mit dem Messer hinter dem Rücken versteckt, geht K. auf ihn zu. Als der Mann bemerkt, wie sich K. ihm nähert, steht er auf. Da sticht dieser zu.

In der Anklageschrift schreibt Kägi von einer Tat, die einer Massakrierung gleichkomme. Unvermittelt und mit grosser Wucht sticht Tobias K. fünfmal auf sein Opfer ein. In den Hals, Brustkorb, Oberarm und in den Rücken. Der 41-Jährige schleppt sich 100 Meter weit auf dem Gehweg, bevor er zusammenbricht und verblutet.

Die Verhaftung:

Unmittelbar nach dem Mord flüchtet K. Die Botschaft, die er gemäss Absprache mit I. M. bei seinem Opfer hätte deponieren sollen, vergisst er in seiner Tasche. Auf einen Zettel hatte er geschrieben: «Gruss aus Zürich».

K. wirft Tatmesser und Turnschuhe in ein Gebüsch. Er wechselt seine Kleidung und entsorgt die alte in einem Container. Am Bahnhof Stadelhofen steigt er in den Zug nach Winterthur.

Sieben Monate bleibt K. auf der Flucht. Seiner im Erpresserbrief an den Kantonsrat aufgestellten Drohung, weitere Menschen zu töten, sollte I. M. nicht freigelassen werden, kommt er nicht nach. Doch mehrfach versucht er, über das Darknet gefälschte Ausweise und Handfeuerwaffen und Handgranaten zu kaufen.

Am 18. Januar 2017 geht K. in Burgdorf im Kanton Bern einer Spezialeinheit in die Falle. Er fiel auf einen Scheinverkäufer von Waffen herein. Anstatt des Verkäufers wartete die Polizei auf ihn.

Die Staatsanwaltschaft fordert für Tobias K. und den Litauer wegen Mordes und weiterer Delikte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und die Anordnung einer ordentlichen Verwahrung.

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14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Walter Hechtler 22.01.2020 20:18
    Highlight Highlight Bei uns auch gerade ein solcher Fall zu Ende gegangen. Resultat: Todestrafe. Hoffe die Schweiz lernt etwas.
  • Asmodeus 22.01.2020 14:08
    Highlight Highlight "Der Litauer versuchte, den bekannten Unternehmer... zu erpressen. In einem Schreiben drohte er ihm, sämtliche Familienangehörige zu töten, sollte Schmidheiny ihm nicht 50 Millionen Franken übergeben. Dafür und für weitere Delikte wurde M. zu einer 8-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt."

    Aber wenn einer seiner Freundin mit der Ermordung oder Gewalt droht sagt die Polizei man könne nichts unternehmen solange nichts passiert ist.



    Aber warum Menschen wie Tobias K unüberwachten Freigang erhalten verschliesst sich mir.
    Nicht einmal eine Fussfessel mit GPS?!
  • DocShi 22.01.2020 12:11
    Highlight Highlight Ich verstehe immer noch nicht wieso ein verurteilter Straftäter Hafturlaub bekommt.
    Mag ja sein dass die Mehrheit dies nicht ausnützt, dennoch ist ein Toter wie hier geschehen(und ist ja nicht der erste Fall mit Toten bei einem Hafturlaub), ein Toter zuviel!
    Ausserdem: bekommt z.B das Opfer auch Urlaub vom Tod, physischen oder psychischen Schmerzen? Wohl kaum!
    • PlayaGua 22.01.2020 15:33
      Highlight Highlight Legt man die Emotionen mal weg, dann gibt es einen einfachen Grund. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Straftäter nach seiner Entlassung wieder integrieren lässt, ist wesentlich höher, wenn er langsam an die Freiheit hingeführt wird. Das geschieht zunächst mit begleiteten Urlauben, dann mit teilbegleiteten und unbegleiteten. Möglich sind auch Wohn- und Arbeitsexternate. Wenn du einen Straftäter am Entlassungstag einfach auf die Strasse schickst, wäre das Risiko viel höher.
  • Freethinker 22.01.2020 10:10
    Highlight Highlight Ich bin auch schon lange für elektronische Fussfesseln. Diese machen absolut Sinn und es erstaunt mich immer wieder wie viel es braucht, bis man sie einsetzt. Auch bei Fällen in denen Frauen nachweislich von ihren Männern bedroht werden, wäre es sinnvoll. Es müsste natürlich in Echtzeit geschehen und tatsächlich ein Polizeieinsatz ausgelöst werden, wenn sich der Betreffende zum Beispiel in einem 10km Radius nähert.
  • Kong 22.01.2020 09:15
    Highlight Highlight kriminelle Spatzenhirne... tragisch für das Opfer

    Kompliment an Fahndung/Ermittlung.
  • who cares? 22.01.2020 07:56
    Highlight Highlight Also verstehe ich das richtig? Häftlinge, die noch mehrere Jahre Haft vor sich haben dürfen in den unbegleiteten Hafturlaub auf Vertrauensbasis, und wenn einer nicht mehr zurück kommt geht es sieben Monate bis man ihn schnappt? Warum nicht eine elektronische Fussfessel damit man die Person orten kann? Scheint mir absolut fahrlässig sonst.
    • THEOne 22.01.2020 09:18
      Highlight Highlight wenn einer abhauen will, ist die fussfessel wohl sein kleinstes lösbares problem.
    • Asmodeus 22.01.2020 14:10
      Highlight Highlight Wenn die Fussfessel plötzlich aus geht weisst Du aber wo er zuletzt war und Du weisst sofort, dass er auf der Flucht ist.

      Die Reaktionszeit wird um Welten verkürzt.
    • Bits_and_More 22.01.2020 14:16
      Highlight Highlight @TheOne
      Aber dann löst die Fessel unmittelbar einen Alarm mit der letzten Position aus. Eine Wiederfinden ist damit sehr viel wahrscheinlicher.
      Ohne Fessel kann der Täter irgendwann während des Hafturlaubes irgendwo untertauchen. Bis die Behörden erfahren, wo der Gesuchte ist, ist dieser unter Umständen schon weit weg.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Raber 22.01.2020 07:41
    Highlight Highlight Solche Geschichten machen einem immer sprachlos. Soviel Dummheit gepaart mit Aggressionen und Geldgier. Zum Glück sind nur ganz wenig Menschen so!
  • atorator 22.01.2020 07:36
    Highlight Highlight Wenn Spatzenhirne mit krimimeller Energie und Verlust des Realitätssinns aufeinander treffen.
  • arty the pug 22.01.2020 07:25
    Highlight Highlight Wie alt sind diese Leute? 12 und 13? Tragisch und traurig..

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