recht sonnig-1°
DE | FR
39
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Schweiz
Justiz

Polizist wegen versuchter Tötung vor Bezirksgericht Zürich

EIn Zuercher Stadtpolizist vor der Hauptwache Urania in Zuerich, am Mittwoch, 13. November 2013. (KEYSTONE/Walter Bieri)
Bild: KEYSTONE

Heikler Fall vor Gericht: Zürcher Polizist wegen versuchter Tötung angeklagt

Die Staatsanwaltschaft wirft einem Zürcher Stadtpolizisten versuchte Tötung vor – und fordert gleichzeitig dessen Freisprechung. Der brisante Fall wirft die Frage auf: Wie nah dürfen sich Staatsanwaltschaft und Polizei sein?
24.06.2020, 15:0424.06.2020, 20:32

War es Polizeigewalt oder Notwehr? Diese Frage steht im Zentrum eines aufsehenerregenden Falls, der am Mittwochnachmittag am Bezirksgericht Zürich verhandelt wird. Auf der Anklagebank sitzt ein Stadtpolizist, dem die versuchte Tötung eines Äthiopiers vorgeworfen wird. Er soll mehrmals auf diesen geschossen haben, davon dreimal von hinten in beide Arme und in den Rücken.

Ereignet hatte sich der Vorfall am 27. Dezember 2015 in Zürich Wiedikon. Eine Polizeipatrouille beobachtete einen Mann, der mit einem langen Küchenmesser auf der Birmensdorferstrasse unterwegs war. Die Polizisten forderten Verstärkung an und wollten den damals 42-jährigen Äthiopier schliesslich zu fünft kontrollieren. Drei der Polizisten sollen mit gezogener, aber auf den Boden gerichteten Waffen den Mann aufgefordert haben, das Messer wegzulegen. Doch dieser folgte den Anweisungen nicht, sei stattdessen auf die Polizisten zugegangen und habe dabei mit dem Messer gefuchtelt. Dabei habe er geschrien: «Kill me!»

Danach kam es zu einem Handgemenge. Die Uniformierten setzten Pfefferspray und schliesslich ihre Schusswaffen ein. Insgesamt 13 Schüsse fielen. Sechs davon treffen den Äthiopier in Arme und in den Oberkörper. Er muss notfallmässig operiert werden und überlebt. In einer Medienmitteilung wenige Tage nach dem Vorfall ist von «Notwehr» die Rede. Das Schreiben stammt aus der Feder der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürichs – just der Institution also, die diesen Fall untersuchen muss.

Ein knappes Jahr später verurteilte das Bezirksgericht Zürich den Äthiopier wegen Gewalt gegen Beamte und erklärte ihn gleichzeitig für schuldunfähig. Der Mann leide an Schizophrenie, hiess es. Das Verfahren gegen die am Einsatz beteiligten Polizisten stellte die Staatsanwaltschaft ein. Dies, obwohl die forensischen Gutachten nicht eindeutig waren und vieles unklar blieb. So etwa, ob sich der Äthiopier vor den letzten drei Schüssen, die ihn unter anderem auch in den Rücken trafen, bereits von den Polizisten abgewandt und entfernt hatte. In diesem Fall wäre fraglich, ob die Schussabgabe in rechtfertigender Notwehrhilfe erfolgte.

Der Anwalt des Äthiopiers reichte gegen die Einstellung des Verfahrens Beschwerde ein und ging bis vors Bundesgericht. Dieses rügte die Zürcher Justiz und verpflichtete die Staatsanwaltschaft, Anklage gegen den beteiligten Stadtpolizisten zu erheben. Neu heisst es in der entsprechenden Anklageschrift, der Äthiopier habe sich vom Polizisten abgewandt und entfernt, worauf dieser «bewusst und gewollt» drei weitere Schüsse in Richtung des Mannes abgegeben habe. «Dies tat der Beschuldigte, obschon er nicht mehr angegriffen wurde und von dem Mann keine Gefahr mehr ausging.» Die Staatsanwaltschaft spricht dabei von versuchter Tötung, fordert aber die Freisprechung des Polizisten.

Dass die Staatsanwaltschaft Anklage erhebt und gleichzeitig einen Freispruch fordert, ist sehr selten und zeigt das Dilemma der Behörden in diesem Fall auf. In der SRF-Sendung «10vor10» von Montag kritisiert die Zürcher Gemeinderätin Christina Schiller (Alternative Liste) die Nähe von Staatsanwälten und Polizisten. Das verhindere eine unabhängige Untersuchung und Beurteilung eines Falles. Sie fordert: «Für eine neutrale Sicht müsste in einem solchen Fall die Staatsanwaltschaft aus einem anderen Kanton die Führerschaft übernehmen.» Ebenfalls gegenüber dem SRF sagt der Anwalt des Äthiopiers, er habe noch nie eine so kurze Anklageschrift gesehen. Er habe das Gefühl, dass er die Rolle der Staatsanwaltschaft, also der Anklägerschaft, übernehmen müsse.

Beurteilen, ob die Staatsanwaltschaft ihrer Aufgabe in diesem Fall gewachsen ist, musste am Mittwoch der Richter entscheiden. Der Polizist wurde am frühen Abend freigesprochen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Night of Light: Wieso viele Gebäude rot leuchteten

1 / 15
Night of Light: Wieso viele Gebäude rot leuchteten
quelle: keystone / alessandro della valle
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

So heftig stürzen sich Weisse Haie auf einen Delfin-Kadaver

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

39 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Milkyway77
24.06.2020 15:54registriert April 2020
Die Frage ist. Was will der mit solch einem Messer auf OFFENER strasse?
Klar schreitet die Polizei da ein, denke Frau Serafini würde auch die Polizei rufen wenn Ihr so einer mit nem riesen Messer entgegenkommt..
7814
Melden
Zum Kommentar
avatar
MrBlack
24.06.2020 17:59registriert September 2016
Unababhängig von diesem Fall, sollte es eine unabhängige Behörde geben, die bei Verbrechen ermittelt, in denen Polizisten involviert sind.

So etwas in diese Richtung gibt es schon in Dänemark.
7132
Melden
Zum Kommentar
avatar
Jekyll & Hyde
24.06.2020 20:35registriert Januar 2017
Grundsätzlich find ich es gut wenn auch bei Polizisten genau hingeschaut wird.

Allerdings gibt es sowas wie GMV. Wenn jemand mit einem Messer fuchtelnd auf einem zu kommt ist Notwehr mehr als Gegeben.

Ist das verifiziert mit den "Kill me" rufen ?
Wenn ja, ist der Äthiopier eher ein Fall für die Klappse "Suicide by Cops" nennt man das in den USA
283
Melden
Zum Kommentar
39
Sexualdelikte in der Armee: Militärjustiz ermittelt 17 Fälle – 3 Soldatinnen packen aus
Ein mutmassliches Sexualdelikt beim WEF-Einsatz der Armee sorgt für Aufsehen. watson hat drei Frauen, die im Militär waren, gefragt, welche Erfahrungen sie mit Diskriminierung, Sexismus und Gewalt im Militär gemacht haben. Alle von ihnen finden, dass es so nicht weitergehen kann.

«Sie haben über meine Brüste gesprochen, sobald ich ihnen den Rücken zudrehte. Und die ganze Runde lachte. Ich versuchte danach, sie noch besser zu verstecken», sagt die Rekrutin Milena* (*Name der Redaktion bekannt) im Gespräch mit watson. Sie habe viel Diskriminierung in der Armee erlebt, aber weil sie Angst habe vor weiteren Vorverurteilungen, möchte sie das nur anonym mitteilen.

Zur Story