Schweiz
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Crypto-Affäre: Geheimdienst hält immer noch Akten unter Verschluss



Jürg Bühler, Vizedirektor des Nachrichtendienstes des Bundes, hatte Crypto schon in den 1990er Jahren unter die Lupe genommen. Hinweise auf die Beteiligung ausländischer Nachrichtendienste fand er damals keine. (Archivbild)

Jürg Bühler. Bild: KEYSTONE

Die Akten über die Untersuchung zur Crypto AG aus den 1990-er Jahren werden teilweise auch heute noch unter Verschluss gehalten. Jürg Bühler, der damals die Untersuchung leitete und heute Vizechef des Nachrichtendienstes ist, begründete dies mit schützenswerten Personendaten.

«In den Akten sind noch sehr viele schützenswerte Personendaten drin», sagte Bühler dem Onlineportal von Radio und Fernsehen SRF vom Donnerstag. Es habe Meldungen von ausländischen Partnern drin, die einem Quellenschutz unterlägen und auch Protokolle von parlamentarischen Kommissionen, die im Moment nicht geöffnet werden könnten, sagte Bühler.

Ein weiteres Dossier über Untersuchungsakten der Bundespolizei zum Fall Crypto wird zudem vermisst. Der Nachrichtendienst des Bundes habe erst jetzt davon erfahren, wird Bühler dazu im Bericht zitiert. Es sei bedauerlich und der Nachrichtendienst hoffe, dass diese Dokumente wieder auftauchen würden und einfach irgendwo falsch eingereiht worden seien im Bundesarchiv.

«Hintertürchen am Laufmeter»

Anbietern und Herstellern von Dienstleistungen, Hardware und Software kann nach Einschätzung der Digitalen Gesellschaft nicht vertraut werden. Es gibt nach Einschätzung des Zürcher Anwalts und Sprechers der Digitalen Gesellschaft, Martin Steiger, Hintertürchen am Laufmeter.

cryptoleaks Das Logo des Chiffriergeraete-Herstellers Crypto am Hauptsitz in Steinhausen im Kanton Zug am Donnerstag, 19. Februar 2015. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Bild: KEYSTONE

«Wir müssen leider davon ausgehen, dass wir keinen Anbietern und Herstellern von Dienstleistungen, Hardware und Software vertrauen können», sagte Steiger der Keystone-SDA. Unabhängig von der Crypto AG würden «am Laufmeter» Hintertürchen bekannt. Und man müsse sich selbstverständlich fragen, wer die heutigen Crypto AG's seien.

Gerade auch Dienste, die mit Privatsphäre werben, seien besonders gefährdet, bewusst oder unbewusst zu Honigtöpfen zu werden: Wer beispielsweise den E-Mail-Dienst ProtonMail nutze, sei häufig ein besonders interessantes Ziel für Sicherheitsbehörden.

HANDOUT - Die mechanische Rotor-Chiffriermaschine CX-52 IMG wurde ab 1952 durch den schwedischen Erfinder und Unternehmer Boris Hagelin von seiner im selben Jahr in der Schweiz gegruendeten Crypto AG hergestellt. CIA und BND haben mit Geraeten von Crypto ueber Jahrzehnte hinweg andere Staaten ausspioniert, wie das SRF am Dienstag, 10. Februar 2020 mitteilte. Die Zuger Firma verkaufte Chiffriergeraete zur Verschluesselung geheimer Kommunikation. Diese hatten offenbar eine

Bild: RAMA/Lizenz Cc-by-sa-2.0-fr

«In jedem Fall war und ist die Schweiz kein Land, wo Daten als besonders gut geschützt gelten können», sagte Steiger weiter. «Im Gegenteil: Der Datenschutz ist unterentwickelt und die Sicherheitsbehörden dürfen umfassend überwachen, ohne dass eine wirksame Kontrolle besteht», sagte er weiter. Anbieter in der Schweiz würden häufig mit irreführenden Aussagen werben, was den hiesigen Datenschutz und den schweizerischen Überwachungsstaat betreffe.

«Alles was möglich ist, wird gemacht»

Dazu komme, dass auch die Sicherheitsbehörden in der Schweiz die Daten- und IT-Sicherheit untergraben würden. So zum Beispiel mit Trojanern, für welche Sicherheitslücken gekauft und geheimgehalten würden. Dazu kämen geheime Aktivitäten des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB) und anderer Sicherheitsbehörden. «Da müssen wir davon ausgehen, dass alles, was möglich ist, auch gemacht wird, Rechtsgrundlagen hin oder her», sagt der Anwalt weiter.

Beim Instant-Messaging-Dienst Threema, der ein hohes Vertrauen geniesst, bestehe das Grundproblem darin, dass es sich nicht um Open-Source-Software handle. Man müsse darauf vertrauen, dass es bei dieser Anwendung keine Sicherheitslücken gebe, die ausgenützt werden könnten, und dass auch keine Kooperation mit Sicherheitsbehörden stattfinde.

Bei Verschlüsselung gelte der Grundsatz , dass nur quellenoffene Software verwendet werden sollte. Im Alltag seien Lösungen wie Threema oder auch WhatsApp gut genug, zumal es an nutzerfreundlichen Alternativen häufig mangle.

Auch bestehe ein weiteres Problem darin, dass Sicherheitsbehörden Verschlüsselungsstandards gezielt schwächten, was schwierig zu entdecken sei. «Wenn eine solche Sicherheitslücke entdeckt wird, kann behauptet werden, es handle sich um einen Fehler und nicht um Absicht», sagt Steiger weiter. (aeg/sda)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Malt-Whisky 13.02.2020 11:56
    Highlight Highlight Als das ganze aufgezogen wurde waren alle Parteien ausser den 2 oder drei eher linken, voller Begeisterung. Inklusive den Damaligen Bundesräten. Diese Hipe jetzt ist voll daneben. Ich war damals ein ganz kleies Würstchen und habe nur wenig mitbekommen. Aber lieber etwas vertuschen als plötzlich den Chinesen oder Indern zu gehören.
  • Malt-Whisky 13.02.2020 11:51
    Highlight Highlight Lieber etwas vom Vater Staat überwacht werden als plötzlich den Chinesen, Indern, US-Amis oder sonstigen Diktatoren zu gehören. Mit Sonstige Diktatoren meine ich auch das europäische Uniönchen.
  • Kartoffelsack 13.02.2020 07:43
    Highlight Highlight Für was ein Bundesarchiv wenn brisante Dokumente verschwinden? Für sowas zahlen wir steuern !!!!
  • Kaishakunin 12.02.2020 20:37
    Highlight Highlight Zu meinen, dass irgendwo eine Firma mit einer Verschlüsselungstechnik kommen könnte, ohne dass die Amerikanischen Geheimdienste irgendwie Zugriff hätten, ist wohl traurigerweise ziemlich illusorisch.
  • Denk Mal 12.02.2020 18:50
    Highlight Highlight So kommt es eben, wenn über die Jahre nicht die fähigsten, sondern die angepasstesten Mitarbeitenden in einer Institution die Karriereleiter erklimmen können.......
  • Pisti 12.02.2020 18:05
    Highlight Highlight Falsch eingereiht im Bundesarchiv. Ausgerechnet in der übergenauen Schweiz.
    😉
  • HugiHans 12.02.2020 17:23
    Highlight Highlight Interessanterweise ein Thema das noch nicht in das Bewusstsein der Nutzer vorgedrungen ist. Nur lassen sich gerade hier Versäumnisse nicht nachträglich rückgängig machen.
  • Alexis92 12.02.2020 16:46
    Highlight Highlight Geheimdienste, meiner Meinung nach mitunter die grössten Verbrecher unserer Zeit, will nicht wissen was wir alles nicht wissen, was die zum "Schutz" unserer Bevölkerung alles machen.
  • Triple 12.02.2020 15:57
    Highlight Highlight "Ein Dossier ist verschwunden" könnte das eventuell mal auf unserem Steueramt passieren :-)
  • Liselote Meier 12.02.2020 14:59
    Highlight Highlight Bleibt unter Verschluss und Akten verschwunden.
    Eine PUK ist wieder mal angesagt um den Drecksladen mal wieder auf den Kopf zu stellen.
  • freeLCT 12.02.2020 14:59
    Highlight Highlight "Bei Verschlüsselung gelte der Grundsatz , dass nur quellenoffene Software verwendet werden sollte."

    Wie bitte?!

    Herr Steiger, sag doch gleich, dass wir bei den spionierbaren Messagingdiensten bleiben sollen.
    Das wäre "ehrlicher".
    • actualscientist 12.02.2020 15:44
      Highlight Highlight Ich bin nicht sicher ob Sie dies richtig verstanden haben. Quelloffen bedeuted das der Software code von allen gelesen werden kann. Dadurch ist es fast unmöglich Hitertürchen einzubauen die nicht als solche erkannt werden können. Ich würde niemals einer closed source verschlüsselung trauen. Hier gilt das Kerckhoffs's principle. Eine verschlüsselung ist nicht als sicher zu betrachten, wenn die sicherheit nur daraus besteht das die cipher unbekannt ist.

      Dies ist zum Beispiel bei der Signal App so. Einer der sichersten Messenger.

      Use Tor, use Signal.
    • freeLCT 12.02.2020 17:11
      Highlight Highlight Habe die Aussage falsch interpretiert.
      Danke für die Klarstellung @actualscientist! 👍🏼
    • Steibocktschingg 13.02.2020 02:02
      Highlight Highlight Riot.im ist ebenfalls Open Source und sehr sicher, sagt zumindest mein Kollege, der in dieser Hinsicht sehr paranoid ist. Etwas gar umständlich einzurichten wegen der Verifikation der beteiligten Geräte für die Verschlüsselung, danach aber geht es. Hier der Link zur Seite: https://about.riot.im
  • hämpii 12.02.2020 14:19
    Highlight Highlight Ich hasse den Spruch zwar selbst, aber was habt ihr anderes erwartet 😑 Wo beschissen werden kann wird beschissen.... leider
  • De-Saint-Ex 12.02.2020 14:09
    Highlight Highlight Einfach unglaublich, wie leichtfertig hier mit der angeblichen Neutralität umgegangen wird. Niemand hat was dagegen, dass auch eine Schweiz geheimdienstlich unterwegs ist. Dass sie‘s aber z.B. im Auftrag der USA gegen den Iran ist, wo sie doch eine offizielle Vermittlerrolle innehat, ist der definitive Todesstoss der Neutralität. Sträflich dumm!
  • ChlyklassSFI 12.02.2020 13:38
    Highlight Highlight "Es sei bedauerlich und der Nachrichtendienst hoffe, dass diese Dokumente wieder auftauchen würden und einfach irgendwo falsch eingereiht worden seien im Bundesarchiv.“

    Ja, sicher... Wieso dürfen die uns verarschen?
  • Triumvir 12.02.2020 13:30
    Highlight Highlight Jetzt braucht es eine PUK und lückenlose Aufklärung, damit die verantwortlichen Personen zur Rechenschaft gezogen werden können.
    • HAL1 13.02.2020 08:08
      Highlight Highlight Als ob das jemals passieren würde.

      Die sitzen alle im selben boot... die einen vorne die anderen hinten oder oben aber das boot ist dasselbe.

      Hier wären journalistenininenen🤦‍♂️🤷‍♂️
      mit dicken... kugelschreibern gefragt.

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