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epa08294691 Customers gather on terace of the Cafe du Marche with social distance as part of measures to contain the spread of coronavirus COVID-19, in Carouge near Geneva, Switzerland, 14 March 2020.  EPA/SALVATORE DI NOLFI

Am Wochenende sassen die Leute wie hier in Genf noch ungeniert in den Beizen. Damit ist nun Schluss. Bild: EPA

Kommentar

Die Schweiz im Corona-Stresstest: Da müssen wir jetzt durch!

Das Coronavirus hat die Schweiz und Europa total im Griff. Grosse Teile des öffentlichen Lebens stehen still. Manche fragen sich, ob das wirklich nötig ist. Doch welches ist die Alternative?



Am Dienstagmorgen sind wir in einem Land aufgewacht, das wir so nicht kennen. Das öffentliche Leben in der Schweiz ist auf eine Weise zum Stillstand gekommen, wie es nicht einmal im Zweiten Weltkrieg der Fall war. Der Bundesrat hat am Montag praktisch alle Einrichtungen dicht gemacht, die für das Funktionieren der Gesellschaft nicht zwingend notwendig sind.

Andere sind noch weiter gegangen. In Frankreich gilt faktisch eine Ausgangssperre, ebenso in Italien und Österreich. Nicht einmal Parks und Spielplätze dürfen geöffnet bleiben. Das will die Schweiz vermeiden: «Ein totaler Shutdown ist nicht nötig, aber nur wenn die Bevölkerung sich an die Massnahmen hält», sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga am Montag.

Der Bundesrat erklärt die «ausserordentliche Lage»

Video: watson/nico franzoni

Fast schon flehentlich hatte die Landesregierung zuvor die Menschen aufgefordert, endlich wenn möglich zu Hause zu bleiben und das Social Distancing einzuhalten. Es war ein faktisches Eingeständnis, dass die nur drei Tage zuvor verhängten Einschränkungen nicht genügten. Das vergangene Wochenende zeigte, dass zu viele den Ernst der Lage nicht erkannt hatten.

Das Recht auf Fun

Sicher, da war diese unglaubliche Welle der Solidarität mit gefährdeten Menschen. Aber auch der beklemmende Anblick von leeren Supermarkt-Regalen, den man zuvor nur aus dem Fernsehen kannte. Und dann wieder Restaurants, die sich um das Verbot foutierten, mehr als 50 Personen zu bewirten. Und überhaupt Menschen, die ungeniert ihr vermeintliches Recht auf Fun auslebten.

«Ich habe keine Angst» – diese Leute waren an der Langstrasse

Video: watson/Helene Obrist, Emily Engkent

Auch jetzt glauben manche, der Bundesrat übertreibe. Den Medien werfen sie Panikmache vor, in den Kommentarspalten oder Rückmeldungen. Der Antrieb ist häufig die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen eines Shutdown. Diese sind einschneidend. Viele Menschen, vor allem Freelancer und Gewerbler, verlieren von einem Tag auf den anderen ihr gesamtes Einkommen.

Häufig fallen sie durch die Maschen des sozialen Netzes. Die Kurzarbeitsregelung etwa ist für solche Fälle nicht gedacht. Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, die Chefin des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), musste am Montag faktisch einräumen, dass ihre Behörde selbst noch nicht weiss, wie sie mit diesen Härtefällen umgehen soll. Dabei ist der Leidensdruck enorm.

Die Schweiz zieht sich zurück

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Notstand in den Kantonen – die Schweiz zieht sich zurück
quelle: keystone / gian ehrenzeller
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Selbst Politiker wie der Zürcher SVP-Finanzdirektor Ernst Stocker wehren sich gegen eine Angebotsreduktion im öffentlichen Verkehr mit dem Argument, dieser sei «das Rückgrat der Wirtschaft». Skeptiker bezweifeln, dass es tatsächlich zu einem exponentiellen Anstieg der Krankheitsfälle kommt, und stellen damit die Diagnose der Fachexperten in Frage.

Zu spät reagiert

Einer ihrer «Kronzeugen» ist der deutsche Lungenarzt und SPD-Politiker Wolfgang Wodrag. Er bezweifelt, dass die Corona-Epidemie schlimmer ist als eine gewöhnliche Grippewelle. Hat Wodrag schon einmal nach Italien geschaut? In stark betroffenen Städten wie Bergamo sind die Spitäler völlig am Anschlag, das Personal arbeitet über das Erschöpfungslimit hinaus.

Italien hat zu spät auf das Coronavirus reagiert und zahlt dafür einen hohen Preis. Ob der Bundesrat mit seinem stufenweisen Vorgehen ein ähnliches Szenario für die Schweiz vermeiden kann, wird sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigen. Es geht nicht nur darum, die gefährdeten Personen zu schützen. Das Gesundheitswesen soll vor dem Kollaps bewahrt werden.

Schutzquarantäne für Risikogruppen

Denn was wäre die Alternative? Etwa das von gewissen Leuten geforderte «Durchseuchen», die Entwicklung einer «Herdenimmunität», wie es ein Berater des britischen Premierministers Boris Johnson formuliert hat? Unkontrolliert würde ein solches Vorgehen Ältere und Chronischkranke einem untragbaren Risiko aussetzen und die Spitäler im Handumdrehen ans Limit bringen.

Behandlung eines Covid-19-Patienten in Locarno. Bild: KEYSTONE

Der Ökonom Thomas Straubhaar schlug in der «NZZ am Sonntag» eine «Schutzquarantäne für Menschen ab 60 Jahren sowie für Risikogruppen» vor. Faktisch würde dies auf eine Art «Isolationshaft» für vollkommen unschuldige Menschen hinauslaufen, und das womöglich wochenlang, während die Jüngeren draussen ungeniert das Leben geniessen können.

Italien ist nicht abgewendet

Das kann es wohl nicht sein. Allein die psychologischen Folgen wären fatal. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Massnahmen des Bundesrats sind richtig. Wir müssen da durch! Im besten Fall flacht die Ansteckungskurve rasch ab und wir können früher in unser altes Leben zurückkehren als gedacht. Der Schaden hielte sich in Grenzen.

Aber es droht auch nach wie vor ein Szenario wie in Italien. Ein Intensivmediziner am Zürcher Universitätsspital sagte am Montag in der SRF-«Tagesschau» illusionslos: «Ich erwarte es.» Hoffentlich behält er nicht recht. Aber Hoffnung ist in diesem Fall ein schlechter Ratgeber.

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Covid-Verordnung Bundesrat (16. März 2020)

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Covid-Verordnung Bundesrat (16. März 2020)
quelle: bundesrat
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