Wenige Tage bevor die meisten Theater-, Konzert-und Opernhäuser in die neue Saison starten, sind einige noch sehr nervös – und unsicher. «Zertifikatszwang oder Abstand mit Maske?», heisst die Frage.
Der Pressechef eines Theaters schrieb uns am Montag auf Anfrage, dass es keine Zertifikatspflicht geben werde ... und fügte an: «Ich würde Ihnen aber gern morgen nochmals Auskunft geben, da sich das nach der Geschäftsleitungssitzung wieder ändern könnte.»
Ein anderer Theaterleiter schreibt: «Heikles Thema ...». Und da und dort heisst es wie seit einem Jahr: «Wir warten auf den Bundesratsentscheid.»
Doch die Mitteilung vom Mittwoch hat keine Klärung gebracht: Es ist nicht klar, wann die neuen 3G-Bestimmungen gelten. Das Theater Biel Solothurn wartet auf die Mitteilung von nächster Woche, die einen Rattenschwanz von Entscheidungen mit sich zieht: Wird das kleine Theater bei 3G voll besetzt sein oder nur zu zwei Dritteln, ist die wichtigste.
Zurzeit gilt das Zertifikat-Obligatorium für Discos und Tanzlokale sowie Grossveranstaltungen mit mehr als 1000 Leuten. Säle unter 1000 Plätzen konnte man bis anhin ohne Zertifikat besuchen, sie durften aber bloss zu zwei Dritteln gefüllt sein.
In der Schweiz haben nur wenige Säle mehr als 1000 Plätze. Aber das heisst noch lange nicht, dass man dort auch 3G eingeführt hat, wie Lucerne Festival noch bis 12. September zeigt: Das Festival verzichtet darauf, das 1800 Menschen fassende KKL zu füllen, nur 900 Gäste sitzen allabendlich mit etwas Abstand und Maske.
Einige Konzerte sind «ausverkauft», andere nicht. Das zeigt, dass 2021 noch kein Run auf Kulturveranstaltungen stattfindet. Die Theater-und Opernhäuser sollten sich warm anziehen. Die Leute sind nach wie vor zurückhaltend.
Subventionierte Häuser werden damit leben können, die freie Szene aber, auch die Comedy-Szene, braucht volle Häuser, kann mit einer Zweidrittelauslastung nicht leben. Dort werden marktwirtschaftliche Überlegungen dazu führen, dass 3G eingeführt wird. Und auch jene subventionierten Häuser, die nun hoffen, den Saal zu füllen, oder die ihn füllen müssen, da die Kasse sonst nicht stimmt, setzen auf 3G.
Das Opernhaus Zürich und das Tonhalle-Orchester Zürich legten am 16. August vor: Zertifikatspflicht gepaart mit einem Masken-Obligatorium. Man will auf Nummer sicher gehen. Aber wichtiger: Man will mehr als 1000 Leute im Saal haben. Ab 15. 9. sollen die Leute in den frisch renovierten Tonhallesaal strömen, die 1430 Plätze belegen. Schon ab 12. 9. spielt das Opernhaus, wo es 1100 Sitze hat. Bei Preisen um die 300 Franken zählt dort jede verkaufte Karte so viel wie anderswo zehn. An der Oper Genf mit knapp 1500 Plätzen setzt man auch auf 3G plus Maske.
Das gilt auch am Luzerner Theater und für das Luzerner wie Basler Sinfonieorchester (in Basel ohne Maske). Wer am Theater einen positiven Test vorweisen kann oder muss, dem wird das Ticket als Gutschein zurückerstattet.
Konzert und Theater St. Gallen verfährt genau gleich wie Luzern und Zürich. Nur so sei ein Schritt Richtung Normalität im Kulturbetrieb möglich, schreibt das Theater. «Dank der 3G-Regel entfallen die Kapazitätsbeschränkungen in den Theaterräumen und in der Tonhalle.» Aber es folgt ein Zusatz: «Die Maskenpflicht wird in eine Empfehlung umgewandelt.»
Auch hier wird der Bundesrat nochmals genau hinschauen müssen. Aber die Maskenbefreiung kommt nicht von ungefähr, denn die Kulturinstitutionen wissen um jene nicht zu kleine Gruppe, die da täglich kundtut: «Solange ich eine Maske anziehen muss, gehe ich nicht ins Konzert.» Auch im Casino Winterthur braucht es keine Maske – 3G ist aber Pflicht, obwohl weniger als 1000 Zuschauer Platz haben.
Mischformen sind nicht nur betreffend des Tragens einer Maske möglich. Das Schauspielhaus Zürich, obwohl man nur 750 Plätze zählt, setzt auf 3G und füllt zu zwei Dritteln. Das Theater Basel wollte mit Abstand, eingeschränkter Belegung und Masken spielen, tut dies dieser Tage auch, lenkt aber ab 1. Oktober auch auf 3G ein.
Dem Opernhaus Zürich ging der Schutz der Musiker lange vor. Man spielte anstatt im Orchestergraben im externen Proberaum, übertrug den Klang via Glasfaser ins grosse Haus. Nun endlich kehrt man zurück in den Orchestergraben, 3G gilt dort hingegen nicht. Die Pressechefin Bettina Auge sagt:
Das ist auch in St. Gallen und anderen Theatern beziehungsweise Orchestern so.
Das mit den Abständen ist allerdings so eine Sache: Jeder weiss, wie eng es in gewissen Orchestergräben ist. Es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis das erste Orchester wegen Covid-Alarm wieder eine Zwangspause einlegen muss. Und wir erinnern uns an die Worte von Aviel Cahn, Operndirektor beim Grand Théâtre in Genf, der vor kurzem in dieser Zeitung sagte:
In den Schweizer Kinos gilt zurzeit noch Abstand und Maskenpflicht, aber kein 3G. Man will den (wenigen) meist jungen Zuschauern nicht noch (Test-)Hürden in den Weg legen. Anders sieht es allerdings bei Festivals aus, wo der Altersdurchschnitt höher ist: Am «Fantoche» in Baden (7.9.–12.9.) gilt 3G ebenso wie am «Zurich Film Festival» (23.9.–3.10.).
Der Trend zu 3G ist in der Kultur klar, der Bundesrat wird mit einem Entscheid zur 3G-Pflicht offene Türen einrennen. Aber der Protest der Impfunwilligen ist nicht abzuwehren, wird doch für sie die Theatersaison noch teurer als sonst, wenn sie sich jedes Mal testen lassen müssen oder wollen. Kein Wunder, prüfte das Luzerner Theater, eine Teststation im Haus aufzubauen. Nun hat man die Idee fallen gelassen. Andere Häuser werden sie sicher wieder aufnehmen.