Der Sommer ist da – und zwar wegen diesem Vogel (und nein, es ist nicht die Schwalbe)
Der Sommer ist wieder da!
Ja, ja, 21. Juni, Sonnenwende, ich weiss schon. Aber zumindest gefühlt ist der Sommer seit dieser Woche wieder da.
Für manche beginnt der Sommer dann, wenn sie das erste Mal wieder in den See springen, den Grill anwerfen, ein Eis essen, abends im T-Shirt draussen sitzen, in die Sommerferien fahren oder frisch gemähtes Gras riechen.
Für mich läutet ein kleines Geräusch den Sommer ein: «Sriiii, sriii, sriiii». Gemeint ist natürlich der Apus apus, im Volksmund: der Mauersegler.
Es passiert immer irgendwann zwischen April und Mai. Wie jedes Jahr erwischt es mich auch dieses Jahr wieder kalt. Ich bin gerade auf dem Heimweg, stehe müde und ungeduldig an der Bushaltestelle. Da höre ich ihn. Diesen hohen, langgezogenen Ton. So leise, dass ich erst denke, ich bilde ihn mir nur ein. Angestrengt horche ich hin, und da ist er, unverkennbar, verheissungsvoll: der Ruf des Sommers.
Und zack, erscheinen vor meinem inneren Auge verschwommene Erinnerungen, die den Winter über irgendwo tief vergraben schlummerten: träge Nachmittage in der Badi, lange Sommerabende unter freiem Himmel, nächtliche Velofahrten durch die Stadt. Und dann liege ich gedanklich plötzlich irgendwo im Gras in der Sonne, warme Sonnenstrahlen auf der Haut, und nippe an einem Eiskaffee. Alles wird leichter.
Wie sagt man immer? Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Ich würde anfügen: ein Mauersegler schon. Dieser Vogel erhält viel zu wenig Anerkennung dafür, dass seine Anwesenheit ein ganzes Lebensgefühl heraufbeschwören kann. Es gibt zwar keine Redewendung über ihn, bemerkenswert ist er aber trotzdem.
Nicht nur, weil er Geschwindigkeiten von bis zu 200 km/h erreichen und abends in schwindelerregende Höhen von bis zu 3000 Metern aufsteigen kann. Oder weil er 21 Jahre alt werden kann und sich praktisch immer in der Luft befindet – im Flug schläft, jagt und sich paart. Und auch nicht nur, weil er jedes Jahr mit demselben Brutpartner zum selben Nistplatz zurückkehrt.
Der Mauersegler ist auch ein Städter. Früher nistete er in Felsspalten oder Höhlen. Heute bevorzugt er Hohlräume unter Hausdächern, Ritzen von Fassaden oder Mauern – und die findet er eben hauptsächlich in der Stadt.
Doch auch die Stadt wird zunehmend ungastlich für ihn: Mit den Insekten verschwindet seine Nahrungsquelle, renovierte Häuser oder glatte Neubauten bieten kaum Nistmöglichkeiten. Der Bestand geht schleichend zurück.
(Wie du Nistkästen baust, lernst du hier.)
Fast so schleichend, wie ich mich im Juni oder Juli jeweils langsam an die Anwesenheit der Mauersegler gewöhne, wenn sie sich in Gruppen gegenseitig durch die Gassen oder luftige Höhen jagen während ihrer sogenannten «screaming parties». Im Trubel des Sommers nehme ich sie irgendwann gar nicht mehr wahr.
Doch so plötzlich wie die Mauersegler kommen, verschwinden sie auch wieder. Denn im Juli oder August, viel zu früh, bleiben ihre Rufe von einem Tag auf den anderen aus. Ihr Verstummen läutet das Ende des Sommers ein.
Ja, ja, ich weiss, Tagundnachtgleiche, astronomisch endet der Sommer erst im September. Für mich ist der Sommer aber dann vorbei, wenn die Mauersegler wieder in Richtung Süden ziehen. Ohne sie ist es einfach nicht mehr dasselbe: In der Badi liegen, lange Sommerabende geniessen, das macht alles nur halb so viel Spass ohne die Rufe des Mauerseglers im Hintergrund.
So klingen sie, die Mauersegler (gefilmt in Italien):
Chill, sie sind gerade erst angekommen, sage ich mir, als mir all diese Gedanken an der Bushaltestelle durch den Kopf schiessen. Doch hat sich in meine Euphorie über ihre plötzliche Rückkehr bereits die Gewissheit gemischt, dass ich in wenigen Monaten wieder hier stehen und mich fragen werde, wo die Rufe des Mauerseglers geblieben sind.
