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ZUR VEROEFFENTLICHUNG DES ALBUMS

Genug vom Rockstar-Leben: Faber wünscht sich ein gesittetes Leben. Bild: KEYSTONE

Interview

«Ich wär grad sehr für ein Bünzli-Leben zu haben» – warum Faber erwachsen werden will

Der Zürcher Überflieger Faber veröffentlicht am Freitag sein neues Album. Die Single «Das Boot ist voll» sorgte für viel Furore. Daraufhin änderte er den Songtext. Jetzt sehnt sich der Musiker, der sonst für sein Rockstar-Leben bekannt ist, nach Ruhe und Harmonie.



Mit der Veröffentlichung deiner Single «Das Boot ist voll» bist du massiv in die Kritik geraten. Dass ein Musiker den Songtext ändert, passiert nicht alle Tage.
Faber:
Es braucht wirklich viel, bis ich einen Songtext ändere. In diesem Fall musste ich merken: «Jetzt habe ich einen Scheiss gemacht.» Der Entschluss, die entsprechende Stelle im Songtext zu ändern, brauchte viel Kraft. Denn schliesslich sind alle dagegen; dein Publikum, das Management, das Label.

Warum?
Weil es ein Eingeständnis eines Fehlers ist. Und das wollen die Leute nicht. Die Leute wollen einen Musiker, der überzeugt ist, von dem, was er macht. Und nicht einer, der Fehler eingesteht. So kann man viel Publikum verlieren. Ich wirke dann unglaubwürdig, nicht «real».

So klingt die neue Version von «Das Boot ist voll»:

abspielen

Video: YouTube/FABER

Die WOZ kritisierte damals, dass du dir deinen Privilegien nicht bewusst seist.
Das ist Quatsch! Natürlich bin ich mir meinen Privilegien bewusst! Es ist ja eben mein Privileg, dass ich mich äussern kann und mir überlegen kann, ob ich für etwas einstehen will. Dieses Privileg wollte ich wahrnehmen. Der Song war keine konstruktive Kritik, sondern ein Ausbruch meiner Wut. Ich wollte anderen Leuten, die dasselbe fühlen, zeigen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht alleine sind.

Was hat das Ganze mit dir gemacht?
Ich kann jetzt nicht mehr mit dem gleichen Selbstbewusstsein auftreten und bin etwas geknickt. Es hat persönlich mega weh getan. Aber auch sehr geholfen. In den letzten Monaten habe ich viel über mich gelernt. Die Lust auf das Musikerleben abseits der Konzerte ist mir aber etwas vergangen.

Nach seiner Single «Das Boot ist voll» ist für Faber nichts mehr wie zuvor. Bild: KEYSTONE

Du sagst immer, dass du eigentlich nicht polarisieren willst. Aber du machst es ja trotzdem.
Ja, jetzt ist das Album halt schon da.

Klingt, als ob du es bereust.
Nein, ich finde schon wichtig, dass Kunst polarisiert. Aber ich möchte nicht derjenige sein, der polarisiert. Es ist sehr unangenehm, wenn dich die Leute entweder abfeiern oder dich hassen. Beim nächsten Mal muss ich das mit dem Polarisieren vielleicht einfach besser machen. Denn wenn ich es so direkt mache, wie es jetzt ist, muss ich wissen, wie mit der Kritik umgehen. Und im Moment kann ich es nicht.

Im Song «Generation Youporn» singst du über die Probleme unserer Generation und sagst, dass wir nicht so leben, wie wir eigentlich wollen. Wie wollen wir denn leben?
Wir wollen respektvoll mit den Mitmenschen und der Umwelt umgehen. Wir wollen bewusster leben und die Dinge richtig machen. Aber wir sind dennoch nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Unsere Generation weiss mittlerweile, wie sie leben will, aber kann es nicht umsetzen. Wir führen ein Leben der Widersprüche. Aber gleichzeitig ist es auch eine Zeit, in der Widersprüche nicht geduldet werden.

Zur Person

Julian Pollina, wie der Musiker Faber zum gebürtigen Namen heisst, veröffentlicht am Freitag sein zweites Album namens «I Love My Fucking Life». Der Sohn des italienischen Musikers Pippo Pollina ist in Zürich wohnhaft.

Auf deiner Webseite schreibst du, dass uns die Gier immer wieder zum Verhängnis wird. Was ist deine Gier?
Das ändert sich von Tag zu Tag. Ich habe lange Zeit Geltungsdrang gehabt; möglichst viel machen, möglichst viel spielen, möglichst viel erleben und das alles möglichst intensiv. Aber jetzt fühle ich mich gerade total anders. Zurzeit hätte ich es lieber ein bisschen ruhig. Ich fühle ich mich gar nicht gierig, sondern eher harmoniebedürftig. Jetzt wäre ich bereit, etwas Neues zu erleben, denn andere Dinge sind vielleicht auch sehr schön.

Also eher so «Bünzli»-Leben mit Häuschen, Frau, Hund ...
(lacht) Das wär legendär! Dafür wär ich «huere» zu haben! Ich mag jedoch keine Hunde, muss ich zugeben.

Da machst du dir aber viele Feinde. Ein Hund gibt einem doch so viel Liebe.
Ja, aber das ist ja genau das Problem! Du holst dir ein Haustier, das dir Liebe gibt. Der Hund kommt nicht in den Shop und sucht dich aus. Du nimmst ihn, um deinen Liebesbedarf zu stillen. Das ist doch nicht gut! Der Besitzer ist viel mächtiger als das Tier und es ist zu 100 Prozent von ihm abhängig: Du kannst ihm etwas geben und es freut sich und wenn du ihm nichts gibst, stirbt es. Meiner Meinung nach ist das eine schwierige Beziehung von Liebe.

Faber stellt sich Nicos hemmungslosen Fragen:

Video: watson/nico franzoni, lino haltinner

Nun gut. Wir waren beim «Bünzli»-Leben. Bist du nicht noch etwas jung dafür?
Nein, nächstes Jahr bin ich erwachsen.

Mit 27?
Ja, das ist eine reine Einstellungssache. Ich will erwachsen sein und freue mich darauf.

Was wurde denn aus dem Faber mit Rockstar-Allüren?
Es gibt vielleicht schon Abende, da fühle ich mich wie ein König. Das ist mir aber schon sehr lange nicht mehr passiert. Ich will einfach mal ein bisschen das Leben im Griff haben. So, dass nicht das Steueramt die ganze Zeit anklopft und dass ich jeden Morgen bereue, was ich letzte Nacht wieder alles gemacht habe. Dieses Leben hat lange Spass gemacht aber jetzt macht es nicht mehr Spass, darum ändere ich es.

Dein Album heisst ja «I Love My Fucking Life» – was liebst du an deinem Leben?
Letzte Woche ging ich nach Palermo an ein Familienfest und bin dort mit meiner Mutter baden gegangen. Und das ist schon sehr schön; einfach am Strand liegen und bisschen mit meiner Mutter plaudern. Aber eigentlich ist der Albumtitel ironisch zu verstehen. Wir fanden die boulevardeske Aufmachung lustig. Ich gebe mich da so «Babo»-mässig aber gleichzeitig ist die Figur und das Album so traurig. Die Idee war, die Traurigkeit auf diese Art zu überspielen.

Bild

Alles nur Fassade: Faber spielt bei der visuellen Aufmachung des Albums mit der Ironie. bild: peter Kaaden

Funktioniert so dein Konzept? Man nehme ein kontroverses Thema, z.B. die Migration, schreibe einen provozierenden Song und die Leute feiern es, weil du Stellung beziehst und Aufsehen erregst.
Kann sein, dass das so scheint. Aber für mich ist es nicht so einfach. Das ist wie in der Schule, es ist ja auch nicht für alle alles gleich einfach gewesen. Ich fand noch manches schwierig, was anderen einfach fiel.

Zum Beispiel?
Am Morgen pünktlich zu sein. Dort fing die Schwierigkeit bereits an (lacht).

Das Album «I Love My Fucking Life» ist ab dem 1. November erhältlich.

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