Patrizia Laeri: «Ohne meine Kinder wäre ich wohl komplett abgestürzt»
Jahrelang erklärte Patrizia Laeri der Schweiz die Welt der Börse und brachte mit ihren Interviews Konzernchefs zum Schwitzen. Berühmt-berüchtigt ist eines ihrer Interviews aus dem Jahr 2009, als sie den damaligen UBS-Präsidenten Peter Kurer vor der Kamera zu Riesen-Salären trotz Milliarden-Verlusten löcherte.
2021 wechselte sie vom Wirtschaftsjournalismus in die Wirtschaft und machte sich mit zwei Co-Gründerinnen mit der auf Frauen ausgerichteten Finanzplattform ellexx selbstständig. Eine Mischung aus Investmentportal und Gleichstellungsvehikel.
Laeri schien das perfekte Leben zu führen: erfolgreich, glücklich, Familie mit drei Kindern. 2023 dann zersprang das Glück von einem Augenblick auf den anderen. Ihr Mann erhielt die Diagnose Glioblastom, 13 Monate später verlor er den Kampf gegen den aggressiven Hirntumor. Mit noch nicht einmal 50 Jahren war Laeri Witwe, alleinerziehende Mutter und Trauernde. Hier schildert sie, wie sie aus dieser Lebenskrise herausfand.
Patrizia Laeri, wie geht es Ihnen?
Patrizia Laeri: Ich freue mich, dass der Frühling kommt.
Sie haben einmal gesagt, Frauen sprechen lieber über den Tod als über Geld. Gilt das auch für Sie?
Man spricht über alles lieber als über Geld – sogar über den Tod oder Sex. Geld ist das letzte Tabu. Auch ich musste mich sehr überwinden. Das hat viel mit Sozialisierung und Erziehung zu tun, gerade bei Frauen. Geld ist mit negativen Glaubenssätzen belegt: Man spricht nicht darüber, es gilt als unziemlich oder gar schmutzig. Das limitiert enorm.
Das beginnt schon früh, oder? Beim Sackgeld etwa.
Ja. Mädchen bekommen oft später und weniger Sackgeld. Auch bei Geschenken gibt es Unterschiede. Das ist mir selbst passiert: Meine Söhne bekamen teurere Dinge, meine Bonustochter war bescheidener und erhielt weniger wertvolle Geschenke. Erst als wir es bewusst angeschaut haben, wurde uns klar, wie unfair das ist.
Heute engagieren Sie sich mit Ihrer Frauen-Finanzplattform ellexx in der Finanzbildung. Was fehlt?
Finanzbildung fehlt fast überall, auch in der Schule. Dabei wären Themen wie Zinseszins lebensverändernd. Ein Beispiel: Wenn Eltern ab Geburt des Kindes die Kinderzulagen investieren würden, entstünde bis zum 18. Lebensjahr ein riesiges Vermögen. Zeit ist die beste Freundin der Anlegerin und Babys haben den längsten Anlagehorizont.
Auch Vorsorge ist ein grosses Thema für Sie.
Absolut. Altersarmut ist weiblich. Weltweit besitzen Frauen nur gut ein Drittel des Vermögens. Das hat historische Gründe: In der Schweiz etwa durften Frauen erst ab Ende der 1980er-Jahre ohne Zustimmung des Ehemanns ein eigenes Konto eröffnen oder eigenständig Immobilien erwerben. Das ist erst eine Generation her.
Warum ist Geld so zentral bei der Gleichstellung?
Weil Geld Macht ist. Solange Frauen weniger Vermögen haben, haben sie auch weniger Einfluss. Wenn Frauen investieren, hat das grosse Wirkung – auch gesellschaftlich. Sie investieren häufiger nachhaltig und stärker in Bildung, Kinder und Gemeinwohl. Wirtschaftliche Unabhängigkeit ist eine zentrale Frontlinie der Gleichstellung. Dafür müssen wir viel früher und viel offener über Geld sprechen. Frauen sollen investieren, vorsorgen und finanzielle Fragen selbstverständlich stellen können.
Dann ganz konkret: Was raten Sie beim Investieren?
Langfristigkeit, Disziplin und Automatisierung. ETF-Sparpläne sind für viele ein sehr guter Weg. Nicht hektisch reagieren, bloss kein Daytrading. Monatlich investieren, breit streuen und dem Geld Zeit geben. Vermögensaufbau ist kein Sprint, sondern ein langfristiger Prozess.
Sie sprechen unterdessen auch offen über den Tod. Ihr Mann starb vor knapp zwei Jahren an einem aggressiven Hirntumor. Warum ist es Ihnen wichtig, darüber zu reden?
Weil ich in dieser Zeit gemerkt habe, wie wenig Orientierung es zu diesem Thema gibt. Für Geld hatte ich als Ökonomin immer eine Sprache, das war mein Beruf als Börsen- und Wirtschaftsmoderatorin. Aber über Krankheit, Tod und Trauer musste ich erst lernen zu sprechen. Als mein Mann die Diagnose Glioblastom erhielt, fühlte ich mich wie in einem schlechten Film. Von einem Moment auf den anderen war alles anders, es war eine ausserkörperliche Erfahrung.
Die Diagnose traf Sie völlig überraschend?
Ja, wir wollten an eine Premiere und haben uns parat gemacht – und plötzlich konnte er einfach nicht mehr sprechen. Er war körperlich total fit, es war alles gut, aber die Sprache war weg. Wir sind dann notfallmässig ins Spital, wo man ein MRI machte und uns mitteilte, dass er wohl nur noch vier Monate zu leben hätte.
Sie haben von einer ausserkörperlichen Erfahrung gesprochen.
Ab dem Moment der Diagnose hatte ich oft das Gefühl, mir selbst beim Funktionieren zuzusehen. Man wird von den Ereignissen überrollt, von Emotionen übermannt. Gleichzeitig beginnt sofort ein organisatorischer Ausnahmezustand: Onkologie, Neurologie, Radiologie, Psychoonkologie, Logopädie. Niemand erklärt, was alles auf einen zukommt. Man muss ein vollständig neues Vokabular lernen und sich alles selbst zusammensuchen. Man koordiniert nur noch Therapietermine. Das Zuhause verwandelt sich in eine Apotheke … Ich habe mir extra ein Notizbuch zugelegt, in dem ich mir all die Definitionen, Begriffe und Medikamente notiert habe. Es ist die totale Überforderung, psychisch und irgendwann auch körperlich.
Erzählen Sie.
2023 ging es ihm körperlich gut, aber 2024 drückte der Tumor auf Hirnareale, die Körperfunktionen beeinflussen. Es ging sehr schnell sehr stark abwärts, mein Mann brauchte Pflege und Unterstützung. Er war über 1,90 Meter gross. Ihm aus dem Rollstuhl zu helfen, ihn aufzusetzen, das ging auf den Rücken. Und man schläft viel weniger, weil man ja auch Nachtschwester ist, jederzeit auf einen Notfall eingestellt. Ich war körperlich komplett am Anschlag, was mir noch nie im Leben passiert war.
Und dazu kommen die Kinder.
Uns sagte der Onkologe, er habe noch nie einen Patienten mit so jungen Kindern begleitet. Viele Fragen blieben offen: Wie spricht man mit Kindern über so eine Krankheit? Wie begleitet man sie? Da mussten wir uns Unterstützung holen, auch über Vereine und soziale Medien.
Wie gingen Ihre Kinder damit um?
Kinder trauern anders als Erwachsene. Sie können weinen, tief traurig sein und kurz darauf wieder spielen und lachen. Als es meinem Mann körperlich schlechter ging, brauchten wir einen Rollstuhllift, Umbauten, Spitex. Für die Kinder wurde der Ausnahmezustand irgendwann Alltag. Das war schwer auszuhalten.
Wenn man weiss, dass die Zeit begrenzt ist: Wird dann jeder Monat zum Geschenk?
Mein Mann war ein grosser Kämpfer und blieb lange optimistisch. Diese Hoffnung war ansteckend. Ich selbst wusste, was statistisch realistisch war – vier Monate –, aber ich konnte das weder den Kindern noch der Familie zumuten. Und man klammert sich ja auch an jede Hoffnung: Studien, neue Wirkstoffe, Off-Label-Medikamente. Wir haben vieles versucht und jedes Mal wieder gehofft.
Statt vier Monate lebte Ihr Mann noch 13 Monate.
Ja, auch, weil mein Mann fest daran geglaubt hat. Bis auf die letzten zwei Wochen, als ich merkte, dass jetzt die Angst kommt und der Tod sich nähert. Er wollte zu Hause sterben – und wir haben das fast bis zuletzt geschafft. Die letzten 5 Tage brauchten wir die Unterstützung von professioneller Palliativpflege im Spital.
Wie erinnern Sie sich an die Tage rund um seinen Tod?
Die letzten Tage waren sehr intensiv, auch weil ein Mensch sich kurz vor dem Tod sichtbar verändert. Die Haut verändert sich, Sterbende nehmen wahnsinnig ab. Diese Bilder wieder loszuwerden, ist schwer. Es war wunderschönes Maiwetter, aber es hatte auf jedem Baum vor dem Spital so viele schwarze Raben, wie ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Es war wie ein Omen. Irgendwann sagte uns eine Pflegefachperson, er könne nicht gehen, solange ich da bin. Es gibt Leute, die erst dann loslassen können, wenn sie allein sind. Und so war es dann auch. Die Tage nach seinem Tod liegen für mich im Nebel. Ich war überzeugt, dass ich nie mehr fähig sein werde, etwas Alltägliches zu machen, überhaupt einen Alltag zu haben.
Was hat sich seither in Ihnen verändert?
Ich bin nicht mehr derselbe Mensch. Verlust verändert einen fundamental. Man verliert ein Stück von sich selbst, wenn die Liebe des Lebens geht. Ich merke heute sehr schnell, ob jemand, den ich kennenlerne, selbst schon einen schweren Verlust erlebt hat. Zwischen Menschen mit dieser Erfahrung entsteht sofort ein anderes Verständnis. Und ich habe erlebt, dass selbst enge Freunde, die diese Erfahrung nicht gemacht hatten, nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollen.
Was hilft Trauernden?
Nicht die perfekten Worte, sondern Präsenz. Lieber sagen: Ich weiss nicht, was ich sagen soll, aber ich bin da. Und dann konkret werden: ein Spaziergang, ein Museumsbesuch, ein Essen. Trauer blockiert. Im ersten Jahr konnte ich vieles privat kaum bewältigen.
Gleichzeitig haben Sie weitergearbeitet.
Die Arbeit war für mich ein wichtiger Halt. Mit ellexx etwas Sinnstiftendes aufzubauen, hat mir geholfen. Auch meine Kinder haben mich in gewisser Weise gerettet. Ohne sie wäre ich wohl richtig abgestürzt. Wenn man Kinder hat, muss man irgendwie weiterfunktionieren. Sie beobachten einen sehr genau.
Sie haben Ihren Mann erst nach der Diagnose geheiratet.
Es war mein Mann, der alles sauber geregelt haben wollte. Gerade wenn Kinder da sind und Care-Arbeit ungleich verteilt ist, ist die Ehe im heutigen System oft noch die beste Absicherung. Ich habe früher das Konkubinat stark verteidigt. Aber in einer schweren Krankheit oder nach einem Todesfall sieht man die Grenzen sehr deutlich: Erbrecht, Steuern, Absicherung, Entscheidungsrechte. Besonders in Patchwork-Konstellationen wird es schnell komplex. Das blenden viele aus. Ebenso, wie sie die Bürokratie nach einem Todesfall unterschätzen. Bei uns ist der Nachlass immer noch nicht abgeschlossen. Sobald Kinder, Immobilien oder unterschiedliche Interessen involviert sind, zieht sich alles enorm in die Länge. Auch das gehört zur Realität von Verlust.
Sie beschreiben Trauer sehr analytisch.
Das ist wohl meine journalistische Art. Neurowissenschaftlich ist Verlust eine enorme Zumutung für das Gehirn. Das ganze innere Orientierungssystem stimmt plötzlich nicht mehr. Ein Mensch, der selbstverständlich Teil der Zukunft war, ist auf einmal nicht mehr da. Nicht an Weihnachten, nicht nach der Pensionierung, nicht bei schönen Reisen, bei grossen Träumen. Man muss diese Realität mit dieser Person irgendwie löschen. Das überfordert Körper und Geist. Mir ist kurz nach dem Tod etwas Seltsames passiert.
Nämlich?
Wir sind vom besten Freund meines Mannes nach London eingeladen worden, und auf dem Flughafen hat mich der Bodyscanner nicht erkannt. Vor mir sind die Leute durch, nach mir auch – aber mich hat die Maschine nicht als Lebewesen erkannt. Der Sicherheitsbeamte fragte gar: «Are you even a real person?» Und ein bisschen passte das, weil ich tatsächlich nicht wirklich in der realen Welt, sondern mit der Seele im Jenseits war.
Es tönt so, als seien Sie offener geworden für Spirituelles.
Ich war immer sehr rational, aber durch diese Erfahrungen bin ich offener geworden für Dinge, die sich nicht vollständig erklären lassen. Ich suche dabei immer noch die wissenschaftliche Annäherung, aber ich kann heute eher akzeptieren, dass nicht alles restlos rational fassbar ist.
Haben sich auch die Prioritäten verschoben?
Wir haben durch die Erfahrung gelernt, Dinge nicht aufzuschieben. Reisen, Zeit miteinander, gemeinsame Erlebnisse. Das planen wir mehr ein als früher. Und auch wichtig: Dafür braucht es einen Topf im Budget. Nicht nur fürs Sparen und Investieren, sondern fürs Leben im Jetzt. (aargauerzeitung.ch)
