«Ein Preiskampf auf dem Buckel der schwerkranken Patienten ist inakzeptabel»
Die Medikamentenpreise beschäftigen die Schweiz. Es gibt immer bessere Krebsmedikamente. Diese werden aber auch immer teurer. Behandlungen kosten teils über Hunderttausend Franken. Wie sehen Sie das als Onkologe?
Roger von Moos: Zu teuer finden eine Therapie immer all jene, die gesund sind. Sobald sie selbst mal krank werden, interessiert sie das Preisschild nicht mehr. Das sehe ich im Kantonsspital Graubünden regelmässig.
Wie äussert sich das?
Ich habe einmal eine Bauersfrau behandelt. Es gab ein Medikament für sie, doch das war in der Schweiz noch nicht zugelassen. Es kostete 4000 Franken im Monat. Da sagte der Mann der Patientin: Dann muss ich halt regelmässig eine Kuh verkaufen. Wir fanden dann zum Glück eine andere Lösung. Aber das Beispiel zeigt eindrücklich, dass Geld keine Rolle mehr spielt, wenn es ums Überleben geht.
Das ist verständlich. Doch diese Dynamik kann doch kein Freipass dafür sein, dass die Hersteller Wucherpreise verlangen können.
Als Arzt steht bei mir der Patient im Mittelpunkt. Es ist zentral, dass Schweizer Patientinnen Zugang zu den neusten, wirksamen Therapien haben. Aber klar, ich bin auch Prämienzahler. Die Allgemeinheit kann nicht unendlich hohe Preise zahlen. Es braucht eine vernünftige Lösung.
Danach sieht es gerade nicht aus. Da die USA ihre Arzneimittelpreise auch an jene der Schweiz knüpfen, fordern die Pharmafirmen hierzulande höhere Preise.
Die aktuelle Situation ist intransparent und hochpolitisch. Die «Mondpreise» in den USA bezahlen ja nur jene, die keine Versicherung haben. Die Preisgestaltung mit Zwischenhandel und Rabatten ist undurchsichtig. Wie es dazu gekommen ist, dass die USA nun die Schweiz als Referenzland ausgewählt haben, weiss ich nicht. Klar ist aber: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Pharmafirmen müssen sich jetzt auf alte Weisheiten zurückbesinnen.
Die da wären?
Sie müssen von den Extrempositionen wegkommen und gemeinsam einen fairen Preis für neue, innovative Medikamente finden. Ich appelliere an beide Seiten: Ein Preiskampf auf dem Buckel der schwerkranken Patienten und Patientinnen ist inakzeptabel. Es braucht einen gutschweizerischen Kompromiss, der die Prämienlast wie auch die Interessen der Pharmaindustrie berücksichtigt.
Finden sich Bund und Industrie nicht, droht die Schweiz abgehängt zu werden. Die Hersteller haben bereits angekündigt, bei zu tiefen Preisen ihre Produkte hier nicht mehr zu lancieren. Wie sieht es bei Ihnen heute aus, können Sie heute die besten Medikamente einsetzen?
Ja, aber nur dank eines Kniffs. Rund die Hälfte der Krebsmittel, die wir einsetzen, ist in der Schweiz noch gar nicht zugelassen. Ich schreibe deshalb wöchentlich mehrere Anträge für den sogenannten Off-Label-Einsatz. So kann ich meine Patientinnen und Patienten dennoch mit den modernsten Therapien behandeln. Längerfristig ist das aber keine Lösung, vermutlich auch nicht für die US-Preissituation.
Warum nicht?
Der Aufwand für solche Anträge ist in den vergangenen Jahren explodiert. Weil die Zulassung in der Schweiz dauert und sich BAG und Industrie nicht auf einen Preis einigen können, bleibt uns als Mediziner nur dieser Weg. Dabei würden wir diese Zeit lieber für unsere Patientinnen und Patienten einsetzen. Die Antragsflut bindet auch bei den Krankenkassen und den Herstellern völlig unnötig Kapazitäten.
Was sind die Folgen?
Die Patienten müssen bis zu zwei Wochen auf den Bescheid warten. Das ist sehr belastend. Kommt hinzu, dass die Kriterien für die Bewilligung von Vertrauensarzt zu Vertrauensarzt und von Region zu Region verschieden sind. Auch deshalb braucht es hier dringend Preismodelle, die dafür sorgen, dass neue Medikamente so schnell wie möglich auf dem regulären Weg verfügbar sind. Dafür braucht es einen fairen Preis.
Sie arbeiten seit mehr als 20 Jahren in der Onkologie, mittlerweile als Direktor des Tumorzentrums am Kantonsspital Graubünden. Wie haben sich die Behandlungsoptionen verändert?
Unser Wissen über die Krankheit ist enorm gewachsen. Früher sprach man von grossen Gruppen wie Lungenkrebs. Heute können wir die einzelnen Tumorarten viel genauer einteilen und behandeln. Der Onkologe, der sich mit allen Krebsarten auskennt, ist deshalb eine aussterbende Spezies.
Was hat dieser Wissenssprung in der Praxis gebracht?
Die heutigen Therapien sind viel zielgerichteter und wirksamer. Es gibt Antikörper-Therapien, die an der Oberfläche der Krebszelle andocken. Es gibt Antikörper-Therapien, die eine Art Chemotherapie direkt in der Zelle durchführen. Es gibt zielgerichtete Gen-Therapien. Und die Heilungsrate ist in den letzten 20 Jahren von 40 auf 60 Prozent gestiegen.
Was hat sich sonst geändert?
Heute können wir über 90 Prozent der Behandlungen ambulant ausführen. Bei den alten Chemotherapien mussten die Patienten noch tagelang im Spital bleiben. Auch die Nebenwirkungen konnten moderne Medikamente stark reduzieren. Zu meiner Anfangszeit war es noch verbreitet, dass Patientinnen und Patienten permanent erbrechen mussten. Das gibt es heute praktisch nicht mehr.
Eine Erfolgsgeschichte ist die Behandlung von Lungenkrebs. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate konnte von 10 auf 32 Prozent gesteigert werden.
Das ist ein grosser Sprung. Doch solche sind eher selten. Der Fortschritt verläuft meist in kleinen Schritten. Alle paar Jahre steigt die Überlebensrate um einige Prozentpunkte.
Welche Sprünge sind künftig noch zu erwarten?
Interessant sind mRNA-Immuntherapien. Sie regen das Immunsystem an, spezifische Krebszellen zu bekämpfen. Wichtig ist aber auch die Prävention. Da gibt es noch viel Potenzial, etwa bei der HPV-Impfung, dem Dickdarm-Screening und Nichtraucher-Kampagnen. Einen Krebs früh zu erkennen, ist die günstigste Art der Behandlung. Das erspart viel Leid und schont die Krankenkassenprämien. (aargauerzeitung.ch)
Interpharma wertet diese Zahlen als «deutliches Zeichen für die hohe Innovationsdynamik», wie es in einem neuen Bericht heisst. Die Zahl der neuen Wirkstoffe bleibt zwar hinter der Rekordzahl von 2022 (47) zurück. Dennoch liegt sie klar über dem Niveau von 2019 (29). Interpharma betont, dass mit einer Zulassung die Patienten noch keinen Zugang zum Arzneimittel hätten. Dazu muss der Bund es auf die sogenannte Spezialitätenliste aufnehmen, wobei zuerst mit den Herstellern ein Preis verhandelt werden muss. Dieser Prozess dauert wegen unterschiedlicher Preisvorstellungen lang. Das Bundesamt für Gesundheit hat kürzlich ein Massnahmenpaket in die Vernehmlassung geschickt, das hier Verbesserungen bringen soll. (mpa)
