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«Wie Weihnachten»: So lief der Tag 1 der Lockdown-Lockerung beim Coiffeur & Co.

Endlich wieder schöne Blüemli, endlich wieder frische Nägel, endlich wieder ein akzeptabler Haarschnitt. Ein Stück Normalität kehrt zurück. Das sind die ersten Eindrücke vom Tag eins der Lockdown-Lockerungen.



Nach sechs Wochen Lockdown-Pause haben seit Montagmorgen Coiffeursalons, Massage- und Kosmetikstudios sowie Bau- und Gartenmärkte wieder geöffnet. watson-Reporterinnen und Reporter haben sich unter die Leute gemischt und ihre Eindrücke festgehalten.

Gartencenter, Bern Wankdorf

Andrea (55): «Ohne Blüemli habe ich fast den Turkey gekriegt»

Video: watson/Adrian Müller

Aloisa (84) ist um 8.30 Uhr die erste Kundin des Migros-Gartencenters Wankdorf, die ihr Wägeli aus dem Laden rollt – und kann ihr Glück kaum fassen: «Es fühlt sich an wie Weihnachten. Endlich kann ich wieder einmal raus und Blüemli für meinen Balkon besorgen», sagt die rüstige Rentnerin mit euphorischer Stimme. Die letzten sechs Wochen hat sie sich in ihrer Wohnung verschanzt.

Heute ist Aloisa mit dem Auto direkt von der Tiefgarage zum Gartencenter gefahren, trägt Schutzhandschuhe und Maske. «Das ist für mich gerade eine grosse Erlösung. Blüemli sind für mich wichtiger als der Coiffeur», sagt sie und bringt die Geranien, Gurken, Tomatenstauden und Balkonerde zu ihrem Wagen.

«Es fühlt sich an wie Weihnachten. Endlich kann ich wieder einmal raus und Blüemli für meinen Balkon besorgen.»

Aloisa (84)

Mit ihrer Freude ist Aloisa nicht allein: Selbst die Migros-Mitarbeitenden strahlen um die Wette, als der watson-Reporter einen kurzen Rundgang durch den Do-It Wankdorf macht. «Ich bin froh, endlich wieder arbeiten zu können», sagt die Kassiererin.

Was auffällt: In die Warteschlange reihen sich besonders viele Pensionäre ein, die eigentlich zur Risikogruppe gehören. «Ich bin extra früh gekommen, damit es genug Platz hat. Ich passe schon auf», sagt Heiner (69). Die Sicherheitsvorkehrungen sind dieselben wie in einem Supermarkt: Desinfektionsmittel und Abstands-Markierungen sind reichlich vorhanden.

Andrea (55) ist auch total happy, als sie ihren Dipladenia ins Auto verfrachtet. «Ohne Blüemli bin ich auf den Turkey gekommen», sagt die Bernerin, die schon bald nach Argentinien auswandert. Sechs Kisten und zwölf leere Töpfe hätten wochenlang auf Bepflanzung gewartet.

Nebenan packt Roland (39) Geranien und andere Blüemli in seinen Kofferraum. «Ich bringe sie meinem 93-jährigen Grosi und mache ihr so eine Riesenfreude. Endlich kann sie wieder etwas etwas in ihrem Garten machen.»

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Massagepraxis Steiger, Zürich

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Fabian Steiger massiert in seiner Praxis fortan mit Mundschutz. bild: watson

Der medizinische Masseur Fabian Steiger begrüsst mit einem Kopfnicken. Der gewohnte Händedruck fällt weg. Das störe ihn fast am meisten, wie er sagt. «Bereits bei der Begrüssung lernt man sein Gegenüber kennen und baut eine Beziehung auf», so Steiger.

Er trägt eine Maske, aber keine Schutzhandschuhe. «Massieren mit Handschuhen wäre unmöglich. Der Haut zu Haut-Kontakt ist essentiell.» Deshalb auch die Weisung des Verbands: Massieren mit Schutzmaske, aber ohne Handschuhe.

«Massieren mit Handschuhen wäre unmöglich. Der Haut zu Haut-Kontakt ist essentiell.»

Fabian Steiger, Masseur

Die Maske im Gesicht kneife noch ein wenig, doch er werde sich daran gewöhnen, meint Steiger. «Ich bin einfach sehr froh, dass ich wieder arbeiten kann.» Die sechs Wochen Lockdown seien eine lange Zeit gewesen. Finanziell wurde es eng. Für das tägliche Leben habe der Corona-Erwerbsersatz zwar gereicht. Angst hatte er aber vor allem um die Praxis. Denn Fixkosten wie beispielsweise die Miete blieben weiterhin bestehen.

Deshalb ist Steiger froh, kann er ab heute Montag endlich wieder Kundinnen und Kunden begrüssen. Terminbuchungen seien bereits ziemlich viele eingetrudelt. «Es sind mehr Anmeldungen als noch kurz vor Corona.» Viele davon stammten aus seinem Bekanntenkreis. «Ich glaube, viele Leute kommen jetzt auch aus Solidarität und um mich zu unterstützen.» Das freue ihn natürlich. Doch Steiger hofft, dass er bald wieder zur Normalität zurückkehren kann: Massieren ohne Maske und die Menschen mit einem festen Händedruck in seiner Praxis an der Hardstrasse begrüssen zu können.

Nagelstudio «The Nail Shop», Luzern

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Manicure zu Zeiten von Corona: Ohne Mundschutz bekommt man hier keinen Termin. bild: watson

Es war nicht einfach, in einem Nagelstudio einen Termin für den ersten Tag nach den Lockerungen zu kriegen. Überall hiess es, man sei bereits für die ganze Woche ausgebucht. Nur bei einem nicht: Am Montag um 10 Uhr hat es einen Termin im «The Nail Shop» für die Manicure frei. Auf die Frage, ob man eine Maske tragen müsse, antwortet der Angestellte: «Wenn Sie eine haben, nehmen Sie sie mit.»

Kaum ist man mit der Maske eingetreten, muss man die Hände desinfizieren und sich dann hinsetzen. Auf den Kosmetik-Tischen und an der Kasse sind Trennwände aufgestellt. Damit der Abstand eingehalten werden kann, wird jeweils ein Platz ausgelassen. Alle Menschen im Salon tragen eine Schutzmaske – anders als bei der Pedicure wird bei der Manicure auf Handschuhe verzichtet.

Bei den Kunden ist die Maske ebenfalls Pflicht, wer ohne eintritt, muss vor Ort eine kaufen. Die Stimmung ist trotz den ungewohnten Schutzmassnahmen entspannt. Im Hintergrund gibt Ed Sheeran seine Hits zum besten, die Angestellten summen mit. Die Kundinnen lehnen sich zurück und tippen auf ihren Smartphones – sichtlich froh, die Nägel endlich wieder schön gemacht zu bekommen.

Der Angestellte erklärt, dass sie die Schutzmassnahmen selber verfügt hätten. «Wir haben die Nachrichten verfolgt und uns dann für diese Massnahmen entschieden.» Nach jeder Behandlung werden die Oberflächen, Trennwände und Utensilien desinfiziert. Ist eine Kundin zu früh, muss sie draussen warten. Er werde derzeit mit Fragen von Kunden überhäuft, die meisten wollen wissen, ob sie eine Maske tragen müssten.

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Die Trennwand wird nach jeder Behandlung desinfiziert. bild: watson

Langsam wird es heiss und stickig unter der Maske. Gut, dass die Nägel nun in hellgelb erstrahlen. Der Kosmetik-Fachmann fragt, ob alles gut sei. Das Lächeln fällt schwer, wenn der Mund bedeckt ist – vielleicht sagt er deshalb «relax!» und massiert die Hände mit einer Lotion. Dann werden sie desinfiziert und fertig ist die erste Manicure mit den neuen Schutzmassnahmen. Kaum ist man an der Kasse, beginnt er eifrig die Trennwand zu reinigen. Wer diese Woche noch einen Termin will, muss sich gedulden. «Wir sind bis nächste Woche ausgebucht.»

Coiffeur «Orinad», Zürich

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Um die Partie rund um die Ohren schneiden zu können, muss man die Maske ausziehen und festhalten. bild: watson

«Darf ich deinen vollen Namen, Adresse und Telefonnummer haben?», fragt Violeta Ademi bei der Ankunft im Coiffeur Orinad in Zürich-Wiedikon. «Ich glaube, das ist Vorschrift vom Bund. Wir müssen das machen, tut mir leid.»

Heute ist der erste Tag nach über sechs Wochen, an dem sich Herr und Frau Schweizer wieder die Haare schneiden dürfen. Und viele haben das anscheinend sehr vermisst. «Wir sind komplett ausgebucht bis Ende nächster Woche», sagt Ademi und platziert den watson-Reporter auf dem mit grünem Leder bezogenen Drehstuhl. «Hauptsächlich ältere Leute haben einen Termin reserviert.» Über der Lehne des Nachbarstuhles ist ein neongelbes Klebeband montiert. Nur jeder zweite Platz darf bedient werden.

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Jeder zweite Stuhl muss frei sein. bild: watson

«Wie darf ich schneiden?» Die Worte Ademis klingen wegen der Maske etwas genuschelt. Sie muss den ganzen Tag eine Maske tragen, so sieht es das Zwei-Phasen-Konzept von Coiffure Suisse, dem Berufsverband der Coiffeure, vor. Für den Kunden gibt es ebenfalls Schutzmasken sowie Einweg-Schutzumhänge. Für Arbeiten im Gesicht – etwa Bartpflege, Rasur oder Kosmetik –muss eine Plexiglasvisiermaske getragen werden.

«Es ist schon etwas komisch, jetzt wieder zu arbeiten. Ich habe ein wenig ein mulmiges Gefühl.»

Violeta Ademi

Während die Haare – jeder Zentimeter ein stummer Zeitzeuge des Lockdowns – Schnitt für Schnitt zu Boden fallen, spaziert ein älterer Herr in den Salon. Er wird weggeschickt, ohne Termin geht nichts. «Es ist schon etwas komisch, jetzt wieder zu arbeiten. Ich habe ein wenig ein mulmiges Gefühl. Doch eigentlich bin ich froh», sagt Violeta Ademi und desinfiziert alle Geräte auf ihrem Boy. «Nach sechs Wochen zuhause war es wieder an der Zeit, arbeiten zu gehen.»

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