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Liveticker

Tag 4 im Vincenz-Prozess – Stocker-Anwalt ist «schockiert» und fordert Freispruch

Im Zürcher Volkshauses findet seit Dienstag der grösste Wirtschafts-Prozess seit Jahrzehnten statt: der grosse Raiffeisen-Prozess. Heute ist Tag 4 – alle Entwicklungen gibt es hier im Liveticker.
28.01.2022, 08:1629.01.2022, 09:00

Die Staatsanwaltschaft wirft Pierin Vincenz und Beat Stocker unter anderem Betrug und ungetreue Geschäftsbesorgung vor. Dank Schattenbeteiligungen an Firmen, die sie dann gezielt durch die von ihnen beherrschten Unternehmen aufkaufen liessen, sollen sie sich privat bereichert haben.

Striplokale, Villen und fragwürdige Geschäfte – darum geht es beim Raiffeisen-Prozess

Video: watson/Corsin Manser, Emily Engkent

Das wird an Tag vier erwartet

Nachdem während der letzten Tage die Ankläger ihre Sicht im Raiffeisenprozess dargelegt haben, wechselt am Freitag die Perspektive: Am vierten Verhandlungstag werden die Verteidiger von Pierin Vincenz und Beat Stocker ihre Plädoyers halten. Der Star-Anwalt Lorenz Erni verteidigt Vincenz.

Am Vormittag wird Vincenz' Verteidiger ans Mikrofon treten. Er hat angekündigt, rund viereinhalb Stunden lang plädieren zu wollen. Am Nachmittag dürfte dann Beat Stockers Verteidigung an der Reihe sein.

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Weiter geht es am 9. Februar
von PeterBlunschi
Stockers Verteidiger bittet das Gericht, die von ihm in grosser Ausführlichkeit zitierten Dokumente zur Übernahme von Investnet durch Raiffeisen genau zu analysieren. Daraus lasse sich nichts Konspiratives entnehmen. Von den behaupteten Einflussnahmen von Beat Stocker bleibe nichts.

Damit wird die Verhandlung nach vier langen und anstrengenden Tagen angeschlossen. Am 9. Februar geht es weiter mit der Befragung von Andreas Etter, dem Mitgründer von Investnet. Er war wegen einer Corona-Infektion in Isolation.
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Erni landete den einen oder anderen Treffer
von PeterBlunschi
Andreas Blattmann argumentiert ausufernd und sehr detailliert. Als Laie kann man ihm nicht leicht folgen, vor allem nach fast vier Tagen Verhandlung. Zeit deshalb für ein Fazit von Lorenz Ernis Plädoyer. Der Promi-Anwalt mit dem fast schon legendären Ruf hat die angriffige Argumentation der Staatsanwälte ebenso kampflustig gekontert. Beim Vorwurf der «Schattenbeteiligungen» an vier Firmen dürfte ihm der eine oder andere Treffer gelungen sein.

Das betrifft etwa die Überweisung von 2,9 Millionen Franken von Beat Stocker an Pierin Vincenz. Ein anonymer Whistleblower hatte sie 2017 dem Portal Inside Paradeplatz zugespielt und den Stein ins Rollen gebracht. Ob es sich wie von der Anklage behauptet um Erlöse aus der heimlichen Beteiligung bei Investnet handelte oder um ein Darlehen für den Kauf eines Hauses, ist zumindest umstritten.

Deutlich kürzer und weniger überzeugend sprach Erni zu den Spesen. Die Behauptung, die «Tour de Suisse durch das Rotlichtmilieu» sowie die teuren Reisen des ehemaligen Topbankers hätten einen geschäftlichen Hintergrund gehabt, wirkten ähnlich gewunden wie die Ausführungen von Vincenz in der Befragung vom Dienstag. Und die mangelhaften Kontrollen durch Raiffeisen sind keine Rechtfertigung für das Bezahlen von privaten Spesen mit der Firmenkreditkarte.
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Mastermind oder Investor?
von PeterBlunschi
Blattmann will in seinen Ausführungen stark ins Detail gehen und die Emails und Chats, aus denen die Staatsanwaltschaft ausgiebig zitiert hat, in den Kontext stellen. Das dürfte länger dauern. Die Argumentation wird für den unbeteiligten Zuhörer auch etwas redundant. Viele Argumente hat man schon von Lorenz Erni gehört, etwa zu den angeblichen Schmiergeldern.

Beat Stocker (im Bild mit seiner Frau) wurde von der Staatsanwaltschaft als «Hirn» bei den umstrittenen Transaktionen bezeichnet. Für seinen Anwalt aber war er ein Investor, der sich mit Risikokapital engagiert habe.
Beat Stocker, links, erscheint mit seiner Begleiterin zum vierten Prozesstag des Raiffeisen-Prozess des Zuercher Bezirksgerichts vor dem Volkshaus, am Freitag, 28. Januar 2022, in Zuerich. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz und dessen Geschaeftskollegen Beat Stocker Betrug sowie weitere Straftatbestaende vor. Unter anderem mit Firmendeals sowie Besuchen in Rotlicht-Etablissements auf Geschaeftsspesen sollen sie einen unrechtmaessigen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken eingestrichen haben. Fuenf Mitbeschuldigte sollen gemaess Anklage in gewissen Faellen Beihilfe geleistet haben. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
Bild: keystone
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Anwalt von Stocker ist schockiert
von PeterBlunschi
Nun beginnt das Plädoyer von Andreas Blattmann, dem Anwalt von Beat Stocker. Es dürfte länger dauern. Blattmann will heute zwei Stunde sprechen, der Rest folgt am 9. Februar. Er fordert wie sein Vorredner einen vollumfänglichen Freispruch und eine Entschädigung für die Anwaltskosten sowie eine symbolische Entschädigung von einem Franken für wirtschaftliche Einbussen.

Statt der ursprünglich geplanten Einleitung geht Blattmann sogleich in die Offensive. Er zeigt sich schockiert über die Argumentation der Staatsanwaltschaft. Er zieht praktisch deren gesamte Beweisführung in Zweifel: «Die blosse Behauptung einer Tatsache ist noch keine Tatsache.»
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Freispruch und Entschädigung gefordert
von PeterBlunschi
Zum Abschluss seines Plädoyers fordert Lorenz Erni, dass Pierin Vincenz vollumfänglich freizusprechen und für seine Anwaltskosten angemessen zu entschädigen sei. Ihm sei auch eine angemessene Genugtuung zuzusprechen, in erster Linie für die Untersuchungshaft von mehr als 100 Tagen, aber auch für die «selten gesehene Vorverurteilung» in den Medien.
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«Striplokal der Zürcher Banker»
von PeterBlunschi
Der King's Club in der Alten Börse in Zürich habe «Striplokal der Zürcher Banker» gegolten, sagt Lorenz Erni zu einem von Pierin Vincenz oft besuchten Nachtlokal. Man könne deshalb nicht behaupten, es habe sich einfach um private Besuche gehandelt. Erni fährt dem für diesen Komplex zuständigen Staatsanwalt Thomas Candrian ziemlich an den Karren. Er könne sich offenbar nicht vorstellen, dass man auch an einer Bar Geschäfte tätigen könne, und habe ein aus seiner Sicht anrüchiges Verhalten zu einer strafbaren Handlung umgedeutet.

Anders als von der Staatsanwaltschaft behauptet könne man zumindest in einigen Fällen aus den Kreditkartenabrechnung sehr wohl die Natur dieser Etablissements herauslesen. Vincenz habe davon ausgehen können, dass seine Spesen vom VR-Präsidenten gedeckt wurden. Einen Vorsatz zur unrechtmässigen Bereicherung könne man ihm auch in diesem Fall nicht vorwerfen, was zu einem Freispruch führen müssen.
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Reisen als Teil des Networking
von PeterBlunschi
Die Verrechnung von Reisen wie jene nach Dubai 2015 mit Kosten von 100'000 Franken könne nicht als unrechtmässige Bereicherung betrachtet werden, sagt Erni. Den Dubai-Trip mit zwei Geschäftsfreunden könne man durchaus als geschäftlich betrachten. Man könne das anders sehen, räumt der Verteidiger ein. Auch die Reise mit dem Kochclub «Fleur de Tigre» nach Mallorca habe der beruflichen Vernetzung gedient. Der Verwaltungsrat habe solche Aktivitäten des CEO ausdrücklich begrüsst. Vincenz habe das Netzwerken sehr breit verstanden und jede Gelegenheit wahrgenommen, um Kunden für Raiffeisen zu gewinnen, betont Erni.

Nur weil Raiffeisen in erster Linie auf dem heimischen Markt tätig sei, seien Vincenz' Auslandsreisen nicht per se privat gewesen, argumentiert Erni. «Die internationale Dimension ist genauso wichtig», zitiert er aus der Befragung seines Mandanten. Dies habe Verwaltungsratspräsident Johannes Rüegg-Stürm in seiner Befragung als Zeuge bestätigt. Er verbietet sich aus Sicht des Verteidigers der Schluss, der CEO habe Raiffeisen geschädigt oder sich willentlich bereichert.
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Vincenz räumte irrtümliche Verrechnung ein
von PeterBlunschi
Den Abschluss bilden die persönlichen Auslagen für Reisen und Besuche in Nachtlokalen, die Pierin Vincenz der Raiffeisen in Rechnung gestellt hatte. Es handelt sich um fast 600'000 Franken. Erni betont, sein Mandat habe schon 2018 in einem Schreiben an Raiffeisen eine irrtümliche Verrechnung von Anwaltskosten eingeräumt und die Rückzahlung angeboten.

Bei den Reisen sei es ebenfalls zu einer irrtümlichen Belastung gekommen, räumt Erni ein. Dies könne aber mit einer gewissen Nachlässigkeit bei der Kontrolle erklärt werden. Die Reparatur eines demolierten Hotelzimmers im Zürcher Hotel Park Hyatt sei aus der Kreditkartenabrechnung nicht hervorgegangen.
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Der Nicht-Kauf der Arena Thun
von PeterBlunschi
Nach dem Mittagessen kommt Lorenz Erni auf die letzte Transaktion zu sprechen, den möglichen Kauf der Arena Thun oder ein grosses Sponsoring durch Raiffeisen. Dazu ist es allerdings nicht gekommen, wie der Verteidiger einräumt. Vincenz soll aber mit Immobilienentwickler Ferdinand Locher über eine mögliche Provision von zwei Millionen Franken gesprochen habe. Auch dieser Vorwurf entbehrt laut Erni jeglicher Grundlage.

Er basiert unter anderem Chats und Emails zwischen Locher und Beat Stocker. Sie zeigten jedoch, dass Vincenz von Spekulationen über eine mögliche Provision keine Kenntnis gehabt habe. Entsprechende Spekulationen der Staatsanwaltschaft seien ein Beleg für deren Voreingenommenheit, sagt der Staranwalt.
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Mittagspause nach mehr als vier Stunden
von PeterBlunschi
Der 71-jährige Lorenz Erni zeigt ein beachtliches Stehvermögen. Er hat schon mehr als vier Stunde geredet, während sich die drei Staatsanwälte in ihrem Plädoyer abgewechselt hatten. Seine Ausführungen können allerdings ermüdend sein. Deshalb hat Richter Sebastian Aeppli die Verhandlung nun bis 14.15 Uhr für die Mittagspause unterbrochen.
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Kein Beweis für Beteiligung an Eurokaution
von PeterBlunschi
Die angeblichen Indizen der Staatsanwaltschaft für eine verdeckte Beteiligung an Eurokaution hielten einer Überprüfung nicht stand, so der Verteidiger. Mit Ferdinand Locher, dem Hauptaktionär von Eurokaution, habe Vincenz sich vor der Übernahme nur einmal getroffen, und um das Kautionsgeschäft sei es nur am Rande gegangen.

Beat Stocker habe in der Anfangsphase daran gedacht, Vincenz als strategischen Investor zu gewinnen, räumt Erni ein. Er sei aber davon abgekommen. Bemerkungen von Stocker in einem Mail an GCL-Miteigentümer Stéphane Barbier-Mueller seien kein Beweis für eine Beteiligung. Daran würden auch Aussagen von Ferdinand Locher nichts ändern. Er habe selbst eingeräumt, es handle sich um «vage Erinnerungen, eigene Gedanken und Spekulationen».
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Was macht Vincenz?
von PeterBlunschi
Der Hauptangeklagte verfolgt die ausufernde Argumentation seines Verteidigers mehr oder weniger konzentriert. Er kennt sie natürlich genau. Auf dem Pult von Vincenz steht wie immer eine Flasche seines Lieblingsgetränks Cola Zero.

Der Anwalt kommt jetzt auf die angebliche Beteiligung am Mietkautions-Versicherer Eurokaution, der von Aduno übernommen wurde. Auch die habe es nicht gegeben, sagt Erni kurz und bündig. Es treffe zu, dass Vincenz den Kauf befürwortet habe, doch dabei habe er sich auf die Beurteilung durch die Geschäftsleitung von Aduno verlassen. Er habe sich dabei nicht besonders eingemischt.
Der ehemalige Raiffeisenchef Pierin Vincenz erscheint zum zweiten Prozesstag des Raiffeisen-Prozess des Zuercher Bezirksgerichts vor dem Volkshaus, am Mittwoch, 26. Januar 2022, in Zuerich. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz und dessen Geschaeftskollegen Beat Stocker Betrug sowie weitere Straftatbestaende vor. Unter anderem mit Firmendeals sowie Besuchen in Rotlicht-Etablissements auf Geschaeftsspesen sollen sie einen unrechtmaessigen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken eingestrichen haben. Fuenf Mitbeschuldigte sollen gemaess Anklage in gewissen Faellen Beihilfe geleistet haben. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
Bild: keystone
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«Wo käme man denn hin, Vincenz laufen zu lassen?»
von PeterBlunschi
«Wo käme man denn hin, Vincenz laufen zu lassen?» werde die Staatsanwaltschaft sich in ihrer Voreingenommenheit gesagt haben, meint Erni. Sie habe damit versucht, die offensichtlichen Fakten für den nachträglichen Einstieg bei GCL zu verschleiern. Diese schildert der Verteidiger so ausführlich, dass sich langsam eine gewisse Ermüdung im Publikum breit macht.
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Bei GCL erst nach der Übernahme eingestiegen
von PeterBlunschi
Der nächste Punkt ist der Kauf der Genève Credit & Leasing (GCL) durch die Aduno-Tochter Cashgate. Auf die sehr komplexen Details will Erni nicht eingehen, doch die Übernahme habe «Sinn gemacht». Das strategische Potenzial für den Markteintritt in der Westschweiz sei für Aduno hoch gewesen, sagt der Anwalt mit Verweis auf den früheren Raiffeisen-Chef Patrik Gisel.

Die Beteiligung von Vincenz an GCL sei unbestritten, räumt Erni ein, doch sie sei erst 2013 erfolgt, mehr als ein Jahr nach Abschluss der Verträge. Sein Mandat habe nie unrechtmässig gehandelt und zu keinem Zeitpunkt eine rote Linie überschritten. Anders als von der Staatsanwaltschaft behauptet habe er sich vor Vertragsabschuss keine Gewinnbeteiligung zusichern lassen.
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Das Investnet-Fazit: Nur Spekulation, keine Beweise
von PeterBlunschi
Für Lorenz Erni ergibt sich aus den Telefongesprächen vom Februar 2018 nichts, das auf eine angebliche Schattenbeteiligung von Vincenz an Investnet hindeute. Die Behauptung der Staatsanwaltschaft beruhe ausschliesslich auf Spekulationen. Beweise könne sie keine vorbringen. Der Investnet-Komplex hat sehr viel Zeit und noch mehr «Faktenhuberei» beansprucht, wobei Lorenz Erni seiner Argumentationslinie stets treu blieb. Ob das Gericht ihm folgt, wird sich zeigen.
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Entlastende Passagen «nicht transkribiert»
von PeterBlunschi
Erni kommt zu den aufgezeichneten Telefongesprächen zwischen Vincenz und Stocker, die nach Eröffnung der Ermittlungen 2017 angeordnet wurden. Sie spielen in der Argumentation der Anklage eine wichtige Rolle. Darin sei immer wieder von einer Rückzahlung der Darlehen die Rede gewesen. Wesentliche entlastende Passagen seien «gar nicht transkribiert» worden, kritisiert Erni. Er bezichtigt die Staatsanwaltschaft offen der Voreingenommenheit. Über das Pathos des Staatsanwalts, mit dem er in seinem Plädoyer vermeintlich belastende Passagen vorgetragen habe, könne man sich «nur wundern».
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Der Schmiergeld-Vorwurf der Anklage
von PeterBlunschi
Nach der Pause geht es weiter mit der Causa Investnet. Erni versucht mit weiteren Argumenten zu belegen, dass die 2,9 Millionen von Beat Stocker an Pierin Vincenz keine Gewinnbeteiligung war, sondern ein Darlehen für den besagten Hauskauf. Der Versuch der Staatsanwaltschaft, ihre Argumentation mit einer Notiz zu belegen, sei «geradezu skurril».

In der Notiz sei wiederholt von Darlehen die Rede. Es gehe nicht um die Verteilung von Schmiergeld, wie die Anklage behaupte. Vincenz habe vielmehr seine Sorge ausgedrückt, er könne das Darlehen nicht zurückzahlen. Auch das spricht laut Erni gegen eine klandestine Beteiligung an Investnet.
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Wer ist Lorenz Erni?
von PeterBlunschi
Das Fazit nach zwei Stunden Plädoyer im Weissen Saal des Volkshauses: Der «Staranwalt» wird seinem Ruf bislang vollauf gerecht. Lorenz Erni passt in keine Schublade. Er war SP-Mitglied und hat zahlreiche Hochkaräter aus der Wirtschaft verteidigt. Seine Kanzlei befindet sich nicht an einer noblen Adresse, sondern in einem unscheinbaren Haus beim Bezirksgebäude. Er fährt keinen BMW oder Jaguar, sondern einen winzigen Japaner (so beobachtet nach der Verhandlung am Mittwoch). Und er residiert nicht in einer Villa am Zürichberg, sondern in einer Mietwohnung auf der anderen, weniger glamourösen Seite der Stadt.
Lorenz Erni, Swiss lawyer of Polish-born filmmaker Roman Polanski leaves a district prison where his client is believed to be held in Winterthur, 26 kilometers (16 miles) northeast of Zurich, Switzerland, Friday, Nov. 27, 2009. The Swiss Justice Ministry says it will keep Roman Polanski in jail until at least Monday.  The 76-year-old director was granted US$4.5 million bail Wednesday on condition he remain under house arrest at his chalet in Gstaad and be fitted with an electronic bracelet. The ministry is still deciding whether to extradite Polanski to the U.S. for having sex in 1977 with a 13-year-old girl. .(AP Photo/Michel Euler)
Bild: AP
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Erni attackiert die «Sonntagszeitung»
von PeterBlunschi
Es folgt ein Einschub: Erni verweist auf einen aus seiner Sicht «krass persönlichkeitsverletzenden» Artikel, der vor zwei Wochen in der «Sonntagszeitung» erschien. Es geht um ein angebliches Konto von Pierin Vincenz bei der Bank LGT in Liechtenstein, über das er allein in seinem letzten Jahr bei Raiffeisen 95 Millionen gedealt habe. Erni bezichtigt den Chefredaktor und Autor des Artikels, sie hätten keine Ahnung von der Materie. Danach ist Pause bis 10.45 Uhr.
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Keine Unterbeteiligung, sondern ein Darlehen
von PeterBlunschi
Der Verteidiger des damaligen Raiffeisen-Chefs zerpflückt diverse Dokumente, darunter Emails der Investnet-Gründer Andreas Etter und Peter Wüst (beide sind aus gesundheitlichen Gründen vom Prozess dispensiert), die Vincenz' Rolle belegen sollen. Die Staatsanwaltschaft argumentiere vom gewünschten Ergebnis her, sagt Erni. Das ist ein weiterer ganz happiger Vorwurf.

Bei den 2,9 Millionen Franken, die Beat Stocker an Pierin Vincenz überwies, habe es sich nicht um eine Unterbeteiligung gehandelt, sondern um ein Darlehen, sagt Erni mit Bezug auf einen Chatverlauf. Es sei bekannt, dass sein Mandat zum damaligen Zeitpunkt, also im Sommer 2015, Stocker um ein Darlehen von fünf Millionen gebeten habe. Es ging um ein Haus in Morcote (TI), das Vincenz nach seinem geplanten Abgang bei Raiffeisen kaufen wollte.
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«Staatsanwalt ist voreingenommen»
von PeterBlunschi
Lorenz Erni schildert die Umstände der Übernahme mit vielen technischen Details. Seine Flughöhe ist beeindruckend. Indirekt versucht er damit, die Staatsanwaltschaft als überfordert hinzustellen. Deren Beweisfundament sei brüchig, meint der Verteidiger. Das betreffe auch die Beteiligung, die Vincenz von Stocker erhalten habe. Dem leitenden Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel, der direkt neben ihm sitzt, wirft Erni Voreingenommenheit vor.
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Spekulationen und falsche Interpretationen
von PeterBlunschi
Nun folgt die Übernahme der Private-Equity-Plattform Investnet durch Raiffeisen. Erni bestreitet nicht, dass sie keine Erfolgsgeschichte war. Die Beweise der Staatsanwaltschaft aber seien «ein Sammelsurium von Spekulationen und falschen Interpretationen». Die Frage im konkreten Fall lautet, ob die angebliche «Kernschattenbeteiligung», die Vincenz durch Beat Stocker erhalten habe, wirklich existierte. Andernfalls falle die Anklage in sich zusammen.
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Commtrain-Kauf ausschliesslich im Interesse von Viseca
von PeterBlunschi
Lorenz Erni schildert bis ins kleinste Detail, warum bei der Beteiligung von Vincenz/Stocker an Commtrain 2005 ein möglicher Verkauf an Aduno/Viseca im folgenden Jahr «überhaupt noch kein Thema» gewesen sei. Es sei um eine strategische Partnerschaft gegangen. Der Kauf von Commtrain sei ausschliesslich im Interesse von Viseca gewesen, so Erni.

Bei einem späteren Verkauf wäre der Kaufpreis höher gewesen als die bezahlten sieben Millionen Franken, und Stocker und Vincenz hätten einen höheren Profit erzielt. Mit ihrem Einverständnis zum Kauf hätten sie somit im Interesse von Viseca gehandelt, meint Erni. Das ist starker Tobak für die Staatsanwaltschaft.
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Vincenz hat sich passiv verhalten
von PeterBlunschi
Mit diesem Argument kontert Erni das Argument der Anklage, die Übernahme sei von Anfang an geplant gewesen. Als konkret darüber gesprochen wurde, habe sich Pierin Vincenz «völlig passiv» verhalten, sagt Erni. Er ist nicht bekannt für rhetorische Höhenflüge, dafür sind seine Argumente umso schärfer. Bislang bestätigt sich dieser Ruf, er verschont vor allem die Staatsanwaltschaft nicht.
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«Vollumfänglich freizusprechen»
von PeterBlunschi
Bevor er in die Details geht, lässt Lorenz Erni keinen Zweifel daran, dass sein Klient «vollumfänglich freizusprechen» sei. Er beginnt mit den Unternehmenstransaktionen. Die privaten Auslagen unter anderem im Rotlichtmilieu spart sich der Verteidiger für den Schluss auf.

Schon bei der ersten umstrittenen Übernahme des Kartenterminal-Providers Commtrain durch Aduno (heute Viseca) bezichtigt er die Staatsanwaltschaft, sich auf sehr dünnem Eis zu bewegen. Erni bestreitet nicht, dass Vincenz und Beat Stocker sich über die iFinance an Commtrain beteiligt hatten. Damals aber sei eine Übernahme durch Aduno noch kein Thema gewesen.
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«Rechtswidrige Beweismittel»
von PeterBlunschi
Erni beginnt mit den Meriten von Vincenz bei Raiffeisen und Aduno. «Erfolg schafft Neider», meint er mit Blick auf den anonymen Whistleblower, der die Ermittlungen mit Infos an das Portal Inside Paradeplatz ins Rollen brachte. Es habe sich um eine Verletzung des Bankgeheimnisses und damit um «rechtswidrige Beweismittel» gehandelt, sagt Erni und stellt damit das ganze Verfahren in Frage.

Er prangert die wiederholten Leaks an die Medien an, inklusive gesamte Untersuchungsakten, und bezichtigt Raiffeisen mehr oder weniger offen, dafür verantwortlich zu sein. Damit geht Erni gleich mit Vollgas in die Offensive. Sein Plädoyer ist auf viereinhalb Stunden angesetzt.
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Der Auftritt des Staranwalts
von PeterBlunschi
Am vierten Prozesstag im Fall Vincenz/Stocker folgt ein weiterer Höhepunkt. Lorenz Erni, der Anwalt des früheren Raiffeisen-Chefs, hält sein Plädoyer. Er ist der wohl bekannteste Strafverteidiger der Deutschschweiz und hat schon zahlreiche Promis vertreten, von Roman Polanski über Sepp Blatter bis Philippe Bruggisser.
Der ehemalige Raiffeisenchef Pierin Vincenz, links, verlaesst mit Anwalt Lorenz Erni das Volkshaus bei einer Unterbrechung am dritten Prozesstag des Raiffeisen-Prozess des Zuercher Bezirksgerichts im Volkshaus, am Donnerstag, 27. Januar 2022, in Zuerich. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz und dessen Geschaeftskollegen Beat Stocker Betrug sowie weitere Straftatbestaende vor. Unter anderem mit Firmendeals sowie Besuchen in Rotlicht-Etablissements auf Geschaeftsspesen sollen sie einen unrechtmaessigen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken eingestrichen haben. Fuenf Mitbeschuldigte sollen gemaess Anklage in gewissen Faellen Beihilfe geleistet haben. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
Bild: keystone
Nach Raiffeisen folgt das erste Plädoyer der Verteidigung
Das erste Verteidigungs-Plädoyer kommt vom Anwalt von Ferdinand Locher, dem Immobilienunternehmer aus dem Berner Oberland. Er wurde insbesondere bekannt als Stadioninvestor beim FC Thun, mit dessen Vereinsführung er sich öffentlich verkrachte. Locher war zudem Hauptaktionär beim Unternehmen Eurokaution, das Mieterkautionsversicherungen vermittelte. (Roman Schenkel, CH Media)
Nun folgt Privatklägerin Raiffeisen
Der Raiffeisen-Anwalt knüpft an das Plädoyer der Staatsanwaltschaft an, «welchem wir uns inhaltlich vollends anschliessen». Er will sich vor allem auf die Investnet-Transaktion fokussieren.

Dass Pierin Vincenz als CEO bei Interessenkonflikten in den Ausstand getreten ist, sei auch schon vorgekommen, erzählt der Anwalt. Als Raiffeisen den Skilift in Andiast GR finanziell unter die Arme greifen wollte, nahm Vincenz nicht an der Abstimmung teil. Weshalb? Weil er in seinem Heimatdorf eine Ferienwohnung besitzt und auch an den Bergbahnen via Familie beteiligt ist.

«Pierin Vincenz wusste also, was ein Interessenkonflikt ist», so der Anwalt. Seine Ausrede, die er bei der Befragung vorgebracht hat, er sei halt jung und unerfahren gewesen, seien deshalb nichtig. (Roman Schenkel, CH Media)
Stocker spricht von «Piece of shit», treibt den Kauf aber dennoch voran
Aduno kaufte die Eurokaution schliesslich für 7 Millionen Franken. Beat Stocker hat den Kauf der Eurokaution stark vorangetrieben. Dabei hielt er sehr wenig von der Firma. Er bezeichnete sie einmal gar als «piece of shit».

Dennoch liess er es als Aduno-Verwaltungsrat zu, dass diese Firma nicht nur übernommen, sondern gar noch vergoldet wurde, kritisiert der Aduno-Anwalt. Der Grund liegt auf der Hand: Beat Stocker hat als geheimer Aktionär von Eurokaution mitprofitiert.

Zwecks Täuschung von Aduno haben Stocker und Locher ohne zu zögern das Aktienbuch von Eurokaution gefälscht. (Roman Schenkel, CH Media)
Schleppender Verlauf - die Angeklagten kämpfen
Während die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer mit Verve und Überzeugung vorgetragen hatte, rattert der Aduno-Anwalt die - nicht minder wichtigen Vorgänge - monoton runter. Die Angeklagten kämpfen mit der Aufmerksamkeit. Der Genfer Stéphane Barbier-Mueller tippt immer wieder auf seinem Smartphone herum. Er hat den Vorteil, dass er in der hintersten Reihe sitzt.

Stocker und Vincenz sitzen zuvorderst. Sie wollen beim Gericht wohl nicht den Eindruck wecken, die ganze Angelegenheit interessiere sie nicht. Doch ab un zu tippen auch sie auf ihren Laptops herum. (Roman Schenkel, CH Media)
Nun folgen die Privatkläger - sie wollen Geld von Stocker und Vincenz
Den Start macht der Anwalt der Zahlungsspezialistin Aduno. Er wird sich auf die Transaktionen Commtrain, GCL und Eurokaution konzentrieren. Diese Firmen hat Aduno übernommen, ohne zu wissen dass Beat Stocker und Pierin Vincenz geheim beteiligt waren.

Nach seinem Plädoyer ist der Anwalt von Raiffeisen an der Reihe. Die beiden Unternehmen haben zusätzlich eine sogenannte Adhäsionsklage eingereicht.

Damit wollen die mutmasslich geschädigten Firmen ihre Geldforderungen direkt in den Strafprozess integrieren. Sie machen Pierin Vincenz und Beat Stocker für einen Schaden von insgesamt rund 25 Millionen Franken verantwortlich. Das Geld wollen sie zurück. (Roman Schenkel, CH Media)
Der Prozess wird bis 13:30 Uhr unterbrochen
Nun ist Mittagspause. Danach folgen die Privatklägerinnen Raiffeisen und Aduno und schliesslich die Verteidigung des Immobilienunternehmers Ferdinand Locher. Der Verteidiger von Pierin Vincenz, Lorenz Erni, hat das Gericht gebeten, sein Plädoyer auf morgen zu verschieben.
Staatsanwaltschaft fordert 6 Jahre Gefängnis
Staatsanwalt Oliver Labhart kommt nun auf die Zielgerade. Er liest den Antrag für das Strafmass vor und fasst dabei zusammen: Die deliktische Tätigkeit von Vincenz und Stocker hat gut sieben Jahre gedauert. «Das ist sehr lange.» Es gehe hauptsächlich um gewerbsmässigen Betrug und mehrfache aktive und passive Bestechung. Das Duo generierte so Einnahmen von über 21 Millionen Franken. Zudem wurden ihnen weitere Millionen versprochen. Labhart sagt: «Die Bereicherung der Beschuldigten ist enorm und der Schaden bei den Privatklägerinnen beträchtlich.» Zumal sie dies nicht aus finanzieller Not taten.

Bei ihren Machenschaften sei die Rolle von Pierin Vincenz zentral gewesen. «Er nutzt seine Machtposition bei Raiffeisen zum eigenen Vorteil aus. Dieses Vergehen wiegt schwer.» Vincenz verfügte über die entsprechende Position und zudem noch über ein Naturell, andere Leute zu überzeugen.

Beat Stocker sei das eigentliche Hirn der Operation gewesen. «Er arbeitete die Pläne aus und führte sie auch aus.» Dabei habe er sein Doppelspiel perfektioniert. Der Staatsanwalt sagt: «Er legte eine erheblich kriminelle Energie an den Tag.»

Schuldmindernde Punkte seien nicht in Sicht. Die Staatsanwaltschaft fordert deshalb je sechs Jahre für Beat Stocker und Pierin Vincenz. Auch bei den anderen Angeklagten Andreas Etter, Stéphane Barbier-Mueller, Ferdinand Locher und Christoph Richterich bleibt die Staatsanwaltschaft beim geforderten Strafmass. Einzig beim schwer erkrankten Peter Wüst sieht die Staatsanwaltschaft von der geforderten Strafe ab. (Roman Schenkel, CH Media)
Aduno-CEO: «Ich kann nicht anders»
Als es darum ging, ob die Kreditkarten-Firma Aduno die Eurokaution übernehmen solle, an der Vincenz und Stocker stille Teilhaber waren, ging es in der entsprechenden Aduno-Verwaltungsratssitzung hoch zu und her. Mehrere unabhängige Verwaltungsräte waren gegen den Kauf, doch Vincenz und Stocker hätten sich vehement dafür eingesetzt und sich schliesslich auch durchgesetzt. Das hat ein ehemaliger Aduno-Verwaltungsrat gegenüber der Staatsanwaltschaft ausgesagt.

Er sei direkt nach der Sitzung auf den Aduno-CEO Martin Huldi zugegangen und gesagt: «Huldi, wie könnt ihr für einen solche Firma einen solchen Preis empfehlen!». Huldi habe sich im Raum umgeschaut und in Richtung Vincenz und Stocker gedeutet: «Ich kann nicht anders.» (Roman Schenkel, CH Media)
Bei der Eurokaution-Transaktion flogen Vincenz und Stocker fast auf
Nun übernimmt wieder Staatsanwalt Oliver Labhart. Er nimmt sich den Eurokaution-Deal vor. Damals seien die Beschuldigten fast aufgeflogen, weil sie etwas gar unbedarft vorgingen, referiert der Staatsanwalt.

Statt ihre Aktienstellung wie immer diskret und geheim zu behandeln, liessen sie ihr Investmentvehikel ReImagine ins Aktienregister von Eurokaution eintragen. So hätte Aduno sofort auffallen können, wer hinter dieser Beteiligung steckt. Als Beat Stocker dies realisierte, reagierte er sofort: Er erwirkte, dass das Aktienbuch gefälscht und rückdatiert wurde. Dafür seien auch mehrere Verträge rückdatiert worden. (Roman Schenkel, CH Media)
Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel, rechts, und Staatsanwalt Oliver Labhart, links, verlassen das Volkshaus bei einer Unterbrechung am dritten Prozesstag des Raiffeisen-Prozess des Zuercher Bezirksgerichts im Volkshaus, am Donnerstag, 27. Januar 2022, in Zuerich. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz und dessen Geschaeftskollegen Beat Stocker Betrug sowie weitere Straftatbestaende vor. Unter anderem mit Firmendeals sowie Besuchen in Rotlicht-Etablissements auf Geschaeftsspesen sollen sie einen unrechtmaessigen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken eingestrichen haben. Fuenf Mitbeschuldigte sollen gemaess Anklage in gewissen Faellen Beihilfe geleistet haben. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
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Die Staatsanwälte Oliver Labhart, Thomas Candrian und Marc Jean-Richard-dit-Bressel (von links) in der Verhandlungspause.
Vincenz hat auf beiden Seiten gemischelt
Mit einigen Beispielen versucht die Staatsanwaltschaft aufzuzeigen, wie Pierin Vincenz auf beiden Seiten des Tisches gemischelt hat. Als bei Raiffeisen Zweifel über die Investnet-Transaktion aufkamen, versuchte Vincenz firmenintern zu beschwichtigen. Er sagte zu einem unsicheren Raiffeisenmanager salopp: «Wir sollen es einfach mal probieren, falls es nicht funktionieren sollte, müssen wir halt mit den Minderheitsaktionären noch einmal zusammensitzen.»

Gleichzeitig spielte Vincenz das Raiffeisen-interne Memo über die Zweifel in Sachen Investnet der Gegenseite zu. Darauf sei dort grosse Nervosität aufgekommen. Hier übernahm dann Beat Stocker das Beschwichtigen: «Take it easy. Pierin kann gut damit umgehen», schrieb er in einem Mail.

Als Team haben Vincenz/Stocker perfekt funktioniert, will der Staatsanwalt dem Gericht klar machen. Ob dieses den Ausführungen der Staatsanwaltschaft Glauben schenkt, lässt es sich nicht anmerken. (Roman Schenkel, CH Media)
Pause bis 10:45
Eine grobe Schätzung des Papierstapels ergibt, dass die Staatsanwaltschaft rund einen Drittel hinter sich hat. Richter Aeppli unterbricht für eine halbe Stunde.

Auch heute nutzen Vincenz und Stocker die Pause für ein kurzes Gespräch. Sie sitzen heute auch quasi Tisch an Tisch.
Telefonabhörung von Vincenz und Stocker
Die Staatsanwaltschaft erzählt von der Telefonabhörung im Februar 2018. Damals befand sich Pierin Vincenz auf dem Rückzug. Raiffeisen machte Druck, auch andere Beteiligte im System von Stocker/Vincenz waren nervös. Er telefonierte mit Beat Stocker und sagte ihm: «Ich habe Sprachregelungen mit Wüst und Etter abgemacht. Ich habe ihnen gesagt: Geht ja nie etwas anderes sagen über unsere Zusammenarbeit und den Treuhandvertrag, als wir es immer abgemacht haben!»

Vincenz hatte offenbar Angst, dass ihn Peter Wüst, den Mitbeteiligten bei Investnet, verraten könnte. «Weisst du, wenn Wüst einen Seich herauslässt, dann haben wir ein Risiko!» Vincenz am Telefon: «Wir müssen uns sauber halten, dann können sie uns nicht knacken.» (Roman Schenkel, CH Media)
Darlehen an Vincenz waren nur «Scheindarlehen»
Die Staatsanwaltschaft versucht aufzuzeigen, wie die Abrechnung zwischen den beiden Geschäftspartnern Beat Stocker und Pierin Vincenz ablief. Dabei stützt sich Marc Jean-Richard-dit-Bressel auch auf handschriftliche Notizen der beiden. Zum Beispiel eine Tabelle, die Vincenz auf einem Blatt Papier skizziert hatte, und die Stocker mit roten Bemerkungen ergänzt hatte.

Für die Staatsanwaltschaft sind die angeblichen Darlehen von Stocker an Vincenz, keine solchen, sondern in Tat und Wahrheit Beteiligungen an den diversen Übernahmetransaktionen. «Das ist ein Leitmotiv, dass auch in anderen Transaktionen zu finden ist», so der Staatsanwalt. Es seien nur «Scheindarlehen». (Roman Schenkel, CH Media)
Vincenz verfolgt das Plädoyer regungslos
Der frühere Raiffeisen-CEO sitzt vorne rechts am Rand des Blauen Saals. Er hört dem Staatsanwalt zu, blickt aber stets auf seinen Tisch und blättert durch die ausgeteilten Unterlagen. Ab und an tauscht er sich kurz mit seinem Verteidiger Lorenz Erni aus. (Roman Schenkel, CH Media)
Der ehemalige Raiffeisenchef Pierin Vincenz, links, erscheint mit Anwalt Lorenz Erni zum Raiffeisen-Prozess des Zuercher Bezirksgerichts vor dem Volkshaus, am Dienstag, 25. Januar 2022, in Zuerich. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz und dessen Geschaeftskollegen Beat Stocker Betrug sowie weitere Straftatbestaende vor. Unter anderem mit Firmendeals sowie Besuchen in Rotlicht-Etablissements auf Geschaeftsspesen sollen sie einen unrechtmaessigen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken eingestrichen haben. Fuenf Mitbeschuldigte sollen gemaess Anklage in gewissen Faellen Beihilfe geleistet haben. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
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Mit Händen und Füssen gegen die Entsiegelung von Notizbüchern und Emails gewehrt
Staatsanwalt Labhart erzählt, wie sich Vincenz und Stocker gegen die Entsiegelung der Notizbücher und Emails gewehrt hätten. Es sei ein aufwendiges und schwieriges Verfahren gewesen. Der Widerstand hätte aber «guten Grund» gehabt, so der Staatsanwalt. In den Unterlagen fanden die Ankläger aus ihrer Sicht handfeste Beweise, wie Vincenz und Stocker sich verschworen hatten.

Auch die Aussagen des Genfer Unternehmer Stéphane Barbier-Mueller bekommen Risse. Er hatte sich in der gestrigen Befragung weit von Vincenz und Stocker distanziert, dabei pflegte er mit ihnen einen sehr freundschaftlichen Umgang, wie die Staatsanwalt ausführt.

So schrieb er Briefe an seinen «Freund Pierin», in dem er ihm bei einem Jahreswechsel für die gute Zeit dankt und die guten Deals dankt. «Machen wir im nächsten Jahr mehr!». Auch schenkte er Vincenz eine Uhr im Wert von 38'000 Franken. (Roman Schenkel, CH Media)
Staatsanwalt: «Stocker kam bei der Einvernahme in die Bredouille»
Sebastian Aeppli eröffnet den Tag im Leninsaal, in einem «intimeren Rahmen», wie er sagt. Lenin soll hier schon einmal eine Rede gehalten haben, erzählt der Vorsitzende Richter.

Die Staatsanwaltschaft knüpft sich nun die Schattenbeteiligungen von Beat Stocker und Pierin Vincenz bei der Privatkreditfirma Genève Credit & Leasing (GCL) vor. Der beschuldigte Stocker habe sich da in der Befragung «arg in die Bredouille» gebracht.

Dies, weil sich die Aussagen des Besitzers von GCL, Stéphane Barbier-Mueller, mit denen von Stocker stark widersprachen. «Barbier-Mueller entzog der Verteidigungsstrategie Stockers komplett den Boden», sagt Labhart. (Roman Schenkel, CH Media)
Start in den dritten Verhandlungstag
Um 8.15 Uhr wird der Prozess fortgesetzt. Zuschauer sind diesmal aus Platzgründen keine zugelassen. Das Gericht tagt im blauen Saal im 1. Stock des Volkshauses. Dieser ist bedeutend kleiner. Peter Blunschi, der für uns den Prozess begleitet, kann deshalb nicht vor Ort sein. Wir übernehmen daher die Berichterstattung unserer Kollegen von CH Media.

Geplant ist, dass zuerst die Staatsanwaltschaft ihr unterbrochenes Plädoyer abschliessen wird. Danach folgen die beiden Privatkläger Raiffeisen und Aduno. Läuft alles nach Plan, wird am Ende des heutigen Tages der Verteidiger des Mitbeschuldigten Ferdinand Locher plädieren.

Nachdem gestern die «Tour de Suisse durchs Rotlichtmilieu» und die exorbitanten Spesen der beiden Hauptangeklagten im Fokus standen, geht es heute weiter mit der trockenen Materie. Die Staatsanwaltschaft versucht in ihrem unterbrochenen Plädoyer aufzuzeigen, dass sich Pierin Vincenz und Beat Stocker, arglistig verschworen haben, um ihre Arbeitgeber zu täuschen. (Roman Schenkel, CH Media)
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Fazit des zweiten Tags
von PeterBlunschi
Der zweite Prozesstag wurde durch zwei Personen geprägt. Am Vormittag konnte Beat Stocker mit einem ruhigen und sattelfesten Auftritt überzeugen. Er kennt das Dossier und verkauft seine Haut sehr teuer. Interessantes Detail: Man konnte wiederholt beobachten, wie Stocker und Pierin Vincenz, die in den letzten vier Jahren angeblich nur noch sporadisch Kontakt hatten, in den Verhandlungspausen miteinander plauderten. Es war vermutlich mehr als Smalltalk.

Am Nachmittag stand der leitende Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel im Mittelpunkt. Er schilderte die umstrittenen Transaktionen und kompensierte die zähe Materie mit einem engagierten Votum. Für ihn steht die Arglist als Voraussetzung für gewerbsmässigen Betrug ausser Frage. Es ist eine hohe Hürde. Wer das Gericht mehr überzeugt, wird sich zeigen.

Morgen wird das Plädoyer der Staatsanwaltschaft fortgesetzt. Es dürfte sich nochmals über etwa drei Stunden hinziehen. Danach folgen die Privatklägerinnen mit je eineinhalb Stunden. Die Verteidiger der beiden Hauptangeklagten dürften am Freitag plädieren.
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«Spuren verwischen»
von PeterBlunschi
Das mit Juristenjargon gespickte Plädoyer ist für unbeteiligte Beobachter harte Kost. Entsprechend bleiern ist die Stimmung im Volkshaus. Der leitende Staatsanwalt kompensiert das mit einem engagierten Auftritt. Er geht ausführlich auf die vorliegenden Beweismittel ein. Er zitiert aus einem Mail von Stocker zur Commtrain-Übernahme. «Wir müssen so oder so die Spuren verwischen», heisst es darin. Das «wir» bezieht sich laut Jean-Richard auf Vincenz.
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Umstrittene Herausgabepflicht
von PeterBlunschi
Es bestehe kein Zweifel, dass die Schattenbeteiligungen «der Rechenschafts- und Herausgabepflicht unterlagen», betont der «Chefankläger». Auch diese Punkte galt im Vorfeld als umstritten. Die Schattenbeteiligungen hätten zu «schwerwiegendsten Interessenkonflikten» geführt. Es sei falsch, dass für die Beschuldigten keine Informationspflicht bestanden habe, so Jean-Richard. Vincenz und Stocker hätten die Privatklägerinnen in die Irre geführt.
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Schmiergeld im Spiel
von PeterBlunschi
Der Staatsanwalt bezeichnet die Übernahmen als schlechtes Geschäft für Aduno und Raiffeisen. Ausführlich schildert er die komplizierten und sehr technischen Details und wie Vincenz und Stocker ihre Profite realisieren konnten. Bei den Transaktionen sei Schmiergeld gemäss der Definition des Bundesgerichts im Spiel gewesen. Das entspreche dem Tatbestand der qualifizierten ungetreuen Geschäftsbesorgung. Im Hauptstandpunkt besteht aus Sicht der Anklage gewerbsmässiger Betrug.
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Die verdeckten Beteiligungen
von PeterBlunschi
Nun wird es «etwas trockener», kündigt Marc Jean-Richard-dit-Bressel an. Es geht um die verdeckten Beteiligungen von Pierin Vincenz und Beat Stocker an vier Firmen, die von Aduno und Raiffeisen übernommen wurden. Die Beschuldigten seien daraus «nach wenigen Jahren mit sehr hohem Gewinn ausgestiegen». Beziffert werden sie auf mehr als 24 Millionen Franken. Vincenz und Stocker hätten sich als «Trittbrettfahrer» eingenistet, sagt Jean-Richard. Er versucht aufzuzeigen, dass Raiffeisen und Aduno, die im Prozess als Privatklägerinnen auftreten, dadurch ein Schaden entstanden sei. Denn dies ist eine weitere mögliche Schwachstelle der Anklage.
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VR-Präsident «in die Irre geführt»
von PeterBlunschi
Als mögliche Schwachstelle bei der Anklage wegen der Spesenritterei gilt die Visierung durch VR-Präsident Johannes Rüegg-Stürm. Dessen Behauptung, er habe nichts gewusst über den wahren Zweck der Auslagen, bezeichnet Staatsanwalt Candrian jedoch als «glaubhaft». Vincenz' Kreditkartenabrechnungen seien bei Raiffeisen «wie ein Staatsgeheimnis» behandelt und nur von seiner langjährigen persönlichen Assistentin geöffnet worden. Die Bezeichnung der Rotlicht-Etablissements auf den Abrechnungen sei «vollkommen unverfänglich» und «nichtssagend» gewesen. Selbst die Reparatur des demolierten Hotelzimmers sei als «Übernachtung» bezeichnet worden. Der CEO habe den Präsidenten zudem mit seinen Erklärungen «in die Irre geführt». Damit ist der Teil der Anklage zu den persönlichen Auslagen beendet.
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«Jenseits von Gut und Böse»
von PeterBlunschi
Bei den auf Spesen bezahlten Golfreisen sieht Staatsanwalt Thomas Candrian anders als von Vincenz behauptet keinen Bezug zur Raiffeisen. Die Reise nach Dubai mit Kosten von fast 100'000 Franken sei «jenseits von Gut und Böse» gewesen. Die Familienreisen mit den Töchtern hätten in Finanzzentren wie London und New York geführt, doch für allfällige geschäftliche Bezüge habe er ausschliesslich pauschale Aussagen gemacht. Über den Grund für eine Reise nach Australien, er habe dort Schalterhallen von Banken besichtigt, macht sich der Staatsanwalt regelrecht lustig.

Er zerpflückt weiter die Behauptung des Beschuldigten, seine Abrechnung auf Firmenkosten – auch beim zertrümmerten Hotelzimmer in Zürich – sei «ein Versehen» gewesen. Er habe die Begleichung auf Geschäftskosten zumindest in Kauf genommen. Dies gelte auch für die Verrechnung von Anwaltskosten. Nach einer «empfindlichen» Lohnreduktion 2009 habe Vincenz entschieden, sein Vermögen auf Kosten von Raiffeisen zu schonen.
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Private Vergnügen im Rotlichtmilieu
von PeterBlunschi
Der Staatsanwalt geht sogleich aufs Ganze. Er beginnt mit den Besuchen von Pierin Vincenz in Lokalitäten wie der Bar «Petit Prince», in der «auch Escort-Damen verkehren». Er habe diese «Tour de Suisse» durch das Rotlichtmilieu nicht aus geschäftlichen Gründen unternommen, sondern zu seinem privaten Vergnügen. Der ehemalige Raiffeisen-Chef habe die persönliche Neigung gehabt, solche Etablissements zu besuchen und auch nicht bestritten, für Sex bezahlt zu haben.
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Jetzt plädiert die Anklage
von PeterBlunschi
Es geht weiter mit dem Prozess. Der vorsitzende Richter Sebastian Aeppli verkündet, dass die von den Verteidigern vorgebrachten Beweisanträge «einstweilen» abgelehnt wurden. Damit beginnen die Plädoyers. Den Anfang macht wie üblich die Staatsanwaltschaft unter Leitung von Marc Jean-Richard (Bild links). Sie will laut dem Portal Inside Paradeplatz sieben Stunden sprechen. Die heutige Sitzung dauert gemäss Aeppli bis 18.15 Uhr, es wird also in der Mitte zu einem Unterbruch kommen.
Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel, links, erscheint zum zweiten Prozesstag des Raiffeisen-Prozess des Zuercher Bezirksgerichts vor dem Volkshaus, am Mittwoch, 26. Januar 2022, in Zuerich. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz und dessen Geschaeftskollegen Beat Stocker Betrug sowie weitere Straftatbestaende vor. Unter anderem mit Firmendeals sowie Besuchen in Rotlicht-Etablissements auf Geschaeftsspesen sollen sie einen unrechtmaessigen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken eingestrichen haben. Fuenf Mitbeschuldigte sollen gemaess Anklage in gewissen Faellen Beihilfe geleistet haben. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
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Fazit des Vormittags
von PeterBlunschi
Sämtliche am Prozess anwesenden Beschuldigten haben die von der Staatsanwaltschaft erhobenen Vorwürfe zurückgewiesen und sich für unschuldig erklärt. Einen überzeugenden Auftritt absolvierte Beat Stocker. Er scheint sich besser auf den Prozess vorbereitet zu haben als Pierin Vincenz, der gestern einige Male ins Schwimmen geriet. Stocker hat seinen einstigen Kompagnon in wesentlichen Punkten entlastet. So habe Vincenz keine Beteiligungen an Investnet und GCL gehabt. Ob er damit beim Gericht durchkommt, wird sich zeigen.

Nun ist Mittagspause bis 15 Uhr. Das Gericht wird bis dann über die Beweisanträge entscheiden. Falls sie abgelehnt werden, geht es weiter mit dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft.
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Hausdurchsuchung gefordert
von PeterBlunschi
Der Anwalt des nicht verhandlungsfähigen Peter Wüst beantragt die Einvernahme zweier Zeugen der Raiffeisenfiliale Lugano sowie eine Hausdurchsuchung. Er geht um eine Zahlung von 2,9 Millionen Franken auf das dortige Konto von Pierin Vincenz und seiner Ex-Frau Nadja Ceregato. Es gehe um die Frage, ob die Bank ihre Sorgfaltspflicht eingehalten habe, dies im Zusammenhang mit dem Vorwurf der Arglist. Staatsanwalt Marc Jean-Richard kontert, der Antrag sei schon zweimal abgewiesen worden. Er sei auch jetzt unerheblich.
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Die Befragung ist beendet
von PeterBlunschi
Damit ist die Befragung von Pierin Vincenz und Beat Stocker (Bild) sowie den drei anwesenden Mitbeschuldigten (einer ist wegen Corona dispensiert und ein weiterer nicht verhandlungsfähig) beendet. Für sämtliche Angeklagte gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung.

Die Verteidiger reichen nun weitere Beweisanträge ein, die entlastend für ihre Klienten wirken sollen. Während Vincenz-Anwalt Lorenz Erni einen Präzedenzfall erwähnt, verweist Stockers Verteidiger Andreas Blattmann auf angebliche Ungereimtheiten im Fall GCL.
Der ehemalige Raiffeisenchef Pierin Vincenz, links, Anwalt Lorenz Erni, Mitte, und Beat Stocker, rechts, erscheinen nach einem Unterbruch zum Raiffeisen-Prozess des Zuercher Bezirksgerichts vor dem Volkshaus, am Dienstag, 25. Januar 2022, in Zuerich. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz und dessen Geschaeftskollegen Beat Stocker Betrug sowie weitere Straftatbestaende vor. Unter anderem mit Firmendeals sowie Besuchen in Rotlicht-Etablissements auf Geschaeftsspesen sollen sie einen unrechtmaessigen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken eingestrichen haben. Fuenf Mitbeschuldigte sollen gemaess Anklage in gewissen Faellen Beihilfe geleistet haben. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
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Die Reise nach Dubai
von PeterBlunschi
Der Basler Kommunikationsberater Christoph Richterich ist der kleinste Fisch unter den Angeklagten. Er ist der einzige, für den die Anklage keine Gefängnis-, sondern nur eine Geldstrafe fordert. Zu seinen Einkommens- und Vermögensverhältnissen will der vierfache Vater keine Aussage machen. Er sei heute nicht mehr für Raiffeisen tätig. Beschuldigt wird Richterich wegen der Reise von Pierin Vincenz nach Dubai 2015, an der er teilgenommen hatte.

Er sei davon ausgegangen, als Dank für seine Arbeit von Vincenz eingeladen worden zu sein, sagt Richterich. Dazu habe er sich keine Gedanken gemacht, auch nicht zur Frage, wie die Reise verrechnet werde. Er fühlt sich unschuldig. Wenn er nur den geringsten Zweifel daran gehabt hätte, hätte er den Strafbefehl akzeptiert, betont Richterich.
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Maintenant on parle français
von PeterBlunschi
Am zweiten Prozesstag fällt auf, dass weniger Journalisten im grossen Saal des Volkshauses sitzen. Was wohl auch mit dem geringen Promi-Faktor der Mitangeklagten zu tun hat. Einer ist Stéphane Barbier-Mueller, der aus einer alteingesessenen Genfer Familie stammt. Er ist Verwaltungsratspräsident der Genève Credit & Leasing (GCL), von deren Übernahme durch die Aduno-Tochter Cashgate Vincenz und Stocker profitiert haben sollen. Für ihn wurde eigens eine Dolmetscherin aufgeboten.

Barbier-Mueller hatte im Vorfeld versucht, seine Namen aus den Medien herauszuhalten. Zuletzt verklagte er den Ringier-Verlag auf 600'000 Franken Schadenersatz. Die Vorwürfe gegen ihn bestreitet er «plus que jamais» (mehr denn je). Vincenz sei ihm vor der Übernahme kein Begriff gewesen («er war vor allem in der Deutschschweiz bekannt»), er habe ihn nur einmal getroffen, im August 2011.

In seinem Schlusswort betont Barbier-Mueller, man kenne ihn in Zürich nicht, in Genf aber geniesse er einen ausgezeichneten Ruf und sei bekannt als integre Person. Er sei vollkommen unschuldig und bestehe darauf, von den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft reingewaschen zu werden. Diese fordert für ihn zwei Jahre Gefängnis.
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Bestechung beim Thuner Stadion?
von PeterBlunschi
Jetzt sind die Mitangeklagten an der Reihe, als erster Ferdinand Locher. Er bezeichnet sich als Immobilienentwickler. Im konkreten Fall war er in die Übernahme von Eurokaution durch Aduno involviert. Der «saftigere» Teil ist ein letztlich nicht zustande gekommener Sponsoringdeal beim neuen Fussballstadion in Thun. Es sei unter anderem um Namensrechte gegangen, sagt Locher. Raiffeisen sei als Hauptsponsor der Super League dafür in Frage gekommen.

Die Vorwürfe drehen sich um mögliche Kommissionen für Vincenz und Stocker. Im Schlusswort betont Stocker, er habe nie die Absicht gehabt, jemanden aktiv zu bestechen. Er sei wegen der Anklage «völlig perplex». Wegen der Anklage sei er aus den Verwaltungsräten von 14 Firmen ausgetreten. Er wolle keiner Firma durch seine Person Schaden zufügen. Er fühle sich unschuldig. Die Staatsanwaltschaft beantragt für Locher 2,5 Jahre Gefängnis.

Jetzt ist Pause bis 10.45, dann findet die Befragung von Stéphane Barbier-Mueller statt.
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«Ich habe mich nie bereichert»
von PeterBlunschi
Nach Befragungen zum Mietkautions-Versicherer Eurokaution und einem möglichen Sponsoringdeal bei der Arena Thun («das war ein Furz») wird Stockers Befragung abgeschlossen. Er betont eindringlich, er habe nie die Absicht gehabt, sich persönlich zu bereichern oder andere zu schädigen. Der Vorwurf der kriminellen Energie in der Anklageschrift empöre ihn. «Dieser Wortlaut ist martialisch.» Er bestätigt, sich unschuldig zu fühlen.

Beat Stockers Auftritt zeigte, dass er sich intensiv auf den Prozess vorbereitet und sich in den Aktenberg mit mehr als 500 Bundesordnern eingelesen hat. Er antwortete auf fast alle Fragen, korrigierte das Gericht und streute auch mal einen Spruch ein. Für ihn steht einiges auf den Spiel. Er soll wie Vincenz sechs Jahre ins Gefängnis und 16 Millionen Franken zurückzahlen. Im Fall von Pierin Vincenz sind es «nur» 9 Millionen.
Beat Stocker erscheint zum Raiffeisen-Prozess des Zuercher Bezirksgerichts vor dem Volkshaus, am Dienstag, 25. Januar 2022, in Zuerich. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz und dessen Geschaeftskollegen Beat Stocker Betrug sowie weitere Straftatbestaende vor. Unter anderem mit Firmendeals sowie Besuchen in Rotlicht-Etablissements auf Geschaeftsspesen sollen sie einen unrechtmaessigen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken eingestrichen haben. Fuenf Mitbeschuldigte sollen gemaess Anklage in gewissen Faellen Beihilfe geleistet haben. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
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Eine stille Partnerschaft
von PeterBlunschi
Die Private-Equity-Firma Investnet wurde von Raiffeisen übernommen. Stocker soll daran eine «stille Partnerschaft» von 25 Prozent bessesen haben. Stocker bestätigt dies, er bestreitet jedoch eine Unterbeteiligung von Pierin Vincenz. Er habe mit dem Mitgründer und Mitangeklagten Peter Wüst vereinbart, die Beteiligung vertraulich zu halten. Es kommt zu einem längeren Schlagabtausch über technische Details.
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Stocker wirkt ruhig und souverän
von PeterBlunschi
Beat Stocker hatte sich mit Pierin Vincenz auch an der Konsumkredit-Firma Genève Credit & Leasing (er bezeichnet sie als Bad Bank) beteiligt. «Ich habe geholfen, dass dieser Deal funktioniert, weil er sehr spannend war», begründet er sein Engagement. Das Darlehen an Vincenz über insgesamt 6,5 Millionen Franken bestätigt er. Sie seien auf seinen Pensionierungszeitpunkt ausgelegt gewesen. Die Rückzahlung liege derzeit «auf Eis».

Kleines Zwischenfazit: Beat Stocker hinterlässt bislang einen besseren Eindruck als sein einstiger Kompagnon Pierin Vincenz gestern. Er antwortet ruhig, ist aber selbst in den komplizierten Details äusserst sattelfest und kann die Fragen des Gerichts jederzeit kontern.
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Beteiligung an Commtrain
von PeterBlunschi
Der nächste Punkt betrifft die Betrugsvorwürfe. Stocker gibt zu, dass er sich mit Pierin Vincenz über die Private-Equity-Firma Ifinance an Commtrain, einer Firma für Bezahlterminals, beteiligt hatte, ohne Wissen seines Arbeitgebers Aduno (heute Viseca). Er bestreitet jedoch, er habe sich mit der Absicht bei der Firma engagiert, sie an Aduno zu verkaufen. Es habe sich um ein privates Engagement gehandelt. Stocker gibt aber zu, dass er den Aduno-Verwaltungsrat aus heutiger Sicht darüber informieren würde. «Dann hätte ich heute viel weniger Ärger.»
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Striplokale als lukrative Kunden
von PeterBlunschi
Zuerst geht es ebenfalls um die Spesen. Der ehemalige Aduno-CEO Stocker soll drei Firmenkreditkarten in Striplokalen und ähnlichen Etablissements verwendet haben. Dies sei zu geschäftsmässigen Zwecken geschehen, sagt der Beschuldigte. Die Bezahlung von Flügen seiner Frau ins Tessin begründet er mit einer damaligen Sehstörung. Seine Frau habe ihn begleiten müssen.

Auf Nachfrage von Referent Rok Bezovsek nach den Gründen für die Besuche in Cabarets und ähnlichen Etablissements betont Stocker, dies seien «lukrative Kunden» von Aduno gewesen. Für die dortigen Besuche habe es immer gute Gründe gegeben.
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Beat Stocker wird befragt
von PeterBlunschi
Der zweite Tag des Raiffeisen-Prozesses beginnt mit der Befragung von Beat Stocker. Gestern war der frühere CEO Pierin Vincenz im Fokus. Er hat etwas überraschend auf sein Recht auf Aussageverweigerung verzichtet, obwohl er bei seinen Spesenrechnungen und den heimlichen Beteiligungen nicht immer überzeugend und teilweise ausweichend geantwortet hatte.

Stocker verweist zu Beginn auf sein MS-Leiden, das er seit zehn Jahren habe und sich ständig verschlechtere. Sein einziges Einkommen seit der Festnahme 2018 habe er mit Aktienverkäufen erzielt. Daraus erzielte er «ein paar Millionen.» Aus seiner Beratertätigkeit beziehe er kein Einkommen. Sein Vermögen beziffert er auf rund 30 Millionen Franken, nach Abzug der Schulden.
GERICHTSZEICHNUNG - Beat Stocker beim Raiffeisen-Prozess des Zuercher Bezirksgerichts im Volkshaus, am Dienstag, 25. Januar 2022, in Zuerich. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz und dessen Geschaeftskollegen Beat Stocker Betrug sowie weitere Straftatbestaende vor. Unter anderem mit Firmendeals sowie Besuchen in Rotlicht-Etablissements auf Geschaeftsspesen sollen sie einen unrechtmaessigen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken eingestrichen haben. Fuenf Mitbeschuldigte sollen gemaess Anklage in gewissen Faellen Beihilfe geleistet haben. (KEYSTONE/Linda Graedel)
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Das war Tag 1 des Vincenz-Prozesses
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«Ich bin unschuldig»
von PeterBlunschi
Zum Schluss erklärt sich Pierin Vincenz in allen Anklagepunkten für unschuldig. Zum beantragten Strafmass von sechs Jahren Gefängnis äussert er sich nicht, auch nicht zu den Schadenersatzforderungen. Er überlasse dies der Verteidigung. Er habe nicht das Gefühl, mit seinen Beteiligungen etwas Kriminelles unternommen zu haben. Damit ist die Verhandlung für heute beendet. Sie wird morgen mit der Einvernahme von Beat Stocker fortgesetzt.
GERICHTSZEICHNUNG - Der ehemalige Raiffeisenchef Pierin Vincenz beim Raiffeisen-Prozess des Zuercher Bezirksgerichts im Volkshaus, am Dienstag, 25. Januar 2022, in Zuerich. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz und dessen Geschaeftskollegen Beat Stocker Betrug sowie weitere Straftatbestaende vor. Unter anderem mit Firmendeals sowie Besuchen in Rotlicht-Etablissements auf Geschaeftsspesen sollen sie einen unrechtmaessigen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken eingestrichen haben. Fuenf Mitbeschuldigte sollen gemaess Anklage in gewissen Faellen Beihilfe geleistet haben. (KEYSTONE/Linda Graedel)
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Beat Stockers Darlehen
von PeterBlunschi
Die weiteren Beteiligungen betreffen die Genève Credit & Leasing (GCL), Investnet und Eurokaution. In diesem Zusammenhang wird das Darlehen des Mitangeklagten Beat Stocker für den Kauf eines Hauses in Morcote angesprochen. Vincenz bestätigt, er habe Liquiditätsprobleme gehabt. An Investnet sei er noch heute mit 15 Prozent beteiligt. An der Firma Eurokaution, einen Anbieter von Mietkautionsversicherungen, sei er hingegen nie beteiligt gewesen, sagt Vincenz.
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Die Commtrain-Übernahme
von PeterBlunschi
Nun kommt Richter Aeppli auf die komplexe Materie der heimlichen Beteiligungen zu sprechen. Es geht zuerst um die Übernahme von Commtrain, einen Anbieter von Kartenterminals, durch Aduno/Viseca. Vincenz gibt zu, dass er seine Beteiligung verheimlicht habe. Warum? «Das frage ich mich heute auch.»
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Bewerbung via Tinder?
von PeterBlunschi
Die pikante Episode mit dem demolierten Hotelzimmer im Zürcher Hotel Park Hyatt bezeichnet Vincenz als «Privatsache». Die Rechnung von 3800 Franken belastete er der Bank, was er ebenfalls als «Versehen» bezeichnete. Auch das Nachtessen mit einem Tinder-Date zulasten der Raiffeisen (Rechnung über 700 Franken) wird thematisiert. Angeblich handelte es sich um ein Bewerbungsgespräch. Richter Peter Rietmann fragt, ob es üblich gewesen sei, Personal auf Tinder zu rekrutieren. Auch bei diesem Punkt weicht der Beschuldigte aus.
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Die teuren Reisen
von PeterBlunschi
Zur Verrechnung der Reisen nach Dubai oder Australien auf Firmenkosten sagt Vincenz, sie hätten ebenfalls einen geschäftlichen Hintergrund gehabt. Er habe sich mit Bankern und anderen Leuten getroffen. Mit der teuren Reise nach Dubai 2015 mit Kosten von fast 100'000 Franken habe er sich bei seinen Mitarbeitern bedanken wollen. Den Betrag belastete er aber Firma.

Auf Aepplis Frage, ob der VR-Präsident darüber Bescheid wusste, antwortet er ausweichend. Seine heutige Partnerin war ebenfalls in Dubai dabei. Die Belastung ihrer Kosten an Raiffeisen sei «ein Versehen» gewesen.
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Wie ist das mit den Spesen?
von PeterBlunschi
Ein Teil der Anklage bezieht sich auf seine privaten Auslagen, die er seinem Spesenkonto bei Raiffeisen belastet hat. Er betont, dass seine Besuche in Bars und Nachtclubs geschäftsmässig begründet waren. Das gelte auch für seine Reisen, mit wenigen Ausnahmen.

Vincenz bleibt also bei seiner bisherigen Linie. Er bestätigt die Frage von Aeppli, dass die Besuche in Bars und Striplokalen der Beziehungspflege gedient hätten. Darüber habe er auch mit Verwaltungsratspräsident Johannes Rüegg-Stürm gesprochen. Seine Reisen ins Ausland hätten ebenfalls einen geschäftlichen Hintergrund gehabt, sagt Vincenz. Er habe sich dort mit Bankern und anderen Leuten getroffen.
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Jetzt wird Vincenz befragt
von PeterBlunschi
Richter Aeppli macht den Hauptangeklagten auf sein Recht aufmerksam, die Aussage zu verweigern. Zuerst kommen die persönlichen Angaben. Der ehemalige Raiffeisen-CEO erhält laut eigenen Angaben eine AHV-Rente von etwas mehr als 2000 Franken. Er bezieht keine Pensionskassen-Rente ( das Guthaben wurde eingefroren) und bezeichnet sich seit 2018 als nicht berufstätig.

Er ist von seiner Ex-Frau Nadja Ceregato geschieden und in einer neuen Beziehung. Sein Wohnsitz sei «etwas flexibel», er pendelt zwischen Graubünden und dem Tessin, ist aber nach wie vor in Teufen (AR) angemeldet. Er bestätigt, hohe Darlehen von Dölf Früh, dem ehemaligen Präsidenten des FC St.Gallen, sowie vom Mitangeklagten Beat Stocker erhalten zu haben. Mit Stocker habe er «sporadisch» Kontakt.
16:20
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Prozess wird nicht vertagt
von PeterBlunschi
Mit 15 Minuten Verzögerung geht die Verhandlung weiter. Das dreiköpfige Gericht hat den Antrag der Anwälte von Vincenz und Stocker auf Vertagung wie erwartet abgelehnt. Auch eine Rückweisung an die Staatsanwaltschaft wurde einstweilen abgewiesen. Gleiches gilt für den Antrag auf Einstellung des Verfahrens gegen den schwer erkrankten und laut Arztzeugnis dauerhaft verhandlungsunfähigen Mitangeklagten Peter Wüst.
Der Prozessbeginn in Kürze
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Ende des ersten Teils
von PeterBlunschi
Für die Staatsanwaltschaft beantragt Oliver Labhart die Abweisung aller Anträge. Er verweist darauf, dass Barbier-Mueller sich von Anfang an sehr kooperativ verhalten habe. Zur fehlenden Übersetzung seien diverse Anträge unter anderem vom Bundesgericht ablehnt worden.

Damit ist der erste Teil mit den Vorfragen abgeschlossen. Das Gericht wird die Anträge über Mittag prüfen. Um 16 Uhr wird der Entscheid verkündet. Wenn der Abbruch der Verhandlung abgelehnt wird, was zu erwarten ist, beginnt im Anschluss die Befragung von Pierin Vincenz.
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Kein faires Verfahren erhalten
von PeterBlunschi
Der Prozess geht weiter. Die Anwälte zweier Mitangeklagter verzichten auf Vorfragen, dafür hat der Verteidiger von Stéphane Barbier-Mueller ein langes Votum angekündigt. Er war an der Genève Crédit & Leasing (GCL) beteiligt, die von der Aduno-Tochter Cashgate übernommen wurde. Barbier-Mueller habe kein faires Verfahren erhalten, sagt Verteidiger Bernhard Isenring. Er sei französischer Muttersprache, doch nicht einmal die Anklageschrift sei übersetzt worden. Dies treffe auch auf andere Unterlagen zu. Deshalb könne das Hauptverfahren nicht stattfinden, das Verfahren sei an die Staatsanwaltschaft zurückzuweisen. Dieser Einwand wurde erwartet.
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Jetzt ist Pause
von PeterBlunschi
Richter Aeppli (Bild) unterbricht die Verhandlung für eine halbe Stunde. Man hat den Eindruck, dass sich die Verteidiger zumindest teilweise abgesprochen haben. Zumindest die beiden Hauptangeklagten streben eine Vertagung an. Womöglich hoffen sie auf eine Verjährung einiger Vorwürfe.
Bezirksrichter Sebastian Aeppli erscheint zum Raiffeisen-Prozess des Zuercher Bezirksgerichts vor dem Volkshaus, am Dienstag, 25. Januar 2022, in Zuerich. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz und dessen Geschaeftskollegen Beat Stocker Betrug sowie weitere Straftatbestaende vor. Unter anderem mit Firmendeals sowie Besuchen in Rotlicht-Etablissements auf Geschaeftsspesen sollen sie einen unrechtmaessigen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken eingestrichen haben. Fuenf Mitbeschuldigte sollen gemaess Anklage in gewissen Faellen Beihilfe geleistet haben. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
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Ein weiterer Staranwalt tritt auf
von PeterBlunschi
Wir befinden uns in der Eröffnungsphase des Prozesses mit Vorfragen und Anträgen. Mit Peter Nobel tritt ein weiteres juristisches «Schwergewicht» ans Rednerpult im Volkshaus. Er verlangt die Abweisung der zivilrechtlichen Forderungen an Wüst und Etter. Diese werden von Privatklägerin Raiffeisen erhoben, aufgrund der Übernahme von Investnet.

Der Staatsanwalt argumentiert, das Gericht müsse entscheiden, ob die Forderungen in einem Zivilprozess geklärt werden sollten. Der Raiffeisen-Vertreter beantragt Nichteintreten auf den Antrag und betont die Zuständigkeit des Strafgerichts für zivilrechtliche Ansprüche.
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Zu krank für den Prozess?
von PeterBlunschi
Der Verteidiger des wegen einer neurologischen Krankheit dispensierten Peter Wüst verlangt wie erwartet die Einstellung des Verfahrens gegen seinen Klienten. Er sei nicht in der Lage, am Verfahren teilzunehmen. Seine Krankheit sei «leider» fortgeschritten. Wüst war wie Andreas Etter einer der Gründer des Startup-Finanzierers Investnet, die von Raiffeisen übernommen wurde. Vincenz und Stocker besassen eine heimliche Beteiligung an der Firma.

Anwalt Fatih Aslantas argumentiert ebenfalls mit einer ungenügenden Aktenlage und bezieht sich primär auf fehlende Protokolle von Audiofiles aus Telefonüberwachungen. Der Vertreter der Anklage beantragt trotz des «bedauerlichen» Gesundheitszustands von Wüst die Weiterführung des Verfahrens. Das Gericht müsse prüfen, ob der Beschuldigte verhandlungsfähig sein. Der Vertreter der Privatklägerin Raiffeisen schliesst sich dieser Argumentation an.
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«Keine vollständige Akteneinsicht»
von PeterBlunschi
Andreas Blattmann, der Anwalt von Beat Stocker, schliesst sich dem Antrag auf Vertagung an. Er erklärt in seinem Eröffnungsvotum, auf Rückweisung der Anklage plädieren zu wollen. Er begründet dies damit, dass einige Vorwürfe verjährt seien. In erster Linie aber habe die Verteidigung keine vollständige Akteneinsicht erhalten. Dieses Argument war absehbar. Der Staatsanwalt kontert: Jeder Beschuldigte habe die Möglichkeit gehabt, die ihn betreffenden Akten einzusehen.
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Lorenz Erni verlangt Abbruch der Verhandlung
von PeterBlunschi
Pierin Vincenz' Verteidiger Lorenz Erni (Bild rechts) stellt einen «unpopulären» Verfahrensantrag. Er bezieht sich auf den wegen Corona-Isolation dispensierten Mitangeklagten Andreas Etter, der mitten in den Plädoyers befragt werden soll, und beantragt deshalb den sofortigen Abbruch der Verhandlung. Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel sieht dafür keinen Grund. Etter habe sich in der Befragung ausführlich geäussert, es bestehe kein Nachteil für die Verteidigung. Auch Etters Anwalt Cornel Borbély ist mit dem geplanten Ablauf einverstanden.
Der ehemalige Raiffeisenchef Pierin Vincenz, links, verlaesst mit Anwalt Lorenz Erni das Volkashaus beim Raiffeisen-Prozess des Zuercher Bezirksgerichts, am Dienstag, 25. Januar 2022, in Zuerich. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz und dessen Geschaeftskollegen Beat Stocker Betrug sowie weitere Straftatbestaende vor. Unter anderem mit Firmendeals sowie Besuchen in Rotlicht-Etablissements auf Geschaeftsspesen sollen sie einen unrechtmaessigen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken eingestrichen haben. Fuenf Mitbeschuldigte sollen gemaess Anklage in gewissen Faellen Beihilfe geleistet haben. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
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Es geht los
von PeterBlunschi
Der vorsitzende Richter Sebastian Aeppli eröffnet den Prozess gegen Pierin Vincenz, Beat Stocker und die fünf Mitangeklagten. Einer von ihnen ist schwer krank und kann nicht teilnehmen, ein weiterer hat Corona und wird erst am 9. Februar befragt. Wegen den langen Plädoyers wurden vier Zusatztage festgelegt: 8./9. März und 22./23. März.
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Vincenz ist da
von PeterBlunschi
Der ehemalige Raiffeisenchef Pierin Vincenz erscheint zum Raiffeisen-Prozess des Zuercher Bezirksgerichts vor dem Volkshaus, am Dienstag, 25. Januar 2022, in Zuerich. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz und dessen Geschaeftskollegen Beat Stocker Betrug sowie weitere Straftatbestaende vor. Unter anderem mit Firmendeals sowie Besuchen in Rotlicht-Etablissements auf Geschaeftsspesen sollen sie einen unrechtmaessigen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken eingestrichen haben. Fuenf Mitbeschuldigte sollen gemaess Anklage in gewissen Faellen Beihilfe geleistet haben. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
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Unterdessen ist Pierin Vincenz angekommen. Er sieht aus wie früher, vielleicht etwas älter. Und tritt genauso selbstbewusst auf.
Das Medieninteresse ist gross
Wir berichten live
Der Prozess gegen Pierin Vincenz, Beat Stocker und fünf weitere Angeklagte startet um 8.15 Uhr. Watson-Autor Peter Blunschi berichtet live aus dem Volkshaus in Zürich. Bald geht's los.

So lief der dritte Prozesstag

  • Aduno-Anwalt warf Beat Stocker am Donnerstagnachmittag in seinem Plädoyer vor, dass es ihm egal gewesen sei, dass er mit der Übernahme die Aduno massiv schädigen würde.
  • Der Staatsanwalt zitierte in seinem Plädoyer aus Mails und Telefongesprächen. So soll Vincenz zu Stocker gesagt haben, dass sie sich auf ein gemeinsames Wording einigen müssten – dann «können sie uns nicht knacken».

(yam/sda)

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Das war Tag 1 des Vincenz-Prozesses

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33 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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ryuk
28.01.2022 14:03registriert Juli 2016
dieses unsägliche anwaltsgeschwurbel - und schlussendlich heisst es dann: „mangels beweisen“ oder „es konnte nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden“ - ich sehs schon kommen.. bei jedem
normalverdienenden ohne hochbezahlte profischwurbler wird kurzer prozess gemacht..
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Jureitis
28.01.2022 16:11registriert Januar 2022
Für ein Schäferstündchen zahlen und über Spesen abrechnen. Ein ganz normaler Vorgang in der Bankenwelt. Anscheinend.
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Eckhart
28.01.2022 13:46registriert Januar 2022
Hört doch auf, jemand wie Erni ‚Staranwalt‘ zu nennen.
Er engagiert sich für viel Geld für Prominente, die angeklagt wurden. Für die er alle Schlupflöcher in unserem Recht sucht.
Andere können sich das nicht leisten.
Und für die würde er auch nicht arbeiten.
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