10-Millionen-Schweiz: Rechte Rapsongs machen Stimmung für SVP-Initiative
Die Schweiz schwitzt, nicht nur wegen des ungewöhnlich heissen Maiwetters. Umfragen prophezeien einen höchst knappen Ausgang, wenn es in zwei Wochen zur Abstimmung über die sogenannte «Nachhaltigkeitsinitiative» der SVP kommt, die die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz auf 10 Millionen begrenzen will.
Befürworter erkennen die Abstimmung als grosse Chance, die Infrastruktur der Schweiz zu entlasten. Gegner warnen fiebrig vor negativen wirtschaftlichen Folgen, die eine Annahme bedeutete, und sehen die Initiative als Ausdruck von Fremdenfeindlichkeit.
Unverhohlener Rassismus und Androhung von Gewalt
Wer sich in eine der vielen dubiosen Ecken von Tiktok spülen lässt, findet Belege für das Argument der Fremdenfeindlichkeit – in musikalischer Form. In mehreren Videos bewirbt dort der Baselbieter Rapper Mäderr den Song «Alarmstuefe Rot», den er kürzlich mit zwei anderen Rappern veröffentlichte. Das Cover der Single greift das Sujet der Initianten auf und zeigt einen KI-generierten Schlagbaum, dahinter eine Alpenlandschaft. In ihren Texten werden die Rapper noch deutlicher.
«Alarmstuefe rot, dr Friede wird bedroht / e 10-Millione-Schwiz chunnt für uns nid in Frog», rappt Mäderr im Refrain. In seiner Strophe ruft er die rassistische Verschwörungstheorie des «grossen Austauschs» auf («me will uns unterwandere») und droht Gewalt an: «Was ich eigentlich muess: die feindlichi Bruet / Bekämpfe mit Hand, Verstand und Fuess / ich rett mi Land oder stirb bim Vrsuech.» Von hier aus leitet der Rapper direkt über zur «Nachhaltigkeitsinitiative»: «Also überloss dismol nüt am Zuefall / Am 14. Juni hesch au du d Wahl.»
Mäderrs Mitstreiter, die Rapper Veritaz und Hambi, äussern sich ebenso explizit mit Sätzen wie «S Volk muess reagiere, sunst wird’s zspot / wenns mit dr Massemigration so grusig witergoht» oder «Sanspapiers ihr sind geisteskrank / Ihr knallet unseri Wärt jetzt komplett and Wand». Wobei diese Zeilen nicht die drastischsten des Songs sind.
So unappetitlich dieser offen zur Schau gestellte Rassismus, so bescheiden sein Publikum. Auf Spotify verzeichnet «Alarmstuefe Rot» lediglich 2000 Aufrufe, die Schnipsel auf Tiktok ergeben insgesamt Aufrufzahlen von rund 40'000.
Insgesamt knapp eine Million Aufrufe
Anders sieht es aus mit einem weiteren schweizerdeutschen Song, der sich auch direkt mit der SVP-Initiative beschäftigt und das bereits im Titel klarmacht. «10 Millione Schwiz» vom Berner Rapper King Cyrille David kommt plattformübergreifend – also vor allem durch Schnipselvideos auf Tiktok und Instagram – auf knapp eine Million Aufrufe.
Im Gegensatz zur Direktheit von «Alarmstuefe Rot» geht King Cyrille David feiner vor. Im ohrwurmigen Refrain singt er: «10-Millione-Schwiz? Ja, nei / Wemer das ide Schwiz? Ja, nei / Bruchemer die scho echlei? / Weimer die nid so, nei?»
Ob der Musiker, der auch als Waffelverkäufer arbeitet, nun für oder gegen die Initiative ist, scheint anhand des Refrains unklar. Und auch der übrige Songtext gibt zunächst keinen Aufschluss über King Cyrille Davids Ansichten.
In der ersten Strophe des Songs zählt er die Argumente der Befürworter auf: «S Land wird änger u nid länger / Gleis überfüllt, jede Pändler / Im Stress» und so weiter. In der zweiten Strophe nimmt er die Position der Gegenseite ein: «Ohni Zuzug, wär pflägt üs? / Was isch mit Corona wenn Spitäler läär si?»
Dicke Schweizerkreuze auf den Armen
Den Zweifel, wie er denn nun zur Initiative stehe, schürt King Cyrille David selbst weiter. Einerseits, indem er in Statement-Videos sagt, er als Künstler wolle lediglich «Gesprächsstoff triggern» und die Leute dazu anregen, sich mit der Initiative zu beschäftigen. Andererseits, indem er, der in Kamerun geboren und Schwarz ist, sich für die Social Media-Videos in eine Jacke hüllt, auf deren Ärmel dicke Schweizerkreuze prangen und «Bünzli-Gang» steht.
Die Inszenierung der Videos verstärkt diese scheinbare Reibung zusätzlich. Oft performt King Cyrille David seinen Song, während im Hintergrund ebenfalls nicht-weisse Jugendliche rumstehen. Mindestens so oft allerdings treten in den Videos zwei junge, weisse Männer auf, deren Jacken sie als Teil von King Cyrille Davids «Bünzli-Gang» ausweisen. Einer von beiden nennt sich auf Tiktok «Dr Eidgenoss», wo er regelmässig SVP-nahe Beiträge postet, manche unterlegt mit dem Song «10 Millione Schwiz» oder auch dem oben erwähnten «Alarmstuefe Rot».
Dass sich der Song «10 Millione Schwiz» kaum als Aufruf lesen lässt, gegen die SVP-Initiative zu stimmen, machen auch die Kommentare unter King Cyrille Davids Videos klar. «Cools Lied… darum werde ich Ja stimmen», schreibt jemand auf Tiktok. «Wertvollste biitrag vomne migrant», schreibt ein Mitglied der rechtsextremen «Jungen Tat» auf Instagram.
Während vor über zwanzig Jahren die Rapper Bligg, Greis und Stress mit dem Song «Fuck Blocher» den damaligen SVP-Bundesrat Christoph Blocher angriffen, erhält die Partei heute Schützenhilfe von Rappern – und damit Vertretern einer Kunstform, deren Entstehungsgeschichte links geprägt ist. Eine musikalische Reaktion der Gegenseite in Form eines Songs, der Stimmung für eine Ablehnung der Initiative machte, ist bislang nicht erschienen. (bzbasel.ch)
